Verliebt in einen Fake

Stell Dir vor, Du lernst online einen Menschen kennen, verliebst Dich - und musst irgendwann feststellen, dass es diesen Menschen gar nicht gibt, es sich lediglich um einen Fake handelt. 
von Carsten Drees am 19. September 2017

Jasmin hat(te) ein aufregendes Leben: Sie ist 1982 in Hamburg geboren, lebte aber schon seit einer Weile in Boston in den Vereinigten Staaten, wo sie bei Merck Research Laboratories arbeitete und nebenher auch noch ehrenamtlich für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz war. In dieser Funktion verschlug es sie nach Haiti, wo sie schwer erkrankte, dort in Port-au-Prince sehr lange behandelt wurde und schließlich dieser Krankheit nun kürzlich erlag.

Entweder das — oder Jasmin hat nie wirklich existiert! Sie ist nur die Ausgeburt der Fantasie eines Menschen, der sie sich nicht nur ausdachte, sondern über viele Jahre am Leben hielt und einen ganzen Freundes- und Verwandtenkreis um sie herum erdachte. Bereits seit acht Jahren ist sie unter diesem Namen auf Facebook und Twitter unterwegs:

Diese Frau — Jasmin Nicoletta Goldmann ihr voller Name — lebte nicht nur in dieser komplett erdachten Welt, sondern pflegte auch eifrig Kontakt zu sehr vielen Menschen im Netz. Sie war das, was man „internetaffin“ nennt und bespielte mehrere Social-Media-Plattformen und Blogs, war auch mit vielen Freunden von mir bekannt.

Dass ich euch von dieser Geschichte berichten kann, liegt daran, dass diese Jasmin sogar eine Online-Beziehung mit einem sehr realen Menschen geführt hat. Dieser Mensch heißt Denise und hat die ganze Geschichte jetzt aufgeschrieben und damit öffentlich gemacht. Damit hat sie auch den Schleier um Jasmin Nicoletta Goldmann gelüftet – um eine Person, die nachweislich seit fast einem Jahrzehnt online aktiv ist.

Ich persönlich kannte sie nicht, stolperte aber öfters über ihren Namen, wenn sie bei Caschy, Palle oder anderen kommentierte oder ihre Likes abgab. Jasmin und Nicoletta kamen in Kontakt über Victoria Schwartz, die ihrerseits selbst vor Jahren so einem Fake in die Falle gegangen ist und in der Folge nicht nur die Seite realfakes.net aufgebaut hat, sondern auch ein Buch zum Thema geschrieben hat.

Wie meine Internet-Liebe zum Albtraum wurde: Das Phänomen Realfakes

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Was ist ein Realfake?

Fangen wir damit an, was ein Realfake nicht ist: Ein Realfake ist kein Romance Scammer, also jemand, der euch ein Interesse an eurer Person vorspielt, um an eure Kohle zu gelangen. Der Realfake hingegen ist nicht an eurem Geld interessiert.

Stattdessen baut er sich ein komplexes und gut durchdachtes Lügenkonstrukt auf, teilweise längst bevor er mit anderen Menschen in Kontakt tritt. Dazu gehören:

  • Eine lückenlose Vita – Geburtsort, aktueller Wohnort, besuchte Schulen, aktueller Job und vieles mehr gehören dazu. Oft auch kombiniert mit einem längeren Aufenthalt im Ausland.
  • Ein Kreis aus Freunden, Arbeitskollegen, ehemaligen Schulkameraden und Familie – weitere ausgedachte Personen, die vom Betrüger ebenfalls „gespielt“ werden, um euch zu zeigen, dass die Fake-Person, an der ihr interessiert seid, auch tatsächlich mit anderen Menschen interagiert.
  • Oftmals gehört zur Lügengeschichte auch ein passendes Jobprofil, welches es dem Fake das Finden von Ausreden leicht macht: So arbeiten diese Realfakes oft als Polizisten, Geheimagenten, ranghohe Militärs etc., die sich aus brenzligen Situationen mit dem Verweis auf berufsbedingte Verschwiegenheit befreien können.
  • Ebenso ist ein wichtiger Bestandteil einer solchen Lügengeschichte oft eine schwere Erkrankung, genau wie im Falle der Jasmin Nicoletta Goldmann. Auf Realfakes.net heißt es dazu erklärend: „In 95% aller Fake-Geschichten spielen psychische Erkrankungen, Todesfälle, Unfälle und schwere Krankheiten wie Krebs eine Rolle. Auch Gedächtnis- und Stimmverlust kommen recht häufig vor.“

