Kommentar
TV-Duell: Merkel, Schulz, ihr Medien – habt ihr uns vergessen?

Gestern lief das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz. Das Fazit: Zwei Kanzlerkandidaten, vier Sender, vier Moderator(inn)en, unendlich viele offene Fragen und sehr viel Frust.
von Carsten Drees am 4. September 2017

Ja, ich hab es getan — so, wie 16 Millionen andere Menschen auch: Ich hab mir das „Kanzlerduell“ angeschaut. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz forderte die Kanzlerin Angela Merkel von der CDU heraus und gleich vier Sender übertrugen dieses Duell: Das Erste, das ZDF, Sat.1 und RTL zeigten das 95-minütige Wortgefecht und moderiert wurde die Geschichte von Maybrit Illner (ZDF), Peter Kloeppel (RTL), Sandra Maischberger (ARD) und schließlich Claus Strunz (Sat.1).

Zusammen waren sie angetreten, um den beiden Kandidaten auf den Zahn zu fühlen, sie zu entschlüsseln und die Unterschiede zwischen Schulz und Merkel sowie zwischen der SPD und der CDU herauszuarbeiten. Also dachte ich zumindest. Herausgekommen ist die ganz große TV-Langeweile, die mich trotz niedriger Erwartungen noch enttäuschte, mich bezogen auf die nächsten vier Jahre vieler Hoffnungen beraubte und schlussendlich auch wütend machte

Was erlauben Strunz?

Letzteres ist zu einem großen Teil dem Jounalisten-Darsteller Claus Strunz von Sat.1 geschuldet — ein reiner Rechtspopulist vor dem Herrn, der sich selbstverständlich wieder auf das Thema Flüchtlinge eingeschossen hatte und durch eine krude Mischung aus Dreistigkeit, Unwissenheit und sogar Boshaftigkeit auf sich aufmerksam machte.

Wenn Martin Schulz vermeintlich zitiert wird, und er nicht nur falsch zitiert wird, sondern das Gesagte auch bewusst in einen falschen Kontext gesetzt wird, dann ist das nun mal für mich nichts anderes als boshaft. Das ist schon der erste Punkt, der mich aufregte, noch bevor die Sendung überhaupt begonnen hatte: Wer kann allen Ernstes diese Luftpumpe und diesen Brandstifter Strunz für so ein TV-Duell auswählen?

Schließlich ist Strunz auch nicht zum ersten Mal unangenehm mit Statements aufgefallen, die mehr nach AfD-Kundgebung als nach neutraler Berichterstattung klingen. Walulis hat das mal in einem Video aufbereitet:

Erfreulich, dass Schulz ihm bei seinem falsch formulierten Zitat direkt den Wind aus den Segeln nehmen konnte — übrigens über 95 Minuten einer der ganz wenigen starken Schulz-Augenblicke. Dennoch prägte Claus Strunz die Anfangsphase, die sich thematisch nahezu ausschließlich um das Thema Flüchtlinge drehte — und mit „Anfangsphase“ meine ich nahezu die erste Stunde.

Hier hätte ich mir gewünscht, dass die anderen drei TV-Vertreter Strunz ein wenig bremsen und das Rededuell vorantreiben. Stattdessen jedoch brachte Strunz‘ aggressives Nachhaken „Wann sind die endlich hier weg?“ die beiden Politiker eher noch näher zueinander, weil man sich in der Flüchtlings-Frage ja ziemlich einig ist.

Das war auch einer der ganz großen Schwachpunkte der Konzeption dieses Duells: Nahezu zwei Drittel der Redezeit wurden mit diesem einen Thema vergeudet und damit, dass die Politik der letzten Jahre erklärt und gerechtfertigt wurde. Stattdessen hätte man viel mehr über die Politik der Zukunft reden sollen, aber das sah das Duell-Konzept nur sehr bedingt vor.

Duett statt Duell

Ob es nun am schlechten Konzept der Befragung lag, am zu ähnlichen Kurs der beiden Volksparteien oder an was auch immer: Nur sehr, sehr selten konnte man wirklich fundamentale Unterschiede zwischen CDU und SPD erkennen, so dass es kein Wunder ist, wenn viele Politiker der anderen Parteien heute davon sprachen, dass es eher ein Duett statt ein Duell war. Es wirkte wie ein vorsichtiges Einstimmen auf die nächsten 4 Jahre mit der großen Koalition.

Das ist auch der Punkt, der dieses „Duell“ so zäh gestaltete: Schulz muss nun mal damit leben, dass die SPD in den letzten Jahren mitregiert hat – so konnte Merkel jede Kritik an der Regierungsarbeit immer ganz gechillt an sich abperlen lassen. Das tat sie dann auch über die gesamte Redezeit. Es ist einfach erstaunlich, wie wenig man aktiv dafür tun muss, damit die Wähler dennoch wieder ihr Kreuz bei der CDU machen werden (so die aktuellen Umfragen richtig liegen).

