Venezuela: Terroranschlag per Drohne? Gewöhnt euch dran

Es gab einen (vermeintlichen) Terroranschlag auf den venezolanischen Staatschef. Ungewöhnlich: Die gefährliche Bombenfracht kam per Drohne. 

Es ging am Wochenende überall durch die Medien: Nicolás Maduro, Präsident von Venezuela, ist bei einem Attentat mit dem Leben davongekommen. So, wie er uns seine Regierung den Vorfall schildern, wären es zwei Drohnen gewesen, die jeweils mit Sprengstoff bestückt waren und das Leben des Präsidenten auslöschen sollten, während er eine Rede hielt, die zudem live im TV übertragen wurde. In den folgenden Tweets seht ihr ein paar Bilder des Vorfalls:

Man sieht in den Videos den Präsidenten bei seiner Rede anlässlich einer Militärparade, hört eine Detonation, woraufhin alles nach oben schaut und Leibwächter unmittelbar den Staatschef schützen. Kurze Zeit später gibt es eine zweite Detonation. Während beim ersten Angriff niemand zu Schaden kommt, werden hier sieben Soldaten verletzt.

Stimmt diese Version der Geschichte, dann sind die Urheber des Anschlags Menschen einer bislang unbekannten Rebellen-Gruppierung namens „Soldados de Franelas“. Die Regierung verkündete bereits kurz nach dem versuchten Attentat, dass bereits sechs Menschen verhaftet sein worden, dass die Spur nach Kolumbien führt und dass die Drahtzieher bzw. Geldgeber aus den USA stammen. Kurz zusammengefasst: Die Opposition trachtet mit der schlagkräftigen Unterstützung anderer Nationen dem Präsidenten nach dem Leben.

An dieser Version der Geschichte gibt es allerdings sowohl im Land als auch international massive Zweifel. Die Feuerwehr spricht davon, dass in der Nähe der Parade ein Gastank explodiert wäre, der zumindest für eine der zwei Detonationen verantwortlich wäre. Zudem wurden schnell Vorwürfe laut, dass der Anschlag komplett inszeniert sein könnte.

Mittlerweile gibt es als Reaktion darauf wiederum ein Video, welches eine Drohne in der Luft zeigt, während die Rede Maduros aus der Ferne zu hören ist. Bei jenem Clip kann aber noch nicht bestätigt werden, dass er tatsächlich authentisch ist. Sehr viele Konjunktive und „vielleichts“ bei einem Terroranschlag, bei dem sich erst noch herausstellen muss, ob es tatsächlich einer war, oder eben doch eher eine Inszenierung.

Willkommen in der Welt des Terrors, liebe Drohnen

Wir werden hier nicht abschließend klären können, was genau vorgefallen ist und wer die Drahtzieher sind. Das ist aber auch nicht der Punkt. Die Regierung hat sich mittlerweile erklärt und lässt wissen, dass es zwei M600-Drohnen gewesen sein sollen, die jeweils mit einem Kilo C4-Sprengstoff bestückt waren.

Diese Drohne kommt — wie wir wissen — von DJI und richtet sich an professionelle Anwender. Unser Mark hat euch diesen Kopter vor zwei Jahren ausführlich vorgestellt.

DJI M600 – Erste Informationen und Meinung

Aber ganz ehrlich: Auch darum geht es nur am Rande, denn schließlich gibt es Kopter wie Sand am Meer und vermeintliche Attentäter sind nicht auf diesen Typ angewiesen, selbst wenn er mit einer Nutzlast von bis zu sechs Kilo nahezu prädestiniert ist für einen solch verwerflichen Verwendungszweck.

Der Punkt ist, dass die Schlagzeile um die Welt gegangen ist. Auch im letzten Winkel des Planeten weiß man nun, dass Drohnen perfekt dazu geeignet sind, um solche Anschläge auszuführen. Wer sich mit diesen Fluggeräten beschäftigt, wird sicher nicht überrascht sein, dass so ein Teil auch jenseits geltenden Rechts eingesetzt werden kann, aber dennoch ist das jetzt ein ganz fatales Signal.

Schon vor drei Jahren schrieben wir darüber, dass so eine Drohne perfekt dazu geeignet ist, illegale Fracht wie zum Beispiel Drogen zu transportieren. Jetzt haben wir — vielleicht — den ersten live übertragenen Terroranschlag gesehen, bei dem die Fracht hochexplosiver Sprengstoff war (und ja — selbstverständlich rechne ich auch mit Reaktionen, die mich wissen lassen, dass die USA ja schon seit Ewigkeiten mithilfe von Militärdrohnen töten. Um die geht es hier aber nicht). Es war sicher nicht das erste Mal, dass Terroristen sich einer Drohne bedienten, die sie mit Sprengstoff bestückten — auch der IS hat bereits so gearbeitet. Aber mit einer solchen Öffentlichkeit werden deutlich eher Trittbrettfahrer auf den Plan gerufen.

