Toys to Life – Das Kinderspielzeug der Zukunft?

Die Verknüpfung digitaler Medien mit dem Alltag von Kindern wird immer wichtiger. Sind Spiele, die reale und digitale Inhalte miteinander verbinden die Lösung, oder ist Toys to Life nur aufwendige Geldmacherei?

Digitale Medien sind immer ein großes Thema, wenn es heutzutage um Kindererziehung geht. Ist es okay, dass ein Einjähriges seine Lieblingsserie auf dem iPad starten kann, noch bevor es Besteck richtig hält? Die Meinungen sind hier so vielfältig wie die App-Auswahl auf einem Tablet. Während sich die einen komplett gegen die Nutzung von digitalen Spielen und Inhalten für kleine Kinder stellen, gibt es im Internet zahlreiche Eltern, die ihr Baby stolz dabei filmen, wie es das Tablet flinker bedient als die meisten Erwachsenen.

Auf dem vermeintlich gesunden Mittelweg dieser beiden Fraktionen macht sich in letzter Zeit ein innovatives Spielprinzip breit: Toys to Life. Das Spielegenre verbindet reale Spielfiguren mit digitalen Inhalten. Großen Bekanntheitsgrad erlangte dieses interessante Prinzip erstmals durch Activisions Skylanders-Serie, die 2011 auf den Markt kam und bis heute jährlich einen neuen Ableger herausbringt.

Skylanders, Nintendos Amiibos und die inzwischen eingestellte Disney-Infinity-Reihe hatten ihren Start auf Konsolen und richteten sich an Gamer und Kinder, die bereits eine Konsole besitzen. Doch auch für den nicht so Gaming-affinen Haushalt ist die Kombination von echtem Spielzeug mit digitalem Videospiel auf dem Vormarsch.

Auf der Spielwarenmesse 2016 konnten wir an einigen Ständen bereits Games mit diesem Spielprinzip entdecken. Obwohl der tech2play-Bereich verhältnismäßig klein ausfiel, waren neben kindgerechten Drohnen, Spielzeugrobotern und edukativen VR- und AR-Lösungen für Kinder doch auch eine kleine Menge an Toys-to-Life-Games am Start.

 

Jenga mit Nebenquests

Ein Spiel, das uns besonders ins Auge gestochen ist, war Beasts of Balance. Anders als bei den Spielen der großen Publisher oben, setzen wir hier nicht einfach nur Figuren auf ein Portal und spielen mit ihnen dann ein digitales Abenteuer durch, sondern müssen mit Geschick die Tierchen und Objekte, die im Karton kommen, ordentlich stapeln, ohne, dass der Turm zusammenbricht. Im Grunde wie Jenga mit Tieren.

Das Londoner Start-Up Sensible Objects hat die knuffige Idee Anfang 2016 über Kickstarter finanziert und im November des Jahres auch schon auf den Markt gebracht. Rund 80 Euro kostet das Balance-Spiel im britischen Online-Shop, aber was genau macht das Tablet dabei eigentlich? Während es bei Jenga, Packesel und Co. nur darauf ankommt, dass der Turm nicht zusammenbricht, den wir so akribisch in die Höhe basteln, gibt uns Beasts of Balance zusätzliche Aufgaben, die wir meistern müssen.

Alles was wir auf den Turm stellen, erscheint in der digitalen Spielwelt auf dem Tablet und nimmt Einfluss auf ihren Verlauf. Stapeln wir ein Tier, das sich mit anderen Wesen in unserer Landschaft nicht verträgt, sollten wir im nächstens Zug Items auf Brett stellen, die die Stärke des eingeschüchterten Tiers verbessern und uns mehr Punkte fürs Endresultat bescheren. Zusätzlich gibt es für die jungen Spieler immer interessante Tierfakten und lustige Tierhybriden, die wir mit unterschiedlichen Gegenständen auf dem Portal erzeugen.

Beasts of Balance
Beasts of Balance
Entwickler:
Preis: Kostenlos
 
Beasts of Balance
Beasts of Balance
Preis: Kostenlos

Wenn alle Tiere stehen oder der Turm fällt, ist das Spiel zu Ende und die Punkte werden abgerechnet. So macht das Spiel sowohl allein gegen seinen eigenen Highscore, als auch mit der ganzen Familie Spaß. Der Hauptunterschied zu den Games der großen Konsolen-Publishern ist übrigens, dass mit den realen und recht robusten Figuren tatsächlich gespielt wird und der digitale Inhalt das Spielprinzip nur ergänzt, nicht umgekehrt – und das gefällt uns richtig gut.

 

Spielteppich mal anders

Ein ähnliches Verhältnis von Spiel und Digital Content bringt ein Spielteppich mit Augmented-Reality-Elementen fürs Tablet. Den Stadtteppich mit Straßen, Krankenhaus und Feuerwehr fürs Kinderzimmer kennt jeder. Zwei Deutsche erfüllten sich 2015 ihren Traum einer Kinderspielzeugfirma und brachten den schnöden Spielteppich mit Teppino ins digitale Zeitalter. Teppino bietet themenbezogene Teppiche wie wir sie kennen, etwa die klassische Stadt, einen Bauernhof, aber auch Ritter und Feen. Zu den einzelnen Orten und Stationen auf den unterschiedlichen Teppichen erzählt das Tablet dann spannende Geschichten und interessante Fakten.

