Nicole Scott auf virtueller Probefahrt mit dem VW Golf R Touch.
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Schluss mit Drehknöpfen!

Virtuelle Probefahrt im Volkswagen Golf R Touch

Nicole Scott und Autoblogger Jan Gleitsmann haben sich bei Volkswagen in Wolfsburg direkt in den heiligen Hallen der technischen Entwicklung noch einmal genau die CES - Studie Volkswagen Golf R touch zeigen lassen.

von Jan Gleitsmann am 8. Mai 2015

In einer exklusiven Privatvorstellung darf ich mir in DER deutschen Autostadt den Volkswagen Golf R Touch ansehen. Während ich in meinem privaten Opel Corsa B gemütlich mit 120 km/h auf der A2 in Richtung Wolfsburg zuckle, spielt sich in meinem Kopf ein Medley aus drei verschiedenen Lieder ab. “U Can’t Touch This” von MC Hammer, “Touch-a, Touch-a, Touch me” vom “Rocky Horror Picture Show” Soundtrack (übrigens gesungen von Susan Sarandon) und das unsägliche “Touch me” meiner Jugend von Samantha Fox.

Zwar stand der Golf R Touch schon auf der CES in Las Vegas, ich hatte damals aber nur Zeit, mich um die Neuheiten von Mercedes-Benz (F015), BMW (Autonomes Einparken) und Audi (Pilotiertes Fahren mit Jack) zu kümmern. Den Stand von Volkswagen wollten Sascha und Jens besuchen – und diese Geschichte werden ja alle regelmässigen Mobile Geeks-Leser kennen.

Die Wolfsburger haben aber auf den Rant von Sascha professionell reagiert und ihn direkt ins Sperrgebiet der technischen Entwicklung von Volkswagen eingeladen. Selbst ein echter Pallenberg kann aber gegen eine echte deutsche Grippe nichts ausrichten. Und so hatte ich statt seiner das Glück in Begleitung von Nicole Scott mir diese Studie, die keine sein sollte, genauer in Wolfsburg anzusehen.

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Der Volkswagen Golf R Touch war gar nicht als Showcar gedacht. Vielmehr hat ihn die technische Entwicklung eher als Proof-of-Concept oder auch als interne Machbarkeitsstudie aufgebaut. Deswegen wurde auch die Technik nicht in eine futuristische Hülle verpackt. Immerhin, die emotionalste Form des Bestsellers und Segment-Begründers Golf, das sportliche R-Modell hat man sich als Wirt für die Demonstration der Technologien gewählt.

Am Haupteingang der Technischen Entwicklung schliesse ich meine Kamera und mein iPhone ein. Absolutes Foto- und auch Filmverbot, stattdessen stellt man uns eine professionelle Fotografin zur Seite. Das ist genauso verständlich wie bedauerlich. Die Technische Entwicklung gilt als Sperrgebiet, kein Hersteller lässt sich hier gerne in die Karten schauen. Und der Bereich wird für den automobilen Sektor eben immer wichtiger. Dies allein zeigt schon, dass Volkswagen seinen Ingenieuren just ein neues Gebäude spendiert hat. Man braucht deutlich mehr Platz und wollte die unterschiedlichen Abteilungen wie auch die Werkstätten in einem Haus haben. Haus ist hier deutlich eine Verniedlichung eines großen Komplexes, den ich zu gerne fotografiert hätte. Innen wie Aussen zeigt sich das Gebäude sehr ansehnlich, da in natürlichen Farben gehalten und durchaus mit viel Tageslicht durchflutet. Ich kann mir hervorragend vorstellen, hier kreativ zu arbeiten.

Unser Ziel befindet sich quasi im Erdgeschoss. Die Tür ist selbstredend gesichert, das Kartenschloss öffnet unsere Begleitung und gibt den Blick frei in einen gar nicht so riesigen Raum. In dem er steht. Der VW Golf R Touch. Und während ich noch überlege, wie sie den Wagen denn in diesen Raum bekommen haben, darf ich mich auch schon hineinsetzen.

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Natürlich habe ich die Pressemitteilungen und die Texte der Kollegen längst gelesen, bin entsprechend vorbereitet und habe mir auch vorgenommen, das Thema nüchtern und sachlich anzugehen. Aber dann. Verzeihung. Ich bin Autoblogger und das nicht ohne Grund. Technik begeistert mich ungemein, zumindest wenn ich sie sinnvoll oder spannend finde.

