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Übrigens: Faktenchecks gelten auch für uns – nicht nur für “die”

Steile These: Halten wir es mit Fakten nicht so genau, wenn das Geschriebene uns gut in den Kram passt? Ich fürchte, dass das so ist und appelliere daher an euch, nicht mit zweierlei Maß zu messen.

von Carsten Drees am 9. Juni 2020

Ich gebe zu, ich verschwende zu viel Zeit im Netz. Also ich bereue nicht die Zeit, die ich im Netz verbringe, weil ich dort schließlich arbeite, kommuniziere, lerne und mich informiere. Aber es gibt eben auch einen gewissen Anteil an Zeit, den ich einfach nur unsinnig verjubel.

Ein Beispiel: Eben hat die Süddeutsche auf Facebook einen Artikel zu #BlackLivesMatter auf Facebook geteilt. Irgendein Kerl kommentiert dort und beruft sich auf eine Statistik, die besagt, dass People of Color in den USA deutlich häufiger Weiße erschießen als umgekehrt. Unabhängig davon, dass es im verlinkten Beitrag um Slacktivismus geht und darum, dass manche Influencer in der Bewegung nur eine Welle sehen, auf die man aus Eigennutz aufspringt, bringt diese Statistik über Erschossene in dem Zusammenhang so gar nichts.

Also setze ich mich hin, kommentiere, erzähle dem Typen was von Korrelation und Kausalität und wieso diese Statistik nicht im Ansatz widerspiegelt, welche systemischen und strukturellen Rassismus es in den USA allgemein und bei der Polizei speziell gibt. Ich bin überzeugt davon, dass das, was ich ihm schrieb, Hand und Fuß hat. Ich bin aber genau so davon überzeugt, dass ich ihn damit nicht zum Nachdenken bringe. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe meine Zeit verschwendet, wie ich in der Einleitung sagte.

Allerdings beobachte ich das auch bei sehr vielen anderen Menschen und im Grunde freut es mich, all das zu sehen. Es gibt so unfassbar viele dämliche Kommentare, gerade auf Facebook. Egal, auf welcher Seite man steht: Es wird gehetzt, sich gegenseitig beschimpft und Dummheit des anderen attestiert, dass es nur eine Wonne ist. Da empfinde ich es als wohltuend, wenn sich jemand die Zeit nimmt, ein paar fundierte Ansichten in die Runde zu werfen und zumindest den Versuch unternimmt, so etwas wie einen Diskurs anzuschieben.

Mein Problem ist jetzt eigentlich nicht, dass sich Leute diese Zeit nehmen, oder dass ich persönlich zu viel Zeit genau damit verschwende. Das ist anscheinend so in meiner DNA und das kann ich nicht abstellen und im Grunde möchte ich es ja auch nicht. Mein Problem ist eher, dass man tendenziell weniger Zeit damit verbringt, wenn einem ein geteiltes Statement, eine Meinung, ein Kommentar unter einem Facebook-Artikel gut in den Kram bzw. in die eigene Meinung passt.

Wenn der Typ mit seiner Todesschuss-Statistik eine Statistik genannt hätte, die in dem Kontext zwar nichts bringt, aber meine Meinung zu #BlackLivesMatter stützt: Hätte ich ebenso viel Zeit damit verbracht, ihm zu erzählen, wieso die Statistik in dem Zusammenhang Quatsch ist und er lediglich vom eigentlichen Problem ablenkt? Vermutlich nicht, muss ich zugeben.

Und ja, auch das ist etwas, was ich zunehmend häufiger beobachte: Ist jemand meiner Meinung mit seinem Kommentar, gibt es das schnell geklickte “Like” dafür statt einer reflektierten Einschätzung des Gesagten. Das gilt für die Kommentarspalten, es gilt aber noch ausgeprägter für Inhalte, die geteilt werden. Wir können uns Wissen anlesen und die Beiträge derjenigen mit anderer Meinung schnell als falsch entlarven — aber wir legen bei uns selbst oftmals nicht die gleiche Messlatte an. Diesen Schuh muss ich mir auch selbst gelegentlich anziehen und nein, natürlich ist das kein pauschaler Vorwurf, weil ich natürlich auch Menschen kenne, die durchaus jedes mal gegenchecken, was sie da so verbreiten. Worauf ich hinaus will, erkläre ich euch an einem Beispiel:

Beispiel: Die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Veranstaltungsbranche

In meinem gewählten Beispiel geht es um obiges Bildchen, welches auf die arg gebeutelte Veranstaltungsbranche aufmerksam machen will. Dadurch, dass ich viele Veranstalter, Besitzer von Event-Locations, Booker, Künstler, Licht- und Soundtechniker usw. kenne, ist das Thema in meinem News Feed allgegenwärtig (auch völlig berechtigt!) und auch dieses Bildchen ist mir dabei jetzt schon häufiger untergekommen.

