Hochmut kommt vor dem Fall?
Elon Musk schreibt Hyper-Automatisierung der Tesla-Produktion vorerst ab

Mit dem seltenen Eingeständnis eines kapitalen Fehlers hat Elon Musk die Fachwelt überrascht. Er habe die exzessive Automatisierung der Produktion über- und die Menschen unterschätzt, teilte Teslas CEO via Twitter mit. Noch vor wenigen Wochen hatten sich die Kalifornier über jahrzehntelang etablierte Produktionsabläufe der Konkurrenten amüsiert und bekräftigt, dass die Fabrik das eigentliche Kapital des Unternehmens seien.

“Ja, die exzessive Automatisierung bei Tesla war ein Fehler. Um genau zu sein, mein Fehler. Menschen werden unterschätzt.” Mit diesem Tweet und in einem Interview mit dem US-amerikanischen TV-Sender CBS hat Elon Musk eingestanden, dass sich Tesla bei den ambitionierten Plänen für eine nahezu vollautomatisierte Produktion übernommen hat. Seine Erkenntnis, dass menschliche Arbeitskräfte in der Automobilproduktion eine enorme Bedeutung haben, kommt spät. Um genau zu zu sein: Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zu spät.

Elon Musk reagiert mit dem Statement mehr oder weniger direkt auf einen Report von Max Warburton, einem Analysten von Bernstein. Der hatte in einem Bericht festgestellt, dass die enorme Roboterisierung in Teslas Werk in Fremont dem Hersteller letztendlich nichts bringe. Die Investitionen für die hochautomatisierten Fertigungsstraßen verschlingen, so Bernstein/Warbuton weitaus mehr als das, was andere Automobilproduzenten als Vorleistung erbringen. Aber der Output und die Produktionsrate, letztendlich das Maß aller Dinge in der Fahrzeugproduktion, ließe sich damit nicht steigern.

 

Gegenüber dem Fernsehsender CBS ging Elon Musk ein wenig ins Detail. Tesla habe ein “komplexes Netz aus Förderbändern gebaut”, dies habe “nicht funktioniert”. Also habe man es “abgeschafft”.

Langsam wie eine “Oma mit Gehhilfe”

In einem wenig beachteten Analysten-Call Anfang Februar 2018 hatte Elon Musk noch seine Vision von der “Maschine, die Maschinen baut” bekräftigt. Trotz der zum damaligen Zeitpunkt anhaltenden Produktionsschwierigkeiten wies der Chef von Tesla zum wiederholten Male darauf hin, dass er gegenüber den Konkurrenten aus der klassischen Automobilproduktion noch ein enormes Optimierungspotential Produktion sehe.

“What I find sort of interesting is that our competitors – the car industry thinks they’re really good at manufacturing. And actually they are quite good at manufacturing, but they just don’t realize just how much potential there is for improvement.” Elon Musk im Februar 2018

Normalerweise könne ein Automobilhersteller alle 25 Sekunden ein Auto produzieren, so Musks damalige Berechnungen. Dies erscheine schnell, doch letztendlich könne man daraus ableiten, dass dies langsamer als die Schrittgeschwindigkeit einer Oma mit einer Gehhilfe sei. Seine Vorstellung von einer schnellen Automobilproduktion sei, so führte Musk damals weiter aus, dass sich Unternehmen in einer Fabrik um den Luftwiderstand kümmern sollten, weil man die Produktionsgeschwindigkeit auf dreißig oder vierzig Kilometer pro Stunde erhöhen könne.

Elon Musk hatte mit diesen Äußerungen viele Produktionsexperten belustigt. In der gesamten Automobilindustrie hat sich seit Jahrzehnten ein Prozedere etabliert, das bei fast allen Herstellern auf dem Produktionssystem von Toyota (TPS) basiert. Die Geschwindigkeit der Produktion spielt dabei eine Rolle, ist aber nicht entscheidend für die Produktivität. Vielmehr setzen die Hersteller auf ein komplexes Zusammenspiel aus Materialzufuhr, automatisierten Fertigungsschritten und manuellen, von Menschen ausgeführten Arbeiten. Im Vordergrund steht die Qualität der Fahrzeuge, wenn sie die Produktionslinie verlassen.

