Vestel statt Apple: Erdogan will Boykott von US-Tech

Recep Tayyip Erdogan hat schnell eine Antwort auf die US-Sanktionen parat: Kauft Vestel und Samsung statt Apple, fordert der türkische Staatschef und wünscht sich einen Boykott US-amerikanischer Elektronik.

Manchmal mag man nicht glauben, welche Menschen im Jahr 2018 die politische Welt in ihren Händen halten und was sie mit dieser Macht anstellen. Die Populisten und Lautsprecher bestimmen, wo es langgeht, die leisen, diplomatischen Vertreter ihrer Zunft haben immer öfter das Nachsehen.

Das kann man fast nirgends so schöne beobachten wie in der Wirtschaftspolitik. In den USA dreht aktuell Donald Trump an den wichtigen Stellschrauben der Industrie und geht dabei ungefähr so filigran vor wie Godzilla in den Straßen Tokios. Politik wird da gern mit dem Holzhammer gemacht und das bedeutet im Fall Trump, dass er gerade global mit Wirtschaftssanktionen um sich wirft. Wir Europäer haben das auch schon zu spüren bekommen, aber erfreulicherweise hat sich der US-Präsident aktuell auf andere Baustellen eingeschossen.

Nachdem er in den Wirtschaftsbeziehungen zu China genügend Feuer gelegt hat, damit Diplomaten in den USA und China noch ewig mit dem Löschen beschäftigt sein werden, wendet er sich nun der Türkei zu. Dort reagiert mit Recep Tayyip Erdogan jemand, den man nun wahrlich nicht als positiven Gegenentwurf zu Donald Trump beschreiben möchte. Zwei schwierige Charaktere, die beide vorgeben, sich fürs eigene Volk in die Schlacht zu werfen, beide aber auch hauptsächlich an ihrem jeweils eigenen Ego interessiert sind.

Jetzt eskaliert die Wirtschaftslage also in der Türkei und auch hier zündelt Trump noch ein wenig weiter, verpasst mit seinen Aussagen und ersten Sanktionen der türkischen Lira einen zusätzlichen Tritt in den Hintern (als ob es den noch gebraucht hätte). Jetzt reagiert der türkische Staatschef und fordert sein Volk auf, Elektronik aus den USA zu boykottieren.

Wenn die ihre iPhones haben, gibt es auf der anderen Seite Samsung, und wir haben unser eigenes Vestel. Recep Tayyip Erdogan

Wie genau sich Erdogan diesen Boykott vorstellt, hat er leider nicht erklärt und so fürchte ich, dass wir es hier wieder mehr mit markigen Worten zu tun haben, gerichtet an sein Volk, um Stärke zu demonstrieren. Grundsätzlich ist das ja auch ein verständliches Anliegen und wenn er in seiner Rede fordert, dass die Türkei Haltung bewahren muss, dann stimme ich ihm sogar zu. Allerdings hat das gerade in letzter Zeit nicht immer sehr viel Substanz, was er ankündigt oder androht, denn die Wirtschaft lässt sich eben nicht durch Rhetorik beherrschen. Außerdem muss er erst noch erklären, wie er sich einen solchen Boykott vorstellt, denn schließlich befinden sich in vielen Smartphones Bauteile aus den USA, selbst wenn nicht Apple drauf steht und auch auf den Samsung-Smartphones läuft ein US-amerikanisches Betriebssystem von Google.

Tut Trump Erdogan einen Gefallen?

Wer die Situation in der Türkei bezüglich der Wirtschaftskraft verfolgt, wird festgestellt haben, dass nach Jahren des Erfolgs nun haarige Zeiten angebrochen sind. Spätestens seit dem Putschversuch liegt auch der Tourismus brach und das ist nun wahrlich kein Markt, auf den die Türkei verzichten kann.

Der Punkt ist aber, dass die Dinge in der Türkei ein wenig anders laufen als beispielsweise bei uns. Wenn der Staatschef von den USA angegangen wird und sich US-Sanktionen ausgesetzt sieht, dann schweißt das das türkische Volk nur noch mehr zusammen. Während im Normalfall mehr und mehr Leute die Wirtschaftspolitik in ihrem Land hinterfragen würden, kann Erdogan nun auf den bösen Feind in Nordamerika zeigen und sagen: Seht, dieser Mann sorgt dafür, dass es euch schlecht geht”. Kann man aus US-Sicht so machen, ist dann halt aber eben auch Quatsch bzw. ein wenig zu kurz gedacht.

