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Verkehr: berauben wir uns der Freiheit vor lauter Sicherheitswahn?

von Robert Basic am 7. Oktober 2018

Wer kann alle Assistenzsysteme des Audi A8 aufzählen, der sinnbildich für ein Technikschlachtschiff steht? Alleine die Zahl der Sensoren ist kaum noch aufzuzählen:

  • zwölf Ultraschallsensoren an Front, Flanken und Heck, = Parken
  • vier Umgebungskameras an Front, Heck und Außenspiegeln, = Parken erneut, inkl. 360 Grad Darstellung auf Bildschirm
  • eine Frontkamera am oberen Rand der Windschutzscheibe = Objekterkennung Fahrzeuge, Spuren, Radler, Fußgänger
  • vier Mid-Range-Radare an den Fahrzeugecken, = Umfeldbeobachtung für nahenden Crash, Querverkehr, Kreuzungsrisiken, Ausparken
  • ein Long-Range-Radar an der Front, = Sämtliche Fahrsituationen zur Erkennung von LKWs/PKWs, bis zu 250 m
  • eine Infrarotkamera an der Front, = Fußgänger, Wildtiere, …
  • ein Laserscanner an der Front, = Erkennung aller Objekte bis zu 80 m
  • ergibt in der Summe über 40 Assistenzsysteme, die darauf zurückgreifen. Wir zählen nur einen Bruchteil davon auf.

Diese Sensorenarmada bildet eine Grundlage für über 40 Assistenzsysteme. Adaptiver Fahrassistent ACC mit Stop&Go, Spurwechselwarner, Spurenhalter, prädiktiver Effizienzassistent, Kreuzungsassistent, Notfallassistent, Pre Sense 360, Side Assist, Nachtsichtassistent, Parkassistent, und so weiter und so fort. Mercedes bietet bspw. noch den Airbag für den Gurt an und nicht nur für weitere dreihundertachtzig Körperpartien. Ebenso ein Knallgeräusch, das unmittelbar vor einem Crash dafür sorgt, dass ihr kein dauerhaftes Ohrenpfeiffen erleidet (einen alten Trick aus dem Militär umgesetzt). Ich könnte an dieser Stelle beliebig viele Assistenzsysteme in ihrer taktischen Ausprägung und Funktionsweise aufzählen. Die meisten dienen der Sicherheit, sekundär geht es um Bequemlichkeit.

So sieht dann bspw. der Seitencrash-Assistent aus:

Klar, normalerweise denkt man eher an ABS und ESP, wenn es um sicherheitsrelevante Features im Straßenverkehr geht. Nicht nur an den Airbag. Moderne Notbremssysteme und aufklappende Motorhauben sollen Schlimmeres für die Verkehrsteilnehmer verhindern.

Das war nur ein gedanklicher Ausschnitt der Sicherheitsfeatures, die in all den Jahren Einzug gehalten haben. Und es werden immer mehr. Wohlfühl-Sensoren, medizinische Sensoren in den Sitzen? Kommt. Miteinander sprechende Pkws, die auch mit dem zu Hause und dem Büro vernetzt sind? Kommt. Automatisiert einparkende Pkws in Parkhäusern. Paketdienstablagestellen? Kommt.

Für die Zukunft heißt die Vision der Hersteller „Vision Zero“. Dank einer vollvernetzten und vollautomatisierten Welt wird kein Kind mehr auch nur einen Kratzer abbekommen, wenn es zwischen parkenden Rädern auf die Straße huscht. So die Vorhersage der Hersteller. Was sich ebenso Unternehmen wie Google PR-trächtig auf die Fahnen geschrieben haben, um Waymos Roboflotte positiv als Marke aufzuladen.

Klingt an sich alles toll und schön und gut. Wir fahren immer sicherer und immer bequemer. Immer sicherer und noch bequemer. Noch sicherer und immer bequem. Immer sicher und immer bequem. Keine tausenden Toten und Verletzte mehr (jeden Tag sterben neun Menschen im deutschen Straßenverkehr). Um genau zu sein, es waren letztes Jahr 3.177 Menschen. 29 weniger als 2016.

Freiheit gegen Lebensrisiken

Ich hatte bereits auf meinem Facebook-Kanal einige Male immer wieder vorgeschlagen, wie wir innerstädtisch dafür Sorge tragen könnten, dass alle Autofahrer automatisiert auf 30 km/h oder 50 km/h je nach Tempolimit reguliert werde. Egal wie sehr man auf das Gaspedal drückt. Oder, wer freiwillig schneller fährt, kann das auf eigene Gefahr tun. Es wird dann eben der Versicherung und den Behörden gemeldet. Was die Prämie erhöht und die Straftickets in ein Abo verwandelt. Mit Einzug von 5G wissen alle Beteiligten in Echtzeit zu egal welchem Datensatz, wer du bist, wie du gefahren bist und wo du warst. Zu jeder Millisekunde und jedem Millimeter deiner Fahrwege.

Dieses Prinzip einer modern vernetzten Gesellschaft ließe sich auf alle Gefahrensituationen erweitern. Mehr Technik schafft mehr Eingriffsmöglichkeiten.

Wenn auf der Autobahn dynamische Tempovorgaben eingeblendet werden, werden sämtliche Fahrzeuge auf diese Vorgabe zwangslimitiert. Baustelle mit 60 heißt dann für alle 60. Oder, wenn der Verkehr zu dicht wird, kann ein zentrales Signal dafür Sorge tragen, dass sämtliche Fahrzeuge via Prozessorbefehl einen gleichen Abstand zu einem konstanten Tempo mit 100 halten. Vom digitalen Trabi 2.0 bis Porsche 811, Baujahr 2030.

Oder die Nanosensoren der Fahrzeuge melden leicht sandige Kurven. Was dazu führt, dass all die Kawasakis und Ducatis mit 40 durch die Kurve durchschleichen werden.

Ich denke, ich habe das Prinzip anhand des Verkehrs deutlich gemacht? Wir könnten immer mehr Lebenssituationen mit Hilfe der Technik so weit herunterregulieren, dass niemand mehr zuviel Zucker zu sich nimmt, nicht mehr zu lange auf den Monitor oder auf das Smartphone starrt, weil die Krankenversicherungen es so optimiert haben. Dann geht eben der Monitor in ein Zwangsschwarz über. Und die Versicherungsprämie erhöht sich, weil wir zwei Zuckerstücke zuviel in den Kaffee getan haben, was die Bürokameras detektieren und übertragen. Immerhin möchte die Firma gesunde und fitte Mitarbeiter. Natürlich wird die Personaler-AI diesen Malus vermerken, denn wer will schon eine Chefin, die eines Tages zuckerkrank wird? Wisst ihr etwa nicht, was so eine Ausbildung kostet? Schwanger war gestern, Zucker ist morgen.

Prinzip jetzt klarer? Wo setzen wir die Grenze aus persönlicher Freiheit zu akzeptierten Risiken für das eigene und das Leben Dritter, in welchem zu optimierenden Ausmaß auch immer?

Ohne Gurte? Akzeptiert, geht nicht mehr. Ohne Kopfstützen? Auch geregelt. Kein ABS? Keine Zulassung. Zuviel Zucker? Sünde!

Titelbild von ☰☵ Michele M. F., CC by SA 2.0