Tesla – das nächste Nokia?

Tesla wird oft mit Apple verglichen, und im selben Vergleich wird die traditionelle Autoindustrie gerne mit Nokia gleichgesetzt. In letzter Zeit sehe ich aber mehr Anzeichen dafür, dass Tesla das nächste Nokia werden könnte.

von Mark Kreuzer am 24. Mai 2021

Man kann heute nicht über Elektroautos reden, ohne zwangsläufig auch auf Tesla und Elon Musk zu sprechen zu kommen. Es herrscht ein allgemeiner Konsens darüber, dass das Thema Elektromobilität ohne Tesla heute nicht da wäre, wo es heute ist. Größte Uneinigkeit hingegen herrscht darüber, wie es mit Tesla in Zukunft weiter gehen wird. Die Meinungen gehen von totaler Weltherrschaft Marktdominanz bis hin zur baldig drohenden Insolvenz. Beide Lager sind sehr laut und die Diskussionen werden oft schnell sehr emotional.

Schon Mitte 2017 habe ich einen Kommentar dazu verfasst: Tesla Fanboys – Fundamentalisten, Extremisten oder nur Radikale? Der Tenor des Kommentars war damals für mich bereits, dass man gerne in der Sache diskutieren könne – aber bitte vernünftig.

Seit 2017 hat sich mein persönlicher Fokus stark auf Autos und zum Thema Mobilität hin verschoben; dabei führte kein Weg vorbei an Hybrid- oder Elektrofahrzeugen.

Gerade auf Twitter ist mir aufgefallen, wie oft Tesla über den grünen Klee gelobt und auch oft als Disruptor gesehen wird. Vergleicht man aber die Autos von Tesla mit den aktuellen Elektroautos anderer Hersteller, so kommen doch schnell Fragen auf, ob der Ruf von Tesla der Realität noch standhält.

Tesla – Can Anyonce Catch the Electric Car King?

In der Vergangenheit machten Elektroautos keinen nennenswerten Anteil an den neu produzierten und zugelassen Fahrzeugen aus. Getreu dem Motto: „Unter den Blinden ist der Einäugige König“ gab es kein Fahrzeug, welches einem Tesla Model S „das Wasser reichen konnte“. Auch das Model 3 ist dank solider Werte und dem von Tesla unerreichten Infotainmentsystem zur Erscheinung eine absolute Macht.

Aber mittlerweile ist Tesla nicht mehr der einzige Hersteller, welcher ernstzunehmende Elektroautos in der Mittelklasse baut; vielmehr haben mittlerweile sämtliche Hersteller die Zeichen der Zeit erkannt und ihr Produktportfolio entsprechend angepasst.

Ich verstehe, warum viele Leute Tesla gerne mit dem iPhone von Apple vergleichen – ich selbst habe das in der Vergangenheit auch gerne getan. Aber anders als die meisten habe ich den Rest der Autohersteller nicht für Nokia Smartphones gehalten, sondern eher für Android.

Apples größte Stärke ist es, gute Hardware mit einem hervorragenden Ökosystem zu verknüpfen und so ein perfektes Nutzererlebnis zu ermöglichen. Objektiv betrachtet stellt Apple nicht die besten Smartphones her – es gibt Geräte anderer Hersteller, die in nahezu allen Kategorien und Kombinationen bessere Hardware verkaufen.

Für mich persönlich ist zur Zeit der Porsche Taycan die Referenz für ein Elektroauto und es könnte gut sein, dass die Topposition bald von dem Mercedes EQS abgelöst wird.

Das heißt ausdrücklich nicht, dass die Modelle von Tesla schlecht sind! In meinem persönlichen Elektroauto-Vergleich hat das Model 3 den zweiten von fünf Plätzen gemacht.

Aber schon beim Test von dem Model 3 ist mir damals sehr deutlich aufgefallen, dass der Vorsprung von Tesla erkennbar am Schmelzen ist.

Schaut man sich die Elektroautos anderer Hersteller an, so findet man schnell Autos, die technisch gesehen deutlich besser als die vergleichbaren Modelle von Tesla sind.

