Model 3 Produktion: hat Tesla (wieder) einfach gelogen?

Im Juli hatte Tesla die Serienproduktion des neuen Model 3 verkündet, doch bisher wird das kalifornische Elektroauto weitestgehend noch von Hand gefertigt. Die Enthüllungen kommen für Elon Musk zur Unzeit, denn das Unternehmen ist bei rückläufigen Produktionszahlen des Model S auf zuversichtliche Investoren und Partner angewiesen.

Nur wenige Tage nach der Bekanntgabe enttäuschender Produktionszahlen des neuen Tesla Model 3 hat Elon Musk ein Video der Produktionslinien veröffentlicht. Das kurze Filmchen, statt über die offiziellen Unternehmenskanäle wie üblich verbreitet via Instagram und Twitter, zeigt die für die Fertigung eingesetzten Roboter in einer Zeitlupe. In der Realität sollen sich die Maschinen mit zehnfacher Geschwindigkeit bewegen.

The Model 3 body line slowed down to 1/10th speed

A post shared by Elon Musk (@elonmusk) on

Das renommierte Wallstreet Journal hatte unter Berufung auf nicht namentlich genannte Insider darüber berichtet, dass Tesla mit enormen Produktionsproblemen zu kämpfen habe und die bisher ausgelieferten 260 (statt avisierten 1500) Model 3 weitgehend von Hand fertige. Der Bericht hatte Zweifel geweckt, dass Tesla die enorme Nachfrage nach dem Auto fristgerecht bedienen könne, die Aktie des Unternehmens brach zeitweise ein.

Tesla hatte den Produktionsstart des Model 3 im Juli bekanntgegeben und die “Auslieferung” der ersten Modelle mit einem Event zelebriert. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass bisher nur sehr wenige Autos tatsächlich auf den Straßen unterwegs sind, die meisten davon scheinen Mitarbeitern des kalifornischen Autobauers zu gehören.

Weiterlesen: Arbeitsalltag bei Tesla: gefährlich, niedrige Löhne, Überstunden

Die wiederum scheinen bei der Übergabe ihres Model 3 eine Art Verschwiegenheitserklärung oder ähnliche Dokumente unterzeichnen zu müssen, denn – gemessen an der Aufmerksamkeit und sonstigen Präsenz in den Sozialen Netzwerken – gibt es kaum Fotos oder Fahrberichte des Fahrzeugs. Die bisher verfügbaren Fotos stammen allesamt von Nutzern, die irgendwo ein Model 3 gesichtet und dann schnell fotografiert haben, meistens an einem Supercharger.

Bei einem näheren Blick auf einige dieser Bilder zeigen sich erschreckende Verarbeitungsmängel, die wir so – bei einem immerhin rund 40.000 Euro teuren Fahrzeug – eigentlich nicht gewohnt sind. Allein die Spaltmaße der Fahrzeuge sind jenseits von Gut und Böse und lassen Zweifel daran aufkommen, ob diejenigen, die die Fahrzeuge offenbar von Hand zusammenzusetzen, ihren Job gelernt haben.

Feast your eyes!

Teslas sommerliche Ankündigung, fristgerecht mit der Serienproduktion des Model 3 starten zu können, hatte für das Unternehmen eigentlich eine elementare Bedeutung. Externe Beobachter gehen davon aus, dass Elon Musk verschiedene Zusagen an existierende und zukünftige Investoren und Partner einhalten muss, damit die Finanzierung der Produktion weiterhin gesichert ist. Tesla ist – anders als viele etablierte Autohersteller – enorm abhängig von Risikokapitalfinanzierungen und steuerlichen Subventionen, die wiederum beide an bestimmte Vorgaben bzw. Zeitfenster gebunden sein könnten.

“Although the vast majority of manufacturing subsystems at both our California car plant and our Nevada Gigafactory are able to operate at a high rate, a handful have taken longer to activate than expected.” Tesla

In einem ersten Statement hatte Tesla auf die Recherchen des Wallstreet Journal reagiert und betont, dass nur “eine Handvoll” der Produktionssysteme noch nicht auf dem erwarteten Niveau operieren. Selbstverständlich können sich bei der Serienproduktion von Fahrzeugen auch dann erhebliche Verzögerungen ergeben, wenn nur wenige – oder nur eine – elementar wichtige Produktionslinie ausfällt, diese bildet dann eben den berühmten Flaschenhals.