Die Aussage, die dahinter steckt, dürfte klar sein: Die Regierung lässt “unseren” Sektor am ausgestreckten Arm verhungern, während der Lufthansa der Puderzucker in den Hintern geblasen wird! Persönlich glaube ich auch, dass es da Unverhältnismäßigkeiten gibt, in welchem Maß welcher Branche speziell in der Pandemie geholfen wird. Ebenso ist es nicht von der Hand zu weisen, dass die Regierung faktisch einer Branche wie der Autoindustrie in der Vergangenheit deutlich weiter entgegengekommen ist als anderen Branchen.

Daraus darf aber nicht resultieren, dass wir gedankenlos und vor allen Dingen ohne irgendwelche Quellen Dinge teilen, die uns zwar in unserem Gefühl bestärken, aber nicht tatsächlich auf nachvollziehbaren Fakten beruhen. Das obige Bild ist daher ein perfektes Beispiel. Die Original-Quelle kann ich euch leider nicht nennen, weil es mich von verschiedenen Personen erreichte und nie ein Urheber genannt wurde. Allen gemein ist allerdings, dass lediglich das Bild gepostet wurde, ohne eine tatsächliche Einordnung und vor allem ohne, dass man weiterführende Links oder Quellen angegeben hätte.

Hier wurden Zahlen gegenüber gestellt, die verdeutlichen sollen, dass die Veranstaltungsbranche gegenüber der Lufthansa einen deutlich größeren Impact hat, weil wesentlich mehr umgesetzt wird und wesentlich mehr Personen betroffen sind. Zudem zeigt das Bild, dass trotzdem die Lufthansa mit deutlich mehr Geld vom Staat gefördert wird. Hier nochmal der volle Wortlaut:

Veranstaltungsbranche:

  • 3 Millionen Erwerbstätige
  • 210 Milliarden Umsatz
  • Hilfe: 1 Milliarde

Lufthansa:

  • 35.000 Beschäftigte
  • 16 Milliarden Umsatz
  • Hilfe: 9 Milliarden

Mir Erbsenzähler fällt dabei direkt als erstes unangenehm auf, dass beim Umsatz keine Währung genannt wird. Welche 210 Milliarden setzt die Veranstaltungsbranche um? Euro? US-Dollar? Muscheln? Da geht es zumindest schon los, aber damit will ich mich jetzt nicht länger aufhalten und daher gehe ich mal davon aus, dass in beiden Fällen Euro gemeint ist.

Ich kann sogar die 16 Milliarden Euro Umsatz bei der Lufthansa nachvollziehen, immerhin weist der Wikipedia-Eintrag der Lufthansa für 2019 einen Umsatz von 16,119 Milliarden Euro zu. Google ich allerdings direkt nach “Lufthansa Umsatz“, erhalte ich als Ergebnis die Summe von 36,42 Milliarden Euro. Das kommt daher, weil dort der Umsatz der Lufthansa Group genannt wird, also des kompletten Konzerns, zu dem die Lufthansa gehört.

Um den kompletten Konzern geht es in diesem Fall aber auch, was bedeutet, dass nicht nur die im Bild genannten 16 Milliarden Euro falsch sind, sondern auch die erwähnten 35.000 Beschäftigten, die sich ebenfalls nur auf die Airline und nicht auf den Konzern beziehen. Stattdessen wären in diesem Zusammenhang die etwa 175.000 Beschäftigten des gesamten Konzerns relevant. Immerhin stimmen die 9 Milliarden Euro, die als Rettungspaket genannt werden. Die Tagesschau schreibt am 2.6. zu diesem Rettungspaket:

Es sieht vor, dass drei Milliarden Euro als Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) fließen, die übrigen sechs Milliarden Euro kommen aus dem staatlichen Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF), der die ökonomischen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf deutsche Unternehmen abfedern soll. Es ist geplant, dass der WSF im Zuge einer Kapitalerhöhung Aktien zeichnet, um eine Beteiligung von 20 Prozent am Grundkapital der Fluggesellschaft aufzubauen.

Unabhängig von dieser Summe würde mich hier interessieren, wer in der Veranstaltungsbranche damit einverstanden wäre, dass man sein Unternehmen zum Teil verstaatlicht. Auch diese bittere Pille wird im schnell geteilten Bildchen nicht erwähnt.

Bei den Zahlen der Veranstaltungsbranche indes tappe ich ziemlich im Dunkeln. Weder kann ich herleiten, woher die 210 Milliarden Euro Umsatz kommen, noch wie man auf die drei Millionen Erwerbstätigen kommt. Deutschlandweit kommen wir auf insgesamt etwa 45 Millionen Erwerbstätige, wie ihr beim Statistischen Bundesamt nachlesen könnt.

