Vertical Farming: Essen wir bald auch alle Gemüse aus der Fabrik?

7,7 Milliarden Menschen leben auf der Welt. Es fällt immer schwerer, diese alle zu ernähren. Vertical Farming könnte ein Lösungsansatz sein, aber möchte wirklich jeder steriles Gemüse aus der Fabrik essen?

von Carsten Drees am 27. Dezember 2019

Weihnachten ist gerade vorbei. Das bedeutet, es gibt im Wesentlichen zwei Arten von Menschen: Die, die bereits darüber nachdenken, wie sie die über die Feiertage angefressenen Pfunde wieder los werden können — und die Leute, die immer noch dabei sind, die Reste zu vertilgen. Der beste Zeitpunkt also vermutlich, euch was von gesundem Gemüse zu erzählen, stimmt’s?

Okay, ganz im Ernst mal: Das Ernährungs-Thema wird uns auch im neuen Jahr immer wieder mal auch hier auf dem Blog begleiten. Weil es faktisch auch mit neuen Technologien zu tun hat, dass auch morgen noch alle Menschen auf dem Planeten satt werden können. Eigentlich könnten wir auch erst einmal ellenlang darüber reden, wieso es selbst heute mit weniger als acht Milliarden Menschen auf der Erde nicht möglich ist, Kinder vor dem Verhungern zu retten. Aber die Lage spitzt sich zu, denn schon in 30 Jahren wird vermutet, dass es dann 11 Milliarden Menschen auf der Erde sein werden. Davon werden dann etwa drei Viertel in den Städten leben, die teilweise gigantische Ausmaße haben werden.

Mit diesen Zahlen im Hinterkopf möchte ich euch erzählen, dass ich in diesen Tagen über einen kleinen Clip von ZDF heute gestolpert bin, der eine Doku über Vertical Farming aus der “planet e”-Reihe zusammenfasst. Die Doku trägt den Namen “Wenn die Nahrung knapp wird – Hightech-Farmen für die Zukunft”. Eigentlich dachte ich, ich mach daraus einen Video-Beitrag mit vier, fünf begleitenden Sätzen, aber das wird dem Thema nicht im Ansatz gerecht. Folgenden Clip meine ich:

Wenn die Nahrung knapp wird

Rasantes Bevölkerungswachstum, Klimawandel und ausgelaugte Böden – die Produktion unserer Nahrungsmittel wird zu einer immer größeren Herausforderung. Sind senkrechte Farmen eine Lösung?Die planet e-Doku in der Mediathek: https://kurz.zdf.de/ZU5/

Gepostet von ZDF heute am Donnerstag, 26. Dezember 2019

Im Video bekommt ihr kurz und knackig natürlich das Wichtigste zusammengefasst, was speziell das Vertical Farming in Japan angeht, wo das echt schon eine große Sache ist. Aber ganz ehrlich: Es lohnt sich, dass ihr euch die komplette Doku reinzieht, die auch Ansätze in Deutschland aufzeigt.

Der Punkt ist der, dass wir es hier nicht mit einem nischigen Ernährungs-Thema zu tun haben, sondern um einen der interessantesten Ansätze für den Gemüseanbau auf der einen Seite und mit einer heranrauschenden Ernährungskrise auf der anderen. Ich sprach die elf Milliarden Menschen an, die wir schon 2050 auf diesem Planeten beherbergen werden. Während wir uns deswegen also das Thema Nachhaltigkeit ganz oben auf die Agenda schreiben sollten, sind wir stattdessen schwer damit beschäftigt, durch Brandrodungen und Monokulturen die verfügbare Fläche sogar noch zu verkleinern, auf der angebaut werden kann.

Dazu kommt der Umstand, dass immer mehr Fläche von den Städten beansprucht wird, weil explodierende Bevölkerungszahlen mit wachsenden Städten einhergehen. Der Klimawandel beschäftigt uns ja eh schon eine Weile und auch der hat unmittelbar damit zu tun, was auf den Feldern wächst: Während man in Japan über zu viel Regen im abgelaufenen Jahr geklagt hat, waren unsere Böden jetzt im zweiten Jahr in Folge deutlich zu trocken.

