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Production Hell

Sind Teslas Produktionsprobleme viel größer als vermutet?

Die von Elon Musk als "Production Hell" bezeichneten Probleme bei der Serienfertigung des Model 3 sollen hauptsächlich von Tesla selbst verursacht sein. Ein Insider berichtet, im Unternehmen herrschten Chaos und Meinungsverschiedenheiten. Zudem weiche Tesla von jahrzehntelang bewährten Prozedere ab.

von Bernd Rubel am 31. Oktober 2017

Der Bericht eines Insiders weckt die Sorge, dass die momentanen Produktionsprobleme bei Tesla weitaus größer als bislang vermutet sind. Innerhalb des Unternehmens sollen Unstimmigkeiten und Chaos auf verschiedenen Entscheidungsebenen herrschen, wichtige Komponenten für die dringend benötigten Produktionslinien wurden viel zu spät geordert und geliefert. Offenbar sind Tesla und Elon Musk für die “Production Hell” maßgeblich selbst verantwortlich.

Konkret geht es bei den Vorwürfen des anonymen Insiders gegenüber Edward Niedermeyer um zwei wichtige Produktionslinien (Body in White, BIW) eines nicht genannten Lieferanten, die bei der Fertigung der Karosserien zum Einsatz kommen. Innerhalb des gesamten Produktionsprozesses stehen diese Produktionslinien ziemlich am Anfang – also bevor z.B. Türen, Scheiben oder andere bewegliche Teile montiert oder die Karosserie lackiert werden.

Meinungsverschiedenheiten zwischen Teslas Designern und Ingenieuren hätten dazu geführt, dass der Auftrag an den Lieferanten für diese Produktionslinie mehrfach überarbeitet werden musste. Innerhalb des Unternehmens habe es keine klare Vorgabe gegeben, was im Rahmen der Produktion überhaupt erforderlich sei. Zudem habe der Weggang verschiedener Mitarbeiter von Tesla dazu geführt, dass Erfahrungen aus der der derzeitigen Produktion des Model S und Model X verlorengegangen seien. Offenbar, so scheint es, wurden diese Erfahrungen nicht im erforderlichen Umfang dokumentiert.

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Bereits vor der dadurch anscheinend viel zu späten Auftragserteilung habe man bei Tesla das Anforderungsprofil für die Maschinen insgesamt fünf Mal überarbeitet. Mindestens vier Änderungen habe es gegeben, nachdem der Lieferant den Auftrag erhalten und mit der Fertigung der Produktionsanlage begonnen habe. Tesla habe für die Änderungen und die immer wieder geänderte Timeline Extra-Zahlungen leisten müssen, der Lieferant konnte die Termine letztendlich einhalten.

Elon Musk hatte nach einer Recherche des Wall Street Journal ein kurzes Video veröffentlicht, das eine der Produktionslinien für das Model 3 in verlangsamter Aktion zeigen soll. Aufmerksamen Beobachtern war aufgefallen, dass an den Roboten Bedienungsanleitungen oder vergleichbare Dokumente baumeln, was für eine Maschine im vollautomatisierten Serienproduktionsprozess absolut unüblich ist.

The Model 3 body line slowed down to 1/10th speed

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“Production Hell” oder nur “kalt erwischt”?

Besonders problematisch sei, so der Insider weiter, dass es sich bei der Fertigung und beim Aufbau der Produktionslinie um einen sogenannten “Cold Build” handele. Normalerweise werden solche Anlagen bei der beauftragten Spezialfirma gefertigt und vor der Auslieferung an den Autohersteller gründlich getestet. Erst wenn die Anlage nach einem festgelegten Prozedere alle Anforderungen erfüllt und alle Tests absolviert wird, wird sie wieder abgebaut und im Werk des Kunden wieder aufgebaut. Damit stellen die Fertiger sicher, dass sich die eigenen Experten für die Serienproduktion von Automobilen ausführlich mit der Anlage beschäftigen und ihre eigenen jahrelangen Erfahrungen einbringen können. Nach dem Aufbau beim Kunden werden weitere Tests durchgeführt, erst dann – üblicherweise nach circa sechs bis zwölf Monaten – startet die Serienproduktion der Fahrzeuge.

Bei einem sogenannten “Cold Build” werden die Tests beim Fertiger der Anlage übersprungen. Die Produktionslinie wurde offenbar sofort im Tesla-Werk in Freemont aufgebaut, eine vorherige Prüfung fand nicht statt. Alle Prüfungen und Modifikationen müssen nun von den Experten des Fertigers vor Ort ausgeführt werden, was letztendlich zu enormen Verzögerungen zu führen scheint.

Mit der Projektplanung einer vergleichbaren Produktionslinie bei einem anderen Autohersteller habe man beispielsweise ein Jahr vor Teslas Bestellung begonnen. Die zwischenzeitlich ausgelieferten Maschinen und Roboter befänden sich nun beim Fahrzeughersteller im Status der Vor-Produktion, für die Serienproduktion stünden diese Fertigungslinien frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2018 zur Verfügung. Diese Vorgehensweise sei bei allen Autoherstellern etabliert, spare letztendlich hohe Kosten und vermeide, dass kleinste Änderungen vor Ort und während der Serienproduktion durchgeführt werden müssten.

Von den ursprünglich geplanten zwei Produktionslinien soll es bei Tesla bisher nur die geben, die nach diesem “Cold Build” Prinzip afgebaut worden sei. Für die zweite Produktionslinie, die man eigentlich zur zeitnahen Erreichung der Produktionskapazitäten von 500.000 Einheiten pro Jahr brauche, gebe es im Werk in Freemont gar keinen Platz. Mit dem Produktionsprozess vertraute Quellen bezweifeln, dass Tesla vor Ende 2018 in der Lage sei, 2500 oder 3000 Einheiten pro Woche zu bauen. Das würde bedeuten, dass kürzlich bestellte Model 3 frühestens 2019 an die Kunden ausgeliefert werden – heute bestellte Fahrzeuge kommen noch später.

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Der Erfolg mit dem Model 3 ist elementar für Tesla und markiert den Einstieg des Unternehmens in die Serienproduktion. Die bisher gefertigten Fahrzeuge Model S und Model X wurden – verglichen mit den etablierten Konkurrenten in der Automobilindustrie – in Kleinstmengen gefertigt und angesichts ihrer vergleichsweise hohen Preise an eine verschwindend kleine Klientel ausgeliefert.

Tesla hat auf die Recherchen bisher nicht reagiert. Elon Musk hatte kürzlich betont, dass es “no fundamental issues with the Model 3 production or supply chain” gebe. Am morgigen Mittwoch wird Tesla die Quartalszahlen für die zurückliegenden Monate veröffentlichen und darin vermutlich einen neuen Rekordverlust ausweisen, der – ebenfalls vermutlich – mit hohen Investitionen zur Produktion des Model 3 begründet wird.

Quelle: dailykanban.com