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Tesla unter Beschuss: Elon Musks seltsame Aktienverkäufe

Tesla und Elon Musk verkauften wenige Tage nach einem tödlichen Verkehrsunfall Aktien im Wert von zwei Milliarden US-Dollar. Kritische Fragen nach einer Benachrichtigung der Investoren bezeichnet Musk als Bullshit und legt offenbar an sich und andere völlig unterschiedliche Maßstäbe an. (Update am Ende des Artikels!)

von Bernd Rubel am 6. Juli 2016

Elon Musk und einige Finanz- und Auto-Journalisten werden in diesem Leben wohl keine Freunde mehr, soviel steht fest. Das zwiespältige Verhältnis des Chefs des us-amerikanischen Elektro-Fahrzeugbauers zu Teilen der Presse ist schon seit längerem bekannt. Kritik und Widerspruch sieht Musk gar nicht gern und spart – im Einzelfall über seinen Twitter-Account – nicht mit spitzen Bemerkungen und persönlichen Attacken.

Vergangenen Monat krachte es zwischen Elon Musk und dem US-Autoblog Daily Kanban. Deren Autor Edward Niedermeyer hatte in einer ziemlich umfassenden Recherche dargelegt, dass es Probleme mit der Radaufhängung des Tesla Model S geben könnte, die von der us-amerikanischen Verkehrsaufsichtsbehörde NHTSA untersucht würden. Im Zuge der Nachforschungen war eine diskussionswürdige Verschwiegenheitserklärung aufgetaucht, die Tesla nach der Aufforderung der Behörde abändern will.

Tesla hatte daraufhin eine Stellungnahme veröffentlicht, in der man dem Autor kurzerhand eigene finanzielle Interessen an einer negativen Berichterstattung unterstellte. Das Unternehmen mutmaßte, dass Niedermeyer oder einer seiner Co-Autoren in sogenannte “Tesla Shorts” investieren, also an fallenden Aktienkursen verdienen könnten. Belege für die Vermutung gibt es keine. Der Autor gab in der Zwischenzeit eine Art “Eidesstattliche Erklärung” ab, in der er die Unterstellungen scharf zurückwies.

Kritik unerwünscht: Die hässliche Fratze von Tesla
Kritik unerwünscht: Die hässliche Fratze von Tesla

Nun, nur ein paar Wochen später, trifft es Carol J. Lumis vom Fortune Magazine. Die anerkannte 87jährige Finanz-Journalisten hatte in einem Artikel die durchaus angebrachte Frage aufgeworfen, ob Elon Musk verpflichtet gewesen wäre, den tödlichen Unfall eines Tesla-Fahrers in Form einer Investorenmeldung öffentlich zu machen.

Aktien für 2 Milliarden US-Dollar abgestoßen

Tesla hatte von dem Unglück am 07. Mai sehr früh erfahren und eine entsprechende Meldung an die Verkehrsaufsichtsbehörde gemacht, die Investoren des börsennotierten Unternehmens setzte man jedoch nicht in Kenntnis. Stattdessen – und nun kommen wir zum springenden Punkt – verkauften Tesla und Elon Musk persönlich (je ca. zwei Drittel bzw. ein Drittel) am 18. Mai eigene Aktien zum Kurs von $215. Der Gesamtwert der Transaktion belief sich auf satte 2 Milliarden US-Dollar und soll u.a. zur Finanzierung der Fertigungsstraßen für den neuen Tesla Model 3 verwendet werden.

Börsennotierte Unternehmen unterliegen strengen Publikationsvorschriften und müssen im Rahmen mehr oder weniger eindeutiger Regelungen zeitnah alles öffentlich machen, was den Börsenkurs der Firma positiv oder negativ beeinflussen könnte. Diese Vorschriften dienen dem Schutz der Anleger und sollen u.a. verhindern, dass sich Insider mit einem signifikanten Kenntnisvorsprung an steigenden oder fallenden Aktienkursen bereichern können.

Elon Musk reagierte auf den Bericht äußerst gereizt – wie üblich via Twitter. Dort antwortete er dem Fortune-Editor Allan Murray, der Artikel sei “BS” (Bullshit) und solle wohl nur den Werbeumsatz des Magazins erhöhen. Für die Anleger hingegen sei die Meldung über den Tod des Tesla Fahrers nicht relevant gewesen.

