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Virtuelle Schauspieler: Die Rückkehr der lebenden Leichen

Nach über sechs Jahrzehnten kehrt James Dean zurück auf die Kinoleinwand - per CGI zum Leben erweckt. Stehen uns jetzt auch Filme mit Marilyn Monroe, Elvis Presley und Charlie  Chaplin ins Haus und wenn ja: Was ist davon zu halten?

von Carsten Drees am 13. November 2019

Kino und Technologie — klingt so, als hängt das nicht zwingend miteinander zusammen. Aber klar, natürlich spielen technologische Möglichkeiten eine Rolle beim Kino und das gleich in zweierlei Hinsicht:

  • Einmal geht es darum, wie und wo wir die Filme betrachten können: Wir sind einen weiten Weg gegangen seit der Stummfilm-Zeit. Sowohl vom Sound als auch optisch wird das immer hochklassiger, was uns in den Filmtempeln (oder auch zuhause im Wohnzimmer) geboten wird.
  • Zum anderen geht es aber natürlich um die Filme selbst. Vergleicht mal einen Dinosaurier aus den 30er-Jahren mit Jurassic Park oder Superhelden wie Superman und Spiderman aus den Siebzigern mit aktuellen Versionen.

Wir haben also allen Grund, auch bei Kinofilmen den technologischen Fortschritt zu bejubeln. Knackigere Bilder in höherer Auflösung, realistischere Film-Monster oder -Aliens, dramatischere Kameraeinstellungen, authentischere Verfolgungsjagden, Schießereien und Explosionen.

Dazu kommen noch die Effekte aus dem Computer. CGI (Computer Generated Imagery)  lässt nämlich nicht nur Monster oder Außerirdische realistischer wirken, sondern hübscht beispielsweise auch Landschaften signifikant auf. Der letzte Mad Max-Streifen ist ein Beleg dafür, was CGI generell kann und dass es um so besser ist, desto weniger man erkennen kann, dass CGI zum Einsatz gekommen ist.

An CGI scheiden sich aber auch die Geister. Ich erinnere mich beispielsweise an eine “Hulk”-Verfilmung, in der der “Incredible Hulk” zwar realistischer dargestellt wurde denn je, aber alles insgesamt so künstlich wirkte, dass es fast schon unfreiwillig komisch wurde. Dass CGI aber auch ganz andere Dinge zu leisten vermag, zeigen uns zwei aktuelle Themen:

Da ist zum einen der Film “The Irishman” von Martin Scorsese, der nur kurz in den Kinos vorbeischaut und dann sein Dasein weiter als Netflix Original fristet. Scorsese-Filme sorgen ja eh immer für Schlagzeilen, besonders dann, wenn Filmgrößen wie Robert de Niro, Al Pacino und einige mehr zusammenkommen, um das Gangster-Genre wieder aufleben zu lassen.

In diesem Fall geht es bei der Berichterstattung aber durchaus auch um die Technik, denn Scorsese lässt seine Stars für Rückblenden digital altern. CGI sorgt dafür, dass der gute, alte de Niro plötzlich doch wieder um einiges rüstiger wirkt. Die digitale Version des Schauspielers lässt ihn gleich dreißig Jahre in die Vergangenheit springen und hat somit zwar dafür gesorgt, dass der Film sehr teuer und später als gedacht fertig wurde, dadurch aber de Niro und seinen Mitstreitern viele Stunden in der Maske erspart.

Der andere Fall, der derzeit durch die Medien geistert, hat mit James Dean zu tun, jener Kino-Kultfigur, die vor 64 Jahren bei einem Autounfall verstarb und lediglich drei Filme benötigte, um zu einer Hollywood-Legende zu werden. Auch hier geht es um CGI-Technik, die Ausmaße sind aber ganz andere.

Hollywood: Von der Traumfabrik zur Alptraumfabrik?

Hier geht es nämlich nicht darum, dass ein Schauspieler mit digitaler Hilfe verjüngt werden soll. Stattdessen soll James Dean im Film “Finding Jack” posthum seine vierte Hauptrolle spielen — bzw. spielen lassen. Es gilt also, James Dean via CGI wieder zum Leben zu erwecken. Gelingen soll das, indem man einen digitalen James Dean erschafft, den man dann über den namenlosen Motion-Capture-Akteur legt. Die Stimme Deans übernimmt ein weiterer Schauspieler.

