IFA 2015
Von Fluechtlingen, Funkausstellungen und der digitalen Transformation

Die IFA 2015 ist nun bald Geschichte. Zeit Bilanz zu ziehen. Eine Zusammenfassung der etwas anderen Art, die unter dem Eindruck der aktuellen Entwicklungen entstand. Es hilft nicht nur von der Zukunft zu erzaehlen und diese auf Messen abzubilden, wir muessen uns Gedanken darueber machen, wie wir dort hinkommen.

IFA 2015. Eine Woche Berlin liegt hinter mir und ich schreibe diese Zeilen gerade in meinem favorisierten Fortbewegungsmittel. Ich fahre Zug und zwar direkt aus der Hauptstadt nach Frankfurt, wo in der naechsten Woche die IAA beginnt.

Die letzten Tage waren vollgepackt mit Ankuendigungen und Vorstellungen der grossen Hersteller der Unterhaltungselektronik-Industrie und wir haben gefuehlte 100 Videos in die Wolke geschossen, um euch zumindest ansatzweise einen Eindrueck von der IFA vermitteln zu koennen. Ja, die “Internationale Funkausstellung” heist immer noch wie vor gefuehlten 100 Jahren. Damals als “die kleine” Anke Engelke zum grossen Tommy Gottschalk auf die Buehne im Sommergarten geholt wurde. Sagt mal, hat die damals nicht noch live das Kinderferienprogramm gemacht? Ach du Zeit vor dem weltweiten Web, irgendwie vermisse ich dich dann doch, was aber vielleicht daran liegt, dass man offensichtlich mit zunehmenden Alter gerne mal wieder Kind sein moechte.

Damals, als die Pacman-Armbanduhr noch der heisseste Scheiss der “Wearable”-Szene war und im WDR-Computerclub noch im Abspann Prograemmchen durchgefloetet wurden und mein 64er und die angeschlossene Datasette noch nicht einmal “Turbotape” kennengelernt hatten.

Die IFA ist demzufolge auch sowas wie eine Zeitmaschine fuer mich und genau deshalb ist es so wichtig, dass sie die einzige Messe dieser Groessenordnung ist, die ihre Pforten fuer die potenziellen User von morgen oeffnet.

Indikator fuer den digitalen Wandel

Lassen wir mal CES, MWC, CeBIT und Computex links liegen. Hier finden sich eh nur Einkaeufer, Fachbesucher und Medien ein. Otto Normal-Kunde darf sich mit der Bericherstattung auf den diversen Plattformen begnuegen und muss hoffen, dass der lokale Elektronik-Markt irgendwann die neuesten Gadgets in die Ausstellungsflaechen schiebt. Oder … man begibt sich zur IFA und nimmt sich ganz ganz viel Zeit, denn die benoetigt man fuer die 20+ Hallen in Berlin.

2-format43Was hier noch an Funkausstellung erinnert, das findet vor allen Dingen in den ersten Hallen am Sued-Eingang statt. Oder solltet ich Ausgang sagen? Immerhin handelt sich dabei um die letzten Gebaeude auf dem Messegelaende, zumindest wenn man sich ueber den Haupteingang auf die IFA begibt. Dort befinden sich dann auf jeden Fall die diversen Fernseh- und Radiosender. Die Aussteller also, die vor 30 Jahren noch den Sommergarten in eine Freilichtbuehne verwandelten, auf der zwischen Heino und Billy Idol die gesamte Bandbreite der unterhaltungstechnischen Extreme aufgefahren wurden. Und ich wuerde mich nicht wundern, wenn es nicht damals auch ein “Montags Maler Special” aus Berlin gegeben hat. “Hund, Katze, Maus…” ihr wisst schon (oder vielleicht auch nicht. Womit die Gnade der spaeten Geburt euch vor einer der wohl langweiligsten Gameshows aller Zeiten verschont hat) und zum Schluss durfte das Kinderteam dann gegen die mehr oder weniger prominenten Erwachsenen ran.

Schluss, aus und vorbei. Die IFA praesentiert sich als Brueckenbauer in das Zeitalter des “Internet of Everything” und zwar so, dass dieses Buzzword auch mundgerecht aufbereitet beim Verbraucher ankommt. Wozu dann u.a. auch die diversen Starkoeche beitragen, die ihre lukullischen Koestlichkeiten nun auf dem “Connected Herd” oder dem intelligenten Dampfkocher zubereiten. Damit dies dann auch beim IFA-Besucher zuhause gelingt, gibt es die passenden Rezepte gleich in der entsprechenden App. Wozu also noch ein Kochbuch, wenn ich eh aus der Cloud die neuesten Kreationen laden kann. Firmen wie AEG und Vorwerk machen es vor und sind damit so erfolgreich, dass die Produkte verkaufen koennen, die zum Teil mehrwoechige Lieferzeiten haben. Der Vorwerk Thermomix TM5 ist hier ein absolutes Paradebeispiel.

Ein Blick in die Hallen von LG und Samsung zeigt aber auch hier, wie sehr die Asiaten den Ton angeben koennen und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass sich durch mein Leben in Asien die Sichtweise auf die “Welt der weissen Ware” so fundamental veraendert hat, dass ich mich inzwischen immer wieder dabei ertappe, nach den neuesten Waschmaschinen, Mikrowellen oder Kochassistenten zu schauen. Diese Industrie veraendert sich zur Zeit so nachhaltig und schnell, dass man mit der Entwicklung kaum noch Schritt halten kann.

