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#ueberzeugtuns (nicht): Polit-Trash aus der TV-Hölle

Das Erste bzw. der BR haben mit "Überzeugt uns" gestern ein Politik-Format gebracht, welches sich explizit an junge Menschen wendet. Etablierte Politiker der großen Parteien stellten sich der Herausforderung und Spoiler-Alarm: Sie meisterten diese Herausforderung besser als diejenigen, die für Konzeption und vor allem Moderation der Show verantwortlich waren.

von Carsten Drees am 22. August 2017

Wenn deutsche Politiker versuchen, ausdrücklich auch junge Menschen für die mitunter spröden Themen zu begeistern, mit denen sie sich selbst stets herumschlagen, dann ist wieder Wahlkampfzeit. Aktuell ist es wieder so weit und die Politik überlegt abwechselnd, wie man den Wahlkampf a) zu jungen Leuten und b) ins Internet transportiert.

Die ARD bzw. der Bayrische Rundfunk sowie MDR und SWR im Auftrag für “Das Erste” wollten da einfach mal unterstützend eingreifen und so hat man eine Polit-Show aus dem Boden gestampft, welche ein bisschen wie “Anne Will” war — und dennoch komplett anders. Wenn ihr nur in einem Satz lesen wollt, ob das Konzept aufgegangen ist: Nein, ist es nicht — nicht ein bisschen.

“Überzeugt uns”: Lange Fehlerkette

Für diejenigen, die es in mehr als einem Satz begründet haben wollen, was da schief gelaufen ist. Hier sind die Dinge, die mich gestört haben:

  • Sendezeit: Im TV ging der Spaß um 23 Uhr los – das ist einfach zu spät
  • Moderation: Ingo Zamperoni und Ronja von Rönne sollten junge Menschen ansprechen, vor allem von Rönne fiel dabei schwer durch
  • Zahl der Gäste: Von CDU, CSU, SPD und FDP saßen Politiker dort, zudem auch von den Grünen, den Linken und auch der AfD. Zu viel meiner Meinung nach, aber vermutlich der Chancengleichheit geschuldet.
  • Auswahl der Gäste: Große Namen saßen da. Auf der einen Seite möchte man dem BR gratulieren, dort sieben Politik-Schwergewichte zu später Uhrzeit aufzufahren, auf der anderen erscheint es blauäugig, mit diesen Gästen andere und echtere Antworten zu erwarten als die übliche Worthülsen-Parade bei Anne Will und Co.
  • Lustig gemeinte Einspieler: Von Schlecky Silbersteins Bohemian Browser Ballett kamen satirische Clips, die imho nicht besonders witzig waren, dafür aber kostbare Sendezeit klauten
  • Last, but ganz sicher not least: Die Konzeption der Show! Irgendwer war der Meinung, dass junge Menschen nur noch ganz kurze Satz-Häppchen verstehen können. In der Folge ist die Show auf sehr knappe Antworten ausgelegt worden und brachte somit unnötige Hektik in die Sendung.

Wieso fängt man um 23 Uhr an? Okay, der Fairness halber: Der hochgeschätzte Richard Gutjahr legte schon etwas früher los mit seiner begleitenden Sendung, die online gestreamt wurde. Das war für mich — nur mal am Rande — übrigens auch das Highlight der ganzen #ueberzeugtuns-Geschichte: Richard hatte interessante junge Menschen zu sich geladen, schaltete zwischendurch immer wieder in die “richtige” Show für O-Töne, holte zusätzliche Stimmen ein und lieferte meiner Meinung nach mit dieser Mischung einen tatsächlichen Mehrwert für die Zuschauer. Meine Kritik hier ist also ziemlich losgelöst von dieser Online-Show, die weitestgehend parallel zur TV-Sendung lief.

Nur zur Erklärung: Ich habe mir Richards Online-Show noch nach der eigentlichen Sendung komplett reingezogen — wirklich parallel hätte man (oder hätte zumindest ich) beiden Sendungen nicht folgen können. Aber nochmal zurück zur Uhrzeit: Um 23 Uhr schlafen nicht nur jede Menge Menschen, die so alt sind wie ich (Mitte 40), sondern eben auch Leute unter 25, die am nächsten Tag zur Arbeit, zur Schule oder zur Uni müssen.

Wenn man da vorher stattdessen eine Doku über Lady Diana und ihre Söhne zur besten Sendezeit bringt und den Polit-Talk für junge Zuschauer ins Nachtprogramm verbannt, sagt das meiner Meinung nach schon eine Menge darüber aus, wie “Das Erste” hier gewichtet und ganz ehrlich: Wäre ich noch einer dieser jungen Erwachsenen, würde ich mir ein wenig verarscht vorkommen.

Die Wenigsten können um diese Zeit noch zwei Stunden lang vor der Kiste hängen und versuchen, sich politisch eine Meinung zu bilden. Der Einspruch lautet diesbezüglich vermutlich: Hey, das ist doch für junge Menschen gedacht — die schauen eh in der Mediathek den Kram und zwar dann, wenn sie Bock haben. Ja, dem stimme ich zu, aber das ändert nichts daran, dass die Sendung ja auch von der Interaktion der Zuschauer profitieren wollte, indem live Fragen verlesen wurden, die bei Facebook und Twitter geäußert wurden.

