Jan Gleitsmann
Und bei Eis und Schnee fluchst Du: smart car my ass!

Kaum schneit es mal drei Flocken in Folge, bricht bei uns regelmässig der Verkehr zusammen. Und Du siehst die Leute in ihren tollen Autos mit den ach so smarten Assistenz-Systemen sitzen, kalten Angstschweiß auf der Stirn.

Kaum schneit es mal drei Flocken in Folge, bricht bei uns regelmäßig der Verkehr zusammen. Und Du siehst die Leute in ihren tollen Autos mit den ach so smarten Assistenz-Systemen sitzen, kalten Angstschweiß auf der Stirn. Das Problem liegt aber meiner Meinung nach nicht an den Autos. Die sind heute sicher und gut. Allenfalls kann man den Herstellern vorwerfen, dass die Autos der Neuzeit mittlerweile zu sehr von der Umwelt abgekapselt haben, die Dämmung aber auch das Fahrwerk der Fahrzeuge so gut geworden ist, dass man kaum noch spürt mit welcher Geschwindigkeit man über welchen Untergrund fährt.

Und doch. Wenn das Wetter hier bei uns in der Mitte Deutschlands mal für ein paar Tage Winter spielt, kannst Du in den Gesichtern der anderen Verkehrsteilnehmer lesen, dass sie vollkommen überfordert sind. Ob nun im dicken BMW X5 mit xdrive Allradantrieb sitzend oder im kleinen frontangetriebenen Opel Adam. Am Schlimmsten sind in meiner Wahrnehmung aber nach wie vor die Damen und Herren in ihren heckgetriebenen Wohlstandskarossen, die wohl am Liebsten ihr Fahrzeug mitten auf der Strasse abstellen möchten. Um einfach wegzulaufen.

Fakt ist wohl auch, dass die Assistenzsysteme immer besser geworden sind. Wie auch die Fahrzeuge selbst, die Fahrerinnen und Fahrer hingegen auf dem gleichen Niveau stehen geblieben sind wie noch vor 20 Jahren. Das Selbstverständnis und die Selbstüberschätzung mit der viele auf unseren Strassen unterwegs sind, ist erschreckend und zeigt sich eben in den Wintermonaten besonders deutlich. Dabei kann eine Jede und ein Jeder mit einfachen, nicht mal teuren Mitteln sein fahrerisches Können verbessern. Und hat dann auch im Winter weit weniger Probleme. Achtung! – Gedankensprung in 3 .. 2 .. 1

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Eine zu schnelle Bewegung mit dem Lenkrad, unter den Hinterreifen des schwarzen Porsche 911 Turbo S bricht kurzzeitig die Haftung ab. Kein Wunder, unter mir ist alles aus purem Eis. Das Hinterteil bricht aus. Ich johle kurz glückstrunken. Während sich das formschöne Heck des Elfers sich quer zur Fahrrichtung stellt, bleibt mein Fuss auf dem Gaspedal. Meine Hände, das Lenkrad fest umschliessend, versuchen mit leichten flüssigen Bewegungen den Zuffenhausener Sportwagen im Wert von knapp 200.000 Euro genau in dieser Position zu halten. Quer! Mit der Schnauze zum Kreismittelpunkt!

Ich fahre im Kreis. Und hatte noch nie in meinem Autofahrerleben so viel Spass dabei. Der Kreis hat einen Durchmesser von etwa 120 Meter, im Inneren ist noch ein weiterer Kreis durch Schneehaufen abgesteckt. Die Oberfläche besteht aus purem Eis, was gerade mal durch die Spikes leicht aufgeraut ist.

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Das Ganze gehört zu einem 33 ha (also einer Fläche von 80 Fussballfeldern) Fahrerlebnis-Park, den Porsche – genauer gesagt: die Porsche Driving Experience – mitten im Nichts von Finnland, 120 km nördlich vom Polarkreis ins Eis „gekratzt“ hat. Über 1.600 Kunden haben die Chance sich über 3 Monate lang einen der begehrten Termine zu sichern. In Rahmen eines 3-tägigen Fahrtrainings bewegen die Teilnehmer nicht nur diverse Fahrzeuge aus dem Porsche-Fuhrpark, sie lernen auch eine ganze Menge über den Umgang mit den Sportwagen aus Stuttgart. Wie die Fahrzeuge selbst, gibt es auch das exklusive Fahrtraining nicht zum Schnäppchenpreis. Um die 5.500 Euro zahlt jeder Teilnehmer. Ich habe das Programm in einer 1-tägigen Presse-Kurzform erfahren.

Nach der zweiten Runde im Eisdrift verliere ich für einen Moment die Konzentration und vorbei ist es mit der Ideal-Linie. Das entstehende Untersteuern begünstige ich durch das Wegnehmen des Gases. Der Elfer vollführt eine anmutige Drehung, ich habe meinen Fuss unlängst wieder auf dem Gaspedal. Einlenken, ein Mal kurz die Bremse antippen. Dann wieder aufs Gaspedal. Und schon stellt sich das Heck des 911 wieder quer zur Fahrtrichtung. In meinem Hinterkopf spielt das Theme von Fast-n-Furious 3 – Tokyo Drift.

