Beeindrucke Deine Familie!
Der ultimative Gesprächs-Guide für Geeks an den Weihnachtstagen

In wenigen Tagen ist es wieder so weit. Dann treffen sich am Heiligabend, am ersten oder zweiten Weihnachtstag vielerorts Familien, die einander in dieser Konstellation schon mehrere Monate nicht mehr gesehen, geschweige denn mehrere Stunden an einem Esstisch verbracht haben. Ihr wisst vermutlich schon, was dann auf euch zukommt: man erwartet, dass ihr euch mit diesen Leuten unterhaltet, also: sprecht. Da rettet einen kein Facebook oder WhatsApp, mit ein paar Emojis oder Likes kommt ihr aus der Nummer nicht mehr raus.

Man erwartet zudem von euch – egal was ihr mittlerweile beruflich macht, ob ihr nun Bankkaufmann, Luft- und Raumfahrt-Ingenieur, Ortho- oder Logopäde seid – dass ihr euch mit Computern, diesem Internet, Facebook, Smartphones und allem auskennt, was im entferntesten mit Technik zu tun hat. Damit ihr eure Eltern, Oma und Opa und die evtl. erstmals seit Jahren aus dem Schwarzwald angereiste Tante nicht enttäuscht, liefern wir euch heute das ultimative Handbuch für ein erfolgreiches Tischgespräch über familienkompatible IT- und Technik-Themen.

Die Grundregel lautet: übernehmt die Gesprächsführung! Lasst euch nicht in Themen drängen, von denen ihr entweder keine Ahnung habt oder die euch – was noch viel schlimmer ist – überhaupt nicht interessieren, also völlig am Boppes vorbeigehen. Haut stattdessen direkt auf die Sahne und gebt je nach Affinität eurer Familie die Topics vor. Dann ist die Nummer in wenigen Minuten durch und ihr könnt euch wieder müde und satt zurücklehnen, während die anderen diskutieren.

“Und es geschah also, dass zu jener Zeit des Jahres alle Söhne und Töchter an die Stätten ihrer Geburt zurückkehrten, damit sie die IT-Probleme ihrer Eltern richteten.”

1) Facebook

Spätestens in dem Moment, in dem eure Mutter den ersten Kommentar unter ein Partybild mit euren Freunden und Freundinnen gesetzt hat, habt ihr es gewusst: ab jetzt brechen andere Zeiten an. Mutti ist jetzt auch bei Facebook und die 500 Kilometer zwischen euch und eurem Elternhaus schützen euch nicht mehr vor der elterlichen Kontrolle. Ihr hattet ein paar schöne Jahre zwischen 18 und 30/40, damit ist es ab sofort vorbei. Vielleicht habt ihr den Account sogar für sie eingerichtet … tja, dumm gelaufen.

Das bedeutet allerdings auch: Facebook ist sprichwörtlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen, auch eure Eltern interessieren sich jetzt dafür. Das Top-Thema der vergangenen Wochen in diesem Zusammenhang war eindeutig die von Mark Zuckerberg angekündigte Übertragung seines Vermögens an eine Organisation, die sich zukünftig dem Wohl der Menschheit widmen soll. Es geht um 45 Milliarden US-Dollar – schon das allein ist eine Quasi-Garantie für ein kontroverses, sich über Stunden hinziehendes Gespräch. Ihr könntet daraus je nach politischer Gesinnung eurer Familie eine generelle Kapitalismus-Kritik oder eine Grundsatz-Diskussion über das Engagement superreicher Erdenbürger in dieser Gesellschaft machen. Vielleicht übernehmt ihr aber auch wie Sascha die Rolle des “Devil’s Advocate” und werft einfach mal ein lautes “Danke, Mark Zuckerberg!” in die Gesprächsrunde.

2) Flüchtlinge (und Facebook)

Facebook beschäftigt uns aber auch in anderen Bereichen. Die Plattform mit ihren 1,5 Milliarden (!) regelmäßigen Benutzern ist längst zu mehr als nur einem Social Network geworden und drängt z.B. mit ihrem populären Messenger WhatsApp oder ihren Virtual Reality Ambitionen in den Kommunikations-Alltag von immer mehr Menschen. Das bringt zwangsläufig auch “Meinungen” von Teilen unserer Gesellschaft auf den Bildschirm, die man bisher nur hinter verschlossenen Türen oder an Stammtischen gehört hat. Die unerträgliche Hetze gegen Flüchtlinge in den Facebook-Kommentaren hat uns im Laufe der zurückliegenden Monate mehrfach beschäftigt:

