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Genfer Autosalon 2017

VW Arteon: Der CC-Nachfolger ist ein Gran Turismo

Der VW "Arteon" feiert beim Genfer Autosalon seine Weltpremiere und soll als Gran Turismo die obere Mittelklasse bereichern. Die Wolfsburger packen eine ganze Reihe von weiterentwickelten Fahrerassistenz- und Sicherheitssystemen in den Coupé-Fastback. Im Innenraum dominieren je nach Ausstattungsvariante Infotainmentsysteme mit Glasoberflächen und Gestensteuerung,

von Bernd Rubel am 6. März 2017

Auf dem Genfer Autosalon (09. bis 19. März 2017) werden zahlreiche Automobilhersteller ihre Neuheiten vorstellen, wobei verbrauchsarme Kleinwagen und die weiterhin populären SUV den Fokus bilden. Volkswagen nutzt die Messe zur offiziellen Europa-Vorstellung der Zukunftsstrategie I.D. Buzz sowie zur Präsentation des neuen VW “Arteon”. Nachdem die Produktion des “CC” und des “Phaeton” im vergangenen Jahr eingestellt wurde, wird der Arteon als Fastback das neue Spitzenmodell der Wolfsburger werden.

Beinahe auf den Tag genau zwei Jahre ist es her, da präsentierte Volkswagen auf dem Genfer Autosalon mit dem VW Sport Coupé Concept GTE eine Hybrid-Studie, die nun mit dem Arteon in wesentlichen Teilen zur Serienreife gelangt. Das nur in China noch vom “Phideon” getoppte Topmodell soll die neue obere Mittelklasse von Volkswagen bilden und gewährt in vielen Punkten einen Ausblick auf die neue Design-Linie, die in den kommenden Jahren immer wieder von anderen Modellen aufgegriffen werden dürfte. Uns interessiert neben den optischen Neuheiten und den technischen Daten natürlich besonders, was sich in puncto Fahrerassistenzsysteme, Infotainment und “Smart Car” getan hat.

 

Bis zur Vorstellung eines neuen Phaeton wird der Arteon technisch und preislich die Premium-Kategorie bei Volkswagen bilden, wobei VW konsequent das Konzept des Modularen Querbaukastens (MQB) fortführt und sich somit unweigerlich Parallelen zum Passat ergeben. Dies gilt auch für den Innenraum, der wiederum beim Infotainment-System einige Elemente des Touareg aufgreift, die in den zurückliegenden Monaten bei der Kundschaft gut ankamen. Das zuletzt präsentierte Infotainment-Arrangement des Golf 7 findet sich ebenfalls wieder und zeigt, wie sehr bei VW die Entwicklungen ganz unterschiedlicher Modellreihen immer wieder ineinandergreifen bzw. aufeinander basieren.

Doch zunächst zum Exterieur. Der Arteon ist ein fünftüriger (und fünfsitziger) Gran Turismo, der die typischen Elemente eines Sportwagens mit dem Raumangebot eines Fastbacks vereinen soll. Sein vergleichsweise langer Radstand von 2841 Millimetern soll im Verhältnis zur Gesamtlänge die Platzverhältnisse ermöglichen, die man in der “Quasi-Oberklasse” voraussetzt. Hinter der von außen nicht sofort als solche erkennbaren Kofferraumklappe verbirgt sich ein variables Ladevolumen von 563 bis 1557 Litern, womit der GT zur durchaus familientauglichen Reiselimousine in der automobilen “Business Class” avanciert.

Eine der offensichtlichsten Änderungen bzw. Weiterentwicklungen gegenüber den anderen Modellen im Portfolio der Wolfsburger zeigt sich bei der neu entwickelten Frontpartie. Die weit nach vorne reichende Motorhaube und ein über die gesamte Fahrzeugbreite reichender Kühlergrill sollen gemeinsam mit den LED-Scheinwerfern und -Tagfahrlichtern besonders sportlich wirken.

Elektromotoren sucht man unter der Motorhaube (noch?) vergeblich, was bei einem Gran Turismo wohl niemanden verwundert. Stattdessen sollen sechs verschiedene Motoren (Turbodirekteinspritzer, Vierzylinder) mit einem Leistungsspektrum von 110 kW bis 1206 kW bzw. 150 PS bis 280 PS) inklusive Front- und Allradantrieb für die entsprechende Fahrdynamik sorgen. Was sich in der oberen Mittelklasse und in der Premiumklasse noch tun wird, wird sich in gar nicht allzu ferner Zukunft zeigen, denn Volkswagen verfolgt ein ambitioniertes Ziel: bis 2025 will VW Weltmarktführer für Elektroautos werden.

Fahrerassistenzsysteme – Next Level Security

Interessant ist, mit welchen technischen Neuerungen VW im Bereich Assistenzsysteme aufwartet. Immerhin befinden wir uns mittel- bis langfristig auf voller Fahrt Richtung vollautonome Fahrzeuge, was sich nun immer häufiger bei den tatsächlich für den öffentlichen Straßenverkehr freigeschalteten Assistenzsystemen abzeichnen wird. Volkswagen profitiert davon, dass man innerhalb des Konzerns auf die unterschiedlichsten Erkenntnisse zurückgreifen kann und z.B. mit Audi einen führenden Partner im HERE-Verbund der führenden deutschen Automobilhersteller hat.

