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Volvo im Tarnmodus: selbstfahrende Autos sollen nicht gezielt attackiert werden

Volvo wird einen weiteren Test mit selbstfahrenden Autos mit Fahrzeugen durchführen, die sich nicht von normalen Serienmodellen unterscheiden. Nicht nur die Schweden befürchten, dass besonders agressive Verkehrsteilnehmer autonome Autos gezielt in kritische Verkehrssituationen verwickeln könnten. Gleichzeitig bekräftigt Volvo, dass man als Hersteller die volle Verantwortung für die Systeme übernehmen wird.

von Bernd Rubel am 31. Oktober 2016

Zumindest in Kalifornien gehören sie längst zum Straßenbild, die selbstfahrenden Autos von Google. Zu erkennen sind sie meistens an ihren auffälligen Aufbauten, welche einen Teil der Sensoren für die teil- und vollautonome Fahrt beherbergen. Google testet mit den Fahrzeugen das Verhalten im normalen Straßenverkehr und ergänzt den mit 22 Fahrzeugen gar nicht einmal so groß angelegten Feldversuch durch Millionen von virtuellen Straßenkilometern.

Die virtuellen Szenarien sind überaus wichtig, denn die Entwickler wissen längst, dass ihre Versuche auf echten Straßen mitunter Resultate liefern, die nur bedingt die Realität abbilden. Der Grund für diese verfälschten Ergebnisse liegt z.T. in der auffälligen Erscheinung der Fahrzeuge. Die selbstfahrenden Autos sind für jeden Verkehrsteilnehmer mehr oder weniger leicht zu erkennen. Dies wird in einer nicht unerheblichen Zahl von Verkehrssituationen dazu führen, dass sich andere Verkehrsteilnehmer gegenüber den Fahrzeugen nicht mehr “normal” bzw. “typisch” verhalten.

Ein Teil nimmt – teilweise aus Neugier, teilweise aus eigener Vorsicht – besondere Rücksicht auf die Autos und beobachtet deren Fahrverhalten besonders aufmerksam. Das führt selbstverständlich dazu, dass ein deutlich identifizierbares autonomes Auto seltener in eine kritische Verkehrssituation verwickelt wird. Wesentlich kritischer sehen die Entwickler aber die Verkehrsteilnehmer, die – mit wachsendem Wissen über die Technologie – in selbstfahrenden Autos eine Herausforderung der besonderen Art sehen.

Zukunftsszenario: Irgendwann sollen vollautonome Fahrzeuge ohne Kontrolle des Fahrers funktionieren
Zukunftsszenario: Irgendwann sollen vollautonome Fahrzeuge ohne Kontrolle des Fahrers funktionieren

Dieser Problematik widmet sich nun auch Volvo. Die Schweden wollen auf den viel befahrenen Straßen Londons mit ausgewählten Fahrern und einer speziellen Sondergenehmigung einen Test mit 100 selbstfahrenden Autos durchführen. Bereits im kommenden jahr wird ein ähnlicher test mit 100 selbstfahrenden Volvo XC90 in Göteborg stattfinden. Schon heute beschäftigt man sich mit den wichtigen Rahmenbedingungen für aussagekräftige Testergebnisse.

Dazu zählt, dass die Fahrzeuge sich optisch nicht von einem normalen Volvo derselben Baureihe unterscheiden werden. Denn Erik Coelingh, Senior Technical Leader bei Volvo, ist sich sicher, dass dies auf die eine oder andere Weise zu ungewollten Reaktionen führen würde. So könnten besonders neugierige – bzw. risikobereite und rücksichtslose – Fahrer auf die Idee kommen, vor einem autonomen Fahrzeug eine gezielte Vollbremsung durchzuführen, um deren Reaktionsfähigkeit zu testen.

Ein vergleichbares Szenario skizzierten bereits Forscher der London School of Economics. Die Wissenschaftler hatten für ihre Studie “Autonomous Vehicles – Negotiating a Place on the Road” (PDF) insgesamt 12.000 Autofahrer in 11 verschiedenen Ländern befragt und kamen zu dem Ergenis, dass besonders aggressive Fahrer dazu tendieren könnten, ein selbstfahrendes Auto als “leichte Beute” im täglichen Kampf um die linke Spur zu sehen.

Dieser im Straßenverkehr gar nicht so seltene Fahrertyp tendiert offenbar dazu, die Befolgung von Verkehrsregeln als Schwäche auszulegen. Aus dieser vermeintlichen Überlegenheit resultiert dann ein besonders aggressives Fahrverhalten, dass z.B. in riskanten Überholmanövern, “erzieherischen Maßnahmen” wie gezieltem Abdrängen oder eben in provozierten Bremsmanövern endet.

Volvo übernimmt die volle Verantwortung

Volvo hatte sich in den vergangenen Monaten öfter zum Thema selbstfahrende Autos geäussert und dabei stets die eigenen Ziele und Grenzen klar definiert. Die Schweden haben sich in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreich ein Image als Hersteller besonders sicherer Fahrzeuge aufgebaut, das man sich nicht durch ein vorschnell veröffentlichtes, noch nicht fertiges System zerstören möchte. “Es ist simpel, ein selbstfahrendes Auto zu bauen”, sagt Coelingh. Die Schwierigkeit aber liege darin, es sicher zu machen – und dazu gehöre auch die Berücksichtigung des menschlichen Verhaltens.

In einem bemerkenswerten Schritt hatte Volvo-Chef Hakan Samuelsson erst kürzlich angekündigt, dass man als Hersteller die volle Verantwortung für die selbstfahrenden Autos übernehmen werde. Wenn ein autonomes Fahrzeug in einen Unfall verwickelt werde, hafte Volvo als “Fahrer” – auch dann, wenn der menschliche Fahrer während der Fahrt eine Zeitung lese oder anderweitig abgelenkt sei. Da die zukünftigen selbstfahrenden Autos mit Kameras, Sensoren und einer Blackbox ausgestattet seien, könne man eventuelle Fehler eines Unfallgegners leicht bei der Schuldfrage berücksichtigen.

Auch Tesla hatte vor einen Tagen bekanntgegeben, dass man schon heute alle produzierten Fahrzeuge mit der notwendigen Technik für vollautonome Fahrten ausstatten werde. Auf Nachfrage hatte der Unternehmensgründer Eleon Musk eine Haftung für die Systeme aber vehement abgelehnt und betont, dies sei allein Sache des Fahrers und seiner Versicherung. Anfang Oktober hatte ein Interview mit dem Mercedes-Benz Entwicklungschef Christoph von Hugo für Verwirrung gesorgt. Hugo wurde bei Car & Driver mit den Worten zitiert, ein selbstfahrendes Auto von Daimler werde immer die Insassen des Fahrzeugs schützen, nicht eventuell gefährdete Fußgänger oder andere Verkehrsteilnehmer. Daimler hatte diese Darstellung umgehend dementiert.

Hierzulande sollen die rechtlichen Rahmenbedingungen in absehbarer Zukunft geklärt werden. Der Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) und der Justizminister Heiko Maas sind sich noch uneins, ob die Zeit für eine entsprechende Anpassung der Straßenverkehrsordnung und Gesetzgebung bereits gekommen ist. Experten rechnen damit, dass teilautonome Fahrzeuge in Deutschland in den kommenden 5 Jahren zum Straßenbild gehören werden.

via theguardian.com