Tatort TV-Kritik: Mord Ex Machina – Datendiebe, Hacker, autonome Karren

Der saarländische Tatort "Mord Ex Machina" entführte den Kommissar gestern in eine neue Welt: Autonome Fahrzeuge und Daten-Diebe/-Verkäufer spielten dabei eine wichtige Rolle - unsere TV-Kritik.

Ja, ja – das Saarland. Es ist klein, wird gerne als Größeneinheit verwendet (“…entspricht in etwa der Größe des Saarlandes”) und ist auch bekannt für seine Tatort-Folgen, die immer so ein Flair einer meiner Meinung nach sehr charmanten Beschaulichkeit haben. Der gestern am 01. Januar als erster Tatort des neuen Jahres ausgestrahlte Film “Mord Ex Machina” brach jedenfalls mit dieser Beschaulichkeit.

Nicht nur, dass ein Toter von jeher schon wenig Beschauliches an sich hat. Dieses mal ging es zudem um ein hochmodernes Start-Up, welches mit Daten handelt, es ging um autonom fahrende Erlkönige und es ging um eine schöne Hackerin, die nicht nur dem Kriminalhauptkommissar Jens Stellbrink das Leben schwer machte.

Als ich vorab gelesen habe, worum es im gestrigen Tatort gehen sollte, musste ich unweigerlich erst einmal zusammenzucken: Im frisch abgelaufenen Jahr 2017 haben wir mit “Hal” einen Tatort gesehen, in dem der legendären Krimi-Reihe so ein bisschen Cyber-Flair eingehaucht werden sollte. Bei Hal versuchte man das mithilfe des Themas “Künstliche Intelligenz”, einem absurden Plot, massig Kubrick-Anspielungen und einer haarsträubenden Buzzwort-Dichte. In unserer TV-Kritik zu diesem 90-Minuten-Irrsinn erfahrt ihr, wieso dieser absurde Mix kolossal gescheitert ist.

Tatort-Kritik: „HAL“ – irgendwas mit künstlicher Intelligenz und Kubrick

Dann gab es bereits 2016 noch die Bremer Ermittler, die es beim Tatort “Echolot” mit einem tödlichen Autounfall, einem Start-Up und künstlicher Intelligenz zu tun haben – also quasi dem selben Szenario, welches der Saarländische Rundfunk für uns gestern bereithielt.

Aber egal: Weder eine bereits 2016 so ähnlich aufgebaute Folge der Tatort-Reihe noch diese unterschwellige Furcht vor einem neuerlichen Neuland-esken Komplettausfall wie “Hal” konnten mich abschrecken und so hab ich mir den gestrigen Krimi reingezogen. Vermutlich werde ich in der Folge lustig vor mich hin-spoilern, so dass ihr euch jetzt überlegen solltet, ob ihr lieber weiterlest, oder lieber erst Mord Ex Machina anschaut.

Tatort Mord Ex Machina – TV-Kritik (Spoiler!)

Eins vorweg: Ich mag den Tatort aus dem Saarland generell und schätze auch den Charakter des Kommissars Stellbrink. Devid Striesow spielt den Ermittler angenehm unaufgeregt und daher finde ich es schade, dass aus dem Saarland nur noch eine weitere Folge mit Stellbrink gezeigt wird.

In diesem Fall hadere ich aber ein wenig damit, wie seine Rolle angelegt ist und auch die der meisten anderen Polizisten. Es gehört für deutsche Krimis scheinbar zum guten Ton, die Kommissare bei Themen wie AI, Daten-Diebstahl, etc mit einer gewissen “Ach, das ist also das Internetz, von dem jetzt alle reden”-Attitüde auszustatten. Menschen, die so wirken, als sei es lediglich dem Zufall geschuldet, dass sie morgens ihren Rechner eingeschaltet bekommen.

Der sonst recht pfiffige Stellbrink wirkt in diesem Tatort also auch so und die Tatsache, dass er sich bei einem Dating-Portal anmeldet, umweht auch im Jahre 2018 zumindest noch in diesem Film der Hauch des etwas Verruchten. Der Tote, um den es geht, heißt Sebastian Feuerbach, ist Justiziar eines aufstrebenden Start-Ups namens Conpact und gestorben ist er augenscheinlich, nachdem ein autonom fahrender Erlkönig sich — und damit auch Feuerbach — vom Parkdeck der Firma direkt in den Tod stürzt.

Der Kommissar hat schnell das Gefühl, es hier nicht mit einem Unfall oder Selbstmord zu tun zu haben und wird logischerweise direkt bei Conpact vorstellig, um sich mit Feuerbachs Partner Victor Rousseau, Chef der Start-Up-Klitsche, zu unterhalten. Als subtilen Gag hat man hier die Namen der Philosophen Jean-Jacques Rousseau und Ludwig Feuerbach verwendet, und genau wie diese beiden Köpfe haben auch “unsere” Rousseau und Feuerbach komplett unterschiedliche Ansichten (keine Angst, ich bin nicht so belesen — den Hinweis auf die Namen habe ich bei der Süddeutschen gelesen).