Stimmt die Zahl im Bild, würde das bedeuten, dass 6,67 Prozent der in Deutschland beschäftigten in der Veranstaltungsbranche tätig wären — also etwa jeder 15. Bürger, der hierzulande einer rechtmäßigen Arbeit nachgeht. Sorry, aber das erscheint mir ein wenig zu hoch gegriffen und wie gesagt bekomme ich das auch nicht verifiziert.

Der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft e. V. gibt keine jährlichen Studien in Auftrag, aber zumindest in der bdv-Studie 2018 heißt es:

Die Veranstaltungsbranche erwirtschaftete im Untersuchungszeitraum vom 1. Juli 2016 bis 30. Juni 2017 einen Gesamtumsatz von 4,999 Milliarden Euro.

Fünf Milliarden Euro im Jahr. Selbst, wenn ich davon ausgehe, dass der Umsatz seitdem gestiegen ist, fällt es mir schwer zu glauben, dass man auch nur in die Nähe eines dreistelligen Milliardenbetrages kommen könnte. Ich weiß jetzt ehrlich gesagt nicht, ob andere Veranstaltungen wie Konferenzen und Messen auch vom BDKV abgedeckt werden und daher hab ich mir mal exemplarisch angeschaut, wie viel Umsatz die Messe Berlin GmbH macht: 2018 waren das 347 Millionen Euro Umsatz und das für eine der umsatzstärksten Messegesellschaften weltweit. Also wie man es dreht und wendet: Ich tue mich äußerst schwer damit, auch nur in die Nähe von 210 Milliarden Euro Umsatz zu gelangen. Wenn ihr mir da weiterhelfen könnt oder wollt — lasst es mich gerne wissen.

Abschließend möchte ich zu dem Beispiel auch noch sagen, dass die “Veranstaltungsbranche” als Überbegriff ja auch äußerst diffus ist. Ich erwähnte oben ja bereits, dass dazu die Künstler gehören, ebenso aber auch Licht- und Tontechniker, Booker, Labels, Locations und vieles mehr. Das ist zwar in der Tat eine Branche, aber keine, die in jedem Punkt einheitlich betrachtet werden kann. Einem Theaterschauspieler stellt sich die aktuelle Situation ja anders dar als beispielsweise einer Location, die mittlerweile wieder Gäste empfangen kann.

Fakten, Fakten, Fakten

Wie so oft ist es also schwierig bis unmöglich, ein komplexes Problem in ein kurzes, schnell zusammengeklöppeltes Statement zu packen, welches tatsächlich eine Aussagekraft hat. In meinem Beispiel wird mit falschen Zahlen gearbeitet und mit Zahlen, die sich nicht im Einzelnen nachvollziehen lassen. Ihr könnt das teilen, um eurem Unmut freien Lauf zu lassen und auf eine Gefahrenlage einer Branche hinzuweisen, klar.

Aber ihr müsst dann auch damit leben, dass diese Zahlen als falsch und Vergleiche als hinkend entlarvt werden. Damit macht man sich unglaubwürdig und erweist der Sache, obwohl man es gut gemeint hat, einen Bärendienst.

Denn eins ist unbestritten: Es gibt bei all dem guten Willen der Regierung tatsächlich ein paar weiße Flecken in den Rettungsprogrammen und dazu gehören Solo-Selbstständige, aber eben auch viele andere Bereiche des Veranstaltungs-Sektors. Wer hier tätig ist und wessen Karriere durch die Pandemie in Gefahr gerät, hat also jedes Recht, auf die missliche Lage und auf die Ungerechtigkeit bei der Verteilung von Geldern hinzuweisen. Aber das funktioniert nicht, wenn man sich durch das Teilen von falschen, falsch dargestellten, verkürzten oder aus dem Zusammenhang gerissenen Zahlen angreifbar macht. Das gilt für alle Themen, egal ob es um die Hilfen der Regierung, Corona an sich, Rassismus, Klimawandel oder was auch immer geht.

Daher nochmal mein Rat an jeden von euch, der auf Diskurs bedacht ist und der dazu beitragen möchte, dass Probleme auch als solche erkannt und besprochen werden: Nehmt nicht nur die Beiträge derjenigen auseinander, die ihr zur Gegenseite zählt, sondern legt diesen Maßstab auch bei euren Freunden und vor allem auch bei euch selbst an. Wir können nicht mit dem Finger auf andere zeigen und es dann genau so fachlich schlecht machen — egal, wie aufrichtig ihr es meint und egal, wie berechtigt euer Anliegen auch ist.

 

Artikelbild von Gerd Altmann auf Pixabay