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Tod den Verbrennern beschlossen?

von Robert Basic am 4. Oktober 2018

Das EU-Parlament hat gesprochen:

  1. Bis 2030 sollen die CO2-Grenzwerte für Neuwagen um 40% gesenkt werden. Bis 2021 gilt der Grenzwert von 95 g/km. Zur Zeit liegt der Schnitt bei 119.
  2. Desweiteren wird ein Zwischenziel von -20% g/km bis 2025 genannt.
  3. Und, die Abgeordneten haben dafür gestimmt, dass die Hersteller bis 2025 mindestens 20% und bis 2030 mindestens 35% aller Neufahrzeuge mit „niedrigen“ oder bestenfalls gar keinen CO2-Emissionen verkaufen. Niedrig wurde als Grenzwert unterhalb von 50 g/km definiert.
  4. Zudem möchten die Abgeordneten die sogenannten „Real Driving Emission“-Tests über NOx- auf CO2-Messungen ausdehnen. Sinn der Sache? Die Laborwerte sollen von Emissionswerten auf der Straße nicht zu sehr abweichen.
  5. Die gesamte Abstimmung bezog sich auf Pkws und leichte Nutzfahrzeuge. Hochspannend ist, dass es um individuelle Flottenverbrauchswerte je Hersteller gehen soll. Sprich, ein Hersteller mit „potenten Kisten“ wie Ferrari könnte höhere Grenzwerte zugesprochen bekommen als ein Winz-Dacia mit PS-schwachen Maschinen.
  6. Zu guter Letzt: Alle Hersteller sollen dann auch Lebenszyklus-CO2-Emissionen angeben. Was Elektrobauer nackig macht, denn diese glänzen durch deutlich höhere Emissionswerte bei der Produktion. Auch wenn Tesla-Fans standhaft behaupten, das alles gelte nicht für die grünen Aliens aus Kalifornien (weil die Tesla-Fabriken angeblich seit Beginn an mit Grünenergie betrieben werden, worüber Kenner nur noch müde gähnen).

Das ist noch keine Beschlusssache im Sinne einer Normenvorgabe. Es handelt sich um den Auftrag des EU-Parlaments an die EU-Komission, nunmehr mit den einzelnen EU-Staaten in Verhandlungen zu treten. Es zeigt jedoch deutlich die Richtung auf, um die es geht. Mehr Elektrofahrzeuge und vielleicht auch Hybride. Und deutlich mehr für die Umwelt.

Die EU selbst dazu: „Um die Verpflichtungen einhalten zu können, die die Union auf der 21. Tagung der Konferenz der Vertragsparteien des Rahmenübereinkommens der Vereinten Nationen über Klimaänderungen (UNFCCC) 2015 in Paris eingegangen ist, müsse die Dekarbonisierung des Verkehrssektors beschleunigt werden, und die Treibhausgasemissionen dieses Sektors müssten bis Mitte des Jahrhunderts eine klare Tendenz Richtung null aufweisen.

Gleichzeitig verändere sich die globale Automobilbranche insbesondere durch Innovationen bei elektrischen Antriebssystemen rasant. Wenn sich die europäischen Automobilhersteller erst spät an der notwendigen Energiewende beteiligen, laufen sie Gefahr, ihre führende Rolle zu verlieren, heißt es im Bericht.

Erste Einschätzung?

Ja, politisch handelt es sich um eine der dramatischsten Szenarien überhaupt. Und ich pflege selten meine innere Gemütlichkeit durch profane Tages-News zu verlassen. Dagegen war DSGVO ein Kindergarten.

Angesichts der Tatsache, dass wir weltweit gemeinsam die Klimaziele jetzt schon unwiderbringlich gerissen haben und ich keine aktuellen Berichte mehr kenne, die noch an das Minimalziel von +2 Grad glauben, ist das als Maßnahme zu betrachten, die noch weit Schlimmeres verhindern kann. Der aktuellste Klimabericht der Amerikaner geht von deutlich höheren Werten aus und empfiehlt irrerweise, sich nicht mehr um Klimaziele zu kümmern. Da bleibt einem die Sintflut im Hals stecken.

Egal ob heute die Arbeitsplätze vernichtet werden, weil die Umstellungsvorgabe der Politik zu schnell für die Autohersteller ist oder aber nicht. Und wir sprechen von allen Autoherstellern, nicht nur von der Deutsch-Heiligen Kuh. Wer ertrinkt, verdurstet oder als Teil der Völkerwanderung an den Grenzen der EU erschossen wird, fragt nicht nach Arbeitsplätzen in der Autoindustrie. Um ein langfristiges Extremargument zu benennen. Gegner jeglicher Klimapolitik trommeln gerne mit Arbeitsplätzen, als gäbe es nur diesen einen Lebenssinn, aus dem alles andere sich ergeben würde.

Jedoch? Wie sehr wir überhaupt mit einer schnelleren Energiewende hin zur grünen Elektromobilität hammelspringen können, steht in den Sternen. Anstatt lokal CO2 zu emittieren, verlagern wir unter Umständen den Mist hin zum Energiesektor, der allergrößte Probleme hat, auf Grün umzustellen und immer noch keine echten Antworten für eine notwendige Energiespeicherung kennt (es wird zwar gerne im „Vehicle to Grid“-Farbeimer gerührt, aber das ist bis dato nicht ernstzunehmen was einen veritablen Speicheraufbau angeht). Deutschland ist bekanntlich aus der Atomenergie spontan ausgestiegen und hat seinen Bürgern den Salat beschwert, durch wessen Garten denn die dicken, fetten Leitungen mit Wanderelektronen durchgehen sollen (ich spreche natürlich und ironisch nicht nur von den Energietrassen, sondern auch von den umweltbewussten Bürgern, die gar keinen Bock auf lokales Grün in ihrem Bereich haben). Ich habe dazu noch keine Daten eingesammelt, wo die EU-Staaten im Einzelnen stehen, was den Anteil und Ausbau nachhaltiger Energieerzeugung sowie der Energiespeicher angeht.

Auch die Ideen einzelner Staaten tragen zur Dramatik bei, denn ab 2030 herum geht es dem Verkauf von Verbrennern an den Kragen. Kein Neuwagen soll dann als Verbrenner verkauft werden dürfen. Dänemark und Belgien wollen es ab 2030 so haben. Norwegen sogar ab 2025. In Frankreich steht als Zieljahr 2040 in den Plänen. Es wird nicht dabei bleiben. Noch sind es Pläne einzelner Länder. Im Moment werden laut ACEA jährlich in der EU27 rund 15 Mio. Pkws verkauft. Der Elektroanteil liegt bei noch lächerlichen 1,5%.

Wie ich bereits das Stichwort Arbeitsplätze erwähnte, sprechen wir konkret von rund 13 Millionen Menschen in der EU, die mit der Autoindustrie als Beschäftigte zu tun haben, von Service bis Produktion. Das Ganze dürfen wir gerne mal Vier nehmen, somit kommen wir auf rund 42 Millionen Angehörige. Die sich davon Brot und Milch leisten dürfen. Volkswirte sprechen irgendwann gerne von struktureller Arbeitslosigkeit, wenn so etwas wie das Ruhrgebiet betrachtet wird. In einer zu schnellen Umwandlungszeit können Menschen nicht schnell genug umsatteln, umlernen oder aber auswandern, um in anderen Weltregionen neue Jobs zu finden. Und genau darum geht es: Könnte das Tempo der EU zu einer zu knappen Umstellphase führen? Wie wir wissen, ist Umwelt den Menschen nur so lange wichtig, solange sie einen Job haben und sich Grün auch leisten können. Der Ruck hin zu populistischen Parteien wäre dann ein wahrscheinliches Szenario. Klima versus Rechts?

Schlussendlich wirft die EU bewusst das Know-how der französischen, englischen, italienischen, tschechischen, spanischen, schwedischen und deutschen Autoindustrie im Motorenbau über Bord. Um auch das überspitzt zu sagen.Was womöglich europäischen Ländern wie Dänemark, Norwegen, Griechenland, Portugal, Polen, Ungarn (die immens von der Autoindustrie dank ihrer lokalen Werke profitieren) nicht ungelegen kommt. Weniger Macht den Großen durch ihre starke Industrie, mehr Macht den Kleineren. Ich weiß nicht, welche Rolle diese inneren Machtfragen spielen. Heute ist nicht mehr der militärisch Stärkere derjenige, der das Sagen in Europa hat, sondern der wirtschaftliche Riese. Allen voran Deutschland und Frankreich.

Der Aufbau bzw. Push hin zu einer „Elektroindustrie“ nivelliert die Unterschiede im Fahrzeugbau speziell im Motorensektor, der als stark differenzierendes Merkmal rund um den Globus von den Autobauern genutzt wurde. China frohlockt mit Sicherheit, da deren Motorenbauwissen bei Weitem noch nicht zur Spitze gehört. Deren Interesse liegt deutlich stärker in simplen Elektromotorenbau sowie dem Aufbau von Batteriefabriken. CATL ist dabei, die Südkoreaner und Japaner aus dem Batterie-Markt zu verdrängen.

Die USA freut es mit Sicherheit nicht, wenn deren Autobauer (GM/Ford/Chrysler) ebenso dazu gezwungen werden, große Ressourcen vom Motorenbau abzuziehen. Tesla ist immer noch ein kleines Licht, was Arbeitsplätze im Vergleich zu Ford/GM angeht. Über eigene Batteriefabriken verfügt die USA ebenso wenig wie Europa. Insofern spielt die EU China wunderbar in die Hände am Ende aller langen Überlegungstage. Die nicht nur Kleckern, sondern richtig ranklotzen, wenn es um das knallharte Vorangehen um jeden Preis geht.

Foto-Credit: Sandra Schink, Fotoatelier Hamburg