Aber nicht nur in Sachen Qualität, sondern auch im Bereich Quantität überholen andere Hersteller Tesla mittlerweile deutlich.

Damit kommt bei mir zumindest ein wenig die Sorge auf, ob Tesla nicht das gleiche Schicksal wie Nokia erleiden könnte.

Der König ist tot, lange lebe der König

Es wird spannend sein zu sehen, wie es mit Tesla weitergeht. Schaut man auf die zurzeit angekündigten Modelle, welche bei Tesla in der Pipeline stehen, ist mit Model Y, Cybertruck und Roadster nichts wirklich Einzigartiges oder Disruptives dabei.

Persönlich habe ich die Vorstellung des Cybertrucks Ende 2019 sehr begrüßt Cybertruck – Tesla zeigt mal wieder den Weg, aber fast 2 Jahre später erscheint mir das Ganze mehr als ein Taschenspielertrick – und das Gleiche gilt für die Ankündigungen zum Roadster. Ankündigungen zu machen ist das Eine, aber man muss auch liefern; am besten, bevor es die Konkurrenz tut.

Ich bin der Auffassung, dass der diese Woche vorgestellte Ford F150 Lightning deutlich vor dem Cybertruck erhältlich sein wird. Auch im Bereich der Supersportwagen glaube ich daran, dass der Rimac C2 es vor dem Roadster auf die Straße schafft.

Es würde mich auch nicht wundern, wenn diese beiden Fahrzeuge an sich schon beide besser wären als die Modelle von Tesla. Die beiden Autos sind auch nur exemplarisch genannt, denn wie bereits weiter oben beschrieben stellt sich die gesamte Autoindustrie auf Elektroautos ein.

Quo Vadis Tesla?

Mir ist klar, dass ein 1:1 Vergleich mit Nokia und Tesla nicht möglich ist, aber ein paar Indizien sehe ich doch. So waren etwa beide nicht die ersten Hersteller in Ihrem Marktsegment, haben es aber dennoch in ihrer Zeit in Ihrem Segment zu dem wertvollsten Unternehmen geschafft.

Auch Nokia hätte man zu seinen guten Zeiten niemals zugetraut, von der Topposition abzustürzen (siehe Forbes Cover); Ähnliches gilt für Tesla.

Nokia war aber kein reiner Smartphone-Hersteller und ist heute immer noch als Hersteller von Mobilfunk-Infrastruktur aktiv.

Ob Tesla jetzt ähnlich „abstürzt“ wie Nokia es getan hat, bleibt abzuwarten. Aber da Tesla auch kein reiner Autohersteller ist, daher glaube ich nicht, dass die Marke Tesla komplett verschwinden wird.

„Tesla wurde 2003 von einer Gruppe von Ingenieuren gegründet, die beweisen wollten, dass Elektrofahrzeuge keinen Kompromiss bedeuten, sondern mehr Leistung, Beschleunigung und Fahrspaß als Benziner bieten können. Heute baut Tesla neben reinen Elektrofahrzeugen auch unbegrenzt skalierbare Stromerzeugungs- und Stromspeicherprodukte. Das Tesla-Credo: Je schneller wir unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen überwinden und eine emissionsfreie Zukunft verwirklichen, desto besser.“ Über Tesla | (Tesla Deutschland)

Unabhängig davon, wie es mit Tesla weitergeht, eines steht für mich schon fest: Ihr selbst festgelegtes Mission Statement haben sie bereits heute zu großen Teilen erfüllt.

Damit hat Elon Musk Zeit, sich seinen anderen Projekten zu widmen – wie zum Beispiel seinem Unternehmen Space X. Es wird spannend sein zu sehen, ob es ihm auch hier gelingt, sein Mission Statement zu verwirklichen: die Raumfahrt zu revolutionieren und Menschen das Leben auf anderen Planeten zu ermöglichen. Auch dort ist er bereits auf einem sehr guten Weg.

You want to wake up in the morning and think the future is going to be great – and that’s what being a spacefaring civilization is all about. It’s about believing in the future and thinking that the future will be better than the past. And I can’t think of anything more exciting than going out there and being among the stars. Elon Musk