Nüchtern betrachtet kann der Golf R Touch eigentlich nichts, was ein handelsüblicher Golf heute nicht auch schon kann oder könnte. Es gibt einige Annäherungssensoren, ein paar Displays und ein paar Bass Shaker. Langweilig? Nein. Nicht für mich. Der Clou für mich ist eben, wie diese vorhandene Technik angewendet wurde.

Ich tue mich schwer mit Konzepten oder Studien wie dem Mercedes-Benz F015 oder dem Chevrolet-FNR. Nicht etwa, weil ich mir die Zukunft groß anders vorstelle, sondern einfach, weil es ein Ausblick in eine weit in der Ferne liegende Zukunft ist und ich mir durchaus vorstellen kann, dass uns in den nächsten Jahren weitere Entwicklungen überraschen werden, die dann diese Konzeptautos in 2030 eher schnöde wirken lassen.

Ich bin mir sicher, dass ich bei der Fahrveranstaltung zur Vorstellung des Skoda Octavia im Mai 2013 zum ersten Mal aktiv einen Annäherungssensor in einem Auto erlebt habe. Das Prinzip ist so einfach wie clever. Auf dem Display des Infotainment-Systems wird beispielsweise großflächig die Karte des Navigationssystems angezeigt, erst wenn man die Hand an das Display annähert, erscheinen auf dem Touchdisplay weitere Schaltflächen. Ziehe ich die Hand wieder zurück, verschwinden die virtuellen Schaltfläche nach ein paar Sekunden wieder und ich sehe erneut so viel von der Karte, wie es das Display seiner Größe nach zulässt.

Skoda Octavia. Das Fahrzeug der tschechischen Volkswagen Tochter steht ja heuer für quasi den bezahlbaren Kompakten, deutschlandweit über 50.000 zugelassene Einheiten in 2014 belegen dies. Soll heissen, ein Annäherungssensor ist heute keine Raketentechnik mehr und auch in für den deutschen Durchschnittsaugust bezahlbaren Fahrzeugen angekommen.

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In der VW Golf R Touch Studie wird diese Annäherungssensortechnik nun ein wenig zweckentfremdet. Statt auf das 12,8 Zoll große und dem Fahrer leicht zugewandte Touchdisplay (Auflösung von 2.560 x 1.700 Pixeln) in der Mittelkonsole zu fassen oder darüber zu streichen, wischt man mit der Hand einfach nur davor herum.

Ich sag es ja. Es ist keine Raketentechnik, aber ich finde es doch schon ziemlich clever. Eben weil die Ingenieure nicht nur für die klassische Display-Steuerung auf Annäherungssensoren gesetzt habe. Ein Wisch über das Diplay und aus den Lautsprechern ertönt ein neues Lied. Und nur am Rande sei erwähnt, dass Volkswagen im Golf Touch eine erweiterte Version ihres Infotainment-Systems zeigt. Die Navigation beispielsweise zeigt Stadtfahrten mit dreidimensional illustrierten Gebäuden, Connectivity mittel Apple CarPlay und Android Auto ist bereits implementiert.

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Auch das Schiebedach lässt sich mit einem Wisch öffnen und schliessen. Ebenso kann man per Wisch die Spiegel anklappen oder auch das Fahrlicht an- bzw. ausschalten. Verzeihung. Wischen!

Unterhalb des Infotainment-Displays sitzt ein weiteres Display – nur bescheidene 8″ groß, dient es lediglich zum Steuern der Klimaanlage. Innerhalb des geschlossenen Präsentationsraums in einem Auto sitzend die Klimaanlage zu bedienen, kommt mir ein bisschen lächerlich vor, aber der Herr Ingenieur ermutigt mich so nett. Aus Gründen. Das Display gibt eine haptische Rückmeldung. Ich bin etwas verwirrt, weil es sich wirklich so anfühlt, als würden auf dem Display Schaltflächen hervorstehen. Ich gestehe, ich bin ein ganz wenig beeindruckt. Das Display ist bezeichnet VW als Eigenentwicklung, um das haptische Feedback zu Erzeugen wird von hinten ganz leicht Druck auf das Display ausgeübt, ein eigener Lautsprecher lässt mit Klickgeräuschen die virtuelle Schaltfläche noch realer erscheinen.

