Aston Martin Vulcan

Don Dahlmann
Von der Lust der Unvernunft – BBC wirft Jeremy Clarkson raus

Die BBC hat den Top Gear Moderator Jeremy Clarkson entlassen. Während ein Teil der Medien sich scharmützelnd über Clarkson hermacht, formiert sich eine Widerstandswelle gegen die Suspendierung. Warum ist Clarkson so beliebt?

Seine Gegner werfen Jeremy Clarkson Rassismus und Sexismus vor und sagen, er sei ein aus der Mode gekommener Mann. Eine Art Dinosaurier, dessen Lebenswirklichkeit aus den 60er Jahren stammen würde. Er scheint aus der Zeit gefallen, er passt nicht mehr in die heutige Wirklichkeit. Vielleicht stimmt das mit dem Sexismus, vielleicht auch das mit Rassismus. Vielleicht ist das bei Clarkson auch nur die Lust an der Provokation, die er sich in seiner Position vermeintlich leisten kann. Man kennt die Hybris von Menschen, die sich scheinbar unantastbar fühlen. Seine Tätlichkeit gegen einen Kollegen ist unentschuldbar, die BBC musste Konsequenzen ziehen. Doch um diese Tat soll es nicht gehen, sondern um die Frage, wieso Clarkson eigentlich so beliebt ist.

Seine Provokationen sind zumindest ab und zu durchsichtig, vor allem wenn es um Deutschland, Geschwindigkeitsbegrenzungen und langweilige Autos geht. Manchmal überrascht er aber auch, wie vor ein paar Jahren, als er mit Richard Hammond und James May durch den „Bible Belt“ in den USA fuhr und auf die Autos Slogans für die Rechte von Homosexuellen pinselte. Man musste dann vor einem Südstaaten Mob fliehen.

Nicht alles, was Clarkson und sein Team machen, ist lustig. Manches ist banal, manches geschmacklos. Das muss man selbst als glühender Fan anerkennen. Aber auf der anderen Seite ist da seine Lust an Autos und am guten Leben. Seine Leidenschaft für schnelle aber auch charaktervolle Autos ist der Klebstoff, den ihn mit seinen Fans verbindet. Kaum ein Staffel in der er nicht mal erwähnt, dass jeder, der Autos mag, einmal im Leben einen Alfa Romeo besessen haben sollte. Am besten einen mit dem legendären 2,5 Liter V6.

Alfa Romeo GTV6Und denkt man an den Alfa GTV6, der bis 1986 gebaut wurde, dann muss man ihm Recht geben. Der GTV steht für alles, was an einem Auto Spaß macht. Ein wundervolles Design, ein grandioser Motor mit einer unvergleichlichen Soundkulisse und ein paar Charakterfehler, die einen manchmal zur Verzweiflung bringen. Und das alles (damals) zum Preis eines Porsche 924 (ca. 30.000 DM).

Irgendwie fehlen einem diese Autos. Diese Benzin-schluckenden, einzigartigen, schön gestylten Gefährte, die konstruiert wurden, damit man daran Spaß hat. Sie mögen nicht immer die schnellsten gewesen, aber sie hatten Charakter und man konnte sich in sie verlieben. Egal ob ein GTV6, ein Alfasud, ein Fiat X1/9, ein BMW M3, Ford Capri, Lancia Delta, Toyota MR2 oder der Supra, der Ur-Honda CRX. Die Liste kann man beliebig noch verlängern.

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie das erste Mal in einem Ferrari 400 GT mitfahren konnte. 6 Weber Doppelvergaser, offene Ansaugstutzen, 12 Zylinder, 310 PS. Der Sound ist mir ebenso im Kopf geblieben, wie der des 2.5 Liter V6 des GTV. Und Klang des 1.5 Liter, 4-Zylinder Boxermotor, den der Alfasud, den ich mal fuhr, vorne eingebaut hatte, klingt immer noch in meinen Ohren. Auch wenn der Wagen schneller rostete, als er von 0-100 km/h beschleunigte, bei forscher Fahrweise so um die 13 Liter schluckte – ich vemisse ihn immer noch ab und zu.

Unvernunft macht manchmal Spaß

Das sind alles fürchterlich unvernünftige Autos. Und irgendwie war Top Gear ein wenig der Hort der totalen Unvernunft. Nicht nur, wegen ihrer absurden „Prüfungen“ rund um die Welt, nicht nur weil sie fast ausschließlich nur noch Autos vorstellen, die kaum unter 100.000 Euro lagen. Und somit weit weg von den finanziellen Möglichkeiten von 99% der Zuschauer . Was nur konsequent für das ist, was Clarkson bei fast allen anderen Autos der Neuzeit beklagt: das sie langweilig und austauschbar sind. Ein Porsche, ein Ferrari, ein BMW M6 oder ein Nissan GT-R und ähnliches aus der Kategorie fallen da raus. Der Rest ist meist austauschbar.

Ferrari La FerrariClarkson ist für „Petrol Heads“ der letzte, sichtbare Vertreter totaler Unvernunft. Keine mittels Turbolader aufgeblasene 4-Zylinder die auch noch eine Zylinderabschaltung und eine „Start-Stopp-Automatik“ haben. Keine Autos aus einem Baukasten in denen 90% aller Teile über drei Marken verteilt in 20 Auto vorkommen. Es geht um Hubraum, es geht im PS, es geht um den Spaß 20 Liter aus dem Auspuff zu blasen, einfach nur, um auf einer alter Startbahn stundenlang quer zu fahren. Es geht um Autos, die das alles können. Effizienz, Ökonomie, Ergonomie – das alles ist der Feind dessen, was man als Spaß empfindet.

Heute geht das alles nicht mehr. Wir wissen alle. Co2. Untergang der Menschheit. Der Erde, und so. Und doch gebe ich es gerne zu, manchmal, wenn die Unvernunft sich bemerkbar macht, da denke ich „Ah, was soll es.“ Unvernunft, selbst wenn sie zum Untergang führt, macht einfach zu viel Spaß. Jedenfalls ab und zu. Wir stecken jeden Tag in irgendwelchen Zwängen. Man soll jeden Tag dieses oder jenes tun, am Flughafen die Schuhe ausziehen, pünktlich sein, an uns arbeiten, damit wir mehr leisten können, bloss nicht zu viele Burger essen, Rauchen schon mal gar nicht und jeden Tag gibt es irgendwelche Magazine und Webseiten, die uns vorschreiben wollen, wie wir zu leben haben. Und am besten lebt man auch so, dass man nicht provoziert.

Bring back Clarkson

Jeremy Clarkson ist der komplette Gegenentwurf zu all diesen Dingen. Zu einem formatierten, gleichförmigen Lebensstil. Er sagt was denkt und auch, wenn man dabei manchmal die Augen verdrehen muss: Immerhin macht er noch. Er propagiert einen manchmal fast hedonistischen Lebensstil und so ganz nebenbei ist er mit seiner Art und seinem Lebensgefühl, dass er ein paar Mal im Jahr im Fernsehen zeigt, auch noch wahnsinnig erfolgreich. Er ist die personifizierte Lust am Untergang und er hat auch noch Spaß dabei.

Wie viele hoffe ich auch, dass Clarkson und seine Art über Autos zu reden nicht verschwinden werden. Dass er weiter seinen unvernünftigen Blödsinn macht und für ein paar Stunden im Jahr die politcal correctness mal zur Seite legt. Möglichst ohne jemanden hinter den Kulissen zu beleidigen oder zu tätlich anzugreifen.