Wenn ihr oder eure Familie davon überhaupt nichts mitbekommen habt, dann könnte das an einer überschaubaren Filterblase – sprich: einem (un)politisch recht gut sortierten Freundeskreis – liegen. Es könnte aber auch sein, dass ihr gar nicht das seht, was ihr (nicht) sehen wollte, weil euch Facebook euren News-Feed viel zu stark vorfiltert

Flüchtlingskind vergnügt sich im Wasser

3) Datenschutz und Überwachung

Ja, Datenschutz und Überwachung. Vermutlich denken einige von euch, dass das Thema doch durch ist und sich nicht mehr für ein Gespräch eignet, richtig? Irgendwie hört man in den Medien kaum noch etwas davon und spätestens nach den Anschlägen von Paris hat sich der ein oder andere strikte Gegner von Vorratsdatenspeicherung & Co. die (heimliche) Frage gestellt, ob eine lückenlose Kommunikationsüberwachung aller Bürger nicht tatsächlich eine adäquate Schutzmaßnahme sein könnte.

Zumindest in Großbritannien ist das so, und zwar alles andere als heimlich. Dort wird seit Monaten über die “Snooper’s Charter” diskutiert, mit der WhatsApp, Threema, Facebook und Co. zur Einspeisung von Kommunikationsdaten aller Bürger in eine staatliche Überwachungsdatenbank verpflichtet werden könnten. Das könnte ein Ausblick auf das sein, was uns irgendwann in allen europäischen Ländern erwartet, wenn man der Logik der Befürworter einer solch staatlichen Überwachung folgt – angesichts bereits heute gesammelter Meta-Daten betrifft es tatsächlich jeden von uns. Irgendwann vielleicht sogar mehr, als uns lieb ist.

Wenn ihr bei dem Thema den echten Schlauschnacker spielen wollt, dann schafft ihr beim Thema Überwachung den Turn zu Facebook (siehe oben) – bzw. schafft ihr in nicht. Viele Menschen bringen immer noch die staatliche Überwachung und die “Überwachung” durch Soziale Netzwerke, Google, WhatsApp & Co. durcheinander, was schlussendlich in einem resignierten Schulterzucken endet. Wie soll man sich – so die Logik – der staatlichen Überwachung entziehen und warum sollte man dagegen protestieren, wenn sich die großen US-Firmen als Steigbügelhalter für die NSA und die befreundeten Geheimdienste betätigen?

Tun sie (noch) nicht – jedenfalls nicht freiwillig. Und sie “verkaufen” auch nicht unsere Daten, ganz im Gegenteil. Der geschätzte Gunter Dueck fasst das in einem Interview sehr deutlich zusammen und beseitigt damit eines der großen Missverständnisse in der gesamten Diskussion.

3) IPTV vs. Satelliten- oder Kabelfernsehen

Kommen wir zu den etwas weniger ernsten und somit unterhaltsameren Themen, die ein gewisses Gesprächspotential bieten. Ausgerechnet das Fernsehen – normalerweise Gesprächs- und manchmal sogar Partnerschafts-Killer Nummer 1 – eröffnet hier in diesem jahr ungeahnte Möglichkeiten für echte Geeks. Denn spätestens wenn die Entscheidung ansteht, ob jetzt alle zusammen “Kevin – Allein zu Haus” (24. Dez., 20:15 Uhr, SAT1), “Kevin – Allein New York” (24. Dez., 22:20 Uhr, SAT1) oder “Der Grinch” (24. Dez., 22:15 Uhr, Vox) schauen dürft ihr laut aufstöhnen.

Im Idealfall habt ihr in den vorherigen Stunden am Esstisch schon mal erwähnt, dass man sich das wirklich nicht mehr antun muss und habt dabei anklingen lassen, dass sich die 50MBit-Internetleitung eurer Eltern bereits heute für einen kompletten Umstieg auf IPTV bzw. Android-TV eignen würde.

Falls ihr selbst, eure Schwester oder euer Bruder noch zu Hause wohnt, war vielleicht einer von euch so pfiffig, sich eine Nvidia Shield Box, eine Fire TV Box, einen Fire TV Stick oder einen Google Chromecast schenken zu lassen. Das könnte jetzt eure letzte Rettung für die Abendstunden sein und gleichzeitig zu einer wunderbaren Demonstration eurer eigenen Zauberkräfte in puncto Technik werden. Vermutlich besitzt der 50-Zoll-Flachbildfernseher eurer Eltern auf der Rückseite noch mindestens einen freien HDMI-Steckplatz, genau der öffnet euch in den nächsten Stunden oder Tagen das Tor zur Welt. Natürlich könntet ihr auch euren eigenen Stick ins Köfferchen packen, bevor ihr euch auf den Weg macht oder euch rechtzeitig überlegen, wie es in diesem Jahr um die Weihnachtsmusik steht.

