Kommentar

Travis Scott begeistert 12 Millionen Fans in Fortnite – aber nennt es bitte nicht Konzert!

Travis Scott taucht für ein paar Songs in Fortnite auf und 12,3 Millionen Spieler sind virtuell dabei. Coole Sache, aber es war eines ganz, ganz bestimmt nicht: Ein Konzert! 

von Carsten Drees am 24. April 2020

Die wie vielte Corona-Woche ist das jetzt eigentlich? Irgendwie fühlt sich alles nach wie vor unwirklich an und so etwas wie Routine gibt es in diesen Zeiten auch nicht. Ich vermisse ganz furchtbar die Möglichkeit, auf Konzerte zu gehen, weil das nun mal meine liebste Freizeitbeschäftigung ist.

Und nein: Das kann man nicht im Ansatz durch Wohnzimmer-Konzerte und Livestreams ersetzen und ich bin ziemlich sicher, dass sich da Künstler und Fans auch einig sind. Es ist eben ein Kompromiss — ein Kompromiss für Künstler, um eben doch vor ihren Fans performen und eventuell ein klein wenig verdienen zu können und ein Kompromiss für uns darbende Fans natürlich ebenso.

Die Corona-Krise ist aber nicht nur die perfekte Zeit für unzählige Livestreams, sondern auch für In-Game-Performances, wie wir sie zum Beispiel bei Fortnite schon letztes Jahr gesehen haben, als Marshmello dort für eine Performance vorbeischneite. Natürlich war er nicht wirklich da, sondern nur sein Avatar, aber dessen Bewegungen hat ihm Marshmello immerhin durch Motion-Capture-Technologie höchstpersönlich beigebracht. Wie es heißt, sollen zu dem Event schon elf Millionen Fortnite-Zocker anwesend gewesen sein.

Jetzt hat Rapper Travis Scott diese Marke nochmal getoppt. Bei der ersten von fünf geplanten Performances an diesem Wochenende waren es 12,3 Millionen Gamer, die bei der etwa zehnminütigen Performance zugegen waren.

Für Fans muss das ein ziemliches Spektakel gewesen sein: Scott performte überlebensgroß einige Songs, es wurde optisch richtig auf den Pudding gehauen und es gab schließlich auch einen nagelneuen Song zu hören. Den haben dann vermutlich auch deutlich mehr als zwölf Millionen Menschen zu hören bekommen, denn Epic Games nennt schließlich “nur” die 12,3 Millionen Gamer, die im Spiel eingeloggt war. Dadurch, dass das Spektakel aber als Stream auch auf Twitch und anderen Plattformen zu sehen war, liegt die Zahl der tatsächlichen Zuschauer deutlich höher.

Musikalisch mag ich das nicht bewerten, ehrlich gesagt. Ich mag Rap-Musik wirklich gern, beim exzessiven Gebrauch von Autotune bekomme ich aber Hirnsausen und auf mich wirkt das, was Scott produziert, auch irgendwie alles schrecklich langweilig und uninspiriert. Das wird natürlich weder Travis Scott noch seine Fans jucken — vermutlich bin ich für die Art Musik schlicht zu betagt.

Nein, Freunde – das war KEIN Konzert!

Über Qualität von Musik müssen wir hier also gar nicht sprechen — über Geschmack lässt sich eh schon mal nicht streiten, zumindest nicht zielführend. Aber worüber wir ganz dringend reden müssen, ist Folgendes: Ich habe sehr viele Schlagzeilen über das Event gelesen, welches da stattfand und irgendwie wurde es jedes mal auch Konzert genannt. Nein, Freunde — beim besten Willen war das kein Konzert!

Vermutlich bin ich da generell zu konservativ, denn für mich ist es auch kein Konzert, wenn ein Künstler bei Instagram live geht und auf der Gitarre rumklimpert und zwischendurch mit seinen Fans chattet. Das kann eine nice-to-have-Geschichte sein in diesen Konzert-freien Zeiten, aber es ist eben kein Konzert.

