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US-Polizist wird für ein “Like” gekündigt – und es ist so, so richtig!

Was darf schlimmstenfalls die Konsequenz aus einem Hate-Posting oder einem Like für ein solches sein? Ein US-Polizist hat jetzt durch ein Like seinen Job verloren - und ich finde, das sollte noch viel öfter passieren.

von Carsten Drees am 24. Juli 2019

Ich habe gar keine Ahnung mehr, wie lange wir hier schon darüber sprechen, wie man sich online zu benehmen hat, was mir bei Facebook und anderen Social Networks auf den Sack geht und welche Grenzen überhaupt gar nicht überschritten werden sollten. Mir kommt es dabei auch so vor, als wäre ich von Jahr zu Jahr mehr resigniert, weil es anscheinend Dinge wie Empathie, Rücksichtnahme und Verständnis nur noch äußerst vereinzelt gibt.

Dummerweise können wir jetzt nicht (mehr) sagen, dass es vermutlich einfach nur eine sehr laute Minderheit ist, die sich bei Facebook und Twitter austobt, das außer schlechter Laune aber keinen Impact auf unsere Leben hat. Vermutlich ist es immer noch so, dass es mehr gesittete Menschen als Schwachköpfe gibt, aber das Problem ist, dass es diese Idioten eben nicht nur bei Facebook gibt, sondern auch in hohen politischen Ämtern, in Behörden, in der Industrie, unter Künstlern.

Es macht einen Unterschied, ob sich ein paar Pfeifen online finden, die eine krude Meinung vertreten (oder ihre Hetze für eine Meinung halten) oder ob diese krude Meinung von jemandem rausgehauen wird, der — wie Präsident Trump — eine riesige Anhängerschaft hat und damit deutlich mehr Schaden anrichten kann als irgendjemand von uns.

Das ist nicht nur ein Ärgernis, dass Populisten mit Lautstärke und einfachen Lösungen auf Stimmenfang gehen. Vielmehr ist es brandgefährlich, weil selbst diese Politiker nicht mehr kontrollieren können, was sie da lostreten. Als Beispiel muss hier wieder einmal die AfD herhalten. So erleben wir es immer wieder, dass sie eine Provokation rausposaunen, über die sich viele bürgerliche Menschen echauffieren, die beim eigenen Lager aber super ankommen.

In der Folge distanziert man sich davon und/oder erklärt, dass die Aussage völlig anders gemeint war. Das funktioniert erschreckend oft, weil diese Dinge oft bewusst so formuliert werden, dass verschiedene Auslegungen möglich sind. Die Gefahr dabei ist, dass die AfD nicht mehr alle Leute eingefangen bekommt, die man mit der ersten Aussage erreicht hat. Das liegt daran, dass wir es eben mit einem Spektrum zu tun haben, welches von schlicht besorgten Bürgern über stramm-konservative Nationalisten bis hin zu gefährlichen Rechtsextremen reicht.

Neun von zehn Personen bekommt man vielleicht wieder eingefangen, wenn man eine Aussage relativiert, den zehnten aber eben vielleicht nicht mehr. Mit Sicherheit würde in der AfD-Spitze niemand dazu aufrufen, einen Politiker mit anderer Gesinnung kaltblütig hinzurichten. Aber es herrscht eine Stimmung und es wird ein Ton angeschlagen, der mich denken lässt, dass das einfach billigend in Kauf genommen wird.

Das Ergebnis: Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke wird heimtückisch in seinen eigenen vier Wänden erschossen. In der Folge wird der Journalist Georg Restle bedroht, Ein Mann aus Eritrea wird von einem Lebensmüden nur wegen seiner Hautfarbe angeschossen, heute schließlich wird ein Anschlag auf eine Stadträtin (Partei: Die Linke) aus Sachsen verübt. Beim letzten Vorfall ist eine politisch motivierte Tat noch nicht bestätigt, muss aber angesichts der Fakten eindeutig als Möglichkeit erwogen werden.

Das sind allesamt Taten, die sich in den letzten Tagen ereignet haben und allesamt wohl aus dem rechten Spektrum kommen. Rechts oder Links ist dabei grundsätzlich unerheblich: Menschen haben keine Menschen aufgrund einer politischen Meinung, einer Hautfarbe, einer Nationalität oder einer Religion zu bedrohen oder gar umzubringen — da gibt es auch nichts zu diskutieren.

Entscheidend ist hierbei für mein Empfinden, dass es politische Scharfmacher gibt, die das alles ganz bewusst in Kauf nehmen. Der Umgangston wird rauer und rauer, ebenso verrohen die Menschen, die sich auf der Basis dieser Aussagen dann online die Köpfe einhauen. Dazu kommen dann einzelne Medien, die auf diesen Zug gerne aufspringen und dafür sorgen, dass selbst Lappalien wie die Ernährung in einer Kita plötzlich Hass schürt und Polizeieinsätze nach sich zieht. Um das zu belegen, dass das beileibe kein deutsches Phänomen ist, verlassen wir jetzt die heimischen Gefilde und schauen nach Washington.

