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Überwachungskapitalismus: Sollte man Google oder Facebook mal einen Tag dichtmachen?

Die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff sorgt sich um die Datenhoheit und die Demokratie und zählt daher vor allem Facebook, Google und Amazon an.

von Carsten Drees am 25. November 2019

“Die Demokratie existiert nicht aus sich selbst heraus. Wir müssen sie stärken und am Leben erhalten, in jeder Generation wieder. Wenn wir selbstgefällig werden und die Demokratie für selbstverständlich halten, dann stirbt sie.”

Die, die diese starken Worte ausspricht, heißt Shoshana Zuboff und ist Harvard-Professorin im Ruhestand. Allerdings ist die Ökonomin auch Buchautorin und hat in ihrem jüngsten Werk “Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus” Unternehmen wie Amazon, Google und Facebook ins Visier genommen. Genau das sind nämlich ihrer Meinung nach die Konzerne, die zunächst die Datenhoheit und im Endeffekt auch die Demokratie bedrohen.

Jüngst hat sie den Axel-Springer-Preis erhalten und findet sich als Preisträgerin da in illustrer Gesellschaft: Unter anderem Jeff Bezos und Mark Zuckerberg haben diesen Award gewonnen, zwei Männer, mit deren Unternehmen Zuboff so gar nicht klar kommt. Sie sieht uns an einem schwierigen gesellschaftlichen Punkt angelangt, weil man ohne Amazon, Google und Facebook kaum noch auskommen kann.

Klar — es gibt für fast alles eine Art Alternative, meistens aber eben eine, die nicht ebenso funktioniert wie die Dienste und Angebote dieser drei großen Namen. Ein weltumspannendes Social Network jenseits von Facebook, faktisch nicht vorhanden. Ebenso gibt es für WhatsApp in Europa keine Alternative, wenn man bei einem Messenger voraussetzt, dass man so viele eigene Bekannte wie möglich dort vorfindet. Genau das ist der Punkt: Irgendwie kann man online einkaufen, ohne Amazon zu nutzen. Man kann Karten- oder Email-Services oder Suchdienste nutzen, ohne bei Google zu landen und man kann auch die Facebook-Angebote irgendwie umgehen. Man beschneidet sich dann aber bei der Teilhabe. Die Alternativen aktuell sind keine tatsächlichen Alternativen, sondern bestenfalls mäßige Kompromisse.

Die Wahl zu haben, bedeutet in so einem Fall, auf etwas verzichten zu müssen oder sich in die Hände dieser großen Konzerne zu begeben. Die Konzerne geben zwar vor, dass sie sich selbst regulieren könnten, Zuboff findet hier aber eher, dass große Technologieunternehmen ruhig mal unsanft daran erinnert werden sollten, dass sie den Nutzern dienen, nicht etwa umgekehrt.

Die Ökonomin lobt in einem Interview mit Axel-Springer-Chef Döpfner die EU, die beim Schutz der Demokratie schon deutlich weiter ist als die USA, wie man allein schon daran sieht, dass man Konzernen wie Google auch schon mal empfindliche Milliarden-Strafen reindrückt. Dabei lassen wir jetzt aber mal außen vor, dass Döpfner als Springer-Boss noch einen ganz anderen Ansatz verfolgt bezüglich Google und auch er hier eher sein eigenes Unternehmen als die Rettung der Demokratie im Sinn hat.

Die Professorin findet jedenfalls, dass wir Gesetze brauchen, um die Wettbewerbslandschaft zu schaffen, in der es “Hunderttausende, Millionen von klugen Menschen, Unternehmer, Technologen und Unternehmen gibt, die buchstäblich Schlange stehen, um endlich die Möglichkeit zu erhalten, in einen fairen Wettbewerb einzutreten”. Dort könnten diese klugen Köpfe dann die tatsächlichen Probleme der Gesellschaft angehen — etwas, was derzeit nicht möglich ist, weil das Geld der Investoren immer in diesem Moloch aus Facebook, Google, Amazon und Apple versumpft, weil hier nun mal die fetten Gewinne locken. Dieses System muss man überwinden, damit der Wettbewerb wieder funktioniert und wir alle davon profitieren können.

Shoshana Zuboff findet, dass wir zwingend die Macht der GAFA-Unternehmen (Google, Apple, Facebook, Amazon) beschneiden muss, damit wir wieder tatsächliche Innovationen erleben und als Nutzer nicht länger in den Fängen dieser Companies festhängen. Sie ist auch der Meinung, dass man, wenn Google oder Facebook dem Gesetzgeber zu sehr auf der Nase herumtanzen, den Laden einfach mal einen Tag dichtmachen müsste, oder gar eine Woche — nur, um zu zeigen, dass Demokratie immer noch funktioniert.

Schlussendlich verfolgt sie einen ziemlich radikalen Ansatz: Es müsste verhindert werden, dass wir die künstliche Intelligenz der Unternehmen füttern. Es müsste ihrer Meinung nach illegal sein, dass durch diese Algorithmen Prognosen auf unsere Zukunft ermittelt werden — welches Essen wir mögen könnten, wohin wir in Urlaub fahren wollten, welche Partei man wählen könnte usw. Sie sagt selbst, dass es ein radikaler Schnitt wäre, aber die Menschheit hat schon andere drastische Veränderungen herbeigeführt: Auch beim Handel mit Sklaven, Organen oder Kindern hat man irgendwann Verbote durchsetzen können. Verbote, die zu mehr Demokratie und Gerechtigkeit geführt haben. Wir wissen also schon, dass dieses Prinzip funktionieren kann und die Harvard-Professorin glaubt, dass man so auch die verzwickte Lage mit den übermächtigen Internet-Konzernen in den Griff bekommen könnte.

Ich bin nach wie vor skeptisch, ob es tatsächlich so einfach ist bzw. ob sich darauf verständigt werden kann, aber es ist doch zumindest gut zu wissen, dass die Lage noch nicht komplett hoffnungslos ist. Was denkt ihr? Wie können wir uns aus dem Würgegriff dieser vier Riesen befreien? Oder denkt ihr eher, dass es nicht funktionieren wird und wir uns in eine ähnliche Richtung wie China entwickeln, Stichwort: Social Scoring? Schreibt es uns in die Comments.

Das lesenswerte Interview findet ihr hier auf Deutsch, allerdings hinter der Bezahlschranke. In Englisch könnt ihr es hier lesen.