Chromecast Audio

Nutzt die Gelegenheit und erzählt euren Verwandten etwas über Video-On-Demand Dienste wie Netflix oder Amazon Prime, vielleicht könnt ihr ja den ein oder anderen dafür begeistern. Spätestens beim nächsten mehrtägigen Familientreffen zahlt sich diese Mühe dann auch für euch aus.

4) Der PC eurer Eltern

Auch wenn ihr diesmal nach mehreren Monaten ohne Intensiv-Betreuung um eine komplette Neuinstallation des Betriebssystems herumkommt (wobei evtl. sogar euer Versprechen einzulösen ist, endlich Windows 10 zu installieren, das sich hartnäckig in den Upgrade-Benachrichtigungen meldet) – das Thema lässt sich nicht vermeiden. Irgendwas ist ja immer …

Unser Tipp: vermeidet Details. Eure Eltern wollen nicht wissen, dass sie selbst es waren, die bei einem Ausflug in die Systemsteuerung das ein oder andere Knöpfchen gedrückt haben, welches man lieber unangetastet lassen sollte. Ihr habt hier als Geek auch eine gesellschaftliche Verantwortung, ihr müsst das Vertrauen und die Zuversicht in funktionierende, leicht zu bedienende, idiotensichere Technik steigern. Denn über eines seid ihr euch hoffentlich im Klaren: macht ihr das nicht, fällt es letztendlich auf euch zurück, denn vermutlich habt ihr den Kram ja irgendwann mal angeschleppt!

Also, die Grundregel hier lautet: sprecht nicht darüber, macht einfach, aber spätestens beim Verlassen eures Elternhauses muss da ein (wieder) funktionsfähiger Rechner stehen. Auf dem Desktop darf keines der zuvor vorhandenen Icons fehlen! Der Drucker muss immer noch funktionieren, denkt daran (siehe oben, Windows 10 Treiber!).

Falls ihr euren Eltern in den zurückliegenden Jahren mal einen Werbeblocker installiert habt, tut euch (und uns) doch noch einen Gefallen: wenn es sich dabei um “Adblock Plus” oder “Adblock” handelt, deinstalliert das Ding und ersetzt es vorerst durch einen anderen. In unserem Kommentaren wird momentan oft “uBlock Origin” als Alternative für das obskure Geschäftsmodell genannt, das von den beiden erstgenannten Werbeblockern seit geraumer Zeit betrieben wird.

5) Das Smartphone eurer Eltern

Ihr merkt schon, es gibt heikle Themen. Eventuell wollen euch eure Eltern ihr “neues” Smartphone präsentieren, das sie sich ohne euer Wissen im Rahmen einer “supergünstigen” Vertragsverlängerung im örtlichen [Hier beliebigen Provider einsetzen] Shop besorgt haben.

Flatrate Rant

Im geschilderten Fall gilt genau das Gegenteil von dem, was wir euch oben zum PC eurer Eltern geraten haben. Ihr müsst jetzt gedanklich umswitchen und möglichst detailreich auf die Unzulänglichkeiten des Geräts eingehen und euren Eltern mit einem traurigen Gesichtsausdruck mitteilen, dass sie – schon wieder – über den Tisch gezogen wurden. Nein, 500 Megabyte für 39,95 Euro pro Monat sind keine “unbegrenzte LTE-Flatrate, mit der heute jeder auskommt”! Nein, Android 5.0 ist nicht das aktuellste Smartphone-Betriebssystem und bei dem gebrandeten und mit Bloatware verseuchten Smartphone handelt es sich vermutlich nicht um das aktuelle Top-Gerät.

Leute, das ist wichtig, ihr seid hier die berühmten Multiplikatoren. Es gibt für einen Mobilfunkbetreiber nichts unangenehmeres als zwei kurz vor der Rente stehende Menschen, die gewappnet mit unendlich viel Zeit Fragen nach der Pseudo-Abschaffung der Roaming Gebühren stellen oder wissen wollen, warum wir hierzulande ein Vielfaches für die Übertragung wesentlich geringerer Datenvolumen zahlen sollen. Nur wenn ihr es irgendwie schafft, eure Eltern mit ins Boot zu holen, wird sich irgendwann an diesen Zuständen etwas ändern, glaubt mir!

