Tesla verbrennt mehr Geld als jemals zuvor, Reserven schrumpfen [Q1/2018]

Mit einem weiteren Rekordverlust hat der Fahrzeughersteller Tesla das erste Quartal des Jahres 2018 abgeschlossen. Das Unternehmen "verbrennt" soviel Geld wie niemals zuvor, die Reserven des Unternehmens schrumpfen. Elon Musk vertröstet die Investoren auf die zweite Jahreshälfte, in der allerdings eine wichtige Förderprämie halbiert werden könnte. Zudem stehen hohe Investitionen an.

Tesla hat nach dem gestrigen Börsenschluss wie erwartet den Quartalsbericht für das erste Quartal 2018 vorgelegt. Mit rund 593,76 Millionen Euro (rund 710 Millionen USD) schreibt Tesla zum wiederholten Male den höchsten Verlust seiner Unternehmensgeschichte und “übertrifft” den Rekordverlust von 565 Millionen Euro (rund 675 Millionen USD) aus dem vergangenen Quartal noch einmal deutlich. Die Cash-Reserven des Unternehmens nahmen dementsprechend erneut ab: Tesla war mit rund 3,367 Milliarden USD auf der hohen Kante ins neue Jahr gestartet, nun liegen die Reserven bei rund 2,665 Milliarden USD.

Gegenüber dem Vergleichsquartal aus dem Vorjahr (Q1/2017: 276,2 Millionen Euro bzw. 330,3 Millionen USD) stieg der Verlust um satte 115 Prozent.

Bereits im Vorfeld der Bekanntgabe der Geschäftszahlen hatten sich die Analysten und Fonds-Manager mit ihren Prognosen einen regelrechten Zickenkrieg geliefert. Während die einen weiterhin an die Zukunft des Unternehmens glauben, sehen andere Tesla kurz vor dem Bankrott. Die von Tesla veröffentlichten – und nicht veröffentlichten – Informationen lassen schon seit geraumer Zeit viel Raum für Spekulationen, was sich auch im Verlauf des Aktienkurses immer wieder zeigt.

Zum Hintergrund:

Elon Musk hatte Mitte April in einer “unabsichtlich veröffentlichten” E-Mail an die Tesla-Mitarbeiter verkündet, dass man die Fertigungsmengen und -qualität des Model 3 im Griff habe und weiter verbessern wolle. Kurz zuvor musste der populäre CEO eingestehen, dass man sich mit der Hyper-Automatisierung der Produktion übernommen habe und nun in einem weitaus größeren Umfang auf menschliche Arbeiter in der Automobilfertigung setzen wolle. Die wiederum stellen das Unternehmen vor große Herausforderungen, denn um die Arbeitssicherheit soll es bei Tesla nicht gut bestellt sein – tatsächlich rangiert man unter den zehn gefährlichsten Arbeitgebern der USA.

Beobachtern fällt zudem auf, dass eine vergleichsweise hohe Zahl von wichtigen Führungskräften das Unternehmen verlässt und dass sich Tesla für seinen enorm wichtigen “Autopiloten” rechtfertigen muss. Die Behauptungen des Unternehmens zu dessen Sinn und Funktionalität erscheinen zunehmend “unglaubwürdig”, mit der Nationalen Behörde für Transportsicherheit befindet sich Elon Musk in einer Auseinandersetzung.

Video: Der Baufortschritt der “Gigafactory” im April 2018

Einen erheblichen Teil der heute offiziell bestätigten Zahlen hatte Tesla bereits im Vorfeld bekannt gegeben. Anfang April wurde der sogenannte 8K-Report veröffentlicht, der vor allem Einblicke in die Produktionszahlen gibt. Seit einigen Wochen steht fest, dass Tesla in den ersten drei Monaten des Jahres mit insgesamt 34.494 Einheiten mehr Fahrzeuge als jemals zuvor produziert hat. Bei insgesamt 24.728 Fahrzeugen handelt es sich um die beiden seit längerer Zeit gefertigten Fahrzeuge Model S und Model X. Vom Model 3 wurden in diesem Zeitraum insgesamt 9.766 Einheiten gefertigt.

