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Video-Streaming: Wann platzt die Blase?

Ende März stellt Apple seinen Video-Streaming-Service vor, auch Warner und Disney gehen dieses Jahr an den Start. Wie viele dieser Dienste verkraften wir, bevor die Blase platzt?

von Carsten Drees am 19. Februar 2019

Wenn Apple am 25. März zu einem Presse-Event lädt, werden wir einen neuen Video-Service präsentiert bekommen. Der soll Netflix Kunden abjagen und Apple dabei helfen, sinkende iPhone-Einnahmen abzufedern. Ähnlich wie bei Netflix soll es Eigenproduktionen und exklusive Inhalte geben, um das Angebot für die zahlende Kundschaft interessant zu machen.

Zwar gibt es Gerüchte, dass die Plattform zumindest teilweise kostenlos sein solle, aber das würde aus Apple-Sicht keinen Sinn ergeben — schließlich will man ja mit seinen Services Geld verdienen. Wann das neue Angebot startet, wissen wir derzeit noch nicht genau, die Gerüchte variieren von April bis Herbst.

Wenn Apple mit seinem noch namenlosen Service antritt, sind die offensichtlichsten Konkurrenten natürlich erst einmal Netflix und Amazon Prime. Dazu gesellen sich dann noch Dienste, die nicht global zu nutzen sind wie beispielsweise Hulu in den USA oder Sky in Deutschland. Apropos Sky: Beim Fußball zeigt sich bereits heute, welche Probleme beim Serien- und Film-Streaming bald auf uns zukommen. Wir müssen aktuell nämlich — möchte man alle Spiele der deutschen Teams sehen — gleich drei Plattformen abonnieren: Sky, Eurosport und DAZN.

Genau diese Entwicklung frustriert derzeit die Fußball-Fans in unserem Lande und glaubt mal: Ihr werdet als Serien-Fans in einem Jahr vermutlich ähnlich frustriert sein. Die ersten Anzeichen sind dabei schon längst sichtbar. Vor ein paar Tagen schrieb ich bereits darüber, dass Hit-Serien wie Big Bang Theory, die Marvel-Serien oder Friends bei Netflix verschwinden werden.

Falls jemand Zweifel daran gehabt hat, dass es so kommen würde, wurde bereits in diesen Tagen eines Besseren belehrt: Netflix hat nämlich die verbliebenen Marvel-Serien Jessica Jones und The Punisher nach zwei Staffeln gecancelt. Ehrlich gesagt kann ich die Entscheidung von Netflix da sogar sehr gut verstehen, denn wieso sollte man diese Serien weiterführen, wenn sie in absehbarer Zeit sowieso zu einem Konkurrenten abwandern? Unterm Strich würde man Geld in die Hand nehmen, um Serien weiterzuführen, die letzten Endes eine Werbung für Disney+ bedeuten.

Disney+ — das ist nämlich das Damoklesschwert, welches aktuell über Amazon Prime und natürlich auch Netflix baumelt. Der Micky-Maus-Konzern vereint unter seinem Dach nämlich jede Menge Lizenzen. So gehört Lucasfilm zu Disney, ebenso Pixar und eben auch Marvel. Das Unternehmen hat schon angekündigt, dass man seine Inhalte exklusiv zeigen möchte. Aktuelle Verträge wird man also allesamt auslaufen lassen.

Aber es kommt noch dicker für Netflix und Amazon: Auch Warner wird nämlich ein eigenes Angebot an den Start bringen und auch hier werden einige äußerst beliebte Serien künftig nur noch exklusiv auf der Warner-Plattform zu sehen sein. Wie der Service heißen soll, hat Warner noch nicht verkündet, aber es soll definitiv auch in diesem Jahr noch soweit sein.

Das bedeutet, dass in diesem Jahr Apple, Disney und Warner starten. Möglich, dass sie allesamt erst in den USA zu empfangen sind, aber schnellstmöglich sollen die Angebote global verfügbar sein. Wenn ihr jetzt davon ausgeht, dass jeder dieser Streaming-Dienste round about 10 Euro pro Monat kostet, kommt da für Serien-Fans ordentlich was zusammen.

Für die aktuell verfügbaren Plattformen ist die neue Konkurrenz gleich ein doppelter Tritt in den Allerwertesten:

  1. Weil Mehr Streaming-Plattformen automatisch bedeutet, dass der Kampf um den Streaming-Kuchen härter wird und
  2. Weil durch das Abziehen der Warner- und Disney-exklusiven Serien gleichzeitig das Angebot von Amazon und Netflix schlechter wird.

Netflix spielt derzeit sowieso ein gefährliches Spiel: Geld wird hauptsächlich darüber erwirtschaftet, dass man mehr und mehr neue Nutzer gewinnt. Irgendwann wird man feststellen, dass eine gewisse Sättigung des Marktes eingetreten ist und man nicht wie bisher weiterwachsen kann. Außerdem gehen wertvolle Marken flöten, was dazu führen könnte, dass die Nutzer ihr Abo kündigen.

Wenn es also ganz blöd läuft, wird die neue Situation Netflix pulverisieren — also genau das Unternehmen, welches dieses Streaming-Tor überhaupt erst aufgestoßen hat. Aber malen wir mal nicht den Teufel an die Wand und glauben stattdessen, dass sich Netflix auch mit Eigenproduktionen über Wasser halten kann. In dem Fall können wir Nutzer uns entscheiden, ob wir für Netflix, Amazon, Sky, Disney, Warner und Apple um die 60 Euro pro Monat auf den Tisch legen — oder ob wir auf einige der geliebten Serien verzichten.

Ich nutze Netflix ja wirklich gerne, aber dennoch schaue ich nicht wahllos Serien. Mal hab ich eben Bock auf eine Marvel-Serie, ohne jede Marvel-Serie pauschal super zu finden, mal will ich eine Serie einfach nochmal sehen, die mir bereits gut gefallen hat. All das funktioniert aber nur, wenn das Portfolio das auch hergibt. Wenn also die Zugpferde verschwinden, werde ich nicht aus Verlegenheit einfach Serien glotzen, die mir weniger gefallen, sondern Netflix schlicht weniger nutzen.

Die Frage ist, wie viele große Player kann der Markt ertragen, bis die Streaming-Blase platzt? Mit Sicherheit wird es nämlich noch weitere Medien-Konzerne geben, die in Erwägung ziehen, ein ähnliches Angebot zu launchen, wenngleich es nichts geben dürfte, was so mächtig ist wie Warner und Disney oder eine solche Finanzkraft hat wie Apple.

Ich bin gerade ehrlich gesagt unentschlossen, wie sich dieses Spiel weiter entwickelt: Werden Netflix und Amazon Prime zu Nischen-Plattformen verkümmern? Werden alle Dienste gleichberechtigt nebeneinander funktionieren? Oder werden sich Nutzer genervt von Netflix und Co abwenden und dafür sorgen, dass die Film-Piraterie wieder anzieht? Lasst mich wissen, was ihr glaubt.