Magic City Films hat sich bei der Familie Deans die Rechte dafür abgeholt und die Macher verkünden auch, dass die Teile der Familie, die sich um den Nachlass Deans kümmern, vor Begeisterung schier aus dem Häuschen wären. Hier darf jetzt zumindest angezweifelt werden, dass James Dean von dieser Entscheidung, ihn posthum wieder vor die Kamera zu befördern, ähnlich angetan wäre.

Und damit nähern wir uns jetzt dem Kern der Sache: Wollen wir tatsächlich die alten, verstorbenen Hollywood-Legenden wieder — zumindest virtuell — aus den Gräbern zerren und zu zweifelhaftem Leben erwecken?

Nicht falsch verstehen: Ihr wisst ja, dass ich neuen Technologien gegenüber stets aufgeschlossen bin und es gibt Beispiele dafür, dass so eine Vorgehensweise mit einer CGI-Version eines verstorbenen Schauspielers Sinn ergeben kann. Nehmt beispielsweise den Film “The Crow”. Brandon Lee ist bei den Dreharbeiten bei einem Unfall tödlich verletzt worden und man hat dann die Dreharbeiten dennoch zu Ende gebracht. Der Film wurde damals auch auf Bitten der Familie Brandon Lees fertiggestellt und wurde ihm und seiner damaligen Verlobten Eliza Hutton gewidmet, die er eigentlich kurz nach dem Ende der Dreharbeiten geheiratet hätte.

In dem Film, der dann 1994 in die Kinos kam, wurden einige Szenen mithilfe Lees Double und CGI fertiggestellt, was Brandon Lee zum allerersten Schauspieler macht, der nach seinem Tod dank CGI in einem Film mitwirken konnte. Ein Jahr zuvor bereits wurde CGI bei Jurassic Park exzessiv genutzt. Einmal natürlich, um die lebensecht wirkenden Dinosaurier zu kreieren, aber auch für den ersten Face-Swap per CGI in der Hollywood-Geschichte: Für eine Szene erhielt nämlich Ariana Richards’ Stunt-Double für eine Action-Szene das Gesicht der Schauspielerin.

Das ist aber meines Erachtens etwas ganz anderes als der Film mit James Dean: Ariana Richards war natürlich mit dem CGI einverstanden, weil sie ja aktiv im Film mitwirkte und so eine Szene eben realistischer umgesetzt werden konnte. Brandon Lee verstarb zwar bei den Dreharbeiten, aber bei ihm wusste man logischerweise ebenso, dass er mit der Rolle und der Handlung einverstanden war, zudem gab die Familie hier auch grünes Licht.

Für mein Empfinden ist es aber ein meilenweiter Unterschied, wenn jetzt im Fall James Dean dessen Familie dieses grüne Licht erteilt. Es war kein Projekt, bei dem Dean selbst involviert war, somit ist es auch für Familienmitglieder vermessen zu behaupten, dass er es gewollt hätte. Zudem ist der Schauspieler seit 64 Jahren tot — die meisten Menschen aus seiner Familie, die heute leben, haben ihn entweder niemals kennen gelernt oder kannten ihn nicht sonderlich gut.

Inspector Columbo und James Dean als neues Comedy-Duo

Aber lösen wir uns mal vom Fall James Dean und gehen davon aus, dass die Familie hier mit Bedacht vorgeht und tatsächlich gewillt ist, das Ansehen dieser Kino-Legende nicht anzutasten. Was ist aber, wenn jemand anders, der die Rechte eines verstorbenen Schauspielers verwaltet, nicht so anspruchsvoll ist? Vielleicht reicht da schon ein dicker Scheck, um die Rechte für etwas wirklich Unsinniges freizugeben — oder auch einfach die verwirrte Hoffnung, einen Namen neu wieder groß machen zu können.