Tesla hatte in diesem Zusammenhang die eigene Erwartung verkündet, dass man im laufenden Kalenderjahr 2018 keine neuen Schulden machen müsse. Vielmehr erwartet Elon Musk, dass Tesla spätestens ab dem dritten oder vierten Quartal Gewinne erwirtschaftet, aus denen sowohl das operative Geschäft als auch anstehende Investitionen bewältigt werden können.

Eklat: Elon Musk düpiert Analysten während Telefonkonferenz

Weiterhin 450.000 Reservierungen für das Model 3

Von der ursprünglichen Prognose, dass man Ende März circa 2.500 Einheiten des Model 3 produzieren wolle, weicht Tesla weiterhin ab. Momentan pendelt sich die Produktion bei circa 2.200 Einheiten pro Woche ein.

Gewinne kann Tesla verbuchen, wenn die produzierten Fahrzeuge tatsächlich an Kunden ausgeliefert werden. Seit der Vorlage der Geschäftszahlen steht fest: Tesla konnte in den ersten drei Monaten des Jahres 2018 insgesamt 21.815 Model S und Model X sowie 8.182 Model 3 ausliefern, was zu insgesamt 29.997 Auslieferungen (und einem entsprechenden Lagerbestand bzw. Zulauf) führt. Im Vergleich zum vorherigen Quartal nahm die Zahl der tatsächlich ausgelieferten Model S und Model X damit um rund 23,25% ab. Im Vergleich zum Vorjahresquartal (Q1/2017, 25.000 Einheiten) sank die Zahl der ausgelieferten Model S und X um 12,74%. Der überproportional hohe Rückgang im Vergleich zum Jahresende soll auf “operativen und logistischen Problemen” basieren, die Nachfrage nach beiden Modellen sei weiterhin “sehr stark”.

Die Zahl der tatsächlich an Kunden ausgelieferten Model 3 nahm im Vergleich zum vorherigen Quartal Q4/2017 (1.542 Einheiten) um 430,61% zu. In den Monaten Oktober 2017 bis März 2018 hat Tesla also insgesamt 9.724 Model 3 an Kunden ausgeliefert. Das Unternehmen bekräftigt, dass sich die Zahl der Reservierungen weiterhin auf dem Niveau von 450.000 Einheiten bewege. Diese Reservierungen haben einen enormen Anteil an den hohen Kundeneinlagen, die wiederum einen erheblichen Anteil an den verbleibenden Cash-Reserven des Unternehmens haben.

Umsatz, Rekordverlust und Cash Flow

Insgesamt konnte Tesla einen Quartalsumsatz von 3,4 Milliarden USD ausweisen, woran der allein mit Fahrzeugen erzielte Umsatz den größten Anteil hat. Mit dem Model S, X und 3 erwirtschafteten die Kalifornier einen Umsatz von 2,735 Milliarden USD, was im Vergleich zum Vorjahresquartal (Q1/2017, 2.289 Milliarden USD ) einer Steigerung von 19% entspricht. Diese Umsatzsteigerung soll – logisch, angesichts der weniger verkauften Model S und X – hauptsächlich dem Model 3 und einem anderen Buchhaltungsstandard geschuldet sein.

Gegenüber dem letzten Quartal des Jahres 2017 fiel die Umsatzsteigerung wesentlich geringer aus, hier erwirtschaftete Tesla mit seinen Fahrzeugen 2,702 Milliarden USD – ein Plus von 3,66%. Angesichts der überproportional gesteigerten Auslieferungen des Model 3 und einem vorläufigen Verzicht auf die Möglichkeit, die Fahrzeuge zu leasen ist das ziemlich enttäuschend.

Branchenexperten weisen bereits seit längerem darauf hin, dass es auch bei der Produktion der Modelle “S” und “X” eine seit nunmehr 21 Monaten auffällige Stagnation gebe. Das ist insofern problematisch, weil Tesla mit diesen beider höherpreisigen Modellen vergleichsweise viel Umsatz und Gewinn erzielt, während das Model 3 als Fahrzeug der (oberen) Mittelklasse in diesem Punkt etwas schlechter abschneidet. Ein Blick auf die Bruttomarge im Bereich Automotive gibt darüber Auskunft, wie Tesla hier momentan positioniert ist: Sie stieg wie angekündigt, aber nur leicht von 18,9% im vierten Quartal 2017 auf 19,7% im ersten Quartal 2018. Im ersten Quartal 2017 hatte die Bruttomarge mit den höherpreisigen Model S und Model X noch bei 27,4% gelegen.

