TV-Duell: Donald Trump und seine Bot-Armee bei Twitter

Fake-Accounts bei Twitter & Co. greifen beim US-Wahlkampf manipulativ in die Kommentare und Berichterstattung ein. Besonders der Kandidat Donald Trump kann offenbar auf eine breite Unterstützung von Bots zugreifen, die ihn und seine Botschaften überaus relevant erscheinen lassen.

In der kommenden Nacht, von Mittwoch auf Donnerstag, werden sich Hillary Clinton und Donald Trump in ihrem dritten und letzten TV-Duell erneut gegenüberstehen. Um 03:00 Uhr MESZ geht es in der Universität von Nevada in Las Vegas los. Spätestens dann werden auch die Twitter Bots zu Höchstform auflaufen, die den umstrittenen Kandidaten zum mächtigsten Mann der Welt machen sollen.

Der Wahlkampf um das Amt des US-Präsidenten wird schon seit 2012 nicht mehr nur im Fernsehen und den US-Zeitungen geführt. Schon vor vier Jahren heuerte der Demokrat Barack Obama ein Team von Datenspezialisten an, das aufmerksam die Reaktionen der Menschen in den Sozialen Netzwerken protokollierte und analysierte. Die Schlussfolgerungen beeinflussten Reden und TV-Spots, die Wahl von Veranstaltungsorten oder die Verteilung von Budgets während des Wahlkampfs.

Heutzutage sind die Sozialen Netzwerke längst zum medialen Schlachtfeld mutiert. Glaubt man verschiedenen Wissenschaftlern und ihren Studien, werden über Twitter, Facebook & Co. längst nicht mehr nur Börsenkurse manipuliert oder pseudo-virale Kampagnen gesteuert. Die Manipulation der Benutzer erstreckt sich zunehmend auf politische Auseinandersetzungen, die Akteure und Hintermänner bleiben in der Regel im Verborgenen. Falschinformationen und Propaganda-Material verbreiten sich mit der richtigen Taktik wie ein Lauffeuer und erreichen unweigerlich jeden, der sich z.B. mit der Ukraine-Krise oder dem Krieg in Syrien beschäftigen will.

Social Bots

Eine neue Analyse will nun nachweisen, dass auch Hillary Clinton und Donald Trump von sogenannten Social Bots unterstützt werden. Phil Howard von der Oxford University will in einer Untersuchung festgestellt haben, dass sich besonders rund um den männlichen Kandidaten eine Armada von automatisierten Accounts tummelt, die dem Bewerber virtuell applaudieren und die Plattform mit seinen Botschaften fluten.

Trump hatte in den Tagen nach dem ersten und zweiten TV-Duell wiederholt betont, dass er sich abweichend von den offiziellen Wählerbefragungen als Gewinner der beiden Wortgefechte sehe. Die Untersuchungen des Wissenschaftlers könnten nun eine Erklärung für diese Wahrnehmung liefern: Im Umfeld von Donald Trump erzeugen Social Bots circa viermal mehr Nachrichten als im Umfeld von Hillary Clinton.

Die von diesen rein digitalen “Unterstützern” erzeugten Daten dürften nicht nur bei einem menschlichen Beobachter den (gewollten) Eindruck entstehen lassen, Trump und seine Ansichten seien besonders populär. Auch Analyse-Tools ohne entsprechende Kontrollfunktion lassen sich auf diese Weise leicht in die Irre führen. Man darf davon ausgehen, dass der in beschränktem Maße internetaffine Trump ebenfalls ein Team von Spezialisten beschäftigt, die ihm täglich Berichte über seine Popularität in den Sozialen Netzwerken vorlegen. Falls bei der Erstellung dieser Protokolle der ungewöhnlich hohe Anteil an Bots nicht ausreichend berücksichtigt wird, zeichnen die Statistiken und Charts für Trump ein völlig verzerrtes Bild.