Schlimmer aber als die Uhrzeit noch finde ich die Konzeption der Sendung: Irgendjemand war da der Meinung, dass die Aufmerksamkeitsspannen junger Menschen nicht viel hergeben. So hat man wirklich jede Menge Themen durch die Sendezeit gepeitscht und wenn man viele Politiker mit noch viel mehr Fragen bewirft, könnt ihr euch denken, dass dabei nicht mehr die Möglichkeit besteht, sinnvolle, erklärende Antworten zu liefern.

Die Gäste — Ralf Stegner (SPD), Jens Spahn (CDU), Cem Özdemir (Grüne), Katja Kipping (Linke), Alexander Dobrindt (CSU), Katja Suding (FDP) und AfD-Griesgram Alexander Gauland — sind allesamt Politik-Profis. Soll heißen: Sobald man merkt, dass man eh nicht ausführlich seine Punkte erklären kann, beschränkt man sich auf kurze, knackige Punchlines. Die hatten dann dementsprechend wenig Substanz und trugen nicht dazu bei, dass man sich wirklich ein Bild einer Partei machen konnte.

Ihr könnt hier doch nicht tausend Themen in 90 Minuten abhandeln wollen, und das zu dieser Sendezeit! Jens Spahn, CDU

Einige Ideen — Sätze vervollständigen, Speed-Dating — wirkten auf mich durchaus frisch. Insgesamt wurde aber für mein Empfinden zu viel auf diese künstliche Hektik gesetzt, das hat der Show nicht gut getan. Das bringt mich dann auch jetzt  zu den Einspielern von Schlecky Silbersteins Bohemian Browser Ballett. Ja, das war lustig oder bissig gemeint, sollte die Sendung auflockern und vielleicht gehöre ich da einfach nicht (mehr) zur Zielgruppe.

Fakt ist aber, dass man die eh schon knappe Sendezeit angesichts so vieler Fragen und so vieler Politiker nicht mit so viel mäßig witzigem Kram hätte verjubeln sollen. Apropos Sendezeit-Verschwendung: Man hätte bei den Fragen aus den Zuschauer-Reihen durchaus relevantere rauspicken können als “Waren Sie schon mal beim Sandbahnrennen in Vechta” oder “Wann haben sie zuletzt irgendwas zum ersten Mal getan”.

Was erlauben Ronja von Rönne?

Der größte Kritikpunkt an “Überzeugt uns” war aber wohl die Moderation: Ich selbst war sehr schnell sehr genervt von Ronja von Rönne, die ich ansonsten wirklich schätze. Auch im Netz gab es die meiste Kritik für ihre Person und das hing damit zusammen, dass sie ihre Moderations-Aufgabe wenig souverän meisterte.

Begründet wurde das zumeist mit ihrer flapsigen, hochnäsigen und arroganten Art, mit der sie vor allem mit dem AfD-Vertreter Gauland umsprang. Vermutlich als erfrischendes Element wegen genau dieser frechen Schnauze eingesetzt, überzog sie den Bogen zu deutlich und machte zu sehr deutlich, welchen der anwesenden Politiker sie schätzt und welchen überhaupt nicht.

Das wirkte sich auch auf die Regelauslegung aus: Die ein oder andere Antwort durfte dann doch mal ein paar Sekunden länger ausfallen, speziell Gauland, mitunter auch Spahn wurden sehr rabiat und penibel abgewürgt. Das allerdings von Ingo Zamperoni ebenso und nicht nur von Ronja von Rönne.

Dennoch: Ronja war für mich eine absolute Fehlbesetzung, auch wenn ich vorab sehr gespannt war darauf, wie sie das machen würde. Wenn sie nicht Politikern über den Mund gefahren ist, betätigte sie sich als Hipster-Sidekick von Zamperoni, die man vermutlich auch als Schlagwort-Kanone eingekauft hat beim BR: Hihi, Sneaker-Sammler — Haha, Berlin-Bashing — Hoho, Gemüse-Smoothies.

Unterm Strich hat Ronja mit ihrem unangemessenen Auftreten gegenüber Gauland letztendlich genau das Gegenteil dessen bewirkt, was ihre Absicht gewesen sein dürfte: Der unfassbar unsympathische Gauland mit all seinen kruden, verbohrten und teils unanständigen Ansichten, die er für seine Partei vertritt, erschien plötzlich fast angenehm. Eben, weil er so ungerecht behandelt wurde und ihn das sympathischer erscheinen ließ, als er nun tatsächlich ist. Ein klassisches Eigentor, Frau von Rönne.

Mein Fazit: Ich bin nicht überzeugt – hoffnungslos ist die Lage dennoch nicht

Das Konzept, von Rönne genau für die hippen Momente an Land gezogen zu haben und damit die jungen Menschen erreichen zu wollen, erscheint zu offensichtlich, zu bemüht, wenn ihr mich fragt. Ähnliches gilt für die Hektik und für die Einspieler: Man sieht, dass man die Jungen tatsächlich ansprechen wollte, geht dabei aber irgendwie von falschen Grundvoraussetzungen aus.

