Jan Gleitsmann zeigt sich wenig begeistert.

Tesla Model X Launch – Gralsbringer oder Spielzeug für Oeko-Hipster?

Elon Musk hat am Dienstagabend mit dem Tesla Model X den ersten Elektro-SUV vorgestellt. Er soll eine Reichweite von bis zu 400 Kilometern haben und je nach Ausführung zwischen 100.000 und 142.000 Dollar kosten. Und jetzt gibt sich die ahnungslose Jubelpresse wieder die Klinke in die Hand und wird wohl auch zeitnah fragen "Warum bringen denn unsere deutschen Hersteller nichts vergleichbares auf den Markt?" Die Frage lasse ich zu, am Jubeln möchte ich mich nicht beteiligen. Eher frage ich mich und auch gerne Euch Leser - ist das jetzt wirklich Rock'n'Roll? Ist das wirklich das Auto 2.0?

von Jan Gleitsmann am 30. September 2015

Meine Antwort ist kurz und einfach: Nein. Kein Rock’n’Roll. Vielmehr sehe ich ein Spielzeug für Wohlhabende, dessen Nutzwert die automobile Gesellschaft kein Stück weiterbringen wird. Das Model X ist für mich nur eine Karikatur eines zukunftweisenden Fahrzeugs. Da werden jetzt die Flügeltüren des Model X gelobt. Falcon Doors. Und es wird suggeriert, dass diese jetzt der Weisheit letzter Schluss sein sollen, um in engen Parklücken bequemer ein- und aussteigen zu können. Wer einmal ein Auto mit Flügeltüren benutzt hat, der weiss, diese sind extrem sexy, aber wenig komfortabel. Zudem erfordern sie eine ausgeklügelte Mechanik, die alles ist, aber nicht leicht. Schiebetüren verhelfen ebenfalls zu einem komfortablen Einstieg in engen Parklücken, sind aber bei Weitem nicht so aufwendig.

Mal davon ganz abgesehen, hier in Europa haben wir ja nicht nur Probleme mit der Breite von Fahrzeuge, sondern mitunter auch eine Menge Probleme mit der Höhe von Garagen und Parkhäusern. Das Model X ist 162 cm hoch, öffnet man die Flügeltüren, dann benötigt man sogar ganze 236 Zentimeter an Höhe. In einigen Parkhäusern, in denen in schon geparkt habe, wird das durchaus zu Problemen führen. Und ganz abgesehen davon – das Model X ist 208 cm breit. Nicht gerade ein Gardemass im Sinne einer zukunftsträchtigen Fahrzeugs in einer Metropolregion. Was im Übrigen auch für die Länge von 5 Metern gilt.

Tesla Model X von vorn mit hochgeklappten Falcon Wings

Was wird doch das Model S in unseren Breiten gefeiert, ob seiner enormen elektrischen Reichweite. Mir stellen sich immer die Nackenhaare auf. Mit der verbauten 90 kWh Batterie soll man im Model X Reichweiten von 400 km realisieren können. Wow! Ich bin ja so beeindruckt. Nicht. Nissan hat jüngst ein Update seinen Elektroautos Leaf vorgestellt. Mit einer neuen 30 kWh-Batterie soll man bis zu 250 Kilometer weit kommen. Und da liege meines Erachtens das Potential. Wer schon elektrisch fahren möchte, um die Umwelt zu schonen, der sollte doch auch beachten, dass es keinen Sinn macht, ein riesiges, schweres Auto mit einer riesigen Batterie zu bestücken (immerhin will Tesla 8 Jahre Garantie auf die Batterie geben und auch später eine kleinere Batterie anbieten, die dann wohl ausreichen dürfte, um die Silicon Valley-Kids zur Schule zu bringen und wieder abzuholen). Stattdessen wäre es wohl eher ratsam, eine perfekte Balance aus Gewicht und Akku-Größe zu berechnen, um eben ein effizientes Auto auf die Beine zu stellen.

Nur mal aus der Luft gegriffen als Vergleich. Die hach so untätigen Autobauer … Der BMW i3 hat ein zulässiges Gesamtgewicht von 1.620 KG bei einer Nutzlast von 425 KG und Dank 18.8 kWh Batterie eine Reichweite von 190 km (mittlerer Kundenwert: 160 km). Der BMW i3 ist 1,78 m breit und 4 Meter lang. Der Nissan Leaf hat ein zulässiges Gesamtgewicht von 1.945 KG bei einer Nutzlast von 440 KG und soll dank der neuen 30 kWh Batterie nun 250 km elektrisch zurücklegen.

Bei Telsa gibt man vorsichtshalber auf der Homepage erstmal gar kein Gewicht an. Laut Techcrunch sind es um die 2.5 Tonnen Trockengewicht. Mit einem einfachen Dreisatz kann man sich da durchaus einen Effizienz-Faktor errechnen, wenn man denn möchte. Immerhin ermöglicht das hohe Eigenwicht, dass man mit dem Model X auch bis 2.2 Tonnen schwere Anhänger ziehen kann. Wie sich dies dann auf die Reichweite niederschlägt, muss sich noch zeigen.

modex

Man kann sich aber auch daran ereifern, dass sich die Türen öffnen, sobald man sich dem Wagen nähert und ebenso automatisch schließen, nachdem man drin sitzt. Und auch kann man anführen, dass das Model X mit einem riesigen Panorama-Dach daher kommt. Vielleicht sogar mit dem Größten, was derzeit überhaupt verfügbar ist. Aber Hand aufs Herz – sind das wirklich genau die Features, die wir von einem zukunftsweisenden Fahrzeug erwarten?

Abgestellt wird hingegen prominent in vielen Überschriften, die imposante Beschleunigung des SUV-Van-Crossovers. Aus dem Stand auf 60 mph (96,56 km/h) in 3,2 Sekunden. Um das mal einzuordnen – ein Lamborghini Gallardo LP570-4 benötigt 3,4 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Braucht die Welt wirklich ein elektrisches SUV, was schneller beschleunigt als ein Supersportwagen? Wenn ja, wozu und warum? Vorstehende Werte beziehen sich übrigens auf die potente Model X Variante P90D mit zwei Elektomotoren an der Vorderachse, die gemeinsam 259 PS leisten sollen und zwei Motoren an der Hinterachse, die zusammen 503 PS haben sollen. Wie viel Drehmoment durch den Allradantrieb erzeugt wird, ist noch nicht überliefert, lediglich die Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h (155 mph) gibt Tesla auf seinen Seiten an. Die weniger potente Version 90D muss mit 259 PS auskommen, profitiert aber auch nicht von einer deutlich längeren Reichweite.

Tesla Model X: Blick durch die Windschutzscheibe

Der Preis beim P90D liegt bei 132.000 US-Dollar (etwa 117.000 Euro). Wer den Ludicrous-Beschleunigungsmodus beim P90D dazuordert, zahlt 142.000 US-Dollar. Preis für den deutschen Markt sind noch nicht bekanntgegeben worden. Wird wohl aber auch vorerst nicht relevant sein, denn die ersten 25.000 Vorbestellungen soll Tesla nach eigenen Verlautbarungen schon im Auftragsbuch haben, alle weiteren Interessenten müssen nach Bestellung 8-12 Monate warten. Dies könnte unter anderem damit zusammenhängen, dass man nur 30% statt vorher geplant 60% der Teile vom Tesla S wiederverwenden konnte. Was eben wohl auch zeigt, dass man sich zwar nach aussen sehr hip verkaufen kann, aber das Geschäft mit dem Autobau eben ganz weltlich von Statten geht.

Ob, wann und wie wir hier bei MobileGeeks den Tesla X im Rahmen eines Fahrberichtes vorstellen werden, steht noch in den Sternen. Die Presse-Abteilung von Tesla Deutschland ist jungen Medien wohl nicht so aufgeschlossen, dass sie ein Modell aus ihren kleinen Fuhrpark erübrigen könnte – so zumindest unsere Erfahrungen in Sachen Model S. Aber vielleicht ändert sich dies ja auch nach dem Besuch vom Elon Musk in Deutschland, der da jüngst unserem Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel zu erklären versuchte, wie das mit der Elektromobilität eigentlich funktioniert.

Zudem wird er sich wohl auch bei seinen deutschen Mitarbeitern erkundigt haben, warum man das Absatzziel von 200-300 Fahrzeugen pro Woche (!) nicht so recht erreichen will. 2014 konnte man laut KBA gerade mal auf 817 Neuzulassen zurück blicken, im laufenden Jahr 2015 waren es bis zur Jahresmitte mit 448 Neuzulassungen (BMW i3: 1378, Nissan Leaf: 380) auch nicht gerade bedeutend mehr. Insgesamt wurden 4.663 Elektro-Pkw neu zugelassen, was einem Zuwachs von immerhin 11.3% entspricht. Blickt man aber auf den Gesamtwert von 1.538.268 Neuzulassungen insgesamt in ersten Halbjahr 2015, dann können wir wohl feststellen, dass wir Deutschen oder unser Deutschland noch lange nicht bereit ist für die Elektromobilität.

Ich lehne mich jetzt wieder entspannt zurück, freue mich über konstruktive Kommentare und frage mich, ob der Tesla 3 dann die große Wende in der Elektromobilität bringen wird, oder ob es eher den renommierten Herstellern zukommt, still und heimlich zukunftsfähige Lösungen zu präsentieren.