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Volvo 360c Konzeptstudie – Warum fliegen, wenn man gefahren werden kann?

Wir waren in Schweden und haben uns den 360c angeschaut, das neue Konzeptauto von Volvo. Das komplett autonome Fahrzeug kommt mit vier unterschiedlichen Innenausstattungen je nach Nutzung. Mit dem Schlafwagen will man eine Alternative zum Kurzstreckenflug bieten. Außerdem bietet das Auto einen interessanten neuen Ansatz, mit seiner Umwelt zu kommunizieren.

von Mark Kreuzer am 10. September 2018

Diese Woche hat Volvo mit dem 360c sein neues Konzeptauto vorgestellt. Die vollautonome Konzeptstudie behandelt gleich mehrere interessante Themen im Bereich Mobilität der Zukunft. Neben den Themen Mobilität im Mittelstreckenbereich und Work-Life-Balance werden auch Aspekte der Sicherheit der Fahrinsassen wie auch die Kommunikation von autonomen Fahrzeugen mit Menschen im Verkehr betrachtet.

Dabei handelt es sich bei dem 360c nicht unbedingt um ein Auto, was sich Menschen kaufen sollen, sondern viel mehr um ein weiteres Mobilitäsangebot. Damit wird man sich bei Volvo dessen bewusst, dass man in Zukunft vielleicht nicht mehr wie heute Autos verkauft, sondern viel mehr zu einem Mobilitätsanbieter wird. Erste Schritte auf diesem Weg geht man bei Volvo ja bereits heute, indem man seine Autos mit dem so genannten Care by Volvo in einem Abo-Modell anbietet.

Volvo 360c: Ein Design – Vier Einsatzszenarien

Schaut man sich den 360c von außen an, so hat dieser zwar von seinen Abmessungen her ungefähr die selben Proportionen wie der aktuelle Volvo XC90 Geländewagen, womit sich aber, abgesehen von den 4 Rädern, alle Ähnlichkeit mit aktuellen Autos erledigt hat. Zwar greift er vom Design her einige typische Volvo Designelemente wie die „Thors-Hammer“ genannten Front-LEDs und auch die vertikalen LEDs im Heck auf, schafft aber die Basis für eine neue Art Fahrzeugkonzept. Denn je nach Verwendungszweck unterscheiden sich die Innenräume der Wagen erheblich voneinander.

Das Konzept stellt vier Nutzungsmöglichkeiten des autonomen Fahrzeugs dar: Das Wohnzimmer, das mobile Büro, das Party-Mobil, und die Schlafumgebung. Damit bietet es ein alternatives Verkehrsmittel, das mit Flugzeugen, Bussen und Bahnen konkurrieren kann, aber gleichzeitig Vorteile im Bereich Komfort, Bequemlichkeit und Privatsphäre bietet.

Wohnzimmer

Das Konzept des Wohnzimmers ist für recht viele Szenarien denkbar. Von der Fahrt ins Büro bis hin zu einem Ausflug sind hier eigentlich die meisten Alltagsszenarien mit abgedeckt. Es geht vor allem darum, dass sich die Insassen wohl fühlen und die Fahrzeit zu ihrem Ziel nicht mit Autofahren, sondern mit Entspannen oder Interaktion mit den Mitfahrenden nutzen können.

 

Mobiles Büro

Das mobile Büro unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht sehr von dem Wohnzimmer. Es gibt wieder vier Sitzplätze, aber der Tisch in der Mitte ist deutlich größer und bietet einen Touchscreen. Die Displays in den Seitenfenstern können als Projektiondisplay für Präsentationen genutzt werden. Außerdem ist in dem Wagen eine Kaffeemaschine mit integriert. Der Gedanke hinter dem Konzept des mobilen Büros ist, dass damit das die Zeit beim Pendeln sinnvoll genutzt werden kann.

 

Party-Mobil

Die offizielle Bezeichnung für die hier zu sehende Innenraumkonfiguration ist Unterhaltungsraum, aber ich fand Party-Mobil ist passender. Der Wagen hat jetzt zwei Sitzbänke, einen eingebauten Kühlschrank für Champagner oder andere Kaltgetränke, sowie einen loungeartigen niedrigen Tisch mit Haltern für die Champagnerflöten. Die Innenraumbeleuchtung kann frei angepasst werden und so kann man sich bereits auf dem Weg zum Abendprogramm in Stimmung bringen. Das Tolle hieran ist natürlich, dass es keinen Fahrer mehr gibt, der zwangsläufig nüchtern und wach/fit bleiben muss, sondern alle den Abend gemeinsam zum Feiern nutzen können.

Die ersten drei Szenarien haben alle gemeinsam, dass sich nicht nur die Art des Transportes gegenüber unserem gegenwärtigen stark verändert, sondern damit auch die Wahl des Wohnorts der Menschen.

