TikTok und Politik: Segen oder Fluch?

In den letzten Wochen macht TikTok wieder oft von sich reden, immer öfter auch aus politischen Gründen. Aber ist die Video-Plattform für politische Messages geeignet oder gar gefährlich?

von Carsten Drees am 13. Juli 2020

Ich habe spaßeshalber gerade mal nachgeschaut: Ich hab 2016 mein erstes TikTok-Video aufgenommen. Für alle, die mir angesichts eines TikTok-Beitrags hier ein fröhliches “OK, Boomer” zurufen wollen — ich war vor euch dort, ihr kleinen Nachwuchs-Influencer :-D Der Laden hieß seinerzeit noch musical.ly und wurde ein Jahr später dann von ByteDance gekauft, bevor er dann komplett in TikTok aufging.

Eigentlich bin ich aber sicher, dass man hier niemandem was von TikTok erzählen muss, denn selbst wenn man nicht auf der Plattform vertreten ist, hat doch so ziemlich jeder wohl mitbekommen, dass die Kids dort allesamt Content konsumieren oder eben auch produzieren.

Wenn wir von diesem Content reden, dann befindet der sich im Wandel. Anfangs, gerade durch die musical.ly-Übernahme, ging es hauptsächlich um kurze Lipsync-Clips, nach und nach wurde das thematisch aber deutlich ausgebaut. Nachdem es die längste Zeit als reine Spaß-Video-Plattform wahrgenommen wurde, auf der sich alles hauptsächlich um Sing-, Tanz-, Sketch- und Prank-Videos drehte, sind die Inhalte zunehmend erwachsener geworden.

Kollege Ümit beispielsweise betreibt dort sehr erfolgreich einen Cooking-Kanal, es gibt Tutorials, Lifehacks — und auch immer häufiger Abstecher in die Politik. Das konntet ihr kürzlich hier schon nachlesen, als ich nämlich die Frage stellte, ob die Jugend, die sich im Netz organisiert, die Welt verbessert.

Im konkreten Fall ging es darum, dass sich unzählige TikTok-Nutzer und K-Pop-Fans (vermutlich gibt es hier eine große Schnittmenge) für eine Trump-Rally registrierten und zum Schein dort auflaufen wollten. So glaubte die Trump-Administration, dass über eine Million Menschen dort aufschlagen werden, letzten Endes redete der US-Präsident aber in einer halbleeren Halle.

Aktionen dieser Art gab es schon mehrere, so hat man sich ebenfalls über TikTok verabredet, möglichst gleichzeitig den Merch-Store des Präsidenten aufzusuchen und sich ohne Ende Produkte in die Warenkörbe zu packen. Auch, wenn man sie nicht kauft, werden die Produkte dann temporär als ausverkauft angezeigt.

Einen wirklichen politischen Impact dürfte das wohl nur marginal haben, wenn man den Wahlkampf des POTUS boykottiert, den Präsidenten wird es dennoch ärgern. Aber es werden auch politische Inhalte auf TikTok besprochen und gerade in den letzten Wochen war TikTok selbst ein Politikum. Wie so oft geht es dabei um Vorwürfe, dass man es a)  mit dem Datenschutz nicht so eng nimmt und b) im Zweifelsfall der chinesischen Regierung Auskünfte erteilt.

Logisch, dass TikTok das dementiert ,Indien hat kürzlich erst dennoch Nägel mit Köpfen gemacht und insgesamt 59 chinesische Apps gebannt — inklusive TikTok. Selbst machte die Plattform vor wenigen Tagen von sich reden, als man angesichts der Entwicklung in Hongkong die App von sich aus vom Markt genommen hat.

Auch in den USA blickt man kritisch auf TikTok — ähnlich wie bei Huawei vermutet man auch in diesem Fall, dass TikTok möglicherweise Nutzerdaten direkt weiterreicht an die chinesischen Behörden. Ginge es nach der Trump-Administration, würde man auch in den USA TikTok blocken.

Wird TikTok gefährlich?

Gerade die #BlackLivesMatter-Bewegung hat TikTok nochmal einen Schub gegeben, was die politische Nutzung angeht und tendenziell finde ich das großartig, wenn sich eine Social-Media-App, die von so vielen Millionen jungen Menschen genutzt wird, nicht nur für Quatsch-Videos anbietet, sondern hier auch wichtige Dinge vorantreibt.

Spätestens seit Fridays for Future wissen wir, was für eine Macht junge Menschen haben, wenn sie für eine Sache brennen und sich online organisieren. Das ist für mich auch bei vielen Themen wie eben #BlackLivesMatter und #FridaysForFuture eine absolut positive Entwicklung im Netz, weil es nicht wir Altärsche sind, die irgendwann damit leben müssen, den Planeten an die Wand gefahren zu haben — sondern eben die Kids. Ich muss auch zugeben, dass ich mir eine gewisse Schadenfreude nicht verkneifen kann, wenn man Trumps Wahlkampf torpediert.

Dennoch sehe ich aber auch Gefahren, gerade auf einer Plattform, auf der Hunderte Millionen vor allem junge Menschen zusammenkommen. Da ist zunächst mal die Ausrichtung von TikTok. Es geht um Konsum-Häppchen, die man sich dort reinzieht. Egal, ob Tanz-Choreo, Sketch oder eben ein politisches Statement: Spätestens nach 60 Sekunden ist Schluss und man ist schon mitten im nächsten Video.

Gerade bei komplexen Themen kann das schwierig werden. Man kann natürlich bestens in 60 Sekunden eine Demonstration auf Amerikas Straßen dokumentieren, bei der man gerade ist. Man kann aber nicht ausführlich erklären und vor allem kontrolliert niemand, wer da wem die Welt erklärt. Neben der Ausrichtung TikToks ist also auch die Qualifikation der Nutzer ein Problem.

Klar, auch auf Facebook, Instagram und Twitter kann jeder seinen Scheiß ungefiltert ins Netz kübeln, aber das geringere Alter der Nutzer auf TikTok macht es für mich bedenklicher. Nicht, dass man sich nicht auch als 15-jähriger Mensch in ein Thema reinfuchsen kann, aber das Risiko ist eben größer, dass entweder der Creator oder der Konsument ein solches Thema nicht richtig überblickt. Ein prominentes Beispiel machte angesichts der zugespitzten Situation zwischen Iran und den USA von sich reden. Die Influencerin Laura-Sophie — 2,3 Millionen Follower auf TikTok — ist 18 Jahre alt und wollte ein Aufklärungsvideo raushauen, in welchem sie erklärt, wie das jetzt ist mit dem dritten Weltkrieg und wieso der auch für uns in Deutschland gefährlich wäre. Selbst hat sie das Video natürlich längst gelöscht, aber deswegen ist es immer noch im Internet zu finden.

Wenn ich das jetzt poste, dann auch nicht, um sie vorzuführen, sondern um zu demonstrieren, wie leicht man Millionen Menschen mit unglaublich falschen Informationen füttern kann. Wenn das dann sehr junge Nutzer sind, nehmen sie diese Info vielleicht auch für bare Münze, ohne sie auf einer Nachrichten-Seite, im TV oder sonstwo zu verifizieren. Seht selbst:

Persönlich bilde ich mir ein, dass ich mit 18 Jahren die politische Weltlage ein wenig besser durchblickt habe als Laura Sophie, aber das ist gar nicht der Punkt. Ein junger Mensch — bzw. jeder Mensch — hat jedes Recht der Welt, eben nicht alles über jede Krise zu wissen. Es ändert sich aber, wenn man Millionen Anhänger hat, die man selbst zu einem gewissen Teil beeinflusst und formt. Von mir aus soll sich jeder im Netz so gut zum Löffel machen, wie er kann, aber man muss schauen, dass man eben nicht irgendwelchen halbgaren Info-Matsch ins Netz schaufelt.

Das bringt mich dann zum nächsten Problem, welches ich sehe. Aktuell — so bilde ich mir zumindest ein — dominieren politische Themen und Denkweisen, die ich als richtig verorte. Gegen Ausländerhass, gegen Rassismus, gegen Homophobie, gegen Polizeigewalt usw. Aber wie sieht das aus, wenn sich ein anderes Publikum mit TikTok beschäftigt? Auch Twitter und Facebook wurden irgendwann von den Rechts-Populisten erobert — wieso sollte das auf TikTok nicht ebenso passieren können?

Wir wissen mittlerweile, wie Social Media funktioniert: Selbst wenige Laute nimmt man entschieden deutlicher wahr als die schweigende, überwältigende Mehrheit. Zielgerichtete Aktionen, die sich gegen Trump oder gegen Rassismus richten, könnten sich dann natürlich ebenso gegen Merkel, gegen Globalisierung, gegen gleiche Rechte für alle usw. richten. Natürlich bin ich nicht der Gradmesser bei der Frage, was ist richtig und was ist falsch — logisch. Aber ich denke, dass rückwärtsgewandte, nationalistische Politik per se falsch ist und ich mag mir gerade nicht ausmalen, dass Anhänger einer solchen Politik TikTok kapern.

Von TikTok war bereits zu hören, dass man derzeit noch keine Antworten dagegen hat, wenn Nutzer die Unwahrheit verbreiten — egal, ob aus politischem Kalkül oder aus Unwissenheit. Zwar werden auch viele Millionen Videos von TikTok selbst gelöscht, aber meistens geht es da um sexuell anstößige Inhalte, um Nacktheit etc.

TikTok wird sich bei einer Politisierung mit den gleichen Problemen rumschlagen müssen, mit denen andere Social-Media-Outlets wie Facebook und Twitter auch seit Jahren erfolglos kämpfen. Das gilt für Fehlinformationen, für Propaganda und auch für Hassrede. Aber mit Blick auf das niedrigere Alter der TikTok-Nutzer, die vermutlich leichter beeinflussbar sind als Erwachsene, könnte dieses Problem TikTok möglicherweise noch härter treffen als andere Plattformen.

Aktuell habe ich noch viel Hoffnung in TikTok, einfach weil ich in die junge Generation mehr Hoffnung habe als in meine eigene. Aber ich sehe diese Regenwolken aufziehen und sorge mich ehrlich gesagt. Wie seht ihr das?