Teslas „Autopilot“ beschleunigt auf über 100 km/h in den tödlichen Frontalcrash

Die NTSB hat ihren vorläufigen Untersuchungsbericht zu einem tödlichen Unfall mit einem Tesla Model X vorgelegt, bei dem der sogenannte "Autopilot" eingeschaltet war. Nach Angaben der Ermittler beschleunigte das Fahrzeug unmittelbar vor dem Aufprall gegen eine Fahrbahnbegrenzung.

Die Nationale Behörde für Transportsicherheit (National Transportation Safety Board, NTSB) hat ihren vorläufigen Untersuchungsbericht zu einem tödlichen Verkehrsunfall mit einem Tesla Model X vorgelegt. Das Fahrzeug eines 38-jährigen Apple-Mitarbeiters war im März frontal in das Ende einer Fahrbahnbegrenzung gerast. Während der Fahrt war mit dem sogenannten Autopilot eine Kombination aus verschiedenen Fahrerassistenzsystemen eingeschaltet. Die Untersuchung soll u.a. klären, ob und falls ja welche Rolle die Software bei – bzw. “für” – den Unfall gespielt hat.

Nach den bisher vorliegenden Erkenntnissen der Unfallexperten fuhr das Elektroauto von Tesla auf dem US Highway 101 in südlicher Richtung und näherte sich dabei dem Verkehrsknotenpunkt State Highway 85. Die auf diesem Streckenabschnitt geltende Geschwindigkeitsbegrenzung beträgt 65 Meilen bzw. circa 105 Kilometer pro Stunde. Der den Verkehrsfluss berücksichtigende Tempomat (Traffic-aware Cruise Control) – ein Bestandteil des “Autopiloten” – war auf 75 Meilen bzw. circa 121 Kilometer pro Stunde eingestellt.

In dieser Einstellung orientiert sich das Auto an der Geschwindigkeit vorausfahrender Fahrzeuge und hält einen dabei in verschiedenen Stufen einstellbaren Mindestabstand ein. Ist die vorausliegende Strecke frei, fährt das Fahrzeug mit der eingestellten Tempomat-Geschwindigkeit.

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Je nach Entwicklungsstand solcher Systeme können auf bestimmten Streckenabschnitten geltende Geschwindigkeitsbegrenzungen über eine Verkehrszeichenerkennung berücksichtigt werden. Weiter entwickelte Systeme berücksichtigen vorausschauend Geschwindigkeitsbegrenzungen, die im Kartenmaterial hinterlegt sind und sind dabei in der Lage, das Tempo des Fahrzeugs wegen einer in Kürze folgenden Geschwindigkeitsbegrenzung “sanft” zu reduzieren.

Als weiterer Bestandteil des “Autopiloten” soll ein Spurhalteassistent (Autosteer Lane-keeping Assistant) das Fahrzeug in der Bahn halten. Dabei greift die Software auf die Daten der im Fahrzeug integrierten Kameras zurück, die sowohl Fahrbahnmarkierungen und -begrenzungen als auch die Spur eines eventuell vorausfahrenden Fahrzeugs erkennen und sich daran orientieren sollen.

Der Autopilot des Fahrzeugs wurde nach Auswertung der sogenannten Logfiles auf der insgesamt 32-minütigen Fahrt viermal aktiviert. Innerhalb der letzten 18 Minuten und 55 Sekunden vor dem tödlichen Crash war der Autopilot kontinuierlich in Betrieb.

Tesla hatte in einer ersten Stellungnahme zu dem tödlichen Unfall bekannt gegeben, dass der Fahrer im Lauf der Fahrt “mehrere” visuelle und insgesamt ein akustisches Warnungsignal erhalten habe, mit denen er zum Halten des Lenkrads und der damit demonstrierten Aufmerksamkeit sowie – falls nötig – zur daraus resultierenden rechtzeitigen Fahrzeugkontrolle aufgefordert worden sei. Die visuellen Warnsignale bestehen aus einem blinkenden Symbol, beim akustischen Warnsignal handelt es sich um ein anfangs leises, später lauteres Bimmeln.

Die NTSB bestätigt in ihrem vorläufigen Untersuchungsbericht, dass der Fahrer tatsächlich insgesamt zwei (“mehrere”, siehe oben) visuelle Warnsignale und insgesamt ein akustisches Warnsignal erhalten habe. Allerdings stellt die Behörde klar, dass diese Warnungen in keinerlei Zusammenhang mit dem Verhalten des Fahrers oder dem Verhalten des Fahrzeugs unmittelbar vor dem tödlichen Crash standen. Vielmehr habe es in den letzten 15 Minuten (der insgesamt circa 19 Minuten, siehe oben) vor dem Aufprall keinerlei Warnungen des Systems gegeben.

Verschiedene Medien hatten die Pressemeldungen Teslas dahingehend interpretiert, dass der Fahrer “Kollisionswarnungen” erhalten habe. Dies war nicht der Fall.