Im vergangenen Quartal Q4/2017 hatte Tesla darauf hingewiesen, dass man im operativen Geschäft mit 509,891 Millionen US-Dollar einen neuen Cash Flow Rekord aufgestellt habe. Bereits damals fiel auf, dass dieser vergleichsweise hohe Wert auf einem optimierten Forderungseinzug, der in diesem Quartal besonders massiven Reduzierung der Lagerbestände und dem Wachstum der Kundeneinlagen zurückzuführen war. Zudem konnte Tesla durch den “Abverkauf” von Emissionszertifikaten überproportional hohe Einnahmen von 179 Millionen US-Dollar verbuchen, deren Anteil an der offiziell ausgewiesenen Gewinnmarge bei fast 30% lagen.

Den Wert aus dem vorherigen Quartal konnte bei weitem Tesla nicht erreichen. Der Cash Flow im operativen Geschäft sank auf 398 Millionen US-Dollar, dies entspricht einem Rückgang um circa 22%. Die Gründe für diesen Rückgang sollen eine Erhöhung der Lagerbestände und Forderungen aus Lieferungen und Leistungen sein, zudem sanken die Einnahmen aus dem Handel mit Emissionszertifikaten (ZEV Credits) auf 50 Millionen US-Dollar. Die Summe kurzfristiger Verbindlichkeiten stieg von 7,674 Milliarden US-Dollar im vierten Quartal 2017 auf 8,650 Milliarden US-Dollar im ersten Quartal 2018.

Marktbeobachter weisen im Zusammenhang mit allzu optimistischen Prognosen immer wieder darauf hin, dass die Zeit gegen Tesla arbeitet. Das Unternehmen wird im Jahresverlauf 2018 die Grenze an Auslieferungen überschreiten, ab der nur noch 50% der Bundesförderung an Käufer des Model 3 ausgezahlt wird (3.750 statt 7.500 USD). Andere Hersteller, die zunehmend Konkurrenten für das Model 3 anbieten werden, sind von dieser Reduzierung noch nicht betroffen und profitieren mehr als Tesla von der angekündigten Steuerreform in den Vereinigten Staaten.

Tesla könnte spätestens ab dem Eintritt der gestaffelten Reduzierung der Steuerförderung gezwungen sein, das Model 3 günstiger als ursprünglich geplant anzubieten und müsste dann auf einen Teil der veranschlagten Gewinnmarge verzichten. Besonders skeptische Prognosen gehen davon aus, dass ein für ~35.000 US-Dollar angebotenes Model 3 eigentlich keinen Gewinn abwerfen würde und Tesla eventuell darauf verzichten könnte, das Fahrzeug in dieser abgespeckten Ausstattungsvariante anzubieten.

Reduziertes Investitionsvolumen

Tesla weist in der heutigen Mitteilung an die Investoren darauf hin, dass man das Investitionsvolumen von +3,4 Milliarden USD im vergangenen Jahr auf weniger als 3 Milliarden US-Dollar im laufenden Jahr reduzieren wolle. Mehr als die Hälfte der Investitionen im laufenden Quartal sei in den Ausbau der Model 3 Fertigung in der Gigafactory und Fremont geflossen, zudem habe man Lieferanten bezahlt. Nun wolle man sich auf den kritischen kurzfristigen Investitionsbedarf konzentrieren, von dem man in erster Linie “ein paar Jahre” profitieren könne.

Diese Ankündigung kommt überraschend. Tesla hat mit dem Elektro-LKW “Semi”, dem bereits angekündigten Roadster 2 und Model Y, dem angekündigten Bau eines Werkes in China, weiteren geplanten Gigafactorys und dem Ausbau des Supercharger-Ladenetzwerks eine Reihe von eigentlich erwarteten Investionen vor der Brust, die mehr oder weniger stark die zukünftige Position des Unternehmens gegenüber den Wettbewerbern beeinflussen. Zudem basiert ein erheblicher Teil der Kundeneinlagen (siehe oben) und somit der zur Verfügung stehenden Reserven auf der Annahme, dass Tesla die reservierten Modelle auch tatsächlich mehr oder weniger fristgerecht produzieren und ausliefern will.

Die Aktie von Tesla sank nach Börsenschluss

Weiterlesen: marketwatch.com, tesla.com