Taiwan: Stell Dir vor, ein Land hat das Coronavirus im Griff – und keinen interessiert’s

Taiwan hat das vom Coronavirus geplagte China direkt vor der Nase. Dennoch hat man die Lage komplett im Griff. Leider interessiert das weder die WHO noch sonstwen in der Welt. 

von Carsten Drees am 5. März 2020

Wir befinden uns im Jahre 2020 n.Chr. Der ganze Planet ist in Covid-19-Panik… Der ganze Planet? Nein! Eine von unbeugsamen Taiwanern bevölkerte Insel hört nicht auf, dem Virus Widerstand zu leisten.

Wäre das Thema “Coronavirus” ein lustiges oder nur eine im Comic erzählte Geschichte, dann könnte sie so anfangen wie in der Einleitung dieses Beitrags. Covid-19 ist aber nicht lustig. Es gibt über 95.000 Infizierte nach neuesten Informationen der Weltgesundheitsorganisation, davon über 80.000 allein in China. 79 Nationen sind bereits betroffen und 3.280 Menschen haben die Krankheit nicht überlebt.

Die Diskussion, dass die “normale” Grippe mehr Todesopfer fordert, und wieso das in diesem Zusammenhang so gar keine Rolle spielt, brauchen wir an dieser Stelle hoffentlich nicht wieder führen. Der halbe Planet ist jedenfalls im Krisenmodus: Messen, Konferenzen, politische Spitzentreffen, Sportveranstaltungen und selbst Filmpremieren werden mittlerweile abgesagt oder verschoben, viele Experten-Treffen finden nur noch online statt.

Auch hier in Deutschland, weit weit weg von China, von wo aus sich das Virus auf den Weg machte, haben wir mittlerweile 262 Fälle zu verzeichnen. Glücklicherweise gibt es hierzulande noch keinen Todesfall — anders als in Italien, wo bereits mehr als 100 Menschen durch das Coronavirus ihr Leben verloren.

Und wie ist die Lage in Taiwan? Immerhin war Taiwan eines der ersten Länder, in dem außerhalb Chinas Infizierte zu beklagen waren und die Insel ist an der engsten Stelle lediglich 130 Kilometer vom Festland China entfernt. Unter den 23 Millionen Einwohnern der Insel finden sich aber aktuell lediglich 42 Infizierte und während nebenan in China über 3.000 Todesopfer zu beklagen sind, gab es auf Taiwan lediglich einen einzigen. Besser noch: Seit zwei Tagen gibt es keine neuen Infizierten auf Taiwan.

Liegt es daran, dass Taiwan nur per Flugzeug oder Schiff erreichbar ist und nicht auf dem Landweg? Anscheinend nicht — auch die vielen Toten und Infizierten in Italien leiden darunter, dass das Virus per Flugzeug eingeschleppt wurde, nicht auf dem Landweg. Irgendwas muss man also in Taiwan anders machen als die vielen anderen Länder, die vom Coronavirus betroffen sind.

Aus SARS gelernt

Der Grund dafür, dass Taiwan die Lage im Griff hat, liegt schon viele Jahre zurück. Als sich das SARS-Virus im Jahr 2003 verbreitete, musste es Taiwan ausbaden, dass man so nah an China liegt, obwohl die Verflechtungen zwischen beiden Ländern damals deutlich weniger ausgeprägt waren.. Damals wurde die Insel schwer getroffen und anschließend entschied die Regierung, dass man nie wieder so unvorbereitet von einem solchen Vorfall erwischt werden möchte.

Der damalige Vizepräsident Chen Chien-jen — seines Zeichens Arzt und zudem Experte für Infektionskrankheiten — baute damals das “Nationale Gesundheits-Kommando-Zentrum” (NHCC) auf. Das NHCC war das Dach, unter dem die Fäden für verschiedene Organisationen zusammenliefen. Dazu gehörte das seinerzeit ebenfalls neugegründete “Zentrale Kommandozentrum für Epidemien” (CECC),  zudem das “Kommandozentrum für biologische Pathogene”, das “Kommandozentrum für Bioterrorismus” und schließlich das “Zentrale medizinische Notfall-Operationszentrum”.