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Das gleiche Prinzip haben sie auch auf dem Multifunktionslenkrad übernommen. Und hier verstehe ich dann auch sogleich den Use-Case viel besser. Die Knöpfe beispielsweise, die dazu dienen, den adaptiven Tempomat zu steuern, wirken erstmal nur wie schnöde Folien-Tasten ohne Beschriftung und Funktion. Wird der Tempomat dann aber aktiviert, vermitteln sie mir das Fahrer eben durch das haptische Feedback, dass ich eben dort nun echte Schalter zur Verfügung habe. Auch erst dann wird das entsprechende Icon der Schaltfläche beleuchtet.

Auf die Gefahr hin, wie ein Marketing-Jan zu klingen – Cool! Das sich hinter dem Lenkrad nun statt altbackener Rundinstrumente ein 12,3 Zoll großes Instrumentendisplay befindet, auf dem Tachometer, Drehzahlmesser und diverse Temperaturen digital abgebildet werden, haut mich jetzt nicht so aus den Socken. Nach der Mercedes S-Klasse und dem Audi TT mit seinem Virtual Cockpit, was man auch im Volkswagen Passat unlängst in sein Auto konfigurieren kann, ist das ja schon fast Hausmannskost.

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Zwischen dem 12,8″ und dem 8″ Display in der Mittelkosole jedoch befindet sich noch eine illuminierte Leiste. Auch diese dient – dank Annäherungsensor – als Schnittstelle zwischen Fahrer und Auto. Multi Touch Slider haben sie die Leiste genannt. Je nachdem, was im 12,8″ Display gerade vor sich geht, kann ich mit einem oder zwei Fingern über die Leiste wischen und etwas steuern. Mit einem Finger kann ich so beispielsweise die Lautstärke verändern, benutze ich zwei Finger passiert etwas anderes. Nicole und ich haben ein paar Minuten der raren Zeit damit verbracht, über diese Leiste das “Ambient Light” im Auto zu verändern. Spielkinder? Und wie!

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Dazu wartet der Volkswagen Golf R Touch auch noch mit anderen kleine Ideen auf, die ich goldig finde, weil sie mein Leben als Autofahrer etwas einfacher machen. Da wäre beispielsweise die elektrische Sitzverstellung, die sich an der äußeren Kante der Sitzfläche ausserhalb meines Blickfeldes befindet. Ich habe ja gelernt, die Schalter zu finden und sie zu bedienen, drücke aber durchaus immer mal wieder an einem Falschen herum. Im Golf R Touch wird mir, alsbald sich meine Hand der Verstellung nähert, eben diese Schalter und ihre Funktionen virtuell zur Erklärung auf dem Hauptbildschirm angezeigt. Nein, das muss man nicht haben, aber genauso wie ein Infotainment-System macht es mein Dasein im Fahrzeug doch ein wenig einfacher und komfortabler.

Zu guter Letzt ist am Dachhimmel, direkt hinter dem Rahmen des Schiebedachs noch eine stereoskopische Kamera angebracht. Als Vision, damit der Wagen auch einen Blick in die Zukunft aufzeigt. Die 3D-Kamera erkennt meine Hand, wenn ich sie einen Augenblick vor dem Fahrprogrammwahlhebel der Automatik ruhen lasse. Sobald sie erkannt wurde, kann ich dann mittels Gestenerkennung das 8″ Display der Klimaanlage steuern. Aus der Ferne. Dabei wird mir quasi der Schatten meiner Hand auf dem Display als blaue Fläche angezeigt. Geht. Technisch auch toll, aber die anderen Features finde ich einfach sinnvoller und auch irgendwie cooler.

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Neun Monate hat das Team an dem Fahrzeug gesessen, gebaut und getüftelt. Dann war er bereit für die CES. Umsetzen ließen sich die meisten der Features bereits heute schon, technisch wie auch preislich. Wann sie mit den im Golf R Touch vorgestellten Techniken in die Serie gehen, wollte uns Volkswagen nicht sagen. Stattdessen zeigt man sich besorgt um seine Bestandskunden. Diese sollten beim nächsten Kauf ihres Traumwagens nicht gleich einen Technikschock bekommen. Die meisten heutigen Bedienmuster wären halt gelernt und man wolle den digitalen Wechsel behutsam angehen. Na denn.