Conpact verdient seine Kohle mit dem Horten, Sortieren und Verschachern von Daten — Daten, die man u.a. autonom fahrenden Autos verdankt. Feuerbach hat große Hemmungen, so massiv Daten zu sammeln und zu verhökern, Rousseau ist da vorsichtig gesagt entspannter und sieht eher das ganz große Geld auf sich zurauschen. Da Feuerbach tot aus besagtem autonomen Fahrzeug geborgen wird, hat Rousseau natürlich 1A Chancen, ganz oben auf der Liste der Verdächtigen zu landen (Ach komm, ich sag jetzt einfach mal nicht, ob er es schlussendlich war oder nicht ^^).

Ein autonom fahrendes Fahrzeug, ein Unternehmen, welches mit diesen Daten solcher Fahrzeuge Geld verdienen will — da liegt es natürlich nahe, dass man sich als Kommissar mal diese Daten präsentieren lassen möchte. Aber, ganz ärgerlicher Zufall (oder doch kein Zufall?): Just gestern Nacht wurde das Unternehmen gehackt und alle Daten sind futsch.

Genau so platt und vorhersehbar, wie sich die Story bis hier präsentiert und entwickelt, genau so angenehm überrascht mich der Krimi dann aber durch die Hackerin, die hinter dem Datenverlust steckt. Zu erwarten war nämlich der klassische Hacker-Arche-Typ: Der verwaschene Kapuzen-Pulli ist schon fast an den bleichen Körper angewachsen und der Wohnsitz entpuppt sich normalerweise als Keller-Bude, in der es kein Tageslicht gibt und deren einzige Deko aus Geek-Spielzeug und hoch aufgestapelten leeren Pizza-Kartons besteht. Hier war es zum Glück nicht der Fall: Julia Koschitz verkörpert Hackerin Natascha als sehr attraktive und verführerische Vertreterin der Hacker-Zunft, die nebenbei auch noch fast unseren Kommissar um den Finger wickelt.

Hackerin Natascha, gespielt von Julia Koschitz

Zwischen den beiden knistert es nicht nur, sie lassen sich auch beide auf eine Art Spiel ein: Der Ermittler versucht mit seinen Mitteln so viel wie möglich über Nataschas Leben in Erfahrung zu bringen, während sie das selbe mit ihren Mitteln versucht, also mittels Computer versucht, an entsprechende Daten zu gelangen.

Ohne jetzt minutiös den kompletten Tatort aufbröseln zu wollen, kann ich euch verraten, dass diese Tatort-Folge für meinen Geschmack sehr solide geraten ist. Man erahnt leider viel zu früh, wer den Justiziar des Start-Ups auf dem Gewissen hat und wir haben es hier auch nicht mit dem tiefsinnigsten oder komplexesten Krimi zu tun, aber es ist ordentliche Unterhaltung und gerade in letzter Zeit hat es deutlich schlechtere Folgen der Reihe gegeben.

Zudem wurde der Tatort schön in Szene gesetzt. Ich mag diese gelegentlichen Landschaftsaufnahmen, die mich gerade beim Saarland-Tatort manchmal auch ans Ruhrgebiet erinnern: Auch hier bestimmten Stahl und Kohle lange Zeit das Geschehen und auch hier kämpft man sich durch den Strukturwandel, versucht ganz neue Industrien anzusiedeln. Das wurde im Tatort schön eingefangen, ohne dass die Story durch zu viel Lokalkolorit erdrückt wurde.

Trotzdem müssen wir uns noch über den Geek-Anteil der Folge unterhalten:

Der Tatort aus Geek-Sicht

Der Erlkönig spielt eingangs natürlich die Hauptrolle. Feuerbach setzt sich in das Auto und bekommt von der künstlichen Intelligenz im Fahrzeug angesagt, dass er Alkohol im Blut hat und der Herzschlag erhöht ist. Deshalb schlägt das System pilotiertes Fahren vor — wenig später wissen wir, dass er auf diesen Rat ruhig mal hätte hören können.

Damit geht es eigentlich gut los und auch die Verstrickung dieser technischen Errungenschaft auf der einen Seite und einem Daten-sammelnden und -verkaufenden Unternehmen auf der anderen Seite bietet jede Menge Möglichkeiten. Aber weder geht man auf die Fragen ein, die sich angesichts der Technologie an sich ergeben, noch beschäftigt man sich mit dem sensiblen Thema der anfallenden Daten, deren Verschlüsselung etc.

Stattdessen verliert man sich wieder ein bisschen zu sehr in Klischees: Das Start-Up ist denkbar hip, der Kommissar bekommt natürlich einen fanzy Smoothie angeboten und das ganze Interieur des Ladens schreit förmlich: “Diese Internet-Blase wird sowieso irgendwann platzen”. Auch den Dialogen merkt man das leider an, dass sich an bewährte Muster gehalten wurde: Wieder einmal wurden die “Einsen und Nullen” zitiert und fast wie ein Mantra wurde immer und immer wieder wiederholt, dass in der digitalen Welt nichts verloren geht.

