Screenshot von AccuTracking-Karte

Wie soll man sich verhalten, wenn Zivilcourage gefragt ist?
Tech vs Zivilcourage: Kanadier trackt gestohlenes Smartphone – und stirbt

Ein kanadischer Teenager verliert sein Smartphone. Per App kann er es tracken, macht sich auf die Suche - und wird erschossen. Mir stellt sich - wieder einmal - die Frage, wie weit Zivilcourage reichen sollte und ob wir alle technischen Möglichkeiten ausschöpfen sollen, wenn man sich dabei selbst in Gefahr begibt. 

Zwei aktuelle Nachrichten beschäftigen mich derzeit, beide Male kam ein junger Mensch dabei ums Leben: Einmal wurde gestern im Fall Tugce das Urteil gesprochen – Körperverletzung mit Todesfolge, drei Jahre Jugendhaft für den 18-jährigen Täter. Die überwältigend große Welle der Anteilnahme – gerade im Vergleich zu anderen Mitmenschen, die ihr couragiertes Eingreifen mit dem Leben bezahlen mussten – will ich jetzt gar nicht diskutieren, ebenso wenig die Entrüstung und die vorher bereits stattgefundene Vorverurteilung seitens der breiten Masse, was den Täter angeht.

Viel mehr interessiert mich beim Thema Zivilcourage immer, wie man an ihrer Stelle hätte reagieren können, um dieses Unglück zu vermeiden. Das bringt mich zur nächsten Nachricht, die aus Kanada kommt: Ein Teenager hat dort sein Smartphone in einem Taxi liegen lassen. Dank der passenden Tracking-App konnte er aber den Standort des Geräts ausfindig machen. Zusammen mit einem Verwandten stellte er die vermeintlichen Diebe – drei Männer in einem Auto – und versuchte, die Fahrertür zu öffnen. Unschönes Ende der Geschichte: Der 18-Jährige wurde von mehreren Schüssen niedergestreckt und erlag den Schussverletzungen.

Jeremy Cook im Anzug

Auf Anhieb haben diese Fälle nicht viel miteinander gemein, sieht man davon ab, dass hier beide Male Menschen absolut unnötig ihr Handeln mit dem Leben bezahlen mussten. Ehrlich gesagt kann ich auch beide Protagonisten sehr gut verstehen: Sowohl mein Gerechtigkeitssinn als auch der Hang, aus einem Impuls vielleicht etwas zu leichtsinnig zu handeln, sind bei mir recht ausgeprägt und so steht zu befürchten, dass ich mich in einer ähnlichen Situation auch ähnlich unklug verhalten würde.

Tracking-App: Segen oder Fluch?

Vielleicht sollten wir Mobile Geeks uns auf dem Blog mal ausführlich damit beschäftigen, welche Möglichkeiten wir per App an die Hand bekommen für den Fall, dass uns wirklich mal das Smartphone abhanden kommt. Fakt ist, dass es viele Anwendungen gibt, die euer Smartphone tracken und/oder euch aus der Ferne drauf zugreifen lassen.

In London, Ontario ist die Polizei noch damit beschäftigt, die Hintergründe des oben geschilderten Falles aufzuarbeiten, aber eines dürfte bereits jetzt klar sein: Ohne die Tracking-App wäre der junge Mann jetzt noch am leben. Das soll nun beileibe nicht bedeuten, dass solche Tools schlecht sind oder nicht genutzt werden sollten. Vielmehr sollten diese nützlichen Helfer im Ernstfall dann auch richtig eingesetzt werden. Die zuständige Polizei schätzt diese Apps sogar sehr, warnt aber davor, sich alleine auf die Jagd zu begeben, wenn auch nur der Hauch von Gefahr drohen würde. Stattdessen möge man bitte die Polizei verständigen, die der Spur sofort gerne nachgehen wird:

The app itself is a great tool to have. Nobody could ever predict that what occurred was going to occur in that case. But if you suspect there’s any potential for violence at all, we certainly encourage people to contact police. We’d be more than happy to come out and investigate with the hopes of retrieving the phone.

Das Auto der drei ebenfalls jungen Insassen wurde übrigens mittlerweile gefunden und auch das vermisste Smartphone konnte sichergestellt werden, die drei Täter sind allerdings weiterhin flüchtig. Die Polizei erklärte noch, dass der verstorbene Junge namens Jeremy Cook vorher keinerlei Kontakt zu den drei Männern hatte und dass dieses der erste bekannte Fall wäre, bei dem die Suche nach einem Smartphone in so eine Tragödie mündet. Kein Foto oder sonstige Datei auf einem Smartphone und erst recht das Gerät an sich ist es wert, dass ihr euer Leben riskiert – darüber solltet ihr euch stets im klaren sein.

Zeuge bei Übergriffen: Einschreiten oder nicht?

Beim Fall Tugce hier in Deutschland hingegen passierte die Tat aus einer Situation heraus, die uns vermutlich allen deutlich vertrauter ist: Entweder persönlich, weil man selbst Zeuge einer ähnlichen Begebenheit war und vielleicht auch helfen wollte, oder aus der Berichterstattung bei ähnlich tragischen Fällen, die es in Deutschland leider immer wieder gibt.