Man hatte also eine Koordinationsstelle geschaffen, die klar strukturiert alle notwendigen Institutionen beaufsichtigte und so in der Lage sein sollte, eine neuerliche Virus-Katastrophe zu verhindern.

Der Ernstfall tritt ein

Am 31. Dezember 2019 — hoffentlich nur zufällig der Tag, an dem ich Taiwan Richtung Deutschland verließ — wurde die Weltgesundheitsorganisation über eine Welle von Lungenentzündungen unbekannter Ursache im chinesischen Wuhan informiert. Bereits an diesem Tag handelte Taiwan: Man hatte die Direktflüge aus der Region Wuhan auf dem Schirm und schickte nach der Landung bereits Beamte in die Flieger, um die Passagiere zu checken auf etwaige Symptome einer Lungenentzündung oder Fieber. Somit fand die erste Untersuchung statt, bevor diese Menschen überhaupt taiwanischen Boden betreten konnten.

Wenige Tage später, am 5. Januar 2020, begann man in Taiwan damit, nach Leuten zu suchen, die innerhalb der letzten zwei Wochen aus Wuhan eingereist waren und bei denen festgestellt wurde, dass sie zum Einreisezeitpunkt Fieber oder Symptome einer Infektion der oberen Atemwege hatten.

Es gab natürlich noch keinen Test für das neue Virus, aber Verdachtsfälle wurden dennoch bereits untersucht und zwar auf SARS sowie auf 25 andere Viren. Wurden Symptome festgestellt, kam die jeweilige Person direkt in häusliche Quarantäne und es wurde festgestellt, ob eine Erkrankung so ausgeprägt war, dass der Patient in ein Hospital eingeliefert werden musste.

In den nächsten Tagen wurden die Maßnahmen stufenweise ausgeweitet: Auch die Personen, die aufgrund jüngerer Reisen Risikopotenzial baren, wurden unter häusliche Quarantäne gestellt und wurden zudem über ihre Smartphones elektronisch überwacht. Wenig später etablierte die Regierung ein System, welches per SMS Reisenden die Möglichkeit gab, ihren Gesundheitszustand und ihre Reise-Historie zu dokumentieren.

Bereits jetzt gab es Atemmasken nur noch in Apotheken und durften nur noch rationiert verkauft werden. Zudem ließ man veranlassen, dass die heimische Produktion dieser Masken, aber auch Schutzmasken und hochprozentigem Alkohol zur Desinfektion erhöht wurde. Es gab noch weitere Maßnahmen und Vorkehrungen und all das führte zu den bereits erwähnten lediglich 42 Infizierten.

Der zu beklagende Todesfall ist natürlich zweifellos schrecklich, aber angesichts der Situation und der Nähe zu China dennoch ein sehr gutes Zeichen. Das zuständige Ministerium ließ auch verkünden, dass sich bislang kein einziger Art angesteckt habe. Wichtiger Teil der taiwanischen Strategie: Es wird offen und ehrlich kommuniziert gegenüber der Bevölkerung. So weist der Gesundheitsminister Chen Shih-chung darauf hin, dass trotz aller bisherigen Erfolge eine Übertragung innerhalb der Bevölkerung mittelfristig wohl nicht zu vermeiden wäre, ein großer Ausbruch der Krankheit hingegen schon.

Obwohl jährlich drei Millionen Chinesen als Touristen die Insel betreten und etwa eine Million Taiwaner auf dem Festland lebt und regelmäßig zwischen China und Taiwan pendelt, gibt es in dem Inselstaat keine Pandemie, keine Panik inklusive Hamsterkäufe und seit zwei Tagen keine neuen Infizierten.