So verwundert es nicht, dass auch im Arteon Assistenzsysteme zum Einsatz kommen, die z.B. direkt auf die im Fahrzeugsystem zur Verfügung stehenden digitalen Daten des Navigationssystems zurückgreifen und diese Werte in tatsächlichen Fahrmanövern verarbeiten können.

Die automatische Distanzregelung (ACC) der neuen Fahrzeuggeneration berücksichtigt jetzt u.a. kamerabasiert erkannte Geschwindigkeitsbegrenzungen und Navigationsdaten und passt die Geschwindigkeit des Arteon automatisch an diese Vorgaben an. Die integrierte Verkehrszeichenerkennung namens Sign Assist kann nun aber auch beim Überschreiten eines erkannten Tempolimits warnen.

Das ebenfalls neue dynamische Kurvenlicht mit vorausschauender Regelung erkennt nun über die eingebauten Kameras und auf der Grundlage der GPS- und Straßendaten des integrierten Navigationssystems, wann eine Kurve kommt – und leuchtet sie bereits aus, bevor der Fahrer sie aktiv ansteuert.

Die mittlerweile zweite Generation des sogenannten “Emergency Assist” kann den Arteon abhängig von der aktuellen Verkehrssituation abbremsen und auf auf die äußerste rechte Fahrspur lenken, wenn der Fahrer ausfällt bzw. nicht mehr reagiert. Der sogenannte “Lane Assist” reagiert als Spurhalteassistent jetzt auch auf andere Fahrzeuge (etwa auf unerwartet ausschwenkende LKW), während der sogenannte “Side Assist” als Spurwechselassistent im Arteon bereits ab 10 km/h (statt 30 km/h) aktiv ist. Eine eingebaute Progressivlenkung sowie eine Müdigkeitserkennung runden das Sicherheitspaket in diesem bereich ab.

Active Info Display und Infotainmentsysteme

Volkswagen reiht sich in die Riege der Hersteller, die das Auto als “mobilen Lebensraum” definieren und dabei berücksichtigen wollen, dass hierzu zwingend die technische Ausstattung gehört. Die Zeiten, in denen der Fahrer mit analog geprägten “Radios” mit Knöpfen und Schaltern aus seinem längst digitalisierten Umfeld gerissen wurde, sollen endlich vorbei sein. Dementsprechend darf man an ein Fahrzeug wie den Arteon gehobene Ansprüche stellen, wenn es um das Infotainmentsystem und die Darstellung bzw. Benutzung der Instrumente geht.

In der Grundausstattung besitzt der Arteon das Infotainmentsystem „Composition Media‘‘ inklusive acht Lautsprechern, AUX-In- und USB-Schnittstelle. Zu den interaktiven digitalisierten Schnittstellen im Arteon gehören optionale Features wie das sogenannte Active Info Display, das volldigitalisierte Instrumente beinhaltet. Ebenfalls ein optionales Ausstattungselement ist ein Head-up-Display, das teiltransparaent im direkten Sichtfeld des Fahrers die jeweils relevanten Fahrinformationen und andere Daten anzeigt.

Die Infotainmentsysteme hat Volkswagen für den Arteon neu einwickelt. Sie besitzen Bildschirmdiagonalen zwischen 6,5 und 9,2 Zoll, wobei das neue Topsystem namens „Discover Pro‘‘ eine tatsächlich Tablet-ähnliche Glasoberfläche besitzt und vollständig ohne analoge Tasten auskommt. Stattdessen verfügt das System über eine intuitive Gestensteuerung, wie man sie heutzutage von den Smartphone-Spitzenmodellen untersciedlicher Hersteller kennt.

Im Vergleich zur 2015 vorgestellten Studie “Sport Coupé Concept GTE” haben sich die Innenraumdesigner des Arteon somit wie erwartet auf einen Kompromiss geeinigt, der nicht ganz an die futuristische Display-Ausstattung des Konzepts heranreicht. Vor zwei Jahren dominierten ein 10,1 Zoll großer zentraler Screen sowie ein 12,3 Zoll großer Touchscreen in der Fortführung der Mittelkonsole den Innenraum im Fond, während an den Rückenlehnen der Vodersitze zwei weitere 10,1 Zoll große Monitore für die Passagiere auf den hinteren Sitzen angebracht waren.

Sobald der Arteon ab Juni 2017 verfügbar sein wird, lohnt sich ein Blick auf die tatsächlich vorhandenen “smarten” Funktionen der Systeme. Ursprünglich angedacht war z.B., dass eine Smartwatch oder ein Fitnessband die Vitalwerte des Fahrers an das Fahrzeug übermitteln kann, welches sodann basierend auf diesen Daten eine – beispielsweise – “stressfreie” Route als Option zur Streckenplanung anbietet. Neben dem Zugriff auf die sogenannte “Automotive Cloud” und die Abfrage von streckenrelevanten Informationen anderer Fahrzeuge im Herstellerverbund war ursprünglich auch eine Verknüpfung mit Sozialen Plattformen im Gespräch, die z.B. Bilder des Zielortes liefern könnte.

Preise und Verfügbarkeit

Der Illusion, mit dem Arteon die “echte” Oberklasse anzugreifen, gibt sich Volkswagen erfreulicherweise nicht hin. Der tatsächlich qualitativ und praktisch erheblich verbesserte CC-Nachfolger soll vielmehr eine existierende Lücke im Portfolio oberhalb des Passat schließen, was sich dann auch bei der Preisgestaltung zeigt. Mit einem Einstiegspreis von vermuteten 35.000 Euro kann man als VW-Kunde durchaus mitgehen und sich an die Premiumklasse herantasten.