Tesla: Rekordverlust trotz Emissions-Zertifikaten und Lager-Ausverkauf

Mit dem lukrativen Verkauf von Emissionszertifikaten, dem Abverkauf von vergleichsweise hohen Lagerbeständen, überproportional hohen Kundeneinlagen und offensichtlich noch nicht getätigten Investitionen für die Produktionsanlagen des Model 3 wirkt Teslas letzte Quartalsbilanz schon besser als sie tatsächlich ist. Und dennoch steht unter dem Strich ein Rekordverlust.

Der kalifornische Autobauer Tesla hat am gestrigen Abend nach Börsenschluss seinen Quartalsbericht für das vierte Quartal 2017 vorgelegt. Mit rund 675 Millionen Euro schreibt Tesla den höchsten Verlust seiner noch recht jungen Unternehmensgeschichte. Ein Blick ins Kleingedruckte, ein Rückblick auf die vergangenen und eine Vorschau auf die kommenden Monate offenbaren zudem einige besorgniserregende Entwicklungen.

Einige der heute offiziell bestätigten Zahlen und Informationen waren schon im Vorfeld bekannt oder wurden von verschiedenen Analysten so erwartet. So hatte Tesla bereits Anfang Januar die Auslieferungen der momentan gefertigten Modelle S und X bestätigt und durchblicken lassen, dass man langsam – langsamer als ursprünglich erwartet – die Produktion des Hoffnungsträgers Model 3 hochfahre.

Seit dem gestrigen Tage steht fest: Tesla konnte in den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres insgesamt 28.425 Model S und Model X sowie 1.542 Model 3 ausliefern, was zu insgesamt 29.967 Auslieferungen führt. Im Vergleich zum vorherigen Quartal stieg die Zahl der ausgelieferten Model S und Model X damit um rund 10%, im Vergleich zum Vorjahresquartal (Q4/2016) sogar um 28%.

Ursprünglich hatte Tesla befürchtet, dass die Ankündigung des Model 3 zu einem erheblichen Rückgang der Bestellungen des Model S und Model X führen könne. Dies habe sich nicht bestätigt, stattdessen sei die Zahl der Bestellungen sogar gestiegen. Dies habe im Jahr 2017 zu einem Umsatz von rund 11,8 Milliarden USD geführt, was im Vergleich zum Vorjahr (2016) einer Steigerung von 55% entspreche.

Allerdings räumt Tesla erneut ein, dass man die Produktion der für den Umsatz verantwortlichen Model S und Model X erheblich reduzieren musste, um Kapazitäten für das Model 3 zu schaffen. Insgesamt habe man nur 22.137 Einheiten produziert, bei einem erheblichen Teil (6.288) der gebuchten Verkäufe (28.425) handelt es sich also um zuvor produzierte Lagerbestände.

Branchenexperten weisen bereits seit längerem darauf hin, dass die Produktion bei Tesla eine mittlerweile auffällige Stagnation zeige. Seit Ende 2016 und somit seit nunmehr 18 Monaten hat sich die Produktion der Modelle S und X quasi nicht gesteigert, was nach kaufmännischen Gesichtspunkten nicht unbedingt auf eine große Nachfrage hindeutet. Zudem gab es wiederholte Hinweise auf z.T. hohe Rabatte, die Tesla entgegen einer offiziellen Verlautbarung mittlerweile einräume. Das wiederum könnte ein maßgeblicher Grund für den vergleichsweise hohen Abverkauf von Lagerbeständen sein, der Tesla unbestritten im vergangenen Quartal gelang.

Hier hilft ein Blick auf die Bruttomarge im Bereich Automotive, die Tesla ebenfalls ausweist: Sie sank von 22,6% im vierten Quartal 2016 auf 18,9% im vierten Quartal 2017. Tesla wiederum weist darauf hin, dass die sogenannte non-GAAP Bruttomarge mit 13,8% im vierten Quartal noch niedriger ausfalle, da in der momentanen Phase die Investitionen für das Model 3 besonders stark berücksichtigt würden. Dies wiederum werde sich auch im ersten Quartal 2018 nicht ändern, aber beim Model S und Model X erwarte man nun wieder eine Steigerung.

Im Kleingedruckten der Investorenmeldung erfährt man, dass der allein mit Fahrzeugen erzielte Umsatz im Vergleich zum Vorjahresquartal um 36% von 1.994.123.000 USD auf 2.702.195.000 gestiegen sei. Im Vergleich zum gesamten Vorjahr (2017 auf 2016) habe es eine Umsatzsteigerung von 52% gegeben. Zudem habe der mit Gebrauchtwagenverkäufen erzielte Umsatz zugenommen, hier verzeichne man einen Zuwachs von 81% im Vergleich zum Vorjahresquartal.