Ich denke, wir können unendlich viele Beispiele dafür finden, dass eine schlechte Entscheidung eines Rechteinhabers einen verstorbenen Schauspieler nachhaltig beschädigen könnte. Was, wenn man James Dean nämlich in einer Rolle auftreten lassen würde, die eher so wirkt, als hätte man sie Kevin James auf den rundlichen Leib geschrieben. Stellt euch James Dean also vor als eine Doug-Hefferman-Variante. James Dean spielt einen schwulen Kurierfahrer und lebt in dieser imaginären, mittellustigen Sitcom mit einem Polizisten zusammen, der Mordfälle aufklärt. Dieser würde — in meiner Fantasie — vom ebenfalls toten Peter Falk verkörpert, der als Columbo TV-Geschichte schrieb. Es ist jetzt das Absurdeste , was mir auf Anhieb einfiel — James Dean und Peter Falk als schwules Sitcom-Duo. Aber ich möchte wetten, dass es noch viel, viel abstrusere Dinge gibt in der Fantasie einiger Filmemacher. Ein Superhelden-Team, bestehend aus der 15-jährigen Version von Leonardo di Caprio, Bruce Lee, Heinz Erhardt und natürlich Stan Laurel und Oliver Hardy. Zumindest theoretisch wird das alles möglich sein.

Die Frage ist nun also, ob wir uns zunächst langsam daran gewöhnen, dass CGI-Effekte Schauspieler jünger oder älter machen können und hin und wieder auch einmal einen Actor für anspruchsvolle Filme zum Leben erweckt — ODER, ob wir uns darauf einstellen müssen, dass wir in wenigen Jahren überall auf der Leinwand wieder Marilyn Monroe, Elvis Presley und Charlie Chaplin in neuen Werken sehen werden. Wäre das erstrebenswert oder eher furchtbar? So, wie jetzt James Dean in einem Vietnam-Kriegsdrama zu sehen sein wird, könnte Marilyn plötzlich in einem Science-Fiction-Spektakel mitmischen,Charlie Chaplin als Action-Hero auf den Spuren eines Indiana Jones wandeln und Romy Schneider Werbung für Fruchtzwerge machen.

Wer gewährleistet, dass die Rollen, die von den CGI-Toten übernommen werden, tatsächlich angemessen sind? Und wer entscheidet, wie ein James Dean oder ein Dean Martin eine Rolle tatsächlich verkörpert hätte? Entscheiden das Produzenten? Die Regisseure? Oder die Jungs und Mädels, die für die Computer-Tricks zuständig sind?

Die Büchse der Pandora ist geöffnet

Technologie können und wollen wir nicht aufhalten, das ist mal klar. Aber es gibt ethische und moralische Fragen, die wir uns stellen müssen. Wollen wir tatsächlich irgendwann erleben, dass ein verstorbener Schauspieler, der mal in den 70ern eine große Nummer war, plötzlich als Pornostar zu zweifelhaftem neuen Leben erwacht? Oder wäre es schon zu viel, ihn überhaupt nochmal auf die Leinwand zu bringen? Es gibt da verschiedene Möglichkeiten, wo man die rote Linie sehen könnte und ich fürchte, dass darüber noch sehr viel gestritten werden wird und wir uns mit dem Thema sicher auch noch viel beschäftigen werden.

Ich persönlich finde es legitim, wenn ein Film-Charakter per CGI zu neuem Leben erwacht, wenn der Darsteller während des Drehs verstirbt. Oder auch, wenn ein Schauspieler verfügt, dass sein digitales Ich für eine Vorzeigerolle nach dem Tod des Künstlers weiterleben darf. Denkbar ist auch, dass ein Schauspieler sich zu Lebzeiten bereits darum kümmert, dass sein digitales Ich erstellt wird und ein Rahmen festgelegt wird, in welchem dieses digitale Ich auftauchen darf. Ich glaube, das wäre meine persönliche rote Linie.

Aber machen wir uns nichts vor, dabei wird es nicht bleiben. Die Büchse der Pandora ist jetzt mit James Dean sperrangelweit geöffnet worden. Weitere Schauspieler werden folgen und es wird sicher auch nicht mehr ewig dauern, bis dank künstlicher Intelligenz aus alten Aufnahmen der Schauspieler auch die Stimmen reproduziert werden. Das könnte sehr, sehr gruselig werden — ändern werden wir es aber vermutlich nicht mehr.