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Von ertrunkenen Flüchtlingen und Bahnreisenden – Was mir ein ICE über Deutschland beigebracht hat.

Ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet heute daran denken muss, aber manchmal findet man sich in Situationen wieder, in denen man sich Deutscher als Deutsch fühlt. Und das sogar, ohne dass man etwas dafür kann. Und dabei spreche ich nicht von Wänden, an denen ein Plakat klebt, auf dem „Plakate ankleben verboten“ steht. Vielleicht lag es an meiner Oma, die im Hinblick auf die Tragödie um die ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer fassungslos, beinahe heulend in ihrem Sessel saß und mich gefragt hat, warum die gefühlten 5.000 Kreuzfahrtschiffe, die rund um die Uhr im Mittelmeer flanieren, nicht einfach mal kurz Zwischengas geben und den Tod von so vielen Menschen verhindern.

In dem Moment kam in mir kurz die Erinnerung hoch an einen 24. Dezember vor einigen Jahren. Das Weihnachtsfest war damals in unserer Familie ein rotierendes Fest. Anstatt sich Jahr für Jahr während der Feiertage auf eine stetige Odyssee durch Deutschland zu begeben, um jeden Familienteil mit einem Weihnachtsbesuch glücklich zu machen, haben wir irgendwann entschieden, dass Weihnachten abwechselnd an den Hotspots unserer Familie stattfinden würde, so dass jeder mal ausrichten und jeder mal reisen müsste, aber pro Jahr eben nur ein mal.

Marie 2In jenem Jahr, ich schätze, es ist so 4 Jahre her, saß ich also am Heiligen Nachmittag vor dem Heiligen Abend im ICE von Hamburg nach Münster, wo das Fest der Liebe in jenem Jahr stattfinden würde. Der Zug tat sich schwer, es gab furchtbare Kälte, Schnee und vor allem Blitzeis. Etwas, was ich damals noch für eine lustige Idee von Langnese hielt, entpuppte sich als Dealbreaker für den Nahverkehr. Eingefrorene Oberleitungen, wenn ich mich richtig erinnere, sorgten für ein Transportchaos. Kein einziger Nahverkehrszug fuhr mehr zwischen Bremen und Münster. Nichts ging mehr. Regionalbahnen verreckten und hunderte Bahnkunden, die am Heiligen Abend nichts lieber getan hätten, als möglichst schnell ihre Regionalbahn nach Hause zu besteigen, standen frierend an Bahnhöfen kleiner Ortschaften und wurden informiert, dass heute keine Regionalbahn mehr fahren würde.

Eine Information, die am Arsch der Welt auf dem Gleis eines Bahnhofs in einer Stadt, die eigentlich kein Mensch kennt, weil der ICE sonst so schnell durch den Bahnhof durchrauscht, dass man nicht mal die Schilder mit dem Ortsnamen lesen kann, mit Sicherheit für eine Art Panik sorgte. Vorfreudig auf das Weihnachtsfest in besinnlicher Stimmung und dann plötzlich konfrontiert mit dem Gedanken, dass man die Heilige Nacht halb erfroren auf einem Bahnsteig verbringen würde. Ich möchte das nicht erleben.

Die Bahn reagierte aber überraschend unbürokratisch, schnell und effektiv, und ließ die wenigen Züge, die auf die Oberleitungen nicht angewiesen waren (so auch mein ICE) und daher weiter fahren konnten, an den regionalen Kleinbahnhöfen halten. Dort konnten in der mittlerweile vollständig eingebrochenen Dunkelheit die schon sehr fröstelnden und teilweise recht verzweifelten Nahverkehrskunden dann mit dem ICE bis nach Münster mitfahren.

Und hier beginnt eine dieser Geschichten, für die ich mir manchmal wünsche, nicht in Deutschland, sondern in Italien, Frankreich oder meinetwegen den USA geboren worden zu sein.

Die halb erfrorenen und durchaus nervlich angeschlagenen Nahverkehrskunden bedankten sich artig und man sah ihnen an, dass der ICE, der sie nun doch noch – zwar nicht rechtzeitig, aber dafür sicher – nach Hause bringen würde, für sie an diesem Abend beinahe einem Weihnachtswunder gleich kam. Den späteren Gesprächen um mich herum entnahm ich Hintergründe wie, dass einige verzweifelt Wartende ihr gesamtes Geld in Weihnachtsgeschenke gesteckt hatten und nicht mal mehr genug Bargeld dabei hatten, um sich einen warmen Kaffee kaufen zu können, oder dass Diabetiker am Bahnsteig bereits darüber nachgedacht hatten, wie sie die Nacht ohne ausreichende Medikamente überstehen sollten.

Meine Mitreisenden, die im ICE bereits seit Hamburg beiwohnten, war das allerdings egal. Die Wagen der zweiten Klasse waren weitestgehend überfüllt. Kaum ein Sitzplatz war zu finden. Das Personal des ICE entschied sich also, für die kurze Strecke bis nach Münster, die erste Klasse für die aufgenommenen Passagiere frei zu geben.