Von den meisten Analysten und Branchenexperten wird zum jetzigen Zeitpunkt positiv bewertet, dass Tesla im Zusammenhang mit den Quartalszahlen keine erneute Verschiebung der Serienproduktion des Model 3 bekannt gab. As Unternehmen hält an dem Ziel fest, zur Jahresmitte pro Woche rund 5000 Einheiten des Fahrzeugs produzieren zu wollen. Dies wiederum würde – so die Hoffnung – spätestens dann den so dringend benötigten Cash Flow erhöhen.

Das Sorgenkind: Der Cash Flow

Eben dieser Cash Flow stammt momentan in einem überproportional hohen Ausmaß aus anderen Quellen. Tesla weist in seiner Investorenmeldung darauf hin, dass man im operativen Geschäft mit 509.891.000 USD einen neuen Cash Flow Rekord aufgestellt habe. Dieser basiere u.a. auf einem optimierten Forderungseinzug, der bereits zuvor erwähnten Reduzierung der Lagerbestände und dem Wachstum der Kundeneinlagen.

Insbesondere die beiden letzten Punkte lässt Analysten aufhorchen, denn es handelt sich de facto um nicht oder nur sehr eingeschränkt wiederholbare, einmalige Effekte. Bei einer stagnierenden bzw. sogar sinkenden Produktion des Model S und Model X und einem mehr oder weniger vollständigen Verkauf der Lagerbestände können die beiden vergleichsweise umsatz- und gewinnträchtigen Modelle im laufenden Quartal (Q1/2018) nur noch wenig zum Cash Flow beitragen. Selbiges gilt für die Kundeneinlagen, die wohl hauptsächlich von den bisherigen Vorbestellern des Model 3 und – in geringerem Umfang – von den Vorbestellern des Tesla Semi und Roadster 2 stammen.

Um einen auf absehbare Dauer ebenso einmaligen Effekt handelt es sich beim “Abverkauf” der Emissionszertifikate. Diese sind im zurückliegenden Quartal für überproportional hohe Einnahmen von 179 Millionen USD verantwortlich und übertreffen damit die bisherige Rekordsumme in diesem Bereich erheblich. Bereits im dritten Quartal 2016 hatte Tesla aus dem Zero Emission Vehicle Program einmalig rund 138,5 Millionen USD erzielen können und war durch diese Einnahmen letztmalig in die Gewinnzone gerutscht. Bei Bloomberg weist man dementsprechend völlig zu recht darauf hin, dass der Anteil dieser Zertifikate an der Gewinnmarge im zurückliegenden Quartal bei fast 30% (!) liege, was die tatsächlich enorm drastischer gesunkene Gewinnmarge im Bereich Automotive erheblich verschleiere.

Zugleich habe sich die Nettoverschuldung von Tesla im vergangenen Jahr auf nunmehr rund 6,947 Milliarden USD verdoppelt. Dies wiederum führe dazu, dass sich auch die Zinsaufwendungen im Vergleich zum Vorjahresquartal verdoppelt hätten und mittlerweile ein Drittel (!) des Bruttogewinns ausmachen.

Teslas Blackbox: die Produktion des Model 3

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In einem der Bekanntgabe der Quartalszahlen folgenden Analysten-Call wurden einige der bereits erwähnten Punkte angesprochen und z.T. von den zugeschalteten Verantwortlichen (Elon Musk, Martin Viecha, Jeffrey B. Straubel, Deepak Ahuja und Doug Field) bestätigt. Zu den Schwerpunkten des Gesprächs gehörten aber auch einige weiterhin ungeklärte Fragen, die die Produktion des Model 3 und die Ursachen für die bisherigen Produktionsverzögerungen betreffen. Dabei machte insbesondere Elon Musk einige Aussagen, die bei Ingenieuren und Entwicklern im Bereich Automotive für Stirnrunzeln (oder ein müdes Lächeln, oder schallendes Gelächter) sorgen dürften.

Elon Musk wies trotz der eigenen anhaltenden Produktionsschwierigkeiten zum wiederholten Male darauf hin, dass man gegenüber den Konkurrenten noch ein enormes Optimierungspotential bei der Fahrzeugproduktion sehe. Wörtlich sagte er:

“What I find sort of interesting is that our competitors – the car industry thinks they’re really good at manufacturing. And actually they are quite good at manufacturing, but they just don’t realize just how much potential there is for improvement. It’s way more than they think.

