Smart Health
Steht die Telemedizin in Deutschland vor dem Durchbruch?

Während der Bedarf an medizinischer Hilfe im Netz neue Höhen erreicht und z.T. unerwünschte Auswüchse annimmt, tun sich die Bundesärztekammer und der Gesetzgeber mit der ärztlichen Fernberatung von Patienten noch schwer. Der Status Quo lautet: "E-Health" und "Smart Health" auf der einen, volle Wartezimmer, volle Terminlisten und lange Anfahrtswege auf der anderen Seite.

Wir berichten ja hier bei Mobile Geeks im Wochen-Rhythmus über revolutionäre medizinische Entwicklungen, die mehr oder weniger viel mit Tech zu tun haben. Besonders unsere Autorin Vera hat sich in diesem Bereich längst einen Namen gemacht und weist uns immer wieder auf faszinierende medizinische Zukunftstechnologien hin: DNA als Datenspeicher, Biometrie-Technologien, Chip-Implantate für Gelähmte oder Kontaktlinsen mit Display, Kamera und Sensoren – die Fälle, in denen Medizin und Tech verschmelzen sind längst nicht mehr nur Zukunftsvisionen aus der Welt der Cyborgs.

So faszinierend und mitunter hoffnungsspendend diese Technologien auch sind, der medizinische Alltag in Deutschland spielt sich in den Warte- und Behandlungszimmern tausender Arztpraxen ab. Das Gesundheitswesen in Deutschland basiert auf dem persönlichen Besuch eines Patienten bei (s)einem Arzt, was gerade für gesetzlich Versicherte und Bewohner strukturschwächerer Regionen mit erheblichen Nachteilen verbunden ist. Die einen warten mitunter monatelang auf einen eigentlich dringenden Termin, die anderen müssen in der Regel lange Anfahrtswege in Kauf nehmen. Für ein derart hoch entwickeltes Land wie Deutschland ist der Status Quo überraschenderweise von einer medizinischen 24/7 Vollversorgung allerorten weit entfernt.

So ist es dann auch weitaus weniger verwunderlich, dass das Internet auch im Gesundheitssektor längst einen Platz gefunden hat. Im Netz finden sich tausende kleinere und größere Gesundheitsportale, die dem Hilfe- und Ratsuchenden schnelle Antworten auf seine medizinischen Fragen versprechen. Angefangen bei gängigen Hausmitteln gegen Erkältungen, Sodbrennen oder Durchfall über homöopathische Mittel gegen Schlafstörungen und Kopfschmerzen bis hin zu „Experten-Tipps“ gegen Deutschlands Volkskrankheiten Rückenschmerzen und Adipositas, das Angebot ist unüberschaubar. Hinzu kommen hunderte von Foren und Social Media Seiten.

Bei vielen dieser Angebote ist auf den ersten Blick völlig intransparent, von wem sie betrieben werden. Zum Teil handelt es sich um Portale von Krankenversicherungen. Andere Angebote werden von Dienstleistern betrieben, die Arzneimittel und Gesundheitsprodukte vertreiben, auch die ein oder andere Verlagsgruppe mischt in dem Bereich mit. Hinzu kommen unzählige nicht eindeutig einzuordnende GmbHs oder sogar Privatpersonen ohne jegliche medizinische Vorbildung. Die Verbraucherzentrale Hamburg kam bereits im Juni 2013 zu einem ernüchternden Ergebnis (PDF) und bemängelte neben der fehlenden Transparenz und Objektivität vor allem das Verkaufsinteresse vieler vermeintlich informativer Plattformen.

Telemedizin vs. Fernbehandlungsverbot

Angesichts der Milliarden-Umsätze im Gesundheitssektor und dem riesigen Interesse der Verbraucher wundert es viele, warum Deutschlands Ärzte kaum entsprechend relevante Angebote im Internet bereitstellen. Sie wären prädestiniert für die unter dem Oberbegriff „Telemedizin“ zusammengefasste medizinische Beratung von Patienten, die entweder räumlich oder zeitlich bedingt keinen Arzt in der Praxis konsultieren können oder wollen.

Die wesentlichste Grundlage für diese merkwürdige Zurückhaltung der Mediziner liegt im sogenannten Fernbehandlungsverbot. Dieses Fernbehandlungsverbot – ein Relikt aus dem Geschlechtskrankheitengesetz – untersagt jedem in Deutschland zugelassenen Arzt eine individuelle ärztliche Fernberatung, die über eine allgemeine Patienteninformation hinaus geht. Erst seit einigen Monaten liegen neue Richtlinien der Bundesärztekammer vor, die den Ärzten einen erweiterten Interpretationsspielraum zugestehen. Hintergrund der neuen Entwicklungen ist neben den z.T. guten Erfahrungen in anderen Ländern auch das neue E-Health Gesetz, das erst im Dezember 2015 vom Deutschen Bundestag verabschiedet wurde.