Wir Wähler haben schon rechnerisch nicht sehr viele Optionen, welche Regierung dieses Land die nächsten vier Jahre steuert. Dieses eher zahnlose Duell klang für meinen Geschmack aber schon sehr verdächtig nach „Wir tun uns nicht, wir müssen ja vermutlich eh bald wieder zusammen ran“. Schulz bekam Merkel nirgends wirklich zu packen, dazu kam auch, dass „seine“ Themen in der Sendung entweder nur sehr spät und sehr knapp behandelt wurden, oder gar nicht erst auftauchten.

ARD, ZDF, RTL und Sat.1: Ist das euer Ernst?

Und das ist der Punkt, an dem wir über den wahren Übeltäter der gestrigen Misere reden müssen. Schuld an dieser 95-minütigen Lebenszeitverschwendung war nämlich nicht in erster Linie Schulz oder Merkel. Er hat es probiert, war angriffslustig, hat aber eben nicht die entscheidenden Treffer setzen können. Und sie hat sich geschmeidig weggeduckt, Angriffe weggelächelt und nur das gemacht, was sie machen musste. So gesehen kann man den beiden dafür nicht einmal einen Vorwurf machen.

Der wahre Vorwurf geht für mich daher an die übertragenden Sender, die von vorne bis hinten so unsagbar viel haben liegen lassen und schon im Ansatz verhinderten, dass man uns ein feuriges Duell bietet. Das ging schon damit los, dass eine trotzige Kanzlerin sich nicht auf eine Veränderung des Duell-Konzepts einlassen wollte. Die Sender wollten sowohl das Konzept an sich verändern, als auch den Übertragungs-Modus: Wäre es nach den Sendern gegangen, hätte es nämlich mehr als ein Rededuell gegeben und auch Publikum im Saal.

Wollte die Kanzlerin nicht und hier würde ich mir wünschen, dass ARD, ZDF, RTL und Sat.1 die Eier haben zu sagen: „Na gut, dann lassen wir es bleiben – dieses mal kein Duell!“ Oder man hätte Schulz zusammen mit Vertretern der anderen Parteien antreten lassen. Stattdessen konnte die „Sie kennen mich“-Kanzlerin die Regeln bestimmen und das tun, was sie am besten kann: Alles so wie immer machen.

Das ist aber nicht der einzige Vorwurf, den ich den Sendern und den Moderatoren mache: Ich erwähnte bereits, dass das Thema um die Flüchtlingszuwanderung, Asylrecht und allem damit verbundenen sehr viel Zeit eingenommen hat. Es ist zweifellos ein wichtiges Thema, aber wir Wähler haben eben massig Fragen mehr vor dieser Wahl und die wurden entweder komplett ignoriert oder sehr spät in der Sendung äußerst stiefmütterlich abgefrühstückt.

Ich möchte Sascha Pallenberg zitieren, der auf Facebook genau das schrieb, was mir gestern bereits durch den Kopf ging:

Stichwort Zukunft? Was sagt die TVDuell-Runde da eigentlich so als unbeteiligter Diskussions-Moloch dazu? Digitalisierung, Industrie 4.0, Globalisierung, Energiewende, Mobilitaet der Zukunft. Erneuerung des Bildungssystems, Gleichstellung, Rente, Gerechtigkeit, Lohngleichheit, Breitbandausbau… Die Liste ist sowas von lang und wisst ihr was wir gehoert haben? Nix, nada, niente! Was ist denn da bitte los? Sascha Pallenberg

Habt ihr uns vergessen?

Deswegen stelle ich jetzt — und in der Überschrift die Frage, ob wir einfach vergessen worden sind. Mit „Wir“ meine ich jetzt jeden Wähler, der sich angesprochen fühlt. Jeder, der wissen möchte, was denn nun passiert,

  • …wenn dank „Industrie 4.0“ plötzlich Millionen Jobs weltweit wegfallen.
  • …wenn aufgrund dessen das Rentensystem in absehbarer Zeit kollabieren wird.
  • …wenn man sich Gedanken macht, welche Energiequellen und welche Fortbewegungsmittel in der nahen Zukunft diejenigen sind, auf die man setzen sollte.
  • …wenn man sich fragt, wie die nachkommenden Generationen — Stichwort: Bildung — auf eine so fundamental veränderte Welt ausgerichtet werden sollen.
  • …wenn man sich nicht nur angesichts solcher Realitätsverweigerer wie Trump die Frage stellt, wie es um unseren Planeten bestellt ist und welche Klimaziele man formulieren möchte bzw. muss.
  • …wenn man wissen möchte, wieso alle Parteien dafür sind, die Flüchtlingsursachen zu bekämpfen und dennoch Deutschland ein Gigant bei den Rüstungsexporten ist.