Ach. Einen habe ich noch: Damals™ als ich noch jung und wild war, da mussten wir uns die Lautsprecher ja noch selbst in die Autos bauen, wenn die auch ein bisschen Wums mitbringen sollten. Die Türverkleidungen und Hutablagen haben wir uns selbst neu gebaut, damit da auch genug Lautsprecher eingesetzt werden konnten. Und im Kofferraum flog dann noch das Reserverad raus, um durch einen überdimensionalen Subwoofer ersetzt zu werden. Dazu musste man sich dann unbedingt noch zwei Pioneer TS-LX 80 II kaufen. Das waren geschlossene Subwoofer, die man sich direkt unter die Sitze klemmen konnte. Mittlerweile kann man sogenannte Bass Shaker kaufen. Während die Schallwellen bei einem Subwoofer durch die Luft übertragen werden, erreicht der Tiefbass den Zu”hörer” bei den Bass Shakern mittels Vibration. Eben solche Bass Shaker haben die Ingenieure in der Studie verbaut.

Da macht nicht nur das HipHop-Hören gleich doppelt so viel Spass, man kann quasi auch eine virtuelle Probefahrt erleben. Durch die Vibrationen der Bass Shaker fühlen sich der virtuelle Autostart und auch das virtuelle Anfahren ziemlich echt an, allerdings drückt einen die virtuelle Beschleunigung nicht in die Sitze. Auch diese Technik wünsche ich mir alsbald in unseren Fahrzeugen.

Es ist zwar ansatzweise pervers, aber die heutigen Autos sind ja mittlerweile so entkoppelt von eigentlich fahren, weil sie sowohl Wind- und Fahrgeräusche, aber auch Fahrbahnunebenheiten einfach wegschlucken. So verliert man schon ein wenig das Gefühl für das echte Fahren. Wenn man nun diese Technik einsetzen kann, um zumindest dem Fahrer mittels Vibration einen Teil dieser “Bodenhaftung” zurück zu geben, wäre mir das sehr recht und der allgemeinen Verkehrssicherheit sicherlich auch nicht abträglich.

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Abschliessend dürfen wir uns noch die Werkstatt der technischen Entwicklung ansehen. Die sieht aber aus, wie alle anderen ordentlich aufgeräumten Werkstätten, die ich so kenne. Allenfalls der Volkswagen Passat GTE – der Plug-in-Hybrid wird mit einer Antriebskombination aus 1,4-Liter-Vierzylinder-Turbobenziner und Elektromotor kommen und über eine Systemleistung von 218 PS verfügen – in dem wir Platz nehmen dürfen, ist nur hier zu finden. Mit der Markteinführung geht es erst im Sommer 2015 los. Verbaut ist in dem Vorserienmodell aber schon die neuste Version von Volkswagens umfangreichstem Infotainmentsystems Discover Pro, welches auf der zweiten Generation des “Modularen Infotainment Baukasten” (MIB II) basiert. Als Connectivity-Funktion bringt das System nicht nur Android Auto und Apple CarPlay, sondern lässt auch die Verwendung von MirrorLink zu, über das sich auch Anwendungen anderer Smartphone-Hersteller wie Samsung, HTC, LG oder Sony auf das Infotainmentsystem bedienen lassen.

Das ist durchaus nett, aber für mich nicht so aufregend, denn Skoda hatte das neue System schon bei der Weltpremiere des neuen Superb gezeigt. Und Jens hat auch schon hier bei Mobile Geeks einen Beitrag zur Apple CarPlay Integration geschrieben.

Nach einem kurzen Besuch in der Autostadt geht es dann über Hannover zurück nach Bielefeld. Ich bin durchaus ein wenig beeindruckt. Damals – unser Besuch liegt jetzt schon ein paar Tage zurück – wie heute. Weil die Herren Ingenieure nicht nur futuristische Spielereien entwickelt haben, sondern mir einen Einblick gegeben haben, was ich in den nächsten vier Jahren an neuen Bedienelementen erwarten kann.

Foto-Quelle: Volkswagen