Herbert Diess
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VW Chef Diess: „Die Autoindustrie wird falsch gesehen“

von Robert Basic am 12. Oktober 2018

Der oberste Konzernlenker der Volkswagen AG (mitsamt allen Marken Audi, Porsche, Seat, Skoda, MAN, Scania, Bugatti, Lamorghini, Ducati) meldet sich im eigenen Konzernportal zu Wort. Wo er Teile des Interviews mit der Süddeutschen (hinter einer Paywall)  zitieren lässt.

Auszüge:

Um den CO2-Ausstoß der Autoflotte bis 2030 um 30 Prozent zu reduzieren, müssten etwa ein Drittel reine E-Autos auf die Straße kommen, rechnete Diess vor. „Würde der Transportsektor hingegen auf 40 Prozent abgesenkt, müsste 2030 bereits über die Hälfte der Fahrzeuge rein elektrisch fahren. Die Transformation in dieser Geschwindigkeit und mit den Auswirkungen ist kaum zu managen, da dann in gut zehn Jahren etwa ein Viertel der Jobs in unseren Werken wegfallen müsste – insgesamt rund 100.000 Stellen.“

„So eine Industrie kann schneller abstürzen, als viele glauben wollen. Schauen Sie sich die Autoindustrie in Italien oder Großbritannien an: praktisch nicht mehr vorhanden. Auch in Detroit gab es einst blühende Industrie, die für hohen Lebensstandard gesorgt hat. Die USA und China sehen eine Chance, uns beim Auto der Zukunft die Vormachtstellung abzunehmen. Sie sind dabei gut unterwegs. Unsere Chancen die Führungsposition zu halten sehe ich bei 50 zu 50.“

„Wir investieren Milliarden in die Elektrifizierung der Fahrzeugflotten, weil wir denken, das ist der richtige Weg. Und dann erschließen wir Kapazitäten für die mit Abstand klimaschädlichste Energieerzeugung: Braunkohle. (…) Ein großes Braunkohlekraftwerk erzeugt so viele CO2-Emissionen wie neun Millionen Dieselfahrzeuge.“ Er halte es für „völlig unverständlich, dass man heute auch nur daran denkt, ein Braunkohleabbaugebiet zu erweitern“, sagt Diess weiter und äußerte Sympathien für die Demonstrierenden im Hambacher Forst. „Es hat überhaupt keinen Sinn, Elektrofahrzeuge auf die Straße bringen, wenn wir gleichzeitig den Strom dafür aus Braunkohle produzieren. Dann fahren wir mit Kohle statt Öl und produzieren mehr CO2 als heute.“

„Es gibt überhaupt keinen Grund für Einfahrverbote. Die Stickoxidbelastung hat sich seit 1990 um 70 Prozent verringert, obwohl der Verkehr 50 Prozent zugenommen hat. Allein im vergangenen Jahr hat sich die Situation um zwölf Prozent verbessert, auch in besonders stark belasteten Städten wie hier in Stuttgart. Das bedeutet, dass sich das Problem in den Städten aufgrund der Flottenerneuerung perspektivisch erledigt. Die Diesel werden von Generation zu Generation besser.“

Für umtauschwillige Kunden stellte Diess zugleich „sehr attraktive Angebote“ in Aussicht. „Sie können etwa einen gebrauchten, zehn Jahre alten Passat mit Euro 4 gegen einen jungen, gebrauchten Benziner tauschen. Da wäre die Rechnung: Etwa 6000 Euro Restwert, dazu 4000 Euro Umtauschprämie und noch eine sehr günstige Finanzierung für den Neuwagen, falls benötigt.“

„Nach Tesla sind wir das Mobilitätsunternehmen, das sich am stärksten der E-Mobilität verpflichtet hat. Ich finde deshalb, die Autoindustrie wird falsch gesehen, auch von der Politik.“