LG-Cord-Zero

Runter vom Thron des vermeintlichen Monopols der technologischen Neugierde, Attituede resetten und sich dann einem neuen Universum oeffnen!

Haette mir jemand waehrend unserer ersten Techlounge auf der IFA 2012 gesagt, dass ich mal AEG, DB und Oral B-Vertreter in unser Studio bekommen wuerde, ich haette direkt an der Zurechnungsfaehigkeit des Fragestellers gezweifelt. Und genau das muessen wir “Geeks” und technikaffinen User da draussen endlich mal begreifen, ja uns eingestehen. Runter vom Thron des vermeintlichen Monopols der technologischen Neugierde, Attituede resetten und sich dann oeffnen fuer ein Universum, welches sich da direkt vor uns allen auftut. Freunde, wir stehen hier an der Schwelle zu einem Zeitalter, welches in den 50er Jahren noch von Futuristen beschrieben wurde und auf den Gedankengaengen basiert, die Drehbuchautoren zu Star Trek, Blade Runner und Co. bewegte. Es passiert. Direkt vor uns. Jetzt, morgen und uebermorgen und wenn wir hier nicht aufpassen, dann faehrt dieser Transrapid 10.0 (denn so schnell vollzieht sich diese exponentielle Entwicklung) ohne uns ab.

Und genau dazu brauchen wir neben Eigeninitiative und dem Interesse fuer diese sensationelle Wandlung, auch Hilfe. Hilfe, die unser Staat bisher eher schlecht als recht bietet. Wir brauchen endlich mobile Flatrates, die das IoT foerdern. Wir benoetigen Breitbandverbindungen zu erschwinglichen Preisen, die sich jenseits der 50mbit bewegen und damit die Haushalte der Zukunft fuer selbige wappnen. Wir benoetigen aber auch Hilfe fuer unsere Industrie und damit spreche ich insbesondere die stiefmuetterliche Behandlung des Themas Elektromobilitaet an. Die deutsche Industrie will und kann, was sie nicht zuletzt mit dem Kauf von Nokia HERE bewiesen hat. Um aber die naechsten Schritte der digitalen Transformation zu vollziehen, sind nun Staatliche und steuerliche Rahmenbedingungen erforderlich. Ein Blick nach Norwegen zeigt, wie man den Wandel vorantreibt.

Was wir aber auch brauchen, das sind gut ausgebildete, junge und motivierte Arbeitskraefte. Menschen, die uns helfen den Schritt aus der Service- in die Informationstechnologie-Gesellschaft zu vollziehen. Eine Entwicklung, die weitaus disruptiver fuer die traditionellen Industriestaaten ist als die Industriealisierung als solche. Glaubt mir, ich weiss wovon ich rede. Ich lebe nun seit Jahren in einem Land, welches nicht nur diesen Schritt bereits zu weiten Teilen vollzogen, aber auch das Zeitalter der Schwerindustrie komplett uebersprungen hat.

Die meisten Fluechtlinge sind jung, gut ausgebildet und hoch motiviert. Genau solche Leute suchen wir Dieter Zetsche

Dieser notwendige Schritt benoetigt mehr Arbeitskraefte und vor allen Dingen auch zum Teil anders ausgebildete, als sie unsere Gesellschaft bieten kann und genau hier schliesst sich der Kreis. Nicht ohne eine gewisse Genugtuung konnte ich feststellen, dass sich hier die Spitzen der deutschen Automobil-Industrie klar und deutlich positioniet haben. Warum? Wer die Zeichen der Zeit erkennt und hieraus Rueckschluesse auf Potenziale zieht, der macht mir Hoffnung fuer die gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunft Deutschlands. Porsche Chef Matthias Mueller und Daimler Boss Dieter Zetsche machen es vor. Letzterer will sogar gezielt in Fluechtlingslagern nach Facharbeitskraeften suchen lassen und vor Ort rekrutieren.

Da moechte ich einfach nur noch aufstehen, applaudieren und wieder in meine international Facebook-Blase entschweben. Dort werden bereits seit vielen Jahren dt. Firmen und Produkte gelobt, mit der Fussball Nationalmannschaft zusammen gefeiert und ueber Deutschland als wunderbares Urlaubsziel berichtet. Aber jetzt kommt auch noch ein Support-Sturm auf mich zu, der die Art und Weise wie Deutschland unbuerokratisch hilft kommentiert, liked, shared. Global! Herzlich, unterstuetzend und mit einer offenen Dankbarkeit, dass es wie ein Spaetsommer-Maerchen erscheint.

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Wir alle tun gut daran, diese wunderbar emotionale Unterstuetzung, diese landesweite Solidaritaet fuer einen langfristigen gesellschaftlichen Wandel zu nutzen.Sehen wir diese Fluechtlingswelle als wunderbare Chance an.

Die IFA kann hier einen Blick in die Zukunft geben. Firmenchefs wie Mueller und Zetsche koennen uns die Richtung zeigen und unsere Regierung kann und muss dafuer die Rahmenbedingungen schaffen.

Letztendlich kommt es aber auf jeden einzelnen an, dies auch umzusetzen. Nehmen wir uns einfach an Muenchen, Frankfurt, Hamburg, Dortmund und Saalfeld ein Beispiel und sehen hoffnungsvoll in die Zukunft. Gemeinsam – und das schliesst die Fluechtlinge mit ein, die in den naechsten Jahren zu uns kommen und sich integrieren werden.

Ich freue mich auf diese wichtige Bereicherung.