Spielend lernen, ohne viel Zubehör und Aufwand, macht nämlich immer noch am meisten Spaß. Die Jungs von Teppino suchten sogar schon in der Vox-Sendung Die Höhle des Löwen nach Investoren, erhielten jedoch kein Angebot, das ihren Vorstellungen entsprach. Zu kaufen gibt’s ihr Produkt aber weiterhin, und neue Teppiche mit anderen Geschichten für unterschiedliche Altersgruppen sind geplant. Rund 30 Euro kosten die kleinsten Teppiche und sind neben dem eigenen Teppino-Shop auch bei anderen Händlern wie Amazon erhältlich.

Teppino – Die Hörspiel-App zum Spielteppich
Teppino – Die Hörspiel-App zum Spielteppich
Teppino - App zum Spielteppich
Teppino - App zum Spielteppich
Entwickler: dadda GmbH
Preis: Kostenlos

 

Play Doh meets Little Big Planet

Aber nicht nur kleine Start-Ups wissen inzwischen, dass Toys to Life ein lukrativer Markt ist. Auch Hasbro schiebt seinen Fuß in die Tür und bringt für den Knete-Hersteller Play Doh ein Tablet-Game auf den Markt. Play-Doh Touch Shape to Life Studio nennt sich das Knet-Abenteuer und ist bei uns derzeit exklusiv im Apple-Shop erhältlich. Für rund 52 Euro bekommen wir einen Satz Knetmasse, ein paar Förmchen für Figuren und den Sensor, auf den wir unsere Kreationen legen und anschließend mit dem iPad abscannen.

Haben wir eine Spielfigur geknetet, erscheint sie im Spiel und wir können mit ihr die bunte Ingame-Welt erobern. Genau wie in normalen Jump & Runs meistern wir hüpfend Levels und gestalten sie mit Knet-Objekten, ähnlich wie wir es aus Little Big Planet kennen. Ob und wie lange die digitalen Inhalte motivieren, können wir nach dem kurzen Blick aufs Game am Messestand leider nicht sagen.

Denn wenn das Gameplay nicht lange motiviert, kehren die Kleinen sicher schnell zum altmodischen Knetmasse-Basteln zurück und lassen das Tablet links liegen. Je nachdem wie stark Hasbro dran ist, die App zu aktualisieren und das Spielprinzip spannend zu halten, bleibt die Frage, ob sich die zusätzliche Kohle für Touch Shape to Life Studio lohnt, oder ob wir dafür nicht lieber ein paar Dosen Knetmasse mehr anschaffen sollten.

 

Teure Sache

Dass viele der Toys-to-Life-Konzepte die derzeit vorgestellt werden, viel Potenzial haben und neben digitalem Gameplay auch die reale Welt immer mehr ins Spiel mit einbeziehen, finden wir toll. Ebenso, dass Lernspiele via AR eine direkte Verknüpfung zwischen dem, was Kinder sehen und anfassen können und interessanten Fakten herstellen. Ein Mittelweg zwischen reinen Tablet-(Lern)Games und klassischem Kinderzimmerspielzeug führt die Kleinen behutsam an die digitale Welt heran und fördert im besten Fall noch die eigene Kreativität und motorischen Fähigkeiten.

Bei all den Spielen, die derzeit den Markt fluten, müssen Eltern jedoch aufpassen, was wirklich Mehrwert für Kinder hat. Denn neben innovativ und lustig ist das ursprüngliche Toys-to-Life-Konzept vor allem eins: eine Geldruckmaschine. Mit rund zwei Milliarden Dollar Umsatz gehörte Skylanders 2014 noch zu Activisions umsatzstärksten Marken. Auch wenn der Hype um die Reihe langsam abebbt, verschlingen viele Spiele, die auf die Kombination von virtuellen und realen Spielinhalten setzen, immer mehr Geld.

Während bei Skylanders jede weitere Figur neben dem Starterset zwischen acht und 15 Euro kostet, schlagen auch bei den kleineren Spielen Zubehörteile teuer zu Buche. Beasts of Balance etwa verlangt für rare Items je 20 Euro und auch wenn wir bei Play Dohs Spiel sicher auch die Markenknete, die wir bereits im Haus haben, nutzen können, entfaltet sich der volle Funktionsumfang von fast allen Toys-to-Life-Titeln erst mit teuren Zusatzkäufen. Wie bei beinahe jeder coolen Innovation, müssen wir eben auch darauf achten, was wir den Kindern kaufen und die potenziellen Kosten für Add-Ons im Auge behalten. Denn sonst wird Toys-to-Life schnell ein teurer Spaß, der im Preis-Leistungs-Verhältnis gegen ein simples Pop-Up-Buch komplett abstinkt.