Tatort-Kritik: „HAL“ – irgendwas mit künstlicher Intelligenz und Kubrick

Ein ungewöhnlicher Tatort lief da gestern im Ersten. Die Stuttgarter Ermittler hatten es nicht nur mit einem Mord zu tun, sondern auch mit einer selbst lernenden künstlichen Intelligenz, die schließlich außer Kontrolle geriet. Ich wette, Thomas de Maizière ist beim Zuschauen ebenfalls außer Kontrolle geraten - eine Kritik. 

Es gibt Dinge, die müssen für meinen Geschmack einfach passieren an so einem normalen Sonntag. (Nein, ich mein nicht die morgendlichen Kopfschmerzen, oder die Frage danach, wie die Samstagnacht eigentlich zu Ende gegangen ist bzw. wie man nach Hause gekommen ist). Dazu gehört, dass um 20.15 Uhr ein Tatort anfängt – und dass sich spätestens um 20.17 Uhr das Internet das Maul zerreißt, wie schlecht er schon wieder ist.

Ich weiß gar nicht, seit wie vielen Jahren ich wirklich sonntags diese typisch deutsche Krimi-Kost einschalte, Max Ballauf hatte jedenfalls deutlich weniger graues Haar und ja, auch zu Schimanski-Zeiten hab ich – damals noch im Kreise der Familie – vor der Kiste gesessen. Es war genau wie beim „Wetten, dass…!“-Glotzen: Alle Kritiker, mit denen man sich austauschte, waren die Menschen, mit denen man zusammen vor dem Fernseher saß. Dieser Kreis der Kritiker wurde dann am Montagmorgen um die Mitschüler und später Arbeitskollegen erweitert.

Spätestens seit Twitter jedoch unterhalten wir uns auch in Echtzeit auf dem „Second Screen“ mit der ganzen Welt über das, was da gerade über die Mattscheibe flimmert und das ist oft eine ziemlich ambivalente Angelegenheit für mich. Zum einen hat man es immer wieder mit wirklich sehr komischen Sprüchen zu tun, die teilweise mehr Unterhaltungswert haben wie das, was da tatsächlich im Tatort (oder in welcher Sendung auch immer) passiert, teils wird ein Film aber auch zerrissen, bevor er nur eine Chance hatte, sich zu entwickeln.

So ist es für mich auch zu einer Tradition geworden, dass ich um 21.45 Uhr da sitze und viele Reaktionen anderer Zuschauer nicht verstehen kann. Wieso fand ich den jetzt total super und so viele andere nicht? Oder umgekehrt? Geschmäcker sind halt unterschiedlich, denke ich mir dann meist und ja – gestern war es auch wieder soweit.

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HAL

Gestern lief nämlich unter dem Titel „HAL“ eine Folge der Stuttgarter Kommissare Thorsten Lannert und Sebastian Bootz. Die Anfangs-Sequenz zeigte nicht nur den obligatorischen Mord als Einstieg in den Tatort, sondern schien die Weichen zu stellen in Richtung „Snuff“ – also Filme, in denen ein realer Mord zu sehen ist und bei dem das Opfer lediglich aus diesem Grund getötet wird.

Sehr schnell stellte sich aber heraus, dass dieser Tatort, der übrigens in der nahen Zukunft spielen soll, sich zu einem Cyber-Bullshit-Bingo der allerersten Güte entwickeln sollte. Ach so: Die Kollegen von Netzpolitik.org haben tatsächlich passend zum Film ein Cyber-Bingo erstellt – wer sich die Folge noch anschauen mag, sollte den Bingo-Zettel unbedingt im Auge behalten.

Wer gerne Science-Fiction sieht und das schon ein bisschen länger tut, bei dem hat es sicher schon beim Namen „HAL“ zum ersten Mal geklingelt. Natürlich bedient sich Regisseur und Autor Niki Stein hier bei Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“, wo der fiktive Computer auf den Namen HAL 9000 getauft wurde. Damit sind die Weichen schon früh gestellt, später sollten noch zahlreiche Anspielungen auf dieses Science-Fiction-Meisterwerk folgen.

Ich glaube, schon da hab ich das Interesse verloren. Eigentlich mag ich solche Anleihen oder Referenzen, wenn sie so charmant daherkommen wie beispielsweise unlängst bei Stranger Things. Hier war mir das aber zu platt, zu gewollt, zu sehr mit dem Holzhammer: „Seht her, wir machen einen Science-Fiction-Tatort und damit ihr das versteht, packen wir ihn randvoll mit Science-Fiction-Anspielungen“. Vermutlich wollte man auch Film-Fans der „Minority Report“ und „Terminator“-Fraktion damit abholen – bei mir hat es nun eben nicht so sensationell gut funktioniert.

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Der Plot

Es gilt also, den Mörder der eingangs vor laufender Kamera ermordeten Elena Stemmle zu finden. Die war Schauspielschülerin und hat sich durch Nebenjobs Kohle dazu verdient – bei einem Online-Escortservice und als Probandin des Computerprogramms „Bluesky“. Dabei handelt es sich um ein Social-Analysis-Programm, welches imstande ist, selbst zu lernen und sich zu verbessern. David Bogmann ist für dieses Programm, welches eigentlich Gewalttaten vorhersagen soll, zuständig und gerät auch sehr schnell in den Fokus der Ermittler – schließlich verweist das Mord-Video im Netz auf Bogmanns IP-Adresse.