Falls ihr bei einem Blick aufs Smartphone eurer Verwandten feststellt, dass sich dort bereits die ersten “hilfreichen” Tools eingenistet haben, die – so das Versprechen – die Original-Apps um besondere Funktionen “erweitern”, dürft ihr selbstverständlich gerne eine ernste Miene machen und mit dem Zeigefinger unter der Nase eurer Mutter, eurer Schwester, eures Bruders oder eures Vaters herumfuchteln. Gut, ihr solltet eure Mutter vielleicht nicht unbedingt “Dumpfbacke” nennen, aber ein paar mahnende Worte zu unbedachten Klicks sind nie verkehrt.

6) Star Wars und Star Trek

Der erste Star Wars Film erschien 1977, der erste Star Trek Film 1979 – also vor 38 bzw. 36 (!) Jahren. Gut möglich, dass eure Eltern in der Geburtsstunde des ultimativen Geek-Themas in eurem Alter waren und etwas aus dieser Zeit zu berichten wissen. Vielleicht habt ihr aber auch wunderbare gemeinsame Erinnerungen an Frühabend-Serien wie Knight Rider? So oder so, Kinofilme sind und bleiben ein hervorragendes Thema für ein kurzweiliges, u.U. generationenübergreifendes Tischgespräch – nutzt das. Vielleicht ergibt sich ja daraus wiederum eine fließende Überleitung zum Thema IPTV, Netflix & Co., siehe oben (3).

Star Wars Episode 7 Kylo Ren Fullscreen

7) Drohnen (Quadro- bzw. Multikopter)

Unser Geheimtipp. Während die einen von den Dingern völlig fasziniert sind und sich lieber heute als morgen so eine Drohne zulegen möchten, ziehen die anderen bereits die Mitgliedschaft in einem Schützenverein in Betracht und wollen sich dort auf den ersten Überflug durch so ein Ding über das eigene Grundstück vorbereiten. Bereitet ihr doch eure Verwandtschaft schon mal darauf vor, dass ihr ihnen irgendwann eine Online-Bestellung in den Vorgarten werfen lasst und zeigt ihnen zur Besänftigung ein paar der spektakulärsten Drohnen-Videos der vergangenen Monate.

8) Selbstfahrende (Elektro-) Autos

Wie viele Themen ist auch das ein klassisches Beispiel für einen evtl. existierenden Generationenkonflikt in der Familie. Während eure Eltern mit der ersten (1973) und zweiten (1979) Ölkrise sogar bundesweite Autofreie Sonntage genießen durften und noch wissen, wie eine Tankstelle ohne Schokoriegel-Regal oder angeschlossenem Back-Shop aussieht denkt ihr vielleicht schon über die Anschaffung eines voll-elektrischen und u.U. (irgendwann) sogar selbstfahrenden Autos nach. Das Thema ist unendlich komplex und artet in unseren Kommentaren regelmäßig – und u.M.n. ungerechtfertigt – in eine Diskussion über die angeblich alle Entwicklungen verschlafende deutsche Automobilindustrie aus. Ihr könnt euch das zunutze machen und entweder laut das Tesla-Horn tröten – oder ihr bringt zwischendurch auch mal Beispiele wie den selbstfahrenden Audi A7 “Jack”, den “Freightliner Inspiration” oder die Kooperation von Audi, BMW und Daimler zur Entwicklung von HERE-Echtzeitkarten als Ausblick auf das, was uns irgendwann auf den Straßen erwartet.

Freightliner Inspiration 1

9) Fitness-Tracker, Smartwatches, Virtual Reality Brillen

… oder Hacker, die den IS attackieren – es gibt noch dutzende von Themen, die ihr einzeln oder ausgehend von den o.e. Beispielen bringen könnt. Hinter uns liegt ein unglaublich spannendes Jahr, das genügend Stoff für interessante und kontroverse Gespräche birgt – und vor uns ein weiteres Jahr, das sicherlich nicht weniger aufregend wird. Blättert doch einfach in einer ruhigen Minute nochmal durch unser Archiv und holt euch die evtl. nötigen Inspirationen für ein paar anregende Gespräche – denn es gibt nix Schlimmeres als ein langweiliges Familientreffen, oder?

In diesem Sinne: euch allen einen ruhigen Countdown bis Donnerstag! Ach ja, und wenig später kommt ja auch noch Silvester … ;-)