Dort arbeitet sich Trump in einer beispiellos verabscheuenswerten Art und Weise seit einigen Tagen an vier Politikerinnen ab, die gemeinsam haben, dass sie den Demokraten angehören und einen Migrationshintergrund haben. Trump interessiert es dabei nicht, dass drei von vier dieser Frauen in den USA geboren sind und die vierte seit ihrer Flucht aus Somalia in ihrer Kindheit ebenfalls in den USA heimisch geworden ist. Er nennt sie dennoch schlechte Menschen, die die USA nicht lieben und beschimpft sie sogar als Rassisten.

Wenn bei Wahlkampfveranstaltungen der Republikaner mittlerweile lautstark skandiert wird, dass diese Frauen das Land verlassen sollen, dann sind das die ungenießbaren Früchte, die aus dem Hass erwachsen, den Trump gesät hat. Der weist natürlich derweil jegliche Schuld weit von sich und seine Anhänger sind blind vor Hass und für Fakten.

Bislang hat noch kein aktueller US-Politiker Trumps harten und populistischen Kurs mit seinem Leben bezahlen müssen. Bleibt zu hoffen, dass das auch in Zukunft so bleiben wird, wenn man sich anhört, was jetzt ein US-amerikanischer Polizist auf Facebook geäußert hat. An die demokratische Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez gerichtet schrieb er, dass diese “niederträchtige Idiotin” eine Kugel bräuchte!

Noch hat niemand so einen Appell umgesetzt, aber ich fürchte, dass es tatsächlich nur eine Frage der Zeit ist. Grund genug für Behörden in den USA, aber eben auch andernorts wie hier in Deutschland die Behörden durchgreifen und solche Dinge ahnden. Wir hören immer öfter davon, dass Bürger für ihre justiziable Hetze tatsächlich zur Kasse gebeten werden und das ist auch verdammt gut so. Vielleicht sollte man aber noch weitergehen — vielleicht sollte jemand, der zum Mord aufruft, künftig auch wegen Beihilfe zum Mord (oder Anstiftung? Bin da nicht so sattelfest) vor ein Gericht gestellt werden, wenn so eine Tat tatsächlich geschieht.

Zumindest in den USA gab es für den Polizisten Konsequenzen. Er wurde suspendiert und hat also die Tätigkeit, die vielleicht für ihn Sinn stiftend ist und die ihn und seine Familie ernährt, wegen so einer Scheiße verloren. Einen Kollegen hat es ebenso erwischt — sein Vergehen: Er hat das entsprechende Posting mit einem Like versehen. Ich ziehe da meinen Hut vor dem Menschen, der unmittelbar entschieden hat, dass beide Männer ihrer Tätigkeit nicht länger nachgehen werden.

Nochmal: Das ist keine Lappalie, kein Kavaliersdelikt! Wir wissen nie, welche Bälle wir mit dem Gesagten ins Rollen bringen, gerade wenn unsere Hetze auf die politische Bühne abzielt, auf der die Stimmung schon aufgeheizt genug ist.

Ich erwähnte es bereits, dass wir zu diesen Themen schon oft genug viele Worte verloren haben und oft genug auch kamen wir zu dem Schluss, dass der Gesetzgeber da nacharbeiten muss und vor allem die Betreiber der Plattformen dafür sorgen müssen, dass Hetze und Hassrede gründlicher und nachhaltiger von den Social Networks verschwinden.

Zu allererst sind wir aber selbst gefragt. Lassen wir uns nicht so schnell reizen, zahlen selbst unangebrachte Kritik nicht mit gleicher Münze heim und sorgen so für eine angenehmere, entspanntere Atmosphäre. Ich selbst streite gern, wenn ich das Gefühl habe, dass man für eine gute Sache einsteht und schlicht die besseren Argumente hat. Aber es sollte stets so zugehen, wie man es von Erwachsenen erwarten darf. Nie-nie-niemals darf man sich so gehen lassen, dass man zu Gewalt aufruft oder gar fordert, dass das Leben eines anderen ausgelöscht werden soll.

Das ist auch nicht die rote Linie — die übertreten wir schon lange vorher. Dann nämlich, wenn wir jede politische Entscheidung online mit Gelächter und Häme quittieren, die Rechtsstaatlichkeit und Demokratie anzweifeln und unser Gegenüber blind und ohne Argumente beschimpfen. All das sind Dinge, die selbstverständlich sein sollten, die ich aber dennoch hundertfach jeden Tag sehe. Der Appell richtet sich dabei an jeden, wenngleich ich das Gefühl habe, dass es eben tatsächlich das rechts-populistische Spektrum ist, welches deutlich häufiger als jeder andere mit Hass, Überspitzung und Verkürzung arbeiten, um genau diese Wut zu schüren, die dann leider auch immer wieder mal eskaliert.

Lasst das nicht zu, Freunde — stellt euch dagegen, so oft ihr könnt und reflektiert auch bitte immer wieder das, was ihr tut. Grundsätzlich kommen mir Artikel wie dieser nämlich selbst zum Hals raus und ich möchte nicht in einigen Tagen einen Beitrag nachschieben müssen, in welchem wir darüber sprechen, wie es zum Tod einer US-Politikerin kommen konnte.

Artikelbild: mikegi auf Pixabay