Ich glaube, ich könnte jetzt noch Dutzende Punkte aufzählen und alle hätten meiner Meinung nach mindestens ähnliche Signifikanz wie das Flüchtlings- und Asyl-Thema. Dafür, dass all das nicht stattgefunden hat (oder nur sehr limitiert), zähle ich alle Beteiligten an. Zunächst mal die Sender und Moderatoren. Hier muss ein solches Duell entsprechen konzeptioniert, gelenkt und moderiert (Meine Fresse, wieso heißen die denn sonst Moderatoren?“ werden.

Ich denke aber auch, dass Merkel und Schulz die Gelegenheit hätten nutzen müssen, sich aus diesem engen Korsett zu befreien und ruhig anzusprechen, dass man mit dieser Themenauswahl nicht glücklich ist. Klar – einmal zum Schluss wurde schüchtern drauf hingewiesen, aber stellt euch vor, Schulz hätte anstelle seiner holprigen Abschluss-Aussage einfach nur auf den Tisch gehauen und gesagt, dass es ein Unding ist, dass die Themen Digitalisierung, Umwelt und Klimaschutz und vieles mehr einfach übergangen worden sind. Ich glaube, damit hätte er binnen 120 Sekunden fett punkten können.

Was bleibt nach diesem Duell?

Tja, was bleibt? Sehr viel Ratlosigkeit, noch mehr Langeweile in den kommenden drei Wochen „Wahlkampf“ und die Gewissheit, dass wir noch einmal vier Jahre Angela Merkel serviert bekommen. Bitte nicht falsch verstehen: Sie ist sicher nicht das Schlimmste, was diesem Land passiert ist – in der Flüchtlings-Frage hat sie 2015 absolut richtig gehandelt.

Dennoch sind weitere vier Jahre „weiter so“ das letzte, was wir brauchen. Wir leben in einem Umbruch, in wahnsinnig spannenden Zeiten, in denen sich so unglaublich viel ändern wird, aber auch ebenso viel schiefgehen kann. Wenn ihr mich fragt, können wir jetzt schon alle anfangen, uns für die nächste Bundestagswahl zu positionieren. Vier Jahre Anlauf, um es besser zu machen, um Leute — und auch die Politiker — für Themen zu sensibilisieren, und uns selbst zu informieren.

Ich bin ja für Utopien und Träumereien eh immer zu haben, aber ich glaube, dass wir wirklich in vier Jahren eine fundamental andere Politiklandschaft vorfinden werden. Und dabei hoffe ich nicht auf eine AfD, die sich als feste Größe etabliert, sondern auf neue Strömungen und neue Initiativen wie beispielsweise die Demokratie in Bewegung.

Ihr könnt mir gern vorwerfen, dass ich nur Teil meiner Filterblase bin, in der es überdurchschnittlich viel um Smartphones und andere mobile Technologien geht. Wie wir uns aber in den nächsten Jahren fortbewegen im Verkehr, welche Technik wir nutzen, wie schnell wir uns im Internet bewegen, wie nachhaltig wir unsere Städte bauen und wie oft oder selten wir über Fake-News stolpern oder Opfer von Cyber-Mobbing werden — das sind keine Fragen einer techaffinen Minderheit, sondern betreffen wirklich jedermann, auch diejenigen, die es jetzt noch nicht so sehen.

Daher haben wir gestern nicht nur 95 Minuten verschenkt, sondern wurden auch live Zeuge, wie wir drauf und dran sind, noch einmal ganze vier Jahre zu verschenken.  Wäre Deutschland ein Fußballverein, würde ich vermutlich denken, dass man diesen Verein ruhig mal ein, zwei Jahre in der zweiten Liga spielen lassen sollte, damit er — nach einem Umbruch — wieder ganz oben angreifen kann.

Fußball-Metaphern funktionieren hier aber nicht: Wenn wir einmal den Anschluss an die Champions-League-Plätze in der Welt verloren haben, dürfte man sich nur sehr, sehr zäh wieder herankämpfen können. Ich würde jetzt gerne abschließend was Versöhnliches schreiben oder euch einen guten Tipp mit auf den Weg geben. Hab ich aber nicht parat — für diese Bundestagswahl bin ich ziemlich desillusioniert. Aber klar: Natürlich soll dennoch jeder von euch sein Kreuz machen bei der Partei, die ihm am meisten bietet — solange es nicht die AfD ist, versteht sich.

Ich glaube, ich werde in den nächsten Tagen noch mal was zum Thema Politik schreiben und mich da dann darauf konzentrieren, wo ihr im Netz all die notwendigen Infos bekommt, welche Tools euch bei der Parteiwahl helfen etc. Das könnt ihr behämmert finden, wenn es sich hier mal wieder um Themen handelt, die nur am Rande mit unserer Tech-Welt zu tun haben, aber hey: Die Wahl ist am 24. September — ihr habt es also bald überstanden.

Sehr lesenswert zum Thema: Bundestagswahl: Wann geht es eigentlich wieder um die Zukunft?