VW Carsharing WeShare

VW: Einstieg ins Carsharing und irgendwas mit Digital

von Robert Basic am 23. August 2018

Die heutige Pressekonferenz war für mich nicht sonderlich ergiebig. Das einzig Stichhaltige ist die Ankündigung, dass VW in Berlin ab dem zweiten Quartal 2019 mit einem Carsharing-Angebot namens WeShare mit 1.500 elektrischen Golfautos startet. Ergänzt wird die Flotte um 500 elektrische VW UPs. Das Ganze ist nicht stationsgebunden. Was bei E-Autos eine spannende Challenge sein wird. Für den Kunden mit fast leerem Akku ist das extrem nervig, sich eine Ladestation zu suchen und Zeit zu verplempern.

Ab 2020 soll dann die Flotte mit den kommenden I.D.-Modellen (so nennt VW die Modelloffensive und bezeichnet damit auch die neuen Elektromodelle, VW I.D. Buzz, …) ausgestattet werden. Zudem ist dann auch ein Rollout in „weitere Großstädte Europas“ + USA/Kanada geplant.

Selbstverständlich dienen die elektrischen Modelle als rollende Showrooms, um E-Mobilität zu pushen. Anderseits gilt das für jede Großstadt: Die PKW-Dichte ist stets geringer als die nationale PKW-Dichte. Das bedeutet? Wo man als Autohersteller keine Autos verkaufen kann, versucht man Kunden mit variableren Mobiliätsprodukten bzw. -services zu erreichen.

VW dazu: „Philipp Reth, CEO der Volkswagen-Tochter UMI Urban Mobility International, die das Thema Carsharing als Start-up im Unternehmen operativ von Berlin aus steuert: „Die Aussichten für Vehicle-on-demand Dienste sind sehr gut. Für Europa gehen die niedrigsten Prognosen von einem jährlichen Wachstum von 15 Prozent aus. Wir werden den Markt weiterentwickeln und diese Mobilitätsformen für eine noch breitere Nutzergruppe erschließen.

Bei diesem Wachstum auf absolut niedrigen Niveau allerdings sind das durchaus Argumente für einen Einstieg in einen Carsharing-Markt. Car2Go und DriveNow sind meines Wissens in sehr, sehr, wenige Großstädten rentabel. Was noch für die insgesamt geringe Nutzungsdichte von Carsharing spricht.

Function on Demand und 3,5 Mrd. Euro im Topf

Was gab es noch zu erfahren? VW will wie angekündigt digitaler werden. Das bedeutet zunächst nichts anderes – ein kommender Standard für alle Neuwagen aller Hersteller – als die Austattung eines PKWs mit einem Connect-Modul, das den