Als ich gestern die Geschichte von Denise las, musste ich unweigerlich an einen ehemaligen Arbeitskollegen denken, der das Kunststück fertig brachte, sich in eine — nicht wirklich existierende — Frau in Russland zu verlieben und ihr einen größeren Geldbetrag zu schicken, damit sie ihn besuchen könne. Klar, dass der Kollege noch heute darauf wartet, dass seine Angebetete in Deutschland ankommt.

Realfakes.net-Logo

Aber wie ich oben schon schrieb: In diesen Fällen wie dem aktuellen geht es der Person nicht darum, einen finanziellen Vorteil aus der Lügerei zu erzielen. Wir haben es also nicht mit simplen Ganoven zu tun, sondern mit Menschen, von denen ich glaube, dass sie ganz klar psychische Probleme haben. Ob so ein Mensch einsam ist? Einfach nur Bestätigung sucht oder in eine andere Rolle schlüpfen möchte? Ich kann es euch nicht abschließend sagen, aber ich bin überzeugt davon, dass es etwas in dieser Art ist, was jemanden zu so einer drastischen Geschichte motiviert.

Ich selbst bin seit Mitte der Neunziger im Internet unterwegs und damals war für sehr viele Menschen um mich herum klar, dass es im Internet nichts gibt außer Pornos, jede Menge illegalen Kram — und Fakes. Selbst habe ich meinen Freunden hingegen oft genug gesagt, dass ich persönlich manchmal das Gefühl hatte, dass man das Internet nur für Menschen wie mich erfunden hätte: Endlich konnte man viele Leute/Gleichgesinnte finden, dabei Kontakt zu Menschen aufbauen, die tatsächlich Dich beurteilten und nicht etwa die Fassade von Menschen, die man im Club oder so sieht.

Weil ich mich für eine sehr ehrliche Haut halte, funktioniert das auch dementsprechend gut für mich. Ihr könnt mich für einen Idioten halten, für einen unlustigen Kerl oder was auch immer euch einfällt — aber wenigstens bin ich bei einem Realtreffen dann exakt genau dieser Idiot/unlustige Kerl, den ihr aus dem Netz kennt.

Das erzähle ich deswegen, weil es für mich selbst selbstverständlich war, dass alle anderen Menschen ebenso ticken müssten wie ich. Dass es im Netz aber massig Leute gibt, die aus verschiedenen Gründen nur eine Rolle spielen, ahnte ich damals tatsächlich nicht. Zum Glück musste ich es nicht auf die harte Tour lernen: Die Menschen, denen ich mich näher verbunden fühlte, traf ich auch meist sehr zeitnah, wir tauschten Fotos aus und telefonierten.

Die Fake-Love-Story

Somit blieb mir erspart, was Denise jetzt durchmacht: „Kennen gelernt“ haben sich beide vor über drei Jahren, vor etwas mehr als einem Jahr wurde dieser Kontakt enger und enger — bis man sich letztendlich gestand, dass man mehr als nur Freundschaft für den jeweils anderen empfindet. Es folgte im letzten Dezember eine Einladung zum Geburtstag. Der Realfake behauptete, für ein paar Tage bei der Familie in Hamburg zu sein und Denise war herzlich eingeladen.

