Kommentar
Tesla, Pravduh, Jubelperser, Sex-Kult: Elon Musk und die “Lügenpresse!!”

In einer tagelang andauernden Tirade schimpft Teslas CEO Elon Musk über "die Medien" und "die Journalisten", denen die Öffentlichkeit keinen Glauben mehr schenke. Ein von ihm finanziertes Bewertungsportal solle nun "die Wahrheit" ans Licht bringen. Über Böcke und Gärtner - ein Kommentar.

Seit dem vergangenen Mittwoch geht es in der elektromobilen Filterblase nur noch um “die Wahrheit”. Elon Musk, mitunter gottgleich verehrter CEO von Tesla, hat sich publicity-trächtig mit “den Medien” und “den Journalisten” angelegt und schwadroniert seitdem über die Qualitäts- bzw. “Lügenpresse”.

Fassen wir die Tweets von Elon Musk in den vergangenen Tagen kurz zusammen: Journalisten (“Journos”, wie Elon Musk sie bevorzugt nennt) leben ”in einer Blase von selbstgerechter Heiligkeit”. Die Öffentlichkeit vertraue den Medien nicht mehr, deshalb sei Trump gewählt worden. Journalisten stünden ”unter dem ständigen Druck, maximale Klicks zu erzielen und Werbedollar zu verdienen oder gefeuert zu werden””, was wiederum eine ”heikle Situation sei, da Tesla keine Werbung mache, aber die Unternehmen mit fossilen Brennstoffen und Benzin- und Dieselfahrzeugen zu den größten Werbetreibenden der Welt zählen”.

Das ”Niveau der Verachtung” der Medien für die eigenen Leser sei ”schlimmer als erwartet” und er plane nun ein öffentliches Bewertungsportal für Medien und Journalisten. Dieses nenne er Pravduh, weil ”Russland” (oder doch die Ukraine? Der Staat?) die Wunschadresse pravda.com bereits belegen würden. Die Argumente der Journalisten gegen ein solches Portal glichen Wort für Wort denen, die ”Despoten gegen die Demokratie verwenden”. Ach so, und Nanotech ist Bullshit. Geschenkt.

Einige Journalisten interpretieren die Medienattacke des populären Firmenlenkers als Indiz, dass seine Nerven nach einer vergleichsweise langen Phase kritischer Berichterstattung blank liegen. Kann man so sehen – muss man aber nicht. Mindestens ebenso wahrscheinlich ist, dass Elon Musk einen solchen Frontalangriff aus knallhartem Kalkül vollzieht und weiß, dass seine treue Gefolgschaft willig über die von ihm kritisierten Medien und Journalisten herfallen wird.

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Ebenso wahrscheinlich ist, dass er aus tiefster Überzeugung handelt und sich dazu berufen fühlt, “die Presse” mit einem von ihm initiierten Selbstheilungsprozess zu retten. Fraglich ist, was ausgerechnet ihn dazu befähigen sollte – denn kaum etwas deutet darauf hin, dass ausgerechnet er die richtige Person für diesen “Job” wäre. Ganz im Gegenteil.

Da wäre zum einen Musk eigene Befangenheit in diesem Punkt. Es gibt – abgesehen von Apple, zu Zeiten von Steve Jobs – kaum ein Technologieunternehmen, das in einem vergleichbaren Umfang von einer positiven Berichterstattung profitiert hat wie Tesla. In den offiziellen Mitteilungen an die Investoren weist Tesla sogar explizit darauf hin, dass der Umfang der medialen Aufmerksamkeit dem Unternehmen geholfen habe, bis zum heutigen Tage ohne traditionelle Werbemaßnahmen auszukommen:

“Historically, we have been able to generate significant media coverage of our company and our vehicles, and we believe we will continue to do so. To date, for vehicle sales, media coverage and word of mouth have been the primary drivers of our sales leads and have helped us achieve sales without traditional advertising and at relatively low marketing costs.”

Dann wäre da zum anderen Teslas und Musks Vorgeschichte, wenn es um mediale Kritik und ein zwiespältiges Verhältnis zu Journalisten geht. Bereits im Jahr 2016 nutzte Tesla das bereits damals populäre Unternehmens-Blog, um gegen die unliebsame Berichterstattung zu möglichen Sicherheitsmängeln und seltsamen Verschwiegenheitserklärungen vorzugehen. Wenig später unterstellte der CEO des Elektroautobauers kritischen Journalisten, dass ihre seiner Ansicht nach “negativen” Artikel zum umstrittenen “Autopilot” Menschen töten würden. Erst vor wenigen Wochen bezeichnete er die Recherchen einer preisgekrönten Non-Profit Organisation als „kalkulierte Desinformations-Kampagne gegen Tesla“, basierend auf einer „ideologisch motivierten Attacke einer extremistischen Organisation“.

“Because, and really you need to think carefully about this, because if, in writing some article that’s negative, you effectively dissuade people from using an autonomous vehicle, you’re killing people.”