Es gab durchaus interessante Ansätze und Momente, beispielsweise wenn die Mietpreise oder Alkohol und Cannabis thematisiert wurden. Leider konnten diese Themen aber nicht beim Zuschauer verfangen, weil man viel zu schnell schon wieder komplett woanders angekommen war thematisch.

Richard hat das klasse gemacht, sein begleitendes Format war deutlich knackiger und spannender als die eigentliche Sendung. Bei seinen Gästen gefiel mir vor allem Katharina Nocun, die zu vielen Themen Interessantes zu sagen hatte. Das lässt mich glauben, dass man lieber auf ein, zwei Gäste (wieso eigentlich immer die CSU, die überhaupt nicht bundesweit zu wählen ist?) verzichtet und stattdessen jemanden wie Katharina mit in die Runde setzt. Mehr Dialog, etwas weniger Fragen-Stalin-Orgel.

Auch über Ronja von Rönne und Ingo Zamperoni möchte ich den Stab jetzt nicht endgültig brechen. Zamperoni bringt allein durch seine Tagesthemen-Tätigkeit den richtigen Hintergrund mit, der die TV-Verantwortlichen denken lässt, dass er die perfekte Besetzung ist, um junge Menschen für Politik begeistern zu können.

Ronja von Rönne ist noch ein sehr junges Mädchen, dem man vermutlich erst noch beibringen muss, dass “Moderator” schon per Definition voraussetzt, dass man den Dialog vorantreibt und zwar “moderierend” und nicht Partei ergreifend. Sie sollte sich anschauen, wie das gestandene Journalisten und Journalistinnen umsetzen: Man kann bissig und hartnäckig sein, ohne einfach billig reinzugrätschen und sich mehr um eigene Pointen als um Dialog zu bemühen.

Eine andere Sache möchte ich abschließend zu Ronja aber auch noch loswerden: Ich war wirklich enttäuscht gestern Nacht von der Art und Weise, wie sie sich in der Sendung präsentiert hat. Aber das rechtfertigt nicht, dass man sie heute auf ihrem Facebook-Profil auf so üble Art und Weise beschimpft, wie das seit letzter Nacht geschieht.

Gerade die AfD-Supporter haben sich dort heute die Klinke in die Hand gegeben und ihr könnt euch vorstellen, dass die Postings dort von sachlicher Kritik meilenweit entfernt waren. Wie immer vertrete ich auch hier die Meinung, dass man im Netz (und generell) fair miteinander umgeht. Bringt Kritik an, wo sie eurer Meinung nach gerechtfertigt ist, aber haltet euch doch an ein paar Grundregeln der Kommunikation.

Zur Sendung abschließend: Ich glaube, vor der Bundestagswahl ist dieses Format nicht noch einmal geplant. Sollte der BR bzw. Das Erste aber an dem Konzept grundsätzlich festhalten wollen, würde ich mir ein paar Veränderungen wünschen. Entweder direkt weniger Gäste oder aber auch vielleicht eine Reihe an Sendungen, bei der jeweils nur eine Partei zu Wort kommt, dort aber entsprechend mehr Zeit erhält.

Weniger Möchtegern-jugendlich und hip, weniger Hektik – dafür mehr Substanz. Wenn man dann Zamperoni und von Rönne noch einigermaßen eingefangen bekommt und die ganze Geschichte dann auch zwischen 20:15 Uhr und 21:00 Uhr ansetzt statt mitten in der Nacht, könnte das durchaus ein interessantes Format sein.

 

PS: Ein kleiner Kritikpunkt noch generell von einem alten Sack, der schon eine Weile online ist: Egal, ob es um diese Sendung geht oder um irgendeine andere, die junge Menschen ansprechen möchte — hört doch bitte endlich auf damit, so zu tun, als ob “dieses Internetz” so eine Geschichte ist, die junge Menschen von alten Menschen unterscheidet.

Mittlerweile bin ich seit über 20 Jahren online, ich kapiere Social Networks und habe auch sonst das Gefühl, dass ich im Internet zurechtkomme. Irgendwann muss das doch mal aufhören, dass man Jung und Alt unterscheidet in “Die haben nur eine Aufmerksamkeitsspanne von 30 Sekunden” und “Die verstehen das Internet” nicht. Ich glaube, das ist mit ein Grund dafür, wieso Sendungen wie “Überzeugt uns” scheitern.

Wer sich trotz aller berechtigter Kritik die Sendung noch anschauen möchte, wird selbstverständlich in der Mediathek des Senders möglich. Bis zum 21. August ist “Überzeugt uns” hier verfügbar.  Empfehlenswerter finde ich persönlich das Format, welches mit Richard Gutjahr ausschließlich online ausgestrahlt wurde. Auch das könnt ihr euch selbstverständlich noch anschauen:

Überzeugt uns! Der Politikercheck im Ersten und hier auf Facebook:

Posted by Das Erste on Montag, 21. August 2017