Diese Reaktion von Musk wirft weitere Fragen auf. Tesla wirbt exzessiv mit den bereits vorhandenen Fähigkeiten des “Autopiloten” (bei dem es sich, genaugenommen, um ein Assistenzsystem im Beta-Studium handelt) und profitiert selbstverständlich von dem Eindruck, man besitze im Gegensatz zu den konkurrierenden Fahrzeugherstellern ein bereits ziemlich ausgereiftes System im täglichen Einsatz. Elon Musk selbst wies bereits des Öfteren auf Artikel oder Videos hin, welche die Zuverlässigkeit des Assistenten demonstrieren sollten. So teilte er z.B. im April 2016 ein Video, dass einen Beinahe-Crash eines Tesla zeigte. Es stammt von Joshua Brown, dem nun tödlich verunglückten Fahrer.

Im Rückblick auf die Vorwürfe, die Tesla im Juni gegenüber Daily Kanban bzw. Edward Niedermeyer erhob wirken die neuen Beteuerungen Teslas zumindest seltsam. Fassen wir zusammen: die Berichterstattung eines Auto-Bloggers ist offenbar so relevant, dass sich dieser – nach Ansicht von Tesla – an den dadurch möglicherweise fallenden Aktienkursen bereichern könnte. Die Nachricht über den Tod eines Tesla-Fahrers, der sich “zu sehr” auf Teslas Autopiloten verlassen hat, soll hingegen irrelevant sein und steht in keinerlei Verbindung zu einem zwischenzeitlichen Aktien-Verkauf von 2 Milliarden US-Dollar? Das passt nicht zusammen.

Marketing trifft auf die harte Realität

Man muss Tesla zugestehen, dass ihr wichtigstes Argument gegen eine Investoren-Meldung separat betrachtet schlüssig ist: kein Autohersteller gibt einzelne Unglücks- oder gar Todesfälle als Börsenmeldung heraus und normalerweise haben rein verkehrs- bzw. situationsbedingte Unfälle auch keinen Einfluss auf den Aktienkurs eines Unternehmens. Aber: selbstverständlich ist Teslas “Autopilot” momentan ein Quasi-Alleinstellungsmerkmal des Unternehmens, in das Anleger viel Hoffnung legen. Mögliche “Schwächen” des Systems, das eben noch kein vollwertiger Ersatz für einen menschlichen Fahrer ist werfen natürlich die Frage auf, ob diese Schwächen jemals behoben werden können – oder ob man sie, entgegen aller Hoffnung, als systembedingt hinnehmen muss.

Hier geht es, wie so oft bei technischen Neuerungen und eben auch bei Börsenkursen um Perspektiven bzw. um eine “Wette”, die sich eben auch im Aktienkurs widerspiegelt. Tesla und Musk wissen das.

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Tesla macht es sich hier zu leicht und legt offenbar an das eigene Verhalten weitaus niedrigere Maßstäbe an als an das Verhalten anderer. Das wirft kein gutes Licht auf das Unternehmen und ganz besonders nicht auf Musk, der – wieder einmal – äußerst unsouverän bei möglichen Fragen an die Decke geht. Vielleicht sollte er die Energie lieber darauf verwenden, im Interesse der Marke Tesla und zum Wohle der gesamten Zukunftstechnologie gegen Videos wie das nachfolgende vorzugehen. Offenbar gibt es nämlich Menschen, die das mit dem “Autopiloten” falsch verstanden haben und die Warnhinweise nicht allzu ernst nehmen.

Update: In der Aufbereitung des Sachverhalts wird es noch verworrener. Wie das Fortune Magazin nun berichtet, hält das Unternehmen Tesla – anders sein Chef Musk – in seinen Meldungen an die Börsenaufsicht SEC Auswirkungen auf den Börsenkurs für möglich, wenn es zu einem einzelnen Unfall mit dem Autopiloten kommen solle.

Zudem enthält die Anleger-Warnung den Hinweis, dass Tesla gegen solche Unglücke nicht versichert sei.

Sehr widersprüchlich, sehr fragwürdig und ein Beleg dafür, wie wichtig eine kritische Diskussion über diese Themen ist, wenn man das Vertrauen der Menschen in die neue Technologie gewinnen will.

Bild: Henry Han – Vlastito djelo postavljača, CC BY-SA 3.0