Mir persönlich ist es schon mehrfach widerfahren, dass ich bei sowas Augenzeuge wurde. Mehrmals bin ich in solchen Fällen dazwischen gegangen, einmal bekam ich auch ein bisschen was ab, zumeist aber ist es gut gegangen. Das hat aber wahrlich nichts damit zu tun, dass ich bärenstark oder besonders geschickt bin, sondern schlicht mit Glück. Ich würde euch also an dieser Stelle sicher nicht dazu raten, in jeder Situation selbst einzugreifen – viel zu oft kann man die Lage und die Protagonisten nicht realistisch einschätzen, so dass dabei stets Vorsicht geboten ist.

Ich will auch an dieser Stelle keine tollen Tipps loswerden, wie man sich in so einer Lage zu verhalten hat, möchte euch aber zumindest an meinen Gedanken teilhaben lassen: Was wäre denn, wenn Tugce sich nicht auf ein Wortgefecht eingelassen hätte? Wenn sie aus der Ferne stattdessen ihr Smartphone gezückt und angekündigt hätte, dass sie die Polizei verständigt. Ich kann so gewaltbereite Menschen schlecht einschätzen und hab daher keine Vorstellung davon, ob sie sich in so einer aufgeladenen Situation durch so eine Ankündigung von Schlimmerem abhalten ließen.

Eine andere Idee: Egal welches Smartphone – so ziemlich jeder von uns ist in der Lage, ordentliche Fotos und Videos zu machen. Nochmal: Ich kann mich nicht in einen Schläger hineinversetzen, aber sollte ich in einer U-Bahn-Station auf jemanden eindreschen und um mich herum zücken die Passanten ihre Smartphones und filmen, was ich da tue – also mich würde es beeindrucken und vermutlich zur Besinnung kommen lassen.

Bevor ich das nächste Mal blind in so eine Auseinandersetzung eingreife, würde ich vielleicht auch eher aus sicherer Entfernung mit dem Smartphone draufhalten und dem Täter eventuell noch zurufen, dass all meine Fotos und Videos automatisch in der Cloud landen – nicht, dass der Kollege noch auf die Idee kommt, dass es ihm helfen könnte, mein Smartphone abzuziehen. Ob die Bilder wirklich direkt hochgeladen werden oder erst nachträglich im WLAN-Netz, hat den Schläger dabei ja zunächst mal nicht zu interessieren.

 

Wie würdet ihr vorgehen?

Ich persönlich denke tatsächlich, dass ich – nach jetzigem Stand – in der gleichen Situation wie Tugce einen Vorfall eher per Smartphone dokumentieren würde, als mich ein paar Schlägern entgegen zu werfen. Pauschal kann man das vorab eh nie sagen – es macht vermutlich auch einen Unterschied, ob da jemand vielleicht nur Schläge ankündigt, oder ob eine Auseinandersetzung schon so weit fortgeschritten ist, dass eine schnelle Entscheidung und beherztes Eingreifen vielleicht das letzte sind, was einem Opfer das Leben retten könnte.

Mag sein, dass ich da naiv bin, wenn ich glaube, dass eine Menschenmenge mit Smartphone-Cams im Anschlag was bewirken können. Deshalb frage ich in die Runde, wie ihr die mitgeführte Technik nutzen würdet, wenn Zivilcourage gefragt ist. So viel vorab: Ein Totstellen und angestrengt aufs Display starren will ich dabei in den Comments bitte nicht lesen.

Was den Kanadier angeht, der bei der Smartphone-Suche ums Leben kam, brauchen wir auch nicht viel diskutieren: Schön, wenn man ermitteln kann, wo das Smartphone ist und wenn es so ausschaut, als liegt das Teil immer noch in der Kneipe, wo ihr es zuletzt bei euch hattet oder gondelt herrenlos im Taxi oder Bus durch die Gegend, dann kann man selbstverständlich nachschauen gehen. Aber sobald ihr das Gefühl habt, dass jemand das Smartphone bewusst entwendet hat, dann schaltet gefälligst die Polizei ein! Schlagt uns dennoch gern Anwendungen vor, die ihr im Einsatz habt, um gegebenenfalls nicht nach einem Smartphone zu fahnden, sondern sie aus der Ferne zu sperren oder zu löschen – oder gar Fotos vom vermeintlichen Dieb zu machen.

Beim anderen Fall sind nun eure Meinungen gefragt: Wie würdet ihr euch verhalten, wenn ihr Zeuge eines Übergriffs werdet? Habt dabei ruhig verschiedene Szenarien im Kopf – bei einem Streit zweier Jugendlicher verhält man sich vermutlich anders, als wenn eine Clique Erwachsener einen Obdachlosen zusammenschlägt. Außerdem spielt es eine Rolle, ob ihr der einzige Anwesende seid oder ob es – beispielsweise in der Bahn oder an einem Bahnhof – außer euch noch mehr Zeugen gibt. Falls ihr dazu besondere App-Tipps habt, immer her damit, egal ob es nur mit Smartphone-Tracking zu tun hat oder auch ein Notruf abgesetzt wird wie bei der Mein Notruf-App.

Mein Notruf
Entwickler: Mein-Notruf GmbH
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MEIN NOTRUF
Entwickler: Mein-Notruf GmbH
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Schreibt uns außerdem, ob wir mal eine solche App- und Tipps-Sammlung zusammenstellen sollen für den Fall, dass man Hilfe verständigen oder sein Smartphone verfolgen möchte etc.