Das ist alles in allem wieder mehr Panikmache als realistische Bewertung und das eint diese ganzen “Cyber”-Ausflüge des Tatort in den verschiedenen hier im Beitrag erwähnten Folgen: Das Internet, Big Data, künstliche Intelligenz — egal, welchem modernen Thema man sich zuwendet, es wird immer als dystopisches Szenario angerichtet.

Internet-Start-Ups und die neuen Technologien: Es sind laut der Vorstellung öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten immer so kleine Möchtegern-Googles, in denen mehr Schein als Sein zählt, die Technik nie restlos beherrschbar ist und man sich scheinbar nach der guten, alten Zeit zurücksehnt, in der es weder Internet noch selbstfahrende Autos gab.

Das ist das Schöne an der digitalen Welt, da geht nichts verloren.

Die technischen Möglichkeiten des Fahrzeugs an sich sind auch überzeichnet, aber das finde ich legitim im Rahmen der künstlerischen Freiheit. Immerhin handelt es sich hier um einen fiktiven Prototypen, also sollen sie ihn von mir aus auch ermitteln lassen können, was der Fahrer im Blut hat.

Deutlich unrealistischer finde ich hingegen allerdings, dass ausgerechnet unsere nicht sonderlich progressive Regierung den ersten Kunden dieser Fahrzeuge darstellen soll: Conpact hat die Regierung als fetten Fisch an der Angel, denn diese wünscht sich genau diesen Wagen und will für seine Dienstfahrzeuge eine reine autonome Flotte aufbauen.

Wir leben in Zeiten, in denen das pilotierte Fahren im normalen Straßenverkehr noch vor uns liegt und realistischerweise brauchen wir nicht darauf warten, dass ausgerechnet die Regierung Deutschlands hier vorprescht und sich solche Kisten als erstes anschafft.

Was unseren Kommissar angeht: Ich erwähnte weiter oben schon, dass er sich in Sachen Computer/Internet nicht sonderlich clever anstellt. Zum Glück hat er ja noch seine Kollegin, die da eher im Thema ist und ihm auch erklären kann, wie wichtig der Besitz relevanter Daten ist. Zitiert wird da die Ocean-Methode bzw. die “Big Five” und auch konkret das Beispiel Brexit bzw. Donald Trump. Mithilfe der richtigen Verknüpfung von Daten, die in beiden Fällen von den Wählern vorlagen, wurde der Brexit möglich und Trump zum Präsidenten, erklärt die gute Frau ihrem sichtlich verdutzten Kommissar.

Wir haben uns mit dem Thema seinerzeit auch beschäftigt und euch auch erklärt, dass dahinter jede Menge heiße Luft steckt. Hauptkommissar Stellbrink ist diese ganze Internet-Daten-Tech-Nummer dann letzten Endes jedenfalls doch zuviel: Nicht nur, das er am Ende des Films sein Profil bei der Dating-Seite wieder löscht. Er kramt auch seinen alten Stadtplan aus Papier wieder aus der Schublade, ebenso ein Uralt-Handy ohne Internet. Sein Smartphone hingegen entsorgt er vom Balkon. All das macht er mit einem gewinnenden Lächeln. Es soll uns wohl vermitteln, dass er es jetzt gecheckt hat: Wir müssen wieder zurückreisen in der Zeit und uns diesem ganzen Technik-Schnickschnack entziehen.

Uns in unserer Tech-Blase wird sowas natürlich nicht einschüchtern. Die Zuschauer, die sich heute aber vielleicht in der Tat bereits schwer tun mit aktuellen Technologien, die werden nach diesem Tatort sicher noch beunruhigter sein und sich den Dingen noch mehr verschließen. Klar, es ist nicht der Anspruch der Produktion, Menschen realistisch über Risiko und Chancen von Technologien aufzuklären — aber es muss ja auch nicht immer die ganz fette Dystopie-Keule sein.

Vielleicht sollten sich die Tatort-Regisseure — egal, für welche Region — mal auf Netflix die vier Staffeln von “Black Mirror” reinziehen. Ja, dort haben wir es auch teils mit düsteren Dystopien zu tun, aber generell werden dort aktuelle Technologien oder Entwicklungen der Gesellschaft sehr intelligent weitergedacht und in spannende Stories eingebettet.

Unterm Strich bleibt für mich ein Tatort, den man sich wirklich einigermaßen gut anschauen konnte, bei dem man aber an allen Ecken und Enden merkt, dass man viel mehr daraus hätte machen können. Der ganze Tech-Start-Up-Hacker-Datenschutz-autonome-Autos-Mix hätte ein hochspannender werden können — leider war es aber nur ein sehr biederer Krimi mit den üblichen Motiven, bei dem die modernen Technologien nur auf den ersten Blick eine Hauptrolle spielen.

Lasst uns wissen, wie ihr den Tatort einschätzt. Und falls ihr ihn noch nicht gesehen habt und das trotz meiner mäßigen Begeisterung nachholen wollt: Das Erste hat Mord Ex Machina bis zum 31. Januar 2018 in seiner Mediathek.