Eine Maßnahme, die für meine Begriffe die einzig brauchbare Lösung darstellte. Es verhinderte ein völliges Chaos bei der Platzsuche in den ohnehin schon reichlich engen Wagen der zweiten Klasse. Ich selber saß in einem Wagen der ersten Klasse, in dem auf etwa 120 Plätzen noch etwa 5 weitere Reisende saßen. Über 100 Plätze waren frei. Ich selber hätte keine Sekunde darüber nachgedacht, ob es eine schlauere Variante gegeben hätte.

Das sahen die Mitreisenden aus der 2. Klasse allerdings anders. Kaum hatten die ersten Nahverkehrskunden, die wir in dieser eiskaltenBahnhof Nacht von Dorfbahnhöfen in der Einöde von Nordrhein-Westfalen eingesammelt hatten, die bei diesem Klima kaum Unterschiede zu sibirischen Steppen aufwiesen, auf einem Sitz der ersten Klasse Platz genommen, stürmten aufgebrachte Bahnkunden aus der 2. Klasse zu den ohnehin schon recht überforderten Schaffnern und erläuterten ihnen, dass sie das nicht nachvollziehen könnten. Ich schwöre, ich habe mir diese Geschichte nicht ausgedacht. Die Damen und Herren wedelten mit ihren Tickets der 2. Klasse vor den Augen der Schaffner rum und echauffierten sich darüber, dass andere Passagiere, die nicht mal ein offizielles Ticket für diesen Zug besäßen, in der ersten Klasse sitzen durften, während sie selber – im stolzen Besitz eines Ticktes für die 2. Klasse für aber genau diesen ICE – ihren normalen Sitz beibehalten müssten. Wenn überhaupt, so war man sich da einig, würde man seinen Platz in der 2. Klasse frei machen für einen der außerplanmäßig aufgenommenen Fahrgäste und dafür dann selber in die 1. Klasse wechseln.

Dass der Zug, bis alle Bahnhöfe abgeklappert waren, nur noch knapp 20 Minuten zu fahren hätte, bis Münster erreicht sei, interessierte niemanden. Ausnahmslos alle Nahverkehrsreisende würden in Münster aussteigen, da sie ja ursprünglich eine Regionalbahn nutzen wollten. Und von irgendwelchen Kuhdörfern in der Peripherie von Westfalen ist es nach wie vor nicht möglich, mit Regionalbahnen nach Basel oder Frankfurt am Main zu fahren. Es ging also um wenige Minuten. Wenige Minuten einer vermeidlichen Bevorzugung, mit denen der gemeine ICE-Reisende der 2. Klasse nicht konform ging. Und das an einem 24. Dezember gegen mittlerweile 18 Uhr.

Fluechtlingsschiff

 

Vielleicht war es meine Oma, die diesen Gedanken in mir auslöste. Vielleicht war es auch die Angst davor, dass es auf einem Kreuzfahrtschiff ähnlich laufen würde. Angst davor, dass einige Deutsche Pauschaltouristen verärgert wären darüber, dass ihr Urlaubsschiff einigen Hundert Menschen das Leben gerettet hätte, weil sie jetzt weniger Platz in den Restaurants hätten oder die Ankunft im nächsten Hafen und zur nächsten organisierten Butterfahrt zu irgendeiner Kirche verpasst würde, während der fleißig Sekt getrunken würde und Fotos gemacht und an deren Namen sich später niemand mehr erinnern würde. Vielleicht male ich aber auch schwarz und bin einfach nur traurig. Traurig, dass es Menschen gibt, die für 20 Minuten erster Klasse einen ganzen ICE in ein aggressives Diskussionstribunal verwandeln und traurig darüber, dass Menschen sterben müssen, nur weil wir – unsere Politiker – es nicht schaffen, die Situation zu verbessern. Ich bin keine Politikerin und sicher auch keine Expertin, aber es fällt mir einfach schwer zu glauben, dass es nicht möglich ist, den Schlepperbanden, die Millionen mit dem Leid und der Hoffnung der Flüchtlinge verdienen und sie auf diesen Höllentrip mit viel zu kleinen Booten schicken, ihren Tod stets in Kauf nehmend, das Handwerk zu legen. Oder dass es nicht möglich ist, eine brauchbare, internationalen Standards entsprechende Seenotrettung zu installieren. Oder dass es nicht möglich ist, diesen Flüchtlingen über ein geregeltes Einwanderungsprozedere die Notwendigkeit zu nehmen, sich derartig in Gefahr zu begeben. Es war ja nicht das erste mal, dass so etwas passiert ist. Aber wahrscheinlich ist das zu hoch für mich und ich rede Blödsinn. Ich werde also wohl traurig bleiben müssen.