Sein Programm ist in der Lage, einen Menschen zu scannen und zu analysieren. Es erkennt sowohl Gesten und Gesichtsausdrücke, als auch seine Neigungen und sein Sozialverhalten. Das System will anhand dieser Daten erkennen, ob eine Person Gewaltpotenzial besitzt oder nicht, eingesetzt werden soll das Programm zum Beispiel an Flughäfen.

Dafür, dass dieser Tatort in der Zukunft spielen soll, sind die Ermittler herrlich unbedarft und nahezu schockiert, dass eine künstliche Intelligenz auf Fragen antwortet. Wer so geschockt ist von KI, der hat im Leben auch vorher noch nie auf einem iPhone mit Siri Kontakt aufgenommen, wenn ihr mich fragt. Mithilfe künstlicher Intelligenz sollen auch bei dem bereits erwähnten Escortservice online die perfekten Partnerinnen für die Kunden ermittelt werden – ich hoffe, der Dialog der KI mit dem Stuttgarter Ermittler war auch so komödiantisch gemeint, wie er bei mir ankam.

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Der Affe als Kubrick-Anspielung und im Film als lustige Idee der Programmierer – einfallsreichere Entwickler hätten sich für Thomas de Maizière entschieden.

David Bogmann (wieder eine Kubrick-Anleihe: Dave Bowman hieß der Haupt-Charakter bei 2001) scheint sein System aber über den Kopf zu wachsen und hier setzt meine eigentliche Kritik an. Künstliche Intelligenz ist auch bei uns auf dem Blog immer wieder ein Thema und ist nun mal ein Themenkomplex, mit dem wir alle uns immer mehr auseinandersetzen müssen. Systeme werden immer intelligenter und die Frage danach, wohin die Reise geht, beschäftigt uns jedes Jahr mehr. Für mein Empfinden wird in dem Tatort nicht klar genug herausgestellt, dass er in der Zukunft spielt und somit sitzt so mancher Zuschauer, der neulich noch bei Thomas de Maizières Ausführungen zum Darknet ängstlich zusammenzuckte, jetzt in seinem Sessel und verliert auch noch das letzte bisschen Lust, sich auf das Internet und auf die Möglichkeiten der Technik einzulassen.

Vielleicht bin ich da jetzt auch selbst ein bisschen zu konservativ, aber so ein Science-Fiction-Tatort funktioniert für mich einfach nicht. Ich mag durchaus Experimente und ungewöhnlich erzählte Geschichten im Rahmen dieser Reihe und ich mag die Vielschichtigkeit dieses Formats. Aber ich mag dort keine Zukunfts-Szenarios, so wie ich eben auch keine Schlossgespenster, Zombies oder Außerirdische im Tatort mag.

Diese Diskrepanz zwischen der Darstellung der künstlichen Intelligenz in einer nahen Zukunft und dieser schon fast niedlichen Unbedarftheit der Kommissare, was Technologie an sich angeht, außerdem dann diese immer wiederkehrenden Kubrick-Anspielungen von der KI mit Affengesicht bis zum vom Computer gepfiffenen Hänschen Klein – das hat mir schon arg zugesetzt. Dazu kommt dann dieses Bullshit-Bingo, bei dem von Darknet bis Big Data wirklich jedes Buzzwort zu einer einzigen Tech-Pampe verrührt wurde und nicht zuletzt ein Computer, der nicht nur in der Lage ist, sich selbst zu verbessern, sondern einen eigenen Willen entwickelt und Beweise fälscht.

Ich habe mir so manche Kritik zu diesem Tatort durchgelesen und allein die Kubrick-Anspielungen reichen vermutlich schon aus, um als TV-Kritiker applaudierend und vor Begeisterung mit der Zunge schnalzend vorm Fernseher zu sitzen. Thomas de Maizière wird diesem Tatort wohl ziemlich beunruhigt gefolgt sein und sich vermutlich für heute schon eine neue Pressekonferenz zum Thema künstliche Intelligenz, Darknet und Big Data überlegen, während sicher nicht wenige Zuschauer angesichts dieser Szenarios noch mehr Angst vor Technik und der Zukunft bekommt.

Irgendwie bilde ich mir ein, dass wir in Deutschland sowieso schon meilenweit hinter anderen Nationen her hinken. Das lebt uns unsere Politik vor, die lieber Stoppschilder im Internet anbringen möchte, statt die Ursachen zu beseitigen und sich auch lieber mit Killerspielen beschäftigt als mit der Psyche und dem Umfeld eines Täters. Nirgends sonst erlebe ich so eine Angst vor Neuem und vor Technologie wie hier in unseren Gefilden, ein solcher Tatort bekräftigt all die Zweifler nun noch weiter in ihren Bedenken.

Sendung ab 12 Jahren

In diesem „modernen“ Deutschland ist es dann auch fast schon wieder von einer herzerwärmenden Ironie, dass ihr euch den Tatort, über den ich hier rede, in der Mediathek nicht sofort anschauen könnt, sondern erst ab 20 Uhr abends – die guten, alten Öffnungszeiten, jetzt auch im Internet. Ich will euch diesen Tatort aber gar nicht um jeden Preis ausreden. Ich fand ihn aus den aufgezählten Gründen mies, dennoch würde ich gern eure Meinungen dazu hören. Wer noch nicht reingeschaut hat: Bis zum 27. September könnt ihr HAL (zumindest abends) in der ARD-Mediathek noch ansehen.

Fotos: SWR