Ich erinnere euch an dieser Stelle nochmal an den Anschlag von Nizza: Ein Mann fuhr hier einen Lieferwagen in eine Menschenmenge und löschte damit viele unschuldige Leben aus. Auch hier ist die Idee eine ganz simple, bei der man sich fragt, wieso Terroristen nicht schon früher diesen Weg gewählt haben. Es ist logistisch deutlich einfacher und kann von einer Einzelperson organisiert werden und es ist zudem im Vorfeld nahezu unmöglich, eine solche Attacke vorherzusagen und zu unterbinden. Dass es Nachahmungs-Täter gab, brauchen wir gerade in Deutschland niemandem erklären.

Ähnlich könnte es jetzt auch mit diesen Drohnen laufen, die leicht zu besorgen, leicht zu navigieren und zudem mitunter sehr preisgünstig zu haben sind. Sollte die Geschichte stimmen, wie sie von Venezuelas Staatschef berichtet wird, dann waren es Scharfschützen der Nationalgarde, die die Drohnen vom Himmel geholt haben. Was aber, wenn das Ziel kein Präsident oder Kanzler ist, sondern — wie so oft — eine beliebige Menschenmenge? Wie schützt man Plätze, Stadien und Innenstädte vor solchen Drohnen-Attacken? Nach dem Anschlag in Berlin wurden in vielen Städten Betonpfosten aufgestellt, damit keine LKWs in eine Menschenmenge rasen können. Eine Drohne lässt sich durch solche Pfosten aber nun mal nicht beeindrucken! Und egal, welchen Schutz es bislang gibt — Zäune, Flugverbotszonen usw: Jemand, der es drauf anlegt, wird diese Klippen mit Leichtigkeit zu umschiffen wissen.

Ich möchte sicher keine Angst schüren oder Pferde scheu machen, aber Fakt ist nun mal, dass spätestens jetzt diese Idee in der Welt ist und man das Rad der Zeit nicht mehr zurückdrehen kann. Sollte ich mich irren und wir hören nie wieder von einer solchen Attacke, dann wäre es natürlich eine großartige Sache. Daran mag ich aber nicht so recht glauben, dazu gibt es schlicht zu viele Menschen und Gruppierungen mit entsprechender krimineller Energie.

Habt ihr eine Idee, wie man solchen Attacken beikommen könnte? Oder anders gefragt: Könnt ihr euch vorstellen, dass die Politik einen Ansatz für diese Problematik liefern kann, der nicht mit mehr Überwachung zu tun hat?

… und noch ein Gedanke

Die Geschichte aus Venezuela könnte zu einer Blaupause für Terroristen werden, was den Einsatz von Drohnen angeht. Aber mir kam noch ein weiterer Gedanke, bei den ich das Gefühl nicht loswerde, dass auch das künftig immer wieder mal geschehen dürfte: Ich rede von der Chance, dass wir es hier mit einer Inszenierung zu tun haben.

Der Artikel betrachtet den Anschlag ja eher von der technischen Seite, bezogen auf die eingesetzten Drohnen. Aber durch diesen kruden Verlauf der Geschichte mit abstrusen Anschuldigungen eines autoritären und wenig geliebten Präsidenten hat die Story definitiv auch eine gesellschaftliche Komponente.

Heute erst hat Donald Trump wieder einen seiner typischen Twitter-Stunts durchgezogen und zumindest bislang kommt er mit all seinen Lügengeschichten zumindest bei seiner Basis durch. Immer seltener interessiert eine tatsächliche Faktenlage und so ist es nichts ungewöhnliches mehr, dass beim aktuellen Fall aus Venezuela zwei verschiedene Wahrheiten nebeneinander existieren. Ganz ehrlich: Die Geschichte mit Sprengstoff-bestückten Drohnen sorgt bei mir schon für ein unschönes Gefühl in der Magengegend. Aber die Aussicht, dass jeder korrupte, lügende oder populistische Mensch an der Spitze eines Staates mittlerweile unbehelligt eine solche Nummer inszenieren könnte und damit durchkommt, macht mir noch deutlich mehr Angst.

mehr zum Thema:

Zeit Online

FAZ

Spiegel

Wired