Das ist eines dieser perfiden Mittel, die solche Realfakes immer wieder nutzen: Sie schlagen selbst tatsächliche Treffen vor, um jegliche Zweifel direkt im Keim zu ersticken — wie sollte schließlich jemand zu einem Treffen erscheinen, den es gar nicht gibt? Das Treffen fand natürlich nicht statt, denn genau zu diesem Zeitpunkt erkrankte Jasmin angeblich so schwer, dass sie weder zur Familie reisen konnte noch sonst irgendwie transportfähig war.

Ich möchte nicht die ganze Geschichte nochmal erzählen, die Denise sehr ausführlich aufgeschrieben hat und kürze es daher jetzt ab: Ihren Eltern und schließlich auch Denise selbst kamen die Geschichten der Jasmin Nicoletta Goldmann — die mit ihrem krankheitsbedingten Ableben Anfang September endeten — suspekt vor (wieso schickt man keine Selfies? Wieso nie telefonieren oder skypen?) und man recherchierte.

Es kam heraus, was herauskommen musste: Unter der angegebenen Adresse in Hamburg wohnt weder ihre Familie noch irgendjemand, der mit ihrem Namen was anfangen kann, weder Merck noch Ärzte ohne Grenzen kennen in ihren Reihen eine Frau Goldmann und in besagtem Hotel in Port-au-Prince hat sie niemals gelegen.

Das wie immer äußerst traurige Ende vom Lied solcher Geschichten: Mit Denise bleibt ein Mensch zurück, der Zeit, Energie, Hoffnung und nicht zuletzt viele Gefühle investiert hat in eine Person, die überhaupt nicht existiert hat. Liebeskummer ist immer ein Dilemma — in einem solchen Fall ist es sicher alles andere als einfacher, damit zurechtzukommen. Denise hat meiner Meinung nach den richtigen Schritt gemacht, in dem sie die Geschichte publik machte. Das Herz bekommt sie damit nicht schneller repariert, aber es dürfte vielen Kontakten Jasmins die Augen öffnen und alle anderen — mich eingeschlossen — für solche Realfakes sensibilisieren.

„Mir könnte sowas nicht passieren“

Das Sensibilisieren ist nämlich bitter nötig, wie es mir scheint. Es würden nicht immer und immer wieder Menschen mit solchen Lügengeschichten durchkommen, wenn wir nicht alle so völlig davon überzeugt wären, dass uns so etwas nicht widerfahren kann. Genau darauf setzen diese Betrüger in ihrem perfiden Spiel, denn es sind ganz sicher keine Idioten, die ihnen in die Falle gehen.

Von der Lebensgeschichte über die Kontakte bis zu all diesen ausweichenden Lügen und Ausreden, wieso man nicht telefonieren oder sich treffen kann, sind diese Stories so absolut wasserdicht, dass es lange dauert, bis einem da Zweifel kommen können. Wenn ihr dann noch mit dem Herzen involviert seid, wird es sowieso schwierig, weil man dann ja Zweifel gerne selbst sehr leicht zur Seite wischt.

Ich bilde mir auch ein, dass mir sowas nicht widerfahren kann und hoffe inständig, dass man mich nicht eines Tages Lügen straft. Ich glaube, ich bin zu wenig im Thema, um wirklich verbindliche Tipps geben zu können, aber ich kann euch zumindest sagen, wie ich für mich versuche, solche Katastrophen zu vermeiden:

Natürlich begnüge ich mich anfangs mit den Fotos und Infos, die die Person von sich im Internet preisgibt. Aber wenn sich etwas ähnliches wie eine Freundschaft zu entwickeln anbahnt, kann das für mich nicht funktionieren, ohne dass ich weitere Sicherheiten bekomme. Ich halte es für eine ganz normale Entwicklung, dass man sich, wenn man sich besser kennen lernt, Fotos schickt.

