Tesla: Die wertvollste Marke muss nicht zwingend das beste Auto bauen

Die Tesla-Aktie geht durch die Decke, selbst Daimler, BMW und VW zusammen kommen da nicht gegen an. Über die Qualität der Fahrzeuge sagt das erst mal nichts, auch nicht über den oft erwähnten Vorsprung Teslas. 

von Carsten Drees am 13. Juli 2020

Tesla ist auf Jahre hinaus uneinholbar für die deutschen Automobilhersteller. Das liest man in letzter Zeit immer häufiger, was aber nicht zwangsläufig bedeuten muss, dass das auch so stimmt. Zudem ist Tesla mittlerweile der wertvollste Autobauer und hat einen Wert, der selbst dann nicht von BMW, Daimler und VW erreicht werden kann, wenn man die Werte der drei deutschen Urgesteine addiert. Ähnlich sieht es mit der US-Konkurrenz aus, wo es General Motors, Ford und Fiat Chrysler ebenfalls in Summe nicht schaffen, Tesla diesbezüglich Paroli zu bieten.

Für mein Empfinden wird aus diesen beiden Dingen — der vermeintliche jahrelange Technologie-Vorsprung und der Wert der Aktie — zu leichtfertig ein kausaler Zusammenhang konstruiert. Ein Technologievorsprung kann mit Sicherheit für einen Höhenflug einer Aktie beitragen, hier glaube ich aber eher daran, dass hier eine Euphorie entstanden ist, die den Aktionären noch um die Ohren fliegen könnte.

Ich denke das, weil ich auch noch die finanzielle Situation im letzten Jahr im Hinterkopf habe, wo das selbe Unternehmen mit seinem Technologievorsprung deutlich schlechter da stand, ohne dass sich seitdem in technischer Hinsicht viel verändert hätte.

Die Mär der uneinholbaren Technologie: Beispiel Apple iPhone

Der Aktienkurs ist ja auch immer eine Art Wette auf die Zukunft. Haben die Anleger genug Fantasie, sich weiter steigende Kurse vorzustellen, wird der Wert auch erst mal weiter steigen. Wenn zudem für viele festzustehen scheint, dass Tesla technisch auf lange Zeit uneinholbar ist, stabilisiert das diesen Ansatz.

Aber ist Tesla tatsächlich uneinholbar? Ich verweise dafür auf Apple: Dem Unternehmen aus Cupertino wurde auch mit dem Erscheinen des Ur-iPhone bescheinigt, dass die Konkurrenz jetzt am Arsch ist. Zu dem Zeitpunkt bauten die heutigen Konkurrenten noch Dumb-Phones oder waren teils noch nicht mal gegründet. Die ersten Touch-Displays von Samsung, HTC (die älteren erinnern sich) und Co reagierten so sensibel, dass schon gezielte Fausthiebe nötig waren, um eine Anwendung zu starten oder einfach irgendeine Aktion auf dem Screen zu realisieren.

Nicht nur, dass die Arrivierten schnell dazu lernten, zusätzlich kamen noch die Billigheimer aus China hinzu, die zunächst sehr unverschämte Billig-Plagiate bauten, die technisch atemberaubend schlecht waren, entfernt aber wie ein iPhone aussahen. Wir konnten über eine recht überschaubare Zahl von Jahren dabei zusehen, wie sich Samsung qualitativ an Apple heran robbte und schließlich Apple im Absatz vom Smartphone-Thron stieß.

Im Fahrwasser der etablierten Smartphone-Hersteller kamen dann zum Beispiel auch die einstigen Plastik-Könige von Xiaomi hinterher, die eben plötzlich nicht mehr günstige Smartphones bauten, die wirkten, als hätte man sie aus dem Kaugummi-Automaten gezogen. Erst waren es sehr günstige Geräte, die technisch aber bereits aufhorchen ließen, später schließlich fanden wir — und das hält bis heute an — reihenweise chinesische Handsets vor, die sich qualitativ nicht hinter dem iPhone oder den Samsung-Gerätschaften verstecken müssen. Und nein, das gilt sicher nicht nur für Huawei, da gibt es mittlerweile jede Menge mehr Hersteller, die auf Top-Level Smartphones fertigen.

Apple-Fans werden jetzt vermutlich auf die besser aufeinander abgestimmte Soft- und Hardware verweisen oder auf die flotteren und beständigen Updates bei iOS. Aber der technische Vorsprung ist im Grunde lang aufgebraucht und Apple bedient sich bei seiner Software mindestens ebenso oft im Android-Lager, wie es umgekehrt auch der Fall ist.