Taiwan meistert die Krise – und niemanden interessiert es

Gehen wir jetzt wieder zurück zum Anfang des Artikels und der Illusion, dass wir es hier nicht mit einem Ernstfall zu tun hätten, sondern einer Fiktion. In dem Fall könnte jetzt das Happyend kommen: Taiwan kommuniziert, wie man mit der Situation umgeht und wie man die Ausbreitung des Coronavirus eindämmt, die Weltgemeinschaft bedankt sich höflich, setzt die Vorschläge um, schon bald ist die Epidemie Geschichte und alle leben glücklich bis an ihr Lebensende — oder so ähnlich.

So ist es aber leider nicht! Wie ihr vermutlich wisst, ist Taiwan eine isolierte Nation im Schatten Chinas. Der offizielle Name Taiwans ist “Republik China” und ja, Taiwan ist eine vorbildhafte Demokratie, ganz anders als der große Bruder. Dieser sieht sich übrigens auch nicht als Bruder, sondern beansprucht Taiwan als eigene Provinz, die Teil der Volksrepublik China ist.

Diese Geschichte macht mich schon sehr lange wütend, weil die versammelte Weltgemeinschaft China so weit in den Hintern gekrochen ist, dass man mittlerweile nicht mehr weiß, wo der eine Hintern aufhört und der andere anfängt. Das so mächtige China hält die Zügel weltweit in der Hand und dank der Ein-China-Politik erkennen nur die allerwenigsten Länder auf diesem Planeten Taiwan offiziell als souveränen Staat an.

Das geht so weit, dass sich selbst große Organisationen wie die UNO oder eben auch die Weltgesundheitsorganisation WHO querstellen. Taiwan möchte also helfen, die WHO ignoriert aber bislang gekonnt all das, was die taiwanischen Organisationen zur Eindämmung des Virus beitragen könnten. Einzige Ausnahme: Im Februar war die WHO so gnädig und erlaubte es, dass taiwanische Mediziner bei einem Fachforum zum Umgang mit Covid-19 online zugeschaltet werden durften.

Weiter bedeutet diese Isolation übrigens, dass Taiwan weder von den United Nations noch von der WHO offizielle Informationen zur Lage erhält. Die gehen stattdessen an die Volksrepublik China und finden den Weg auf die Insel augenscheinlich nicht.

Was können wir also als Fazit ziehen? Die Lage auf der Insel wird sich vermutlich auch noch ein wenig verschärfen, trotz all der greifenden Maßnahmen. Die Bevölkerung geht äußerst zivilisiert mit der Situation um und akzeptiert alle Maßnahmen der Regierung ohne Murren. Schutzmasken werden in Taiwan eh von sehr vielen Menschen getragen, aktuell geht kaum noch jemand ohne aus dem Haus. Dazu ist Taiwan ein unglaublich sauberes Land. Ich glaube, ich habe noch nie eine so saubere Großstadt wie Taipeh gesehen, was die vielen Bahnhöfe ausdrücklich mit einschließt. Jede Station verfügt über blitzsaubere Toiletten, an denen man sich logischerweise auch seine Hände desinfizieren kann.

Die Lage im Rest der Welt ist hingegen eine andere. Ich unterstelle unserem Gesundheitsminister Spahn, dass er die Krise tatsächlich im Rahmen seiner Möglichkeit zufriedenstellend managt und glaube auch, dass alle anderen Nationen ihr derzeit möglichstes tun. Aber — und hier sollte man eben auf Taiwan schauen — es greift im Gegensatz zu Taiwan eben nicht jedes Rad ins andere. Das Vorgehen ist nicht koordiniert, nicht einmal in Europa gibt es eine einheitliche Vorgehensweise.

Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass Taiwan irgendwann in der Weltgemeinschaft als souveräne Nation anerkannt wird, wenngleich ich keinen Schimmer habe, wie das passieren soll angesichts des übermächtigen Nachbarn, vor dem die ganze Welt kuscht. Gerade Krisenzeiten bieten sich an, um mal über den Tellerrand zu schauen, Gräben zuzuschütten und gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Drücken wir uns mal alle gegenseitig die Daumen, dass das auch die Regierenden der vom Coronavirus gebeutelten Nationen irgendwann in nächster Zeit erkennen.

Quelle: JAMA via Tagesspiegel