I went through this math I think on a prior earnings call, but like it sounds like some of the fastest car factories produce a car maybe every 25 seconds. That sounds fast. But if you think of a 5-meter long car, including gap, and a 4.5 meter car with a half meter gap or something, that’s only 0.2 meters per second. Like grandma with a walker can exceed the speed of the fastest production line we’re in, so really no that fast. Walking speed is one meter per second, so five times faster than the fastest production line on earth.

Why shouldn’t it at least be jogging speed? I mean in the limit, companies should start caring about the aero drag in the factory, which that’s maybe around 20 miles or 30 miles an hour, or call it 30 kilometers an hour, 40 kilometers an hour. It’s like, stuff should be moving at that speed.” Elon Musk

 

Elon Musk stellt damit das in der gesamten Automobilindustrie etablierte Fertigungsmodell in Frage, das bei den meisten Herstellern mittlerweile auf dem Produktionssystem von Toyota (TPS) basiert und sich – in mal mehr oder weniger abgewandelter Form – auch in anderen Branchen bewährt hat. Verkürzt zusammengefasst basiert das Toyota Produktionssystem auf dem Ansatz, dass Qualität bereits im Produktionsprozess entstehen muss. Dieses sogenannte Jidōka-Prinzip bedingt, dass neben einer konsequenten Fehlervorbeugung und Fehlervermeidung und einer ständigen Optimierung von möglichst standardisierten Prozessen ein konsequenter Produktionsstopp bei Abweichungen von der Zielvorgabe “Hohe Produktivität bei höchster Produktqualität und pünktlicher Lieferung” erfolgt.

Optimierungen in den Zeitabläufen, die für die Produktion eines Fahrzeugs benötigt werden, werden durch eine Harmonisierung des Produktionsflusses (Heijunka), ein Pullsystem (Kanban), einen kontinuierlichen Materialfluss, vielseitig qualifizierte Mitarbeiter und die Eliminierung von Verschwendung (bei gleichzeitiger Erhöhung der Wertschöpfung) erreicht.

Zur momentan erreichten Wochenproduktion des Model 3 macht Tesla keine weiteren Angaben.

Ausblick auf die kommenden Monate und 2018

Tesla geht in seiner Investorenmeldung davon aus, dass man irgendwann im kommenden Jahr ein sich nachhaltig positiv entwickelndes vierteljährliches Betriebsergebnis vorweisen könne, sofern man die Produktion des Model 3 hochfahren und dabei die operativen Ausgaben begrenzen werde. In diesem Zusammenhang strebe man beim Model 3 spätestens im dritten Quartal 2018 eine auf 25% steigende Gewinnmarge an.

Skeptische Marktbeobachter weisen in dem Zusammenhang darauf hin, dass die Zeit gegen Tesla arbeitet. Das Unternehmen wird im Jahresverlauf 2018 die Grenze an Auslieferungen überschreiten, ab der Käufern des Model 3 nur noch 50% der Bundesförderung zu Gute kommen wird (3.750 statt 7.500 USD). Andere Hersteller, die zunehmend Konkurrenten für das Model 3 anbieten werden, sind von dieser Reduzierung noch nicht betroffen und profitieren mehr als Tesla von der angekündigten Steuerreform in den Vereinigten Staaten. Tesla könnte dementsprechend gezwungen sein, das Model 3 günstiger als ursprünglich geplant anzubieten und müsste dann auf einen Teil seiner ohnehin ungewöhnlich hoch veranschlagten Gewinnmarge verzichten. Zugleich gibt es anhaltende Produktionsengpässe bei den “alten” 18650er-Zellen, die weiterhin im Model S und X eingesetzt werden, was wiederum auf eine weiterhin stagnierende Produktion und somit ausbleibende Umsatzsteigerungen durch diese beiden Fahrzeuge hindeutet.

 

Stutzig macht, dass Tesla für 2018 nur geringfügig steigende Investitionen ankündigt. Im zurückliegenden Quartal investierte das Unternehmen 787 Millionen USD, der überwiegende Teil davon dürfte in die immer noch nicht vollständig aufgebauten Produktionsanlagen des Model 3 geflossen sein. In laufenden Jahr soll hauptsächlich in die Produktionskapazitäten der Gigafactory und der Fertigung in Fremont sowie in neue Stores, neue Service-Center und neue Supercharger investiert werden. Von weiteren, zuvor angekündigten Gigafactorys oder neuen Produktionsstätten für den ja bereits für 2019 angekündigten Tesla Semi ist allerdings nicht die Rede.