Vestel statt Apple: Klingt behämmert, kann aber sogar funktionieren

Egal, ob in der Türkei oder in den USA: Erdogans Rede, in der er zum Boykott amerikanischer Tech-Produkte aufruft, darf als Kampfansage verstanden werden. In Südkorea sieht das allerdings ganz anders aus: Samsung feiert sich da gerade vermutlich den Arsch ab, dass der türkische Staatschef weltweit Werbung für den koreanischen Konzern macht.

Erdogan telefoniert mit einem iPhone
Auch Erdogan selbst wird sich nach einer Alternative umsehen müssen

Die Frage wird sein, wie das türkische Volk auf die Ansage reagiert, denn mal ehrlich: Wer ist bekennender Apple-Nutzer in Deutschland, nutzt die ganze Palette der Produkte und Services aus Cupertino und wechselt dann in ein komplett anderes System, nur weil es die Kanzlerin fordert? Eben — kann ich mir auch nicht vorstellen.

Mag aber sein, dass das türkische Volk da anders reagiert. Mich würde an dieser Stelle mal interessieren, was die Türken in Deutschland dazu sagen, die Erdogan ihre Stimme gegeben haben. Also falls hier jemand mitliest, schreibt es uns gern in die Kommentare: Fühlt man sich nach so einem Appell daran gebunden? Würdet ihr tatsächlich euer iPhone verkaufen und ins Android-Lager wechseln, um ein Zeichen zu setzen?

Aber egal, wie sich das Volk in dieser Frage entscheidet — ein Unternehmen, welches hierzulande noch kaum jemand kennt, wird davon sicher profitieren: Vestel! Der Tech-Konzern mit Hauptsitz in der türkischen Großstadt Manisa ist bekannt zum Beispiel für seine LED-TVs, aber auch Smartphones bietet das türkische Unternehmen seit 2014 an.

Das Venus VZ20, welches ihr hier im Bild seht, ist solide Mittelklasse: Snapdragon 630, 4 GB RAM, 5,65 Zoll großes FHD-Display im 18:9-Format und hinten gibt es eine Dual-Cam sowie einen Fingerabdrucksensor. 64 GB erweiterbarer Speicher, 3.400 mAh Akku inklusive Quick Charge 3.0 und Android 8.0 Oreo runden die Liste der technischen Daten ab und lassen auf ein in der Tat sehr ordentliches Smartphone schließen.

Nichts, weswegen man sein iPhone X in die Tonne kloppen würde, das ist klar. Aber ein Smartphone, welches allemal gut genug ist, dass sich viele Türken drauf stürzen und beim Alltagseinsatz auch nicht so schnell an irgendwelche Grenzen stoßen. 2 499 Türkische Lira kostet der Spaß, was dank Abwärtsspirale der Lira umgerechnet aktuell knapp 350 Euro entspricht.

Kauft niemand? Hmm, würde ich nicht sagen. In der Türkei lässt sich nämlich ein Trend beobachten, den wir so ähnlich ja auch aus China kennen, wo zum Beispiel Samsung kein Rad an die Erde bekommt: Die Leute greifen schlicht gern zu Produkten aus dem eigenen Land. Das ist auch am Bosporus der Fall, denn bereits letztes Jahr stellten die Analysten von Strategy Analytics fest, dass im ersten Halbjahr 2017 sechs der 30 meistverkauften Smartphones bereits aus der Türkei stammten.

Auch in der Türkei kommt man an Apple nicht vorbei, wenn man sich auf das Ökosystem der Amerikaner eingeschossen hat und man ein Spitzen-Smartphone nutzen möchte, welches sich darin perfekt einbettet. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass viele der Feature-Phone-Nutzer, die es in der Türkei noch zuhauf gibt, beim Wechsel ins Smartphone-Lager zu einem türkischen Produkt greifen — aus Kosten-, aber auch aus Patriotismus-Gründen.

In Cupertino wird man davon vielleicht nicht viel spüren, andere Technologie-Produkte wie LED-Fernseher werden auch in der Türkei sowieso lieber aus Korea, China, etc. gekauft als aus US-Produktion. Das bedeutet, dass die Ansage Erdogans sicher keinen wirtschaftlichen Erdrutsch darstellt, aber gefühlt als ein Sieg des türkischen Staatschef gewertet werden kann, wenn er sein Volk mit diesem Appell erreicht hat.

Was der Boykott konkret bedeuten kann und ob auch Unternehmen wie Google oder Dienste wie Facebook und Twitter (wieder) betroffen sein könnten, wird die Zeit zeigen. Wir behalten es jedenfalls im Auge!

PS: Vestel wird auch bei der IFA 2018 wieder mit eigenem Stand vertreten sein. Ich werde ganz sicher dort vorbeischauen!

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