Erst recht ist es aber kein Konzert, wenn der Avatar eines Künstlers in einem Computerspiel vorbeischaut, dort zehn Minuten dann die Musik des Künstlers läuft und dazu dann lustig die Avatare der Gamer im Bild herumspringen.

Ich hab für mein Empfinden echt massig Konzerte gesehen in meinem Leben. Vermutlich denken Leute auch, dass ich sie nicht alle am Helm habe, weil ich mir über 60 mal allein Depeche Mode angeschaut hab in meinem Leben, aber das soll hier jetzt auch nicht das Thema sein. Wenn ich jetzt die letzten Jahre Revue passieren lasse, mit Konzerten von eben erwähnten Depeche Mode, von The Cure, Rammstein, Metallica und vielen mehr, dann bestärkt mich das in dem Glauben, dass man ein Event mit einen zur Musik herumspringenden Pixel-Haufen eben nicht “Konzert” nennen darf.

Vorglühen — erst zuhause, dann vor der Arena, mit anderen Fans ins Gespräch kommen, die Vorfreude, die eigenen Helden gleich wirklich zu sehen und zu hören, die Stimmung, die zur Musik feiernden Menschen, Bässe, die Dir in den Magen treten, außergewöhnliche Darbietungen der Bands und das Gefühl, das alles gerade mit Freunden zu erleben, mit denen man auch nach Jahren noch über diesen Abend sprechen wird.

Und im Vergleich dazu zockt man ein Spiel, findet sich an der Bühne ein für eine zehnminütige Performance, an der so circa nichts live ist und bei der man allein vorm Rechner hockt. Glaubt ihr, irgendjemand spricht Dich nach fünf Jahren in geselliger Runde beim Bier auf den sensationellen Abend an, als Travis Scott seinen neuen Song in Fortnite performte? Kommt schon!

Wer jetzt denkt, dass ich einfach nicht am Puls der Zeit bin, die Entwicklung verpennt habe und jetzt etwas madig machen möchte, was ich schlicht nicht verstehe: Weit gefehlt! Wenn viele Millionen zuschauen, dann hat so etwas zweifellos seine Berechtigung. In Social-Media-Zeiten sind wir an unsere Stars irgendwie alle näher rangerückt. Wir sehen und lesen sie in ihrem privaten Umfeld und kommunizieren auch mitunter mit ihnen. Diese Events in Fortnite schaffen ebenfalls diese virtuelle Nähe zu den Stars und somit haben wir es hier mit einer Veranstaltung zu tun, die Musik, Gaming und eben Social Media in einer Weise miteinander verquirlt, wie es sie eben vorher nicht gab.

Für mein Empfinden entsteht hier gerade eine komplett neue Kunstform und Kultur und etwas, was mit Sicherheit nicht mehr weggeht. Travis Scott findet ja auch jenseits dieser Events in Fortnite statt, da u.a. seine Outfits und Emotes im Spiel zu haben sind. Ich habe kein Schimmer, wie man sowas am ehesten nennen sollte, aber “Konzert” trifft es jedenfalls nicht mal im Kern. Vielleicht reichen die Begriffe Show oder Performance, aber ich denke, hier muss etwas Neues her. Ein Begriff, der klar macht, was man geboten bekommt und der sich ganz klar von dem abgrenzt, was man landläufig tatsächlich als Konzert bezeichnet.

Wie denkt ihr darüber? Versteht ihr meine Unbehagen, wenn ich in der Presse heute ständig über das “Konzert bei Fortnite” gestolpert bin — oder glaubt ihr, dass ich lediglich die Zeichen der Zeit nicht richtig lese? Sei es drum — ich wünsche euch ein schönes Wochenende und hau mich jetzt vor den Fernseher, und ja: Natürlich ziehe ich mir jetzt ein Konzertvideo rein.

PS: Falls ihr es doch eher mit Fortnite und Travis Scott haltet: Hier sind die nächsten Termine:

  • SAMSTAG, 25. APRIL 2020 UM 06:00:00 MESZ
  • SAMSTAG, 25. APRIL 2020 UM 17:00:00 MESZ
  • SONNTAG, 26. APRIL 2020 UM 00:00:00 MESZ

Weitere Infos gibt es hier.