„Dass Menschen nicht mehr auf die Nähe zu Städten angewiesen sind, ist nur ein Beispiel dafür, was passiert, wenn die Belastung durch unproduktives Reisen verschwindet. Das rollende Volvo 360c Büro macht es Menschen möglich, in größerer Entfernung von überfüllten Städten zu leben und ihre Zeit auf angenehme und effiziente Art zu nutzen.“ Mårten Levenstam, Senior VP Corporate Strategy bei der Volvo Car Group

Dadurch, dass Menschen in Zukunft vielleicht nicht mehr zwangsläufig in der Stadt wohnen müssen, erhöht sich die Lebensqualität in der Stadt für die Menschen durch weniger Umweltverschmutzung und weniger Verkehrsstaus. Gleichzeitig führt dies auch dazu, dass Immobilienpreise erschwinglicher werden könnten.

Der Schlafwagen – Vollautonome Autos als Alternative zum Fliegen

Besonders interessant fand ich das Konzept des Schlafwagens. Mit diesem Konzept möchte man bei Volvo eine Alternative zum Kurzstrecken-Flug anbieten. Was im ersten Moment vielleicht ein wenig verwunderlich klingt, wird bei genauerer Betrachtung durchaus interessant und sinnig. Denn gerade auf Kurzstrecken ist das Reisen mit einem Flugzeug nicht zwangsläufig schneller und oftmals um einiges beschwerlicher. Man hat die Anreise zum Flughafen, die Sicherheitskontrolle, die Wartezeit bis zum Boarding, den eigentlichen Flug, dann wieder die Reise weg vom Flughafen zum eigentlichen Zielort mit Taxi oder Mietwagen.

„Inlandsflüge klingen super, wenn man sich ein Ticket kauft, aber sie sind es nicht wirklich. Das 360c Konzept zeigt eine völlig neue Sichtweise der Branche. Die Schlafkabine bietet Premium-Komfort und ruhiges Reisen bei Nacht, sodass man erfrischt am Zielort aufwacht. Es könnte uns in die Lage versetzen, mit den weltweit führenden Flugzeugherstellern zu konkurrieren.“ Mårten Levenstam, Senior VP Corporate Strategy bei der Volvo Car Group

Ich denke, dass dieses Konzept besonders für Geschäftsleute sehr interessant sein dürfte. Nicht nur ist das Reisen durch das Door-To-Door deutlich entspannter, sondern je nachdem auch schneller.

Neben dem Design hat man bei Volvo aber auch an die Sicherheit gedacht. Denn in einer liegenden Position ist der klassische Gurt, wie wir ihn aus dem Auto kennen im Falle eines Unfalls nicht nützlich. Aus diesem Grund arbeitet man bei Volvo an einer Sicherheitsdecke. Diese ist während des normalen Fahrens weich und auch beheizbar, ist aber im unwahrscheinlichen Falle einen Unfalls in der Lage, die Position des Menschens zu erkennen und bestimmte Bereiche großflächig zu fixieren, so dass der Passagier auch in diesem Fall geschützt wäre.

Kurzes Zwischenfazit zu den Szenarien

Klar dürfte sein, dass die Möglichkeit autonom zu fahren mehr als nur den eigentlichen Transport von A nach B ändern wird. Die Technik wird auch eine gesellschaftliche Veränderung mit sich bringen, die als positiv anzusehen ist. Dem Menschen wird mehr Zeit gegeben, in der er selbst entscheiden kann, wie er sie nutzen möchte.

Ich hatte die Möglichkeit, die verschiedenen Szenarien in einer VR-Demo zu testen. Dafür wurden wir in ein Modell des 360c gesetzt und bekamen eine HTC-VR Brille auf den Kopf. Damit konnten wir nicht nur alles in der virtuellen Realität sehen, sondern wir konnten uns auch im Sitzplatz bewegen. Noch realistischer wurde das ganze dadurch, dass der Sitznachbar auch virtuell mit einem im Auto gesessen hat und wir seine Bewegungen mit wahrnehmen konnten, bis hin zum Anstoßen mit den Gläsern im Party-Mobil.

Volvo 360c mit Körpersprache für Autos

Neben der Art, wie Mobilität in der Zukunft aussehen kann, bietet der Volvo 360c auch ein neues Konzept zur Erhöhung der Sicherheit von vollautonomen Fahrzeugen im Verkehr. Da davon auszugehen ist, dass autonome Fahrzeuge sukzessive in den Straßenverkehr kommen, werden wir uns also einige Zeit in einer „gemischten“ Verkehrssituation bewegen. Als Autofahrer weiß man, dass viele Situationen im Straßenverkehr nonverbal zum Beispiel über Blickkontakt oder Gestik gelöst werden. Bei einem fahrerlosen Auto besteht diese Möglichkeit nicht.