Für die Untersuchung der Oxford University wurden Tweets am 26. September und an den drei darauf folgenden Tagen untersucht. Da die beiden Kandidaten und ihre Unterstützer eine Vielzahl ihrer Beiträge mit eindeutigen Hashtags kennzeichnen, lassen sich die Tweets vergleichsweise einfach in Pro-Clinton und Pro-Trump einordnen. Die Untersuchung offenbarte, dass es für Trump 1,8 Millionen unterstützende Tweets gab, für Clinton nur 613.000.

Hashtags Pro Donald Trump

  • #AmericaFirst
  • #deplorable
  • #NeverHillary
  • #pepe
  • #TeamTrump
  • #TrumpPence2016

Hashtags Pro Hillary Clinton

  • #dems
  • #DirtyDonald
  • #ImWithHer
  • #LoveTrumpsHate
  • #StrongerTogether
  • #WhyIWantHillary

Separat betrachtet deutet dies auf eine enorme Unterstützung für Trump hin. Doch bei einer näheren Betrachtung stellte sich heraus, dass es sich bei 37,2% der Tweets um Beiträge handelte, die vermutlich von sogenannten Bots gesendet wurden. Auch Clinton bekommt virtuelle Unterstützung, doch in ihrem Fall liegt der Anteil bei “nur” 22,3%.

donald-trump-bots

Befürworter und Gegner der beiden Kandidaten streiten sich nun, ob man einen Bot überhaupt mit ausreichender Sicherheit als solchen identifizieren könne, auch wenn man keine internen Daten von Twitter oder “forensische” Untersuchungsmethoden nutze. Die Wissenschaftler hatten für die Untersuchung pauschal definiert, dass ein typischer Bot mindestens 50 tägliche Tweets bzw. 200 Tweets an den untersuchten vier Tagen absetzt. Dies kann unbestritten auch einen besonders ambitionierten menschlichen Unterstützer zutreffen, der zudem mit vergleichsweise viel Zeit gesegnet ist.

Howard erwidert, dass die Wahrscheinlichkeit für die Existenz eines Trump-Bots viermal höher sei als das Auftreten eines Clinton-Bots. Das Kriterium von 50 täglichen Tweets habe man gewählt, weil frühere Untersuchungen während den Wahlen in Venezuela und während des Brexit-Referendums gezeigt hätten, dass dies eine aussagekräftige Filterung erzeuge. Die untersuchten Accounts wiesen nach seinen Angaben zudem weitere Verhaltensweisen auf, die “nicht menschlich” seien. So twitterten viele Accounts ausschließlich über den jeweiligen Kandidaten, nie über irgendetwas anderes. Viele Inhalte hätten sich zudem sehr stark geähnelt, was auf einen einzelnen Verfasser hinter einer Vielzahl von verschiedenen Accounts weise.

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Manipulation durch Social Bots nimmt bedenkliche Ausmaße an

Das massive Auftreten von Social Bots lässt keine Rückschlüsse auf die Verfasser oder Auftraggeber zu. Somit verbietet sich die Annahme, dass Trump oder Clinton solche Attacken auf die Meinungsbildung selbst in Auftrag geben oder diese wohlwollend dulden.

Schlussfolgern kann man allerdings, dass Medienkompetenz heutzutage wichtiger denn je ist. Schon Kinder und Jugendliche sollten frühzeitig darauf vorbereitet werden, dass sich Manipulationen nicht nur auf “Stars” bei YouTube oder Instagram und deren unzureichend als Werbung gekennzeichneten Anpreisungen von Cremes beschränken.

Die echten Rattenfänger haben längst erkannt, dass sie nahezu jede Botschaft auf die Schulhöfe, in die Büros, in die Wohnzimmer und in die Köpfe der Menschen tragen können, wenn sie nur oft genug wiederholt wird. Nicht nur in den USA, nicht nur in Wahlkampfzeiten.

via independent.co.uk