Sprich: Musks Medienkritik und die dabei verwendete Rhetorik zieht sich wie ein roter Faden durch seine jüngere Biographie. Immer dann, wenn er oder sein Unternehmen in Frage gestellt werden, holt er zum Schlag unter die Gürtellinie aus und greift die Reputation “der Medien” oder “der Journalisten” an. Diese Diskreditierung folgt einem Schema, das ebenso niederträchtig wie – rückblickend – durchschaubar ist.

Die Empörung der selbsternannten „Bescheidwisser“

Neu ist, dass Musk unlängst auch Analysten nach einem vergleichbaren Muster attackierte. Naheliegende Fragen nach Teslas finanzieller Situation bezeichnete er als “langweilig”, wechselte mitten in einer wichtigen Telefonkonferenz zu einem vergleichsweise wohlgesonnen, alternativen Medium (sic!) und unterstellte den geladenen Fragestellern, sie seien voreingenommen.

Man kann dieses Verhalten als “Schrulligkeiten” eines Multi-Milliardärs abtun, dessen “Verdienste” für das “Wohl der Menschheit” nun einmal bedingen, dass er nicht mit “Trivialitäten” behelligt werden möchte. Kann man – muss man aber nicht.

Denn wie simpel eine vermeintliche Lichtgestalt wie Elon Musk tickt, demonstriert er eindrucksvoll selbst. In der heissen Phase der Twitter-Debatte ließ sich Elon Musk zum wiederholten Male dazu hinreissen, auf eine seiner bevorzugten Informationsquellen zu verweisen: das Fan-Blog Electrek.

Offenbar erfüllt der Inhaber Frederic Lambert die Qualitätskriterien, die Elon Musk (und ein erheblicher Teil besonders ethusiastischer Fans) an einen vertrauenswürdigen Berichterstatter anlegt. Dass ausgerechnet Frederic Lambert in der gesamten Automobilpresse für seine mehr als nur tendenziöse Berichterstattung “Pro-Tesla” bekannt ist und dabei knallharte finanzielle Motive verfolgt, kann Elon Musk kaum entgangen sein. Lambert ist einer der Jubelperser, die in jeder noch so trivialen “Meldung” zu einer – mal mehr, mal weniger subtilen – Lobeshymne auf Tesla und Musk ansetzen. In seinem berühmt-berüchtigten “Electreks Take” am Ende jeder Nachricht findet er stets eine an den Haaren herbeigezogene Möglichkeit, das Unternehmen oder seinen Gründer in einem möglichst positiven Licht erstrahlen zu lassen.

Damit nicht genug. Im Eifer des Gefechts empfahl Elon Musk einen Artikel der Internetseite “The Knife”. Dieser Artikel beinhalte seiner Ansicht nach eine “exzellente” Analyse der Kritik, die er momentan für seine Pläne erhalte. Tatsächlich beinhaltet der Artikel ein auch von Musk geplantes “Rating” von Medien, die angeblich nach unterschiedlichen Kriterien bewertet werden – und dabei durchfallen.

Elon Musk hat den Tweet in der Zwischenzeit wieder gelöscht, denn tatsächlich handelt es sich bei “The Knife” um eine Internetseite, die dem “Sex-Kult” NXIVM zugeordnet wird. Kein seriöser Journalist würde eine solche Internetseite nach einem obligatorischen Hintergrundcheck als “Quelle” oder gar “Referenz” heranziehen. Oder er würde die dort angeblich geltenden objektiven Kriterien doppelt und dreifach auf ihre Plausibilität prüfen.

Elon Musk hat das nicht getan. Das verdeutlicht eindrucksvoll, nach welchen Kriterien der CEO von Tesla seine Medienauswahl trifft: empfehlenswert ist, was die eigene bevorzugte Deutung wiedergibt. Die Reputation oder Glaubwürdigkeit des Mediums oder Verfassers spielt überhaupt keine Rolle – das bedeutungsschwangere Geschwafel über die Glaubwürdigkeit der Presse und ihre Abhängigkeiten wird mit diesen beiden “Referenzen” zur Farce.

Hulk Hogan, ein Sex-Video, ein Klatsch-Blog und ein Multi-Milliardär

In einem weitaus größeren Kontext wirft Elon Musks Verhalten allerdings tatsächlich Fragen auf, denn mehrere Faktoren lassen Medienkenner unweigerlich an einen gar nicht allzu lang zurückliegenden Fall denken.

Vor knapp zwei Jahren hatte Elon Musks ehemaliger Geschäftspartner Peter Thiel seine finanziellen Ressourcen genutzt, um dem damals populären Klatschblog Gawker den Todesstoß zu versetzen. Zwischen dem Multimilliardär und dem unliebigen Medium gab es eine offene Rechnung, die Thiel auf äußerst umstrittene Weise einforderte. Seitdem gibt es die Befürchtung, dass Thiels damaliges Verhalten auch eine “Blaupause” für andere Silicon Valley Milliardäre sein könnte, die sich besonders kritischer Medien entledigen wollen.