Allerdings gehört das vollständige Setup einer solchen Produktionsstrecke eben auch zu den elementaren Aufgaben, die ein Autobauer vor der publicityträchtigen Bekanntgabe der Serienproduktion zu bewältigen hat. Ist dieser Prozess noch nicht abgeschlossen, befindet man sich mit allen daraus resultierenden Konsequenzen schlicht noch mitten in der Nullserie, hinkt also in teslas Fall weit hinter dem Zeitplan zurück.

Das Branchenmagazin electrek.co berichtet unterdessen, dass Tesla in den vergangenen Wochen wichtige Bauteile des Model 3 gegenüber den ursprünglich eingeplanten Komponenten geändert habe. So sollen sowohl die Front- als auch die Rücklichter sowie die Sitze ausgewechselt worden sein. Auch bei den eingebauten Akkus soll es Änderungen gegeben haben. Besonders enthusiastische Fans der Marke bezeichnen die momentanen Produktionsverzögerungen und Verarbeitungsmängel auch im Rückblick auf die anfänglichen Probleme mit dem Model S und Model X als “normal” und sehen darin das typische – und hinzunehmende – Gebaren eines jungen Start Ups.

Tesla Model 3: Enttäuschende Energiedichte?

So erklärt sich auch, dass Tesla die ersten der immerhin mehr als 400.000 Vorbesteller weiterhin mit lapidaren Twitter-Statements hinhalten kann. Ursprünglich wurde versprochen, dass die ersten Kunden, die keine Mitarbeiter sind, ihre Fahrzeuge im Oktober erhalten werden. Eine offizielle Bestätigung oder einen Hinweis auf die momentanen Verzögerungen haben die Vorbesteller vom ansonsten so kommunikationsfreudigen Unternehmen oder seinem Chef bisher aber nicht erhalten.

Angesichts der enormen Beobachtung und der Relevanz für den Aktienkurs des Unternehmens muss sich Tesla allerdings durchaus fragen lassen, ob man sich mit derart lapidaren Statements auf der einen und großspurigen Ankündigen auf der anderen Seite nicht einfach zurückhalten sollte. Ansonsten wirken die Versprechungen von Elon Musk irgendwann nicht mehr wie optimistische Phantasien, sondern schlicht wie … nun ja, Lügen.

“So as a rough guess, I would say we would aim to produce 100,000 to 200,000 Model 3s in the second half of next year. That’s my expectation right now.” Elon Musk im Frühjahr 2016

Update 17:30 Uhr – Gegegnüber dem US-amerikanischen Portal jalopnik.com hat ein Sprecher des Unternehmens eine Stellungnahme zum Bericht des WSJ abgegeben. Die Prduktionslinien für das Model 3 seien voll funktionsfähig, die Modelle würden nicht manuell gefertigt, der Artikel sei falsch. Im Wortlaut:

“This reporting is fundamentally wrong and misleading. We are still in the beginning of our production ramp, but every Model 3 is being built on the Model 3 production line, which is fully installed, powered on, producing vehicles, and increasing in automation every day. However, every vehicle manufacturing line in the world has both manual and automated processes, including the Model S and Model X line today. Contrary to the Journal’s reporting, this is not some revelation. As we’ve always acknowledged, it will take time to fine-tune the line for higher volumes, but as we have also said, there are no fundamental issues with Model 3 production or its supply chain, and we are confident in addressing the manufacturing bottleneck issues in the near-term. We are simply working through the S-curve of production that we drew out for the world to see at our launch event in July. There’s a reason it’s called production hell.” Elon Musk im Frühjahr 2016

Unterdessen meldet das Fachmagazin dailykanban.com, dass wichtige Teile der Produktionsanlage noch gar nicht fertiggestellt seien, was wiederum entweder der Bekantgabe der Serienproduktion im Juli widerspricht oder darauf hindeuten könnte, dass Teile der Produktion erst später umgestellt oder komplettiert werden.

Ingenieure warnten Elon Musk frühzeitig vor falschen Versprechungen