Was hat das jetzt konkret mit Tesla zu tun? Die Erkenntnis, dass man vielleicht tatsächlich einige Jahre braucht, bis man die Technologien Teslas bis ins letzte entschlüsselt hat. Aber nicht nur in China wird mit Nachdruck daran gearbeitet, diese Lücke zu schließen. Meiner Meinung nach wäre es vermessen zu glauben, dass eine erhältliche Technologie nicht relativ flott von anderen adaptiert werden kann.

Es geht natürlich nicht nur allein ums Kopieren und Aufholen. Es geht auch um die Richtung, die Unternehmen einschlagen. Wenn sich VW, BMW und andere Hersteller hier verzocken, spielt das selbstverständlich Tesla zusätzlich in die Karten. Ich glaube aber, dass gerade die deutschen Hersteller a) in letzter Zeit sehr viel Lehrgeld bezahlt und ihre Lektion gelernt haben und b) auch diese unangebrachte Arroganz gegenüber einem neuen Mitbewerber abgelegt haben.

Elektromobilität steckt immer noch in den Kinderschuhen

Bei allen tollen Zahlen für Tesla dürfen wir nicht vergessen, dass das Unternehmen in Sachen Produktion immer noch eine relativ kleine Nummer ist: Im Juni wurden insgesamt über 220.000 Autos neu zugelassen und davon waren etwas über 8.100 Autos reine Stromer. Und selbst hier war Tesla nicht Vorreiter, sondern muss sich hinter dem Renaut Zoe und auch dem E-Golf von VW einsortieren. Mit etwa 700 Neuzulassungen des Model 3 konnte Tesla beide Modelle nicht annähernd erreichen. Rechnet euch selbst aus, welchen Anteil am deutschen Markt Tesla im Juni hatte bei 700 von 220.000 zugelassenen Fahrzeugen.

Die Zuwachsraten bei Elektroautos generell aber auch die Zuwächse bei Tesla im speziellen sehen natürlich immer toll aus. Klar geht hier wirklich was voran, aber wir befinden uns gegenüber den Benzinern immer noch in einem sehr nischigen Segment. Trotz all der verlorenen Jahre, die man VW, Daimler und BMW vorwirft (oft völlig zu recht übrigens), ist Tesla noch lange nicht der weiße Ritter, der ganz charmant den Markt an sich gerissen hätte.

Die Software-Blößen, die sich die deutschen Hersteller für meinen Geschmack ein bisschen zu oft geben, sollten nicht unterschätzt werden, weil genau dieser Teil des modernen Fahrzeugs immer wichtiger wird. Das ändert aber nichts daran, dass im Gegensatz dazu Tesla erst mal noch lernen muss, wie man ein Auto qualitativ so zusammenschraubt, dass es mit den Fahrzeugen der alteingesessenen Hersteller aus Deutschland  mithalten kann. Hier scheint Tesla noch einiges an Nachholbedarf zu haben.

Generell lässt sich wohl festhalten, dass die Elektromobilität, wie wir sie heute kennen, immer noch in den Kinderschuhen befindet, sowohl technisch als auch auf den Absatz bezogen. Es gibt also überall noch mächtig Boden gut zu machen und ich persönlich bin davon überzeugt, dass sich daraus für alle Unternehmen gleichermaßen viele Chancen, aber auch Risiken bieten. Jemand, der heute uneinholbar vorne zu sein scheint, muss das nur eine falsche Strategieentscheidung später längst nicht mehr sein.

Sowohl Tesla als auch die etablierten Hersteller wissen, dass sie noch jede Menge Hausarbeit zu erledigen haben und ich verweise nochmal auf Apple: Wenn die Konkurrenz einen besonderen Trick erst mal durchschaut hat, kann man ihn auch reproduzieren. Bei Audi glaubt man zudem eh nicht daran, dass der Vorsprung Teslas so riesengroß ist.

Machen wir uns nichts vor: Die nächsten Quartalszahlen für Tesla werden nochmal toll aussehen und dafür sorgen, dass man noch ein bisschen wertvoller wird. Das liegt auch daran, dass Tesla eben auch in einer Corona-Pandemie in der Lage war, ordentlich weiterzuverkaufen, während der stationäre Handel lahmgelegt war. Aber diese tollen Vorzeichen für Tesla sind eben nicht in Stein gemeißelt und wenn es die klassischen Hersteller richtig anstellen, bin ich auch überzeugt davon, dass man die Technik-Lücke bezüglich der Software in absehbarer Zeit schließen kann. Lange Rede, kurzer Sinn: Jau, die Aktionäre sind gerade richtig happy mit Tesla, über die Qualität der Autos sagt es dennoch immer noch herzlich wenig.

Wie sind eure Meinungen dazu? Glaubt ihr das ebenso wie ich — oder seid ihr im Gegenteil davon überzeugt, dass ich mich hier gerade komplett verrenne und BMW, Daimler und VW jetzt schon den Kampf um die Automobil-Macht am Markt verloren haben?

via heise.de