Kollisionswarnungen, Kollisionswarnungen, Kollisionswarnungen … es ist unfassbar, wie sich in Windeseile das Märchen…

Gepostet von Mobilegeeks Deutschland am Samstag, 7. April 2018

 
In der besonders im Fokus stehenden einminütigen Phase vor dem tödlichen Unfall habe der Fahrer laut der vorliegenden Log-Files insgesamt dreimal für insgesamt 34 Sekunden seine Hände am Lenkrad gehabt.

Tödlicher Countdown inklusive Beschleunigung

In der entscheidenden Phase vor dem tödlichen Aufprall sei das Model X anfangs einem vorausfahrenden Fahrzeug gefolgt, an dem sich der oben erwähnte Spurhalteassistent orientiert habe. Die Geschwindigkeit des Tesla betrug in den acht Sekunden vor dem Unfall 65 Meilen bzw. circa 105 Kilometer pro Stunde und entsprach damit exakt der Geschwindigkeitsbegrenzung auf diesem Abschnitt.

Während er dem vorausfahrenden Fahrzeug folgte, begann der Tesla sieben Sekunden vor dem Crash eigenständig eine Linkssteuerung. Das nachfolgende Video zeigt eine Situation, in dem ein vom Autopiloten gesteuerter Tesla plötzlich eine solche Linkssteuerung einleitet und auf eine vergleichbare Fahrbahnbegrenzung zusteuert. Durch eine rechtzeitige harte Bremsung kann der Fahrer den Aufprall verhindern.

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In den sechs Sekunden vor dem Aufprall habe das System die Hände des Fahrers nicht am Lenkrad erkannt. Vier Sekunden vor dem Aufprall sei das dann seit mittlerweile drei Sekunden vom Autopiloten nach links gesteuerte Model X nicht mehr dem vorausfahrenden Fahrzeug gefolgt.

Drei Sekunden vor dem Aufprall habe das mittlerweile ohne “Führungsfahrzeug” fahrende, seit vier Sekunden nach links steuernde Auto mit einem Beschleunigungsvorgang begonnen. Die Geschwindigkeit des Fahrzeugs sei innerhalb dieser drei Sekunden von 62 Meilen bzw. circa 100 Kilometern pro Stunde auf 70,8 Meilen bzw. circa 114 Kilometer pro Stunde erhöht. Eine Bremsung oder Ausweichlenkung vor dem herannahenden Hindernis habe es nicht gegeben.

Reaktionen von Elon Musk und Tesla

Tesla hatte bereits frühzeitig dem Fahrer die alleinige Schuld für den tödlichen Unfall gegeben. Das Unternehmen weise die Fahrzeugführer ausdrücklich darauf hin, dass es sich beim “Autopiloten” um ein nicht abschliessend getestetes System handele, das die permanente Aufmerksamkeit für das Verkehrsgeschehen und die vor dem Fahrzeug liegende Strecke erfordere.

Die NTSB hatte Tesla für die frühzeitigen Stellungnahmen kritisiert und Tesla schließlich den sogenannten “Partner-Status” im Ermittlungsverfahren entzogen. In diesem Zusammenhang wies die Behörde darauf hin, dass man Tesla bereits in einem früheren Ermittlungsverfahren ermahnt habe, dass der “Autopilot” nicht die eigentlichen notwendigen Sicherheitsmaßnahmen für ein solches System erfülle. So sei z.B. die Überwachungs des Lenkraddrehmoments kein geeignetes Mittel, um die notwendige Aufmerksamkeit des Fahrers für ein solches System zu gewährleisten.

Tesla „Autopilot“: Over-the-Air in den Frontal-Crash?

 
In einer vor wenigen Wochen veröffentlichten Recherche hatte n mit der Entwicklung betraute Ingenieure den Vorwurf erhoben, dass Tesla u.a. aus Kostengründen auf eine wesentlich sicherere Fahrerüberwachung verzichte. Zudem hatte sich die National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) von Teslas Behauptung distanziert, sie bestätige einer Reduzierung der Unfallrate um 40%. Verschiedene Experten für die Technologie hatten diese und ähnliche Behauptungen zuvor als “unglaubwürdig” bezeichnet. Vor circa zwei Wochen forderten schließlich zwei einflussreiche Verbraucherschutz-Organisationen die mächtige Federal Trade Commission (FTC) auf, die “trügerische und irreführende” Anpreisung des Fahrerassistenzsystems schnellstmöglich zu unterbinden.

Elon Musk hatte u.a. die Berichterstattung zu diesem und ähnlichen Unfällen zum erneuten Anlass genommen, sich über “die Medien” und “die Journalisten” zu beschweren. In einer sich über mehrere Tage ziehenden Tirade ließ sich der CEO des Autobauers über deren angebliche Abhängigkeit von klassischen Automobilproduzenten aus, hinter der er die Gründe für die seiner Ansicht nach unangemessen kritischen Berichterstattung vermutet.

via. ntsb.gov