Selbstkritisch räumte der CEO ein, auf die Problematik der schlechten Luft in den Städten habe die Autoindustrie zu spät reagiert. „Wir hätten früher sehen müssen, dass die Stickoxidwerte zwar sinken, aber nicht schnell genug.“ Dennoch würden die Grenzwerte schon heute weitgehend erreicht. „An den meisten kritischen Punkten werden wir das Ziel ebenfalls in wenigen Jahren erreichen, sodass es nur in wenigen Städten einen zeitlichen Verzug geben wird. Das ist nicht gut, aber es ist kein substanzielles Problem, weil klar ist, dass wir es schaffen werden.“

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Soweit die Aussagen, die mit Sicherheit Freunde und Feinde des VW Konzerns ansprechen. Die Wertung überlasse ich euch. Wie auch sonst:)

Was wir über Diess wissen sollten? Nachdem er im April diesen Jahres handstreichartig im Einvernehmen mit den Familien Porsche und Piech das Ruder übernahm (und Müller – früherer Porsche-Chef und Notnagel für Winterkorn – mehr oder minder im hohen Bogen hinausflog), hat das zunächst intern bei den Mitarbeitern für extreme Unruhe gesorgt. Ihm wird nachgesagt, dass er sich bei BMW nicht als Nr. 1 durchsetzen konnte (Krüger wurde der CEO) und es jetzt allen zeigen will. Hierzu hat er die VW-Orga kräftig aufgemischt, neue Posten verteilt, alte Kader freundlich hinausbegleitet. So geht die jüngste Entlassung des inhaftierten Audi-Chefs Stadler auf sein Konto, um angeblich den BMW-Chefeinkäufer Duesmannn als neuen Audi-CEO zu installieren (der bereits im Juli seinen Posten bei BMW verließ und regularisch seitens BMW blockiert wird). Für Aufsehen haben auch die lauten Töne von Diess gesorgt, als er der deutschen Autoindustrie eine Überlebenschance von 50:50 bescheinigte. Insgesamt verfügt Herbert Diess über mehr Machtfülle als sie Winterkorn und Müller vor ihm je innehatten: Diess ist nicht nur VW Konzernchef, sondern auch Leiter des Volumenmarkenressorts (VW, Seat und Skoda), Chef der VW Marke, oberster Konzernzuständiger für das Ressort Marken- und Produktstrategie, IT-Konzernleiter und zudem auch noch für die Konzernforschung- und Entwicklung zuständig. Ach ja, und die Installation eines ehemaligen Mitarbeiters aus dem VW-Betriebsrat – Gunnar Kilian – als Personalvorstand des VW Konzerns erfolgte im genialen Deal mit dem obersten VW Betriebsratschef Bernd Osterloh. Der als graue Emminenz bei den Wolfsburgern herrscht. Wer mit dem Betriebsrat gut kann, der kann auch mehr erreichen. Und es wird dringlicher denn je, wie wir in Zeiten des Umbruchs alle wissen. Einen Arbeitskampf kann sich Diess überhaupt nicht leisten. Auch wenn wohl bitterharte Entscheidungen bei den Umbrüchen anstehen. Gerade dieser Aspekt ist ein Tanz auf Messers Schneide. Es gibt wohl weltweit keinen Betriebsrat bei irgendeinem Autohersteller, der einen größere Machtfaktor spielt.

Soweit so gut. Das größte Industrieschlachtschiff Deutschlands kämpft mit den Umwälzungen, dem Dieselskandal, der Politik, den Verbrauchern und Kunden, sowie der EU mit ihren neuen CO2-Planvorgaben. Für Kämpfer eine aufregende Zeit. Und Diess ist zweifellos einer, der unruhige Zeiten bevorzugt. Kein Wunder, dass er wohl Ferdinand Piech, dem alternden Piranha gefallen hat.

Wer sich Diess einmal näher anschauen will, es gibt einen 30minüter aus 2017: