Tod durch Selfie: Die tragischen Zahlen hinter den Todesfällen

Letztes Jahr machte die Nachricht die Runde, dass mehr Menschen tödlich durch Selfies verunglücken als Menschen durch Hai-Angriffe sterben. Wir schauen auf ein paar der Fälle und haben einiges an Zahlen zu den Todesfällen. 
von Carsten Drees am 4. Februar 2016

Wenn man davon liest, dass ein Mensch ums Leben gekommen ist, ist das immer erst mal eine tragische Geschichte. Manche Stories bekommen aber einen anderen Beigeschmack, wenn man erfährt, wie ein Mensch gestorben ist. Googelt mal nach Darwin-Award und ihr wisst, was ich meine. Oftmals fasst man sich dann echt an den Kopf, wenn man liest, was dem ein oder anderen zugestoßen ist und ich muss zugeben, dass ich diese Handbewegung während der Recherche zu diesem Artikel mehrfach ausgeführt habe.

Worum es geht? Um Leute, die bei dem Versuch gestorben sind, Selfies von sich zu machen! Ihr erinnert euch ja vielleicht daran, dass es bereits im letzten Jahr eine Meldung gab, die durchs Netz geisterte und in der es hieß, dass mehr Menschen tödlich beim Knipsen von Selfies verunglücken, als es Tote durch Hai-Angriffe zu beklagen gibt.

Dazu muss man natürlich wissen, dass unter den häufigsten Todesarten die Hai-Attacke nicht wirklich vorne mitmischt. Aber sei es drum: In der Statistik, von der letztes Jahr zu lesen war, sprach man – Stand: September – von 12 Selfie-Toten im Jahr 2015, durch Attacken von Haien waren indes „nur“ acht Menschen ums Leben gekommen. Wir wollen jetzt mal ein wenig mehr ins Detail gehen und zwar mit Zahlen seit 2014, gesammelt von Priceonomics – einem Unternehmen, welches nicht nur Datenmengen seiner Kunden analysiert und strukturiert, sondern auf seinem Blog auch über Data berichtet.

Selfie-Tote seit 2014: Die Zahlen hinter den Dramen

Bei Priceonomics hat man ermittelt, dass in einer beliebigen Woche auf Facebook über 365000 mal das Wort „Selfie“ erwähnt wird, bei Twitter immerhin auch noch über 150.000 mal. 50 Millionen mal findet sich das Hashtag #selfie bei Instagram. Damit sollte klar sein, dass sich das Selfie nach wie vor größter Beliebtheit erfreut und wirklich an jedem Ort zu jeder Zeit und aus jedem Anlass geknipst wird.

Es gibt Selfies aus dem Weltraum, Fantastilliarden Selfies von Stränden, vor Sehenswürdigkeiten oder aus Badezimmern und natürlich gibt es auch immer wieder die Selfies, für die sich die Leute ernsthaft in Gefahr bringen. Priceonomics hat – beginnend mit 2014 – 49 Todesfälle ermittelt, die durch Selfies verschuldet wurden und ganz oft steckte dahinter die Absicht, ein besonders spektakuläres Foto hinzubekommen. Denen gegenüber stehen die Selfie-Toten, die dadurch zustande kamen, dass die Smartphone-Nutzer beim Fotografieren nicht in der Lage waren, auf ihre Umgebung zu achten und zum Beispiel über eine Klippe baselten und stürzten.

Die folgende Statistik verschiedener Unfall-Todesursachen des Jahres 2015 stützt sich auf unterschiedliche Quellen – Priceonomics schreibt: „Data via Google News Archives, CDC reports, academic studies“. Da, wo es keine expliziten Daten gab, hat man historische Daten zur Berechnung herangezogen. 

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Lassen wir mal außen vor, dass über 600 Menschen bei Sex-Spielchen ersticken und immerhin zwei Menschen einen wie auch immer zustande gekommenen Tod durch Automaten starben, sehen wir auch wieder unsere oben erwähnten Kategorien: Die Selfies und die Shark Attacks: 28 Selfie-Tote stehen lediglich acht Menschen gegenüber, die ihren Tod einem Hai verdanken.

Insgesamt haben die Daten-Experten seit 2014 49 Selfie-Tote ermitteln können:

Here’s what we found: since 2014, 49 people have died while attempting to photograph themselves; the average age of the victims is 21 years old, and 75% of them are male. Priceonomics

Jung und männlich – da lässt sich also ein Muster entdecken, spannender noch ist aber der Blick auf die verschiedenen Ursachen:

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Von 49 Selfie-Opfern entfallen also 30 auf Stürze und Ertrinken. Wenn ihr mich fragt: Ich hätte erwartet, dass die Stürze auf Platz Eins stehen würden, aber den Tod durch Ertrinken hätte ich in so einer Selfie-Statistik sicher nicht erwartet.

Schauen wir zunächst auf die Stürze: Die haben – teilweise – damit zu tun, dass jemand während des Fotografieren schlicht nicht darauf achtet, wo er hin tritt. Ein Mann aus China beispielsweise wurde am Fuße einer Schlucht gefunden bei einem Wasserfall, zusammen mit seinem Smartphone auf einem Selfiestick. Ein falscher Schritt reichte schon aus, damit er über 30 Meter tief in den Tod stürzte.

Wesentlich häufiger erwischt es aber junge Menschen, die sich ganz bewusst in Gefahr gehen und das, indem sie hohe Gebäude erklimmen. Auch wir berichteten bereits über solche Leute, die man vermutlich am ehesten irgendwo zwischen sportlich, mutig und lebensmüde einsortieren sollte. Außerdem fragten wir euch schon, ob man die spektakulären Bilder dieser jungen Menschen teilen soll – oder eben lieber nicht.

Die Drei auf dem Foto sind scheinbar wieder heil herunter gekommen – sonst könnten wir uns den Clip oben nicht anschauen, bei so manchem anderen geht es aber schief. Einer davon ist der Instagram-Nutzer drewsssik – ein russischer Student, der nur 17 Jahre alt wurde. Seine Fotos sind exemplarisch für diese Art Risiko, die die Leute bereitwillig eingehen. Mehr Gefahr bedeutet mehr Klicks, mehr Likes, mehr Anerkennung, mehr Fame – also wird man immer waghalsiger:

Всем ку, могла быть моей последней фоткой😊жаль что смазалась😢

A photo posted by Drews🐥🐤🐣 (@drewsssik) on

Wenige Wochen, nachdem obiges Foto entstanden ist, war der junge Russe dann tot: Er stürzte von einem neunstöckigen Haus, natürlich bei dem Versuch, ein möglichst spektakuläres Foto zu knipsen und starb schließlich wenige Stunden nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus. Freunde sollen ihn immer wieder gewarnt haben, aber vermutlich war er angesichts des benötigten Nervenkitzels nicht besonders empfänglich für diese Warnungen.

Da es sich hier um einen russischen Jungen handelt, kann man es ruhig erwähnen, dass dieser „Sport“ – genannt Rooftopping – gerade bei russischen Jugendlichen äußerst beliebt ist. Schauen wir also mal auf die Statistik nach Ländern:

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Wir sehen, dass Russland mit sieben Toten auf dem zweiten Platz liegt, also in der Tat ziemlich weit vorn. Das hat man auch in Russland selbst als Gefahr erkannt – mittlerweile gibt es sogar Hinweistafeln, die auf die Risiken hinweisen:

russian-selfie-guide

Das ist aber nichts gegen Indien, welches diese Statistik mit gleich 19 Toten durch Selfies deutlich anführt. Von allen erfassten Todesopfern stammen somit immerhin 40 Prozent aus Indien!

Wie kommt das zustande? Da wären wir wieder bei der weiter oben gezeigten Statistik der Todesursachen: Auf Platz Zwei stand dort Ertrinken und das bezieht sich fast ausschließlich auf die Opfer in Indien. 20 Prozent aller Menschen, die jährlich ertrinken – immerhin 86.000 – ertrinken in Indien. Die Ursachen dafür liegen nicht allein in der hohen Einwohnerzahl Indiens – China verzeichnet immerhin nur einen Ertrunkenen in der Selfie-Statistik. Vielmehr ist es eine Kombination aus gefährlichen Flusssystemen, die durch lange Regenfälle in Mitleidenschaft gezogen werden und dem Umstand, dass viele junge Leute in Indien den mangelnden örtlichen Gegebenheiten geschuldet einfach nicht schwimmen lernen.

Kommen wir zum Ende dieser tragischen Zahlenspiele und blicken abschließend noch auf zwei Werte: Wie alt waren die Selfie-Todesopfer im Schnitt und welchen Geschlechts – hier die Grafiken dazu:

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Ihr werdet bei der Addition feststellen, dass von den 49 Opfern hier nur 45 aufgeführt sind. Das liegt daran, dass bei vier der Toten das Alter nicht bekannt war.

Und hier nun die Todesfälle nach Geschlechtern – ziemlich genau drei von vier der Verunglückten waren männlich:

ScreenShot2016-01-31at3.16.56PM

Wenn man die Häufung sowohl bei Menschen im Alter von 21 Jahren als auch beim männlichen Geschlecht sieht, bestätigt es sich wieder einmal, dass die jungen Burschen eher bereit sind, abgedrehte Aktionen durchzuziehen, die bestenfalls für viel Aufmerksamkeit sorgen, schlimmstenfalls jedoch auf dem Friedhof enden.

Was lernen wir aus all dem? Als Erstes natürlich, dass ihr verdammt nochmal die Augen aufmachen sollt, wenn ihr Fotos macht. Schön und gut, wenn ihr gerade das perfekte Motiv oder den perfekten Hintergrund gefunden habt – aber so schön kann kein Foto werden, dass man dafür sein Leben aufs Spiel setzt. Das gilt natürlich erst recht für diejenigen, die für spektakuläre Bilder auf Hochhäuser klettern – unser Tipp: Nicht machen bitte!

Schaut man zudem jetzt nochmal auf alle Statistiken, dann könnte man vielleicht fälschlicherweise daraus ableiten, dass eine 50-jährige, weibliche Person aus Deutschland weitaus weniger gefährdet ist als ein 21-jähriger Inder, aber in diese falsche Sicherheit wollt ihr euch hoffentlich nicht begeben. Liest man in den Nachrichten über einen Menschen, der so sinnlos in den Tod gegangen ist, packt man sich oft an die Birne, vielleicht denkt man sogar sowas wie „Geschieht ihm Recht“. Aber dahinter stecken auch immer echte Dramen und Schicksalsschläge, egal wie sie zustande gekommen sind.

Quelle: Priceonomics