Bei Volvo schlägt man daher einen universellen Standard vor, der auf Tönen, Farben, Bildern und Bewegungen sowie der Kombination all dieser Maßnahmen basiert, um andere Verkehrsteilnehmer auf die Intentionen des selbstfahrenden Autos aufmerksam zu machen. Man will dem Wagen also eine eigene Art von kinematischer Körpersprache geben.

Größter Unterschied zu vielen Konzepten, die ich bisher in diesem Bereich gesehen habe ist, dass man bei Volvo anderen Teilnehmern nicht vorschlagen will, wie sich diese zu verhalten haben. Ein Beispiel, dass man oft sieht ist, dass mittels Lichtprojektion per Scheinwerfer Fußgänger dazu aufgefordert werden die Straße zu überqueren. Was ist denn, wenn der Fußgänger gar nicht über die Straße gehen will oder plötzlicher Gegenverkehr daher kommt?

Daher ist das Entscheidende beim Design des Volvo 360c die Sicherheitskommunikationstechnik: Sie verdeutlicht anderen Verkehrsteilnehmern die Absichten des Fahrzeugs, gibt aber niemals Anweisungen und Befehle an andere.

Wie das Ganze funktioniert, kann man sich sehr schön in dem 360°-Video von Volvo anschauen. Also wenn ihr eine eigene VR-Brille habt, ist jetzt der richtige Moment, sie zu benutzen. Aber auch sonst demonstriert das Video sehr gut, wie die Technik funktioniert.

„Wir glauben, dass diese Kommunikationsmethode ein universeller Standard werden sollte. Alle Verkehrsteilnehmer können problemlos mit jedem autonomen Fahrzeug kommunizieren, unabhängig von dessen Hersteller. Wichtig ist dabei aber, dass wir anderen keine Instruktionen geben, um mögliche Verwechslungen zu vermeiden. Unsere Forschungen zeigen, dass dies der sicherste Weg für vollautonome Fahrzeuge ist, um mit anderen Verkehrsteilnehmern zu interagieren.“ Malin Ekholm, Vice President des Volvo Cars Safety Centre

Gerade die Entwicklungen in diesem Bereich werden sehr spannend werden, denn bisher fehlt ein globaler Standard. Eine Zukunft, in dem Autos verschiedener Hersteller in unterschiedlicher Art und Weise mit der Umwelt kommunizieren, ist auf jeden Fall keine wünschenswerte Vorstellung.

Der Vorstoß von Volvo gefällt mir ganz gut, da ich denke, dass dieser relativ leicht zu implementieren sein dürfte und er auch sehr wenig Platz für Missverständnisse lässt. Dies ist ja genau das, was man erreichen will und ich hoffe das andere Automobilhersteller den Dialog hier aufnehmen werden. Aber ich denke, dass auch wir als Kunden hier gefragt sein sollten und einen Teil zu der Diskussion beitragen.

Konzepte sind wichtig für den Dialog

Die Technik für selbstfahrende Autos wird wahrscheinlich schneller kommen als die Gesellschaft drauf vorbereitet ist. Daher ist es wichtig, dass sich Autohersteller jetzt schon Gedanken machen, wie diese Technik eingesetzt werden kann.

Gut finde ich, dass Hersteller neben dem Diskutieren der technischen Machbarkeit auch die Steigerung des Lebenswerts der Menschen im Augen haben, mit all den Auswirkungen im Bereich der Stadtplanung, der Infrastruktur und des ökologischen Fußabdrucks der modernen Gesellschaft. Es geht nicht nur um das WIE gereist wird, sondern auch wie die Zeit unterwegs besser genutzt werden kann und man quasi neue Zeit dazu gewinnt.

Ich fahre im Jahr beruflich bedingt 80.000 – 90.000 km. Fliegen oder Bahnfahren ist für mich eigentlich nie eine Möglichkeit, da die Firmen, die ich besuche, selten in Innenstädten zu finden sind. Tage, an denen ich 800 km oder mehr für nur einen Termin fahre sind keine Seltenheit bei mir und bevor ihr fragt: Videokonferenzen sind bei den technischen Besprechungen und auch beim aktuellen Grad der Digitalisierung im Mittelstand leider noch keine Lösung. Die einzige Möglichkeit, die ich bisher gefunden habe diese Zeit „sinnvoll“ zu nutzen ist, dass ich Hörbücher höre. Ich persönlich könnte mir die gezeigten Konzepte daher sehr gut vorstellen und hätte lieber schon heute als morgen ein solches Fahrzeug zur Verfügung.

Daher bin ich im Gegensatz zu Vera in Ihrem Artikel “Die Zukunft der Mobilität muss anders aussehen” der Meinung, dass Mobilität in der Zukunft genau so aussehen muss! Wie sieht das bei euch aus? Könnt ihr euch auch mit dem Konzept anfreunden und in welchen Situationen wäre das ganze sinnvoll für euch?