“The competitive strength of Tesla long-term is not going to be the car, it’s going to be the factory. We’re going to productize the factory. […] We will have great products, with autonomy and stuff, but the factory is the product that has a long term, sustainable advantage.” Elon Musk im Februar 2018

Im Rahmen der Bemühungen, die Produktion des Model 3 zu hyperautomatisieren hatte Tesla im November 2016 den deutschen Maschinenbauer Grohmann übernommen. Es folgte eine Auseinandersetzung mit der deutschen Gewerkschaft IG Metall, die erfolgreich die Einhaltung von Tarifbestimmungen durchsetzte.

So entspannt geht es bei Tesla nicht immer zu. Arbeiter berichten von schlechten Arbeitsbedingungen, Überstunden, Verletzungen, niedrigen Löhnen.

Arbeiten bei Tesla? Ein “Höllenjob”.

Elon Musks neue Wertschätzung für menschliche Arbeitskräfte erzeugt bei einigen Marktbeobachtern ein verdutztes Stirnrunzeln. In der Vergangenheit gab es immer wieder Berichte über eigentlich nur als “katastrophal” zu bezeichnende Arbeitsbedingungen. Die Arbeit sei gefährlich, die Mitarbeiter machten viel zu viele Überstunden, die Bezahlung sei im Vergleich zum Branchendurchschnitt schlecht. Elon Musks Vision von der Elektromobilität werde auf dem Rücken der Arbeiter ausgetragen, die – anders als die Investoren – nicht von den steigenden Kursen der Aktien profitieren.

Auch wenn Tesla beteuert, dass sich in der Zwischenzeit viel geändert habe: Solche Berichte reißen nicht ab. Wie die Wochenzeitung „Zeit“ berichtet, sei der der Arbeitsdruck bei Tesla immer noch enorm hoch. Während der CEO publicity-trächtig auf einem Sofa in seinem Büro nächtigt, seien für die Arbeiter an den Produktionslinien Zwölf-Stunden-Schichten keine Seltenheit – ein “Höllenjob”. Die Angst, entlassen zu werden, sei enorm hoch – was spätestens seit der letzten Entlassungswelle im Oktober 2017 durchaus begründet erscheint. Verletzungen kämen weitaus häufiger vor, denn die oftmals noch ungelernten Fließbandmitarbeiter würden weitaus seltener als üblich ihre Arbeitsstationen am Fließband wechseln – dies führe zu Überbelastungen.

Zuvor gab es Berichte von derzeitigen und ehemaligen Mitarbeitern, die nicht nur von Versäumnissen in Fremont berichteten. Auch in der Gigafactory gebe es Produktionsprobleme, die sich letztendlich auf die Qualität der Fahrzeuge auswirken könnten. Die für das Model 3 benötigten Batterien seien noch bis vor kurzem teilweise von Hand gefertigt worden, die Endkontrolle sei mangelhaft. Entsprechende Hinweise an das Management seien achselzuckend ignoriert worden.

Hohe Investionen in die Produktionslinien – umsonst?

Tesla dementierte umgehend, doch andere Berichte folgten. Ein erheblicher Teil der von Tesla gefertigten Komponenten und Fahrzeuge müsse aufwendig nachgearbeitet werden, hierzu würden Mitarbeiter aus der Produktion abgezogen, berichtete der Fernsehsender CNBC. Zudem müsse der Hersteller von Elektrofahrzeugen in der Vergangenheit viele mangelhafte Bauteile an darauf spezialisierte Wiederaufbereitungsanlagen überstellen, um deren endgültige Verschrottung zu verhindern. Die Schilderungen wurden von Produktionsexperten als ein Indiz für interne Qualitätsprobleme aufgefasst, die es in dieser Form bei kaum einem Automobilhersteller gebe. Auch in diesem Fall bestritt Tesla die Schilderungen der Mitarbeiter.

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Bei Investoren und insbesondere bei Behörden dürfte Elon Musks Rückbesinnung auf menschliche Arbeitskräfte ebenfalls für Aufmerksamkeit sorgen. Bei der California Alternative Energy and Advanced Transportation Financing Authority (CAEATFA) hatte Tesla “under penalty of perjury” im Jahr 2015 hohe Steuerermäßigungen beantragt und angegeben, die diesen Mitteln zugrundeliegenden Investionen in Höhe von 463,6 Millionen USD dienten dem Ramp Up der Produktion der Modelle Model S und Model X. Tesla will von diesen Fahrzeugen 195.000 Einheiten pro Jahr produzieren, die Ausgaben für Maschinen, Werkzeuge u.ä. sollen seit Mai 2017 getätigt sein. Tastächlich stagniert die Produktion der beiden Autos seit nunmehr 21 Monaten, seit sieben aufeinanderfolgenden Quartalen.