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Der Kreis ist die fünfte von sechs Stationen im Rahmen des Porsche Driving Experience Presse Kurzprogramms. Begonnen haben wir um halb neun am Morgen. Der Bus hält vor einer Garage in der in Reih und Glied diverse 911-Modelle auf uns warten. Der Schlüssel liegt auf dem Armaturenbrett. Und ehe die erste Zigarette aufgeraucht ist, geht es auch schon los. Zu einem von mehreren Hölzhäuschen, die zu kleinen Pausen und auch für die Einnahme der Mahlzeiten ausgelegt sind. Wie bei der Fahrschule starten wir mit einer theoretischen Einweisung, die bei zahlenden Kunden einen ganzen Tag dauert. Neben der optimalen Sitzposition wird noch einmal kurz der Kammsche Kreis erklärt sowie die Spielregeln für den weiteren Tagesverlauf festgelegt.

Während ich dies hier so locker flockig herunter schreibe, habe ich da zwei Punkte erwähnt, die vielen Autofahrern kaum noch bewusst sind. Die perfekte Sitzposition. Und der Kammsche Kreis. Allein sich mal ein paar Gedanken zu diesem ersten Punkt zu machen, kann schon eine Menge bei der nächsten Schneefahrt bringen. Für mich ist die Veranstaltung in Finnland mittlerweile das fünfte Fahrtraining, was ich innerhalb von drei Jahren absolviere. Und ich finde es mittlerweile ansatzweise befremdlich, dass so etwas nicht zum Pflichtprogramm jedes Autofahrers gehört. Und nein, man muss nicht bis nach Finnland fliegen und mit einem Porsche fahren. Auch der ADAC sowie andere Veranstalter bieten regelmässig Fahrtrainings an. In Finnland im Porsche macht es bloss ungleich mehr Spass.

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Bei jeden Fahrtraining habe ich einen Vortrag zur richtigen Sitzposition bekommen. Und wenn Dein Instruktor es richtig drauf hat, dann verstehst Du schon beim ersten Mal, warum die richtige Position so wichtig ist. Und selbst, wenn ich Euch das jetzt hier beschreibe, anwenden werdet ihr es eh erst, wenn ihr es erlebt habt. Wenn ihr am eigenen Körper erlebt habt, dass man halb im Auto liegend nie und nimmer in Grenzsituationen richtig reagieren kann.

Smarte Autos. 1978 wurde der Begriff ABS von Bosch geschützt, danach zog das Antiblockiersysteme in die Limousinen der Luxusklasse ein. Bis 1985 hat es gedauert, bis das System auch für den kleinen Hans serienmässig in PKWs angeboten wurde. Heute hat jedes Auto ABS an Bord und gibt dem Fahrer die trügerische Sicherheit, sein smartes Auto würde es bei Eis und Schnee schon für ihn richten. Den wenigsten dürfte geläufig sein, dass das System nicht beim Bremsen auf glattem Fahrbahnbelag einen Vorteil bringt, sondern vor allem beim Lenken. Auch dies könnte ich jetzt seitenlang ausführen, aber es bringt so gar nichts im Vergleich zum tatsächlichen Erleben. Denn erst dann – so meine Meinung – kann man das Erlebte verinnerlichen.

Und sowas entspannt eben und gibt Sicherheit im Alltag. Die letzten zwei Wochen war ich mit einem 550 PS starken Jaguar F-Type Coupé unterwegs. Gestern habe ich den Wagen gewaschen. Vom Tankstellen-Hof auf die Strasse musste ich mich ein wenig sputen, weil der Verkehr recht dicht war. Der Jaguar F-Type R verfügt über ein maximales Drehmoment von 680 Nm. Die Kraft wird komplett an die Hinterachse weitergegeben. Trotz trockener Strasse haben die Hinterräder – wohl wegen des nassen Pneus – mal just komplett die Traktion verloren, so dass sich das Heck anschickte den Vorderwagen zu überholen. Statt in Panik zu verfallen, habe ich automatisch angewendet, was ich in Finnland gelernt habe. Nein, nicht die Katze weiter quer über die Fahrbahn zu treiben, sondern vielmehr habe ich das Heck eingefangen.

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Das Schlimmste, was Dir in Finnland beim Porsche Fahrsicherheitstraining passieren kann: Du musst per Funk einen Cayenne anfordern, der dich aus dem Schnee zieht. Das ist ebenfalls das Gute an solchen Events. In der Regel kannst Du etwas ausprobieren, Dich an die Grenzen Deines Könnens und des Fahrzeugs schrittweise herantasten, bis Du merkst, was noch geht und was nichts mehr bringt. Aber auch auf den meisten Übungsgeländen hast Du eine große Auslauffläche, so dass Mensch und Maschine ohne Schaden an ihre Grenzen gehen können.

Mehr zu dem Fahrtraining mit Porsche in Finnland könnt ihr bei den Kollegen Fabian Mechtel, Axel Griesinger und Des Sellmeyer lesen.

Neben Porsche mit der Driving Experience, sind auch die anderen deutschen Premium-Hersteller mit ähnlichen Angeboten unterwegs. Bei Audi heisst es ebenfalls Driving Experience, bei BMW lässt man das Leerzeichen einfach weg DrivingExperience und Mercedes nennt seine Fahrschule Driving Events. Für alle Programme ist gemein, dass sie nicht für einen Appel und nen Ei zu haben sind, dafür kann man dort aber eben Premium-Fahrzeuge bewegen. Vielleicht hilft dem einen oder anderen ja auch, den Chef mal zu fragen, ob er so eine Geschichte nicht mal als teambildenes Event buchen möchte.

Deutlich preiswerter aber ebenfalls besser als kein Fahrtraining sind die Angebote von ADAC, ACE oder ähnlichen Organisationen.