Der Blick aufs Klima und nach Japan lohnt sich in diesem Fall ganz besonders, denn spätestens seit Fukushima wissen wir, dass solche immer öfter vorkommenden Katastrophen nicht nur unmittelbar Menschenleben auslöschen und ganze Orte von der Landkarte radieren können. Ein solcher Tsunami mit seiner Auswirkung auf ein Kernkraftwerk sorgt auch dafür, dass man möglicherweise kein unbelastetes Gemüse mehr aus der Region vorfindet.

Kein Wunder also, dass das “Vertical Farming” besonders in Japan auf dem Vormarsch ist. Dort, wo eh wenig Platz ist, muss man halt in die Höhe arbeiten, wenn es in der Breite nicht möglich ist. Die Farmen der Zukunft — das seht ihr u.a. auch in der Doku — sind also keine Ackerflächen, sondern riesige Fabriken mit verschiedenen Lagen übereinander, die komplett ohne Sonnenlicht und ohne Erde auskommen, außerdem viel weniger Wasser benötigen. In dieser sterilen Umgebung sehen die Mitarbeiter auch eher aus wie aus einem Chemielabor und weniger wie Farmer.

Ich könnte mir vorstellen, dass das in der Summe dazu führen wird, dass wir in Deutschland eine Debatte darüber führen werden, ob wir so steriles Labor-Gemüse essen möchten — oder doch lieber den “Real Deal” vom Feld. In Ansätzen sehen wir diese noch sehr theoretische Diskussion ja bereits auch beim Labor-Fleisch bzw. beim “Cultured Meat”.  Was beides verbindet meiner Meinung nach: Sowohl beim gezüchteten Fleisch als auch beim sterilen Gemüse werden wir uns künftig anhören dürfen, dass es eben irgendwie nicht okay/eklig/you name it ist.

Das gezüchtete Fleisch aus der Petrischale ist “bäh”, wegen Labor und so. Das Antibiotika-versuchte Tier hauen wir uns genüsslich hinter die Kiemen. Und ja: Ich bin sicher, dass es beim Gemüse ähnlich kommen wird. Lieber die Pestizid-Klamotten vom Acker statt das völlig sauber hergestellte Gemüse aus dem Vertical Farming, welches zudem auch saisonunabhängig wächst.

Aber vielleicht male ich hier auch nur unnötig schwarz und man wird sich — wie in Japan, wo es schon über 200 solcher “Vertical Farming”-Betriebe gibt, sehr schnell daran gewöhnen. Wobei sich die Japaner nicht nur schlicht an diese Art Gemüse gewöhnt haben: Sie zahlen sogar gerne etwas mehr dafür, weil man eben weiß, dass es absolut sauber ist und man seinen Salat nicht einmal waschen muss vor der Zubereitung. Apropos “da haben wir den Salat”: Es gibt noch ein Handicap bei der ganzen Nummer: Für Salat, Champignons und einige Gemüse-Arten funktioniert das Vertical-Farming bereits perfekt, so dass man es auf industriellem Niveau mit künstlichem Licht und Nährlösung statt Sonne und Acker ziehen kann. Bei Getreide, Kartoffeln und Reis hingegen klappt die Geschichte so noch nicht.

Aber sei es drum: Vertical Farming wird auch nicht die einzige, ultimative Möglichkeit werden, wie man die Menschen satt bekommt und auch nicht die einzige Art sein, wie wir Gemüse züchten. Aber es wird eine sehr wichtige Ergänzung werden aufgrund der aufgezählten Vorteile und aufgrund der Tatsache, dass man das Gemüse auf diese Weise direkt dort anbauen kann, wo die Menschen sind: Mitten in den Städten.

Es braucht weniger Platz, weniger Wasser, ist unabhängig von der Jahreszeit oder der Sonne und benötigt keine Pestizide. Zudem wird verschiedentlich berichtet, dass Gemüse oder Kräuter geschmacklich sogar besser schmecken und der Salat knackiger ist.

Lasst mir gerne eure Meinung da zu der gar nicht mal wirklich neuen Idee des Vertical Farming. Glaubt ihr ebenfalls, dass es eine wichtige Komponente für unsere Ernährung wird, oder könnt ihr euch stattdessen interessantere Ansätze vorstellen?

via ZDF

Die Doku befindet sich noch bis zum 24. November 2024 in der ZDF-Mediathek, also noch knappe fünf Jahre. Darüber hinaus habe ich noch folgendes Video für euch auf YouTube gefunden, in dem es explizit um das Vertical Farming geht: