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Superblocks: So bekommt Barcelona die Autos aus der Innenstadt

Superilles heißen sie in Barcelona: Die Superblocks sorgen dafür, dass die katalanische Hauptstadt zumindest teilweise wieder die Autos aus der Innenstadt verdrängt.

von Carsten Drees am 26. September 2019

Ja, ich weiß: Ich rede vermutlich zu oft davon, dass die Innenstädte etwas gegen die Dominanz von Autos unternehmen müssen. Ich will damit auch kein zusätzliches Öl ins Feuer gießen in Zeiten, in denen Autofahrer — vor allem SUV-Fahrer — immer öfter in den Fokus geraten. Vielmehr müssen wir uns mal wieder mehr bemühen, auf eine sachliche Ebene zurückzukehren. Auf eine Ebene, auf der nicht pauschal alle Autofahrer verteufelt werden, ebenso wenig aber auch alle Klimaschützer als Hysteriker verschrien werden.

Für lange Jahre wird das Auto gerade für die Menschen die allererste Mobilitäts-Alternative bleiben, die nicht in den großen Metropolen wohnen. In den Städten allerdings wird sich in den nächsten Jahren vieles verändern. Der Trend geht dahin, dass wir den unverhältnismäßig großen Raum, den wir dem Auto eingeräumt haben, mehr und mehr eindampfen. Profitieren werden davon Fußgänger und Radfahrer, wenn man es richtig anstellt aber natürlich auch diejenigen, die in den Innenstädten mit ihren Ladenlokalen Geld verdienen wollen.

Unser größtes Problem bei dieser Umgestaltung: Wir fangen nicht bei null mit der Städteplanung an, sondern müssen vollgestopfte Innenstädte umbauen, ohne dass zwischenzeitlich die komplette Infrastruktur in der Stadt zusammenbricht. Kann man das überhaupt bewältigen? Anscheinend ja, denn es gibt schließlich Beispiele von Städten, in denen diese Umgestaltung tatsächlich voranschreitet.

Ich hab mir als Paradebeispiel heute Barcelona herausgepickt. In der katalanischen Millionenstadt herrscht seit vielen Jahren übelste Luftverschmutzung, die Straßen sind übervoll und die vielen Touristen tun ihr übriges, um die City noch mehr zu verstopfen. Aufgrund des Platzmangels ziehen die Einwohnerzahlen nicht mehr an — dennoch gab es Jahr für Jahr mehr Autos auf den Straßen, weil im Umland die Bevölkerung wächst und damit auch die Zahl derer, die in die Stadt pendeln.

Auf jeden Einwohner in der Stadt entfallen 2,7 Quadratmeter Grünfläche; dem gegenüber steht die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation, die 9 Quadratmeter empfiehlt. Das sorgt dafür, dass die City in der Regel wenigstens drei Grad wärmer ist als die Umgebung. Es ist also zu wenig Platz, es ist zu warm, es ist zu schmutzig und zu laut — höchste Zeit also, hier gegenzusteuern.

Wie also kann man dem beikommen? In Barcelona probiert man es mit den “Superilles”, also Superblocks, wie es aus dem Spanischen übersetzt heißt. Fünf davon gibt es in Barcelona bereits, den ersten schon seit 2008. Experten hoffen, dass man das in der gesamten Stadt sogar auf 500 dieser Superblocks aufbohren kann.

Aber wie sieht so ein Superblock eigentlich aus? Im Grunde werden hier einfach verschiedene Häuserblocks zusammengefasst. Entweder vier oder sogar neun normale Blocks ergeben dann einen solchen Superblock. Innerhalb dieses Blocks dürfen Autos nicht mehr durchfahren. Autos sind hier nur noch zulässig, wenn es sich um Anwohner handelt, oder beispielsweise um Lieferverkehr. Um diese 2 x 2 oder 3 x 3 Blocks fließt der übliche Verkehr wie gewohnt weiter, innerhalb des Superblocks werden die Straßen hingegen zurückgebaut.

Der frei werdende Platz kann vielseitig genutzt werden: Zunächst einmal werden natürlich Radwege ausgebaut, zudem entstehen Grünflächen, Spiel- und Sportplätze. Auf der Grafik könnt ihr euch einen Eindruck davon machen:

Es sind in diesen neuen Blocks also massiv weniger Autos auf den Straßen, sie koexistieren quasi friedlich zusammen mit den Fußgängern und Radfahrern, wobei letztere den Vorrang gegenüber Autos haben. Es darf hier auch nur maximal mit zehn Stundenkilometern gefahren werden.

Fairerweise muss man dazu sagen, dass die Entwicklung anfangs nicht besonders wohlwollend aufgenommen wurde. Weder von den Bewohnern der Häuser in diesen Bezirken, noch von den Händlern. Es ist ein weit verbreitetes Vorurteil, dass es dem Handel schadet, wenn man die Autos verbannt. Tatsächlich ist sogar das Gegenteil der Fall: Wo deutlich mehr Fußgänger und Radfahrer das Straßenbild bestimmen, profitiert auch der Handel. Ein Grund dafür ist, dass es sich hier zumeist um Menschen handelt, die eben auch direkt aus der Gegend kommen — und somit auch wiederkommen und regelmäßig in diesen Läden einkaufen.

In Barcelona hat sich ab 2015 sehr viel getan: In diesem Jahr kam eine Allianz aus Grünen und Linken an die Macht, angeführt von der neuen Bürgermeisterin Ada Colau. Seitdem wurden über 250 Kilometer neue Radwege geschaffen, bestehende Radwege ausgebaut. Die Stadt wird in den Superblocks leiser, sie wird insgesamt sauberer und auch die Leute haben diese neuen verkehrsberuhigten Zonen längst angenommen. Nicht nur dass: Für manche scheint es ein regelrechtes Wunder zu sein, dass man auf die Straßen gehen kann, viel öfter Menschen begegnet, mit denen man sich austauscht, dass man spielende Kinder sieht und einfach wieder ohne Lärmbelästigung entspannt draußen sitzen kann.

Klingt für mich nach einer schönen Vision, die nach und nach in Barcelona Wirklichkeit wird. Und ja: Ich glaube, wenn man das in dieser so lauten und schmutzigen Stadt hinbekommen kann, dann klappt das auch überall in Europa. Damit es nicht zu optimistisch klingt, hier zum Schluss noch ein kleiner Dämpfer: Damit all das hinhaut, müssen nicht nur alle an einem Strang ziehen, es muss auch die entsprechende Infrastruktur geschaffen werden. Wenn man auf sein Auto verzichten soll, dann muss man diesen Menschen auch die Möglichkeit geben, sich adäquat in der Stadt fortbewegen zu können. An diesem Punkt sehe ich in Deutschland noch einigen Bedarf, vorsichtig ausgedrückt. Dennoch: Die Idee ist großartig, alle gewinnen gleichermaßen und die Städte werden wieder lebenswerter. Lasst mich wissen, was ihr von diesen “Superilles” haltet und ob ihr euch dieses Modell für Deutschland vorstellen könnt.

Quelle: Enorm

Artikelbild: Shai Pal / Unsplashed