In diese sich nun auftuende Lücke will u.a. das Portal DocSofort vorstoßen und geht dabei einen recht ungewöhnlichen, aber angesichts der Umstände verständlichen Weg. In einer knapp sechswöchigen Crowdfunding-Phase will man 5.000 Unterstützer für die Idee gewinnen, ein umfassendes telemedizinisches Angebot auf die Beine zu stellen. Das Versprechen lautet: Privatpersonen sollen die Möglichkeit erhalten, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, von jedem Ort der Welt aus einen Arzt zu erreichen – telefonisch.

Der menschliche Körper: Anatomie-Studie mit der HoloLens
Microsoft HoloLens: So werden zukünftige Ärzte ausgebildet

Das Vorhaben ist tricky. Die berufsrechtlichen Vorgaben verbieten auch weiterhin eine Diagnosestellung und Therapieempfehlung bei ratsuchenden Patienten, die dem Arzt nicht bekannt sind und die sich räumlich getrennt aufhalten. Sowohl die Bundesärztekammer als auch der Gesetzgeber sehen die Gefahr, dass ohne die sensorische Wahrnehmung des Arztes zu teuren und/oder fatalen Diagnosefehlern und falschen Therapieempfehlungen eines Mediziners kommen könne, so dass man hier eine strikte Grenze zieht. Nicht zuletzt aus diesem Grund betont der Geschäftsführer, dass es auch bei DocSofort keine individuelle Diagnostik geben werde. Man sieht sich bzw. die beteiligten Ärzte eher als Helfer, die dem Patienten am Telefon „nach bestem Wissen und Gewissen“ als vertrauenswürdige Ansprechpartner zur Verfügung stehen und im Rahmen der Berufsordnung befugt sind, eine allgemeine krankheitsbezogene Fernberatung durchzuführen.

Diese Klarstellung zeigt, an welchem Wendepunkt die Telemedizin momentan steht. Auf der einen Seite sind Telekonferenzen zwischen einem behandelnden Arzt und einem im Rahmen der Behandlung zu Rate gezogenen Spezialisten völlig unproblematisch, hier können auch diagnostische Fragen unter den Ärzten (von denen sich ja einer räumlich getrennt vom Patienten aufhält) geklärt werden. Auch das sogenannte Telemonitoring, also z.B. die Datenfernübertragung von medizinischen Messdaten zwischen einem Arzt und dem Diagnosegerät eines Patienten gilt mittlerweile als unproblematisch.

Globuli, Impfgegner und Heilsteine

Dem gegenüber steht das – leider oftmals unangebrachte – Vertrauen, das viele Patienten den medizinischen Ratgeber-Portalen im Internet entgegenbringen. Abgesehen von den o. bereits erwähnten Intransparenzen und Interessenskonflikten stolpert man als Ratsuchender allzu oft über Globuli-Anpreiser, Impfgegner, Heilsteine-Verkäufer und Geistheiler, denen es entweder um eine beinahe schon religiös-fanatische Mission oder um die Scheine im Portemonnaie des Gegenübers geht. Es gibt sicherlich viele Ärzte, die hier gerne ihrem Berufsethos entsprechend eingreifen würden, aber durch ihre Berufsordnung an einem direkten Kontakt zum Patienten gehindert werden. Ein Dilemma.

MapMyRide Screenshot 00Übersicht: Fitness-Apps für Android Wear Smartwatches

Für die technikversiertere Klientel scheinen Ansätze wie DocSofort ein wenig halbherzig zu sein. Will man dem Beratungsmedium Internet etwas entgegensetzen, könnte eine rein telefonische Fernberatung nicht unbedingt das Mittel der Wahl sein. Video-Telefonate bzw. -Konferenzen wären eigentlich naheliegend, zumal man dann als Patient den Arzt als Vertrauensperson auch sehen könnte. Andererseits muss man festhalten, dass es hier auch datenschutzrechtliche Bedenken gibt: nicht jeder wird seine Krankheitsgeschichte via WhatsApp, Facebook Messenger oder Google Hangouts durchs Netz jagen wollen. Die gute, alte Telefonleitung als „direkter Draht“ hat also auch ihre Vorzüge.

Hinzu kommen finanzielle Aspekte. Die gesetzlichen und privaten Krankenkassen sind (trotz des theoretisch existierenden Einsparungspotentials) weit davon entfernt, einem Arzt die telemedizinische Fernberatung bei einem formal gar nicht existierenden Arzt-Patienten-Verhältnis adäquat zu vergüten. Während der behandelnde Hausarzt ein telefonisches Beratungsgespräch mit den entsprechenden Schlüsseln bei der Krankenkasse abrechnet, scheitert es beim fernberatenden Arzt – vereinfacht ausgedrückt – schon am Einlesen der Gesundheitskarte. Dementsprechend müssen derartige Angebote momentan privat finanziert werden, was wiederum den Crowdfunding-Ansatz in’s Spiel bringt. In absehbarer Zeit wird sich zeigen müssen, ob Deutschlands Ärzte und das Krankenversicherungssystem die vielversprechenden Erfahrungen in z.B. Norwegen aufgreifen und auch in diesem Bereich den nächsten Schritt wagen – die nächste Grippewelle kommt bestimmt.