Damit meine ich dann eben nicht irgendwelche „hab ich irgendwann mal geknipst“-Bilder, sondern spontane Schnappschüsse, die mir zeigen, dass mein Gegenüber auch wirklich in der Lage ist, spontan reagieren zu können. Bedenkt dabei aber, dass eine „ich bin gerade am See“-Story ebenso ausgedacht sein kann in der Annahme, dass das Gegenüber genau von diesem See ein Selfie einfordern könnte.

Desweiteren mag ich es, die Stimme meiner Kontakte zu kennen, zumindest wenn sich ein engerer Kontakt entwickeln soll. Ich schicke/empfange sehr gerne Sprachnachrichten, telefoniere auch gern. Die Tatsache, dass am anderen Ende dann wirklich eine Stimme ertönt, die zur Person passen könnte, ist immer noch keine Garantie, hilft aber definitiv schon mal weiter.

Noch sicherer sind Video-Chats oder — logisch — reale Treffen. Lasst euch nicht abspeisen, wenn euer Gegenüber für beides nicht wirklich offen ist, egal aus welchen Gründen. Ich war noch nie in so einer Situation, aber ich erwähnte ja, dass ich mich für eine sehr ehrliche Haut halte: Daher würde ich diesen Menschen einfach darauf ansprechen, dass ich gern Gewissheit hätte, was ihn bzw. sie angeht. Jemand, der euch wirklich schätzt, wird euch das sicher nicht übel nehmen. Falls doch, stimmen mit dieser Person vermutlich auch ein paar andere Dinge grundsätzlich nicht.

Ich persönlich bilde mir ein, dass ich mich niemals in eine Person verlieben könnte, die ich weder tatsächlich gesehen oder zumindest wenigstens gesprochen habe. Aber das sagt sich natürlich leicht, wenn man nicht betroffen ist. Aber sei es drum: Nicht immer geht es um die vermeintlich große Liebe, wenn man auf einen Fake trifft.

Das Beispiel Jasmin Nicoletta Goldmann zeigt, dass solche Leute nicht nur eine enge Beziehung online führen können, sondern auch viele freundschaftliche oder auch sehr oberflächliche Bekanntschaften eingehen, indem sie hin und wieder mal mit euch chatten, eure Facebook-Postings oder Tweets kommentieren oder unter euren Blogs schreiben. Gerade diese Interaktion mit anderen, tatsächlich realen Menschen macht es dem Betroffenen dann noch schwerer, den Realfake als solchen zu entlarven.

Während ich diese Geschichte hier aufschreibe und mich gedanklich damit befasse, wie solche Menschen wohl ticken können, stelle ich mir das alles gerade auf einer Metaebene vor. Vorschlag an Victoria Schwartz von realfakes.net: Schreib ein zweites Buch — einen Psycho-Thriller, in welchem eine Frau Opfer eines Realfakes wird, eine Realfake-Seite ins Leben ruft und sich dann selbst einen solchen Fake ausdenkt. ;) Keine Angst, Victoria — ich unterstelle Dir das keineswegs, aber mein Gehirn denkt oft in viele verschiedene Richtungen und das kommt dann dabei raus.

Und als letztes noch an Personen, die selbst in solchen ausgedachten Traumwelten leben: Lasst euch helfen anstatt andere Leben zu zerstören. Und überlegt euch, wieso sich Menschen verlieben. Wenn ihr glaubt, dass das daran liegt, dass ihr ein hübsches Profilfoto habt, liegt ihr falsch. Sicher zählt das Äußere dazu, aber ich denke, dass die Gefühle an dem Punkt ins Spiel kommen, an dem man die Art, die Gedanken und Philosophien des anderen kennen lernt. Überlegt euch, ob sich jemand wie Denise nicht auch in den tatsächlichen Menschen hinter dem Fake verlieben würde und ihr damit nicht eine riesige Chance auf ein ganz echtes Glück wegwerft.

Quelle: Fritschis Welt