Tesla unterstellt kritischen Medien eine “kalkulierte Desinformations-Kampagne“

Kritik an den Arbeitsbedingungen bei Tesla gab es schon mehrfach, doch eine neue Recherche deutet auf die manipulierte Erfassung von Arbeitsunfällen. Das Unternehmen reagiert heftig: Es handele sich um eine „kalkulierte Desinformations-Kampagne gegen Tesla“ und die „ideologisch motivierte Attacke einer extremistischen Organisation“.

Zwei Autoren des “Center for Investigative Reporting” erheben schwere Vorwürfe gegen den kalifornischen Autobauer Tesla. Das Unternehmen unterlasse die gesetzlich vorgeschriebene Erfassung von Arbeitsunfällen, um in den landesweiten Statistiken bessere Werte zu erzielen. Verletzungen von Arbeitern würden falsch ausgewiesen, das Management reagiere nicht auf wiederholte Hinweise zu Sicherheitsrisiken. Tesla reagiert umgehend und unterstellt den Journalisten, die Recherche sei Teil einer „kalkulierte Desinformations-Kampagne gegen Tesla“, und eine „ideologisch motivierte Attacke einer extremistischen Organisation“.

Vorab: Das Center for Investigative Reporting ist eine gemeinnützige Nachrichtenorganisation, die seit 1977 investigative Recherchen durchführt. Die beteiligten Journalisten wollen vor allem Ungleichheit, Missbrauch und Korruption aufdecken und veröffentlichen einen auf 470 Radiosendern ausgestrahlten Podcast. Der Vorsitzende Phil Bronstein war 1986 für den Pulitzer Preis nomniniert und arbeitete bereits für den San Francisco Examiner und den San Francisco Chronicle. 2012 war die Organisation für den Pulitzer Preis nominiert.

“Menschen werden unterschätzt.” twitterte Teslas CEO Elon Musk vor einigen Tagen und gestand ein, dass er das Automatisierungspotential seiner Fabrik in Fremont und Nevada überschätzt habe. Tesla werde die übermäßige Roboterisierung und Automatisierung seiner Fertigungsstätten reduzieren, diese sei ein Fehler gewesen.

Die Äußerungen sorgen bei Kennern von Produktionsabläufen in der Automobilfertigung für Stirnrunzeln, denn erst vor wenigen Wochen hatte sich der Chef der disruptiven US-Amerikaner noch gegenteilig zu Wort gemeldet. Die Produktion der Konkurrenten sei langsam wie eine “Oma mit Gehhilfe”, Tesla sehe hier ein enormes Optimierungspotential. Genau genommen seien nicht die Fahrzeuge, sondern die Fabriken der Wettbewerbsvorteil Teslas.

Die Rückbesinnung auf die menschliche Arbeitskraft kommt also mehr als überraschend – und lässt in den USA vor allem die mit Tesla im Clinch liegenden Gewerkschaften aufhorchen. Das Unternehmen hatte in der Vergangenheit unrühmliche Schlagzeilen gemacht, weil der Umgang mit den eigenen Arbeitnehmern weit unter den Standards in der US-amerikanischen Automobilindustrie liegen soll.

In der Vergangenheit gab es immer wieder Berichte über eigentlich nur als “katastrophal” zu bezeichnende Arbeitsbedingungen. Die Arbeit sei gefährlich, die Mitarbeiter machten viel zu viele Überstunden, die Bezahlung sei im Vergleich zum Branchendurchschnitt schlecht. Elon Musks Vision von der Elektromobilität werde auf dem Rücken der Arbeiter ausgetragen, die – anders als die Investoren – nicht von den steigenden Kursen der Aktien profitieren.

“In our view, what they portray as investigative journalism is in fact an ideologically motivated attack by an extremist organization working directly with union supporters to create a calculated disinformation campaign against Tesla.” Tesla

Das Nachrichtenportal BuzzFeed berichtete z.B. von Arbeitern, die “wie menschliche Gabelstapler” arbeiten müssten, übermäßig viele Verletzungen seien die Folge. Der britische Guardian – spätestens seit den Snowden-Recherchen für seine investigativen Recherchen bekannt – berichtete, dass das finanziell enorm unter Druck stehende Unternehmen die Sicherheit seiner Arbeiter vernachlässige.

Tesla entgegnete, dass man die Sicherheitsbestimmungen in den Produktionsstätten längst verbessert habe und mittlerweile in puncto Verletzungen den Branchendurchschnitt erreiche. Doch die umfangreichen Recherchen des Center for Investigative Reporting zeichnen ein ganz anderes Bild. Die Reporter wollen sich durch vorliegende Dokumente gearbeitet und die darin gemachten Angaben überprüft haben. Dabei habe sich herausgestellt, dass Tesla eigentlich erfassungspflichtige Arbeitsunfälle nicht als solche deklariere.

Zudem berichten ehemalige Mitarbeiter von seltsamen Aversionen des CEOs Elon Musk. Dieser möge die Farbe gelb nicht – deshalb verzichte man in der Fabrik auf eigentlich notwendige Zeichen und Linien, die in dieser Warnfarbe gestaltet werden. Mitarbeiter, die für die Arbeitssicherheit zuständig waren, hätten resigniert gekündigt, weil ihre wiederholten Hinweise ignoriert worden seien. Der fast schon klinisch anmutende Stil der Fabrik und die Geschwindigkeit der Maschinen hätten stets Priorität, die Sicherheit stehe zurück.

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Eine “ideologisch motivierte Attacke einer extremistischen Organisation”

Das Unternehmen reagierte umgehend auf die Recherchen und erhebt schwere Vorwürfe gegen das Center for Investigative Reporting. Ungeachtet der Reputation der Organisation sieht sich Tesla ungerechtfertigt beschuldigt und vermutet hinter dem report eine „kalkulierte Desinformations-Kampagne gegen Tesla“ und eine „ideologisch motivierte Attacke einer extremistischen Organisation“.

“We believe in transparency and would never intentionally misrepresent our safety record to our employees or the public.” Tesla

Man habe trotz der enormen Herausforderungen durch die Produktion des Model 3 die Verletzungsrate um 25% gesenkt und liege nun weit unter den Werten, die früher in dem Werk üblich waren. Man glaube an Transparenz und würde die eigenen Sicherheitsdatensätze nicht absichtlich falsch gegenüber den eigenen Mitarbeitern oder der Öffentlichkeit darstellen. Eine Überprüfung der Daten habe ergeben, dass Tesla alle Arbeitsunfälle korrekt erfasst habe.

Tesla’s War With The Media Is Just Unhinged At This Point

In den ersten US-amerikanischen Medien tauchen nun Stimmen auf, die Teslas heftige Attacken gegen kritische Medien thematisieren. Das Unternehmen und insbesondere der CEO Elon Musk verfolge eine PR-Strategie, die der von Donald Trump ähnele und darauf ausgelegt sei, jede kritische Berichterstattung zu diskreditieren.

Tesla bzw. Elon Musk hatten in der Vergangenheit wiederholt kritische Fragen abgeschmettert und die entsprechenden Journalisten diskreditiert. Fragen nach der Verantwortung Teslas für den “Autopiloten” wurden mit der Antwort quittiert, Kritik “töte Menschen”. Auf die Recherchen über Sicherheitsmängel und seltsame Verschwiegenheitserklärungen unterstellte Tesla, dass die Autoren an der Börse auf den Untergang des Unternehmens wetten. Der Nationalen Behörde für Transportsicherheit unterstellt das Unternehmen, sie interessiere sich mehr für Schlagzeilen als für die Sicherheit von Fahrzeugen.

Update: Das “Center for Investigative Reporting” (Reveal) hat in mehreren Tweets zu den Anschuldigungen Teslas Stellung genommen und u.a. darauf verwiesen, dass man zu den Finalisten des Pulitzer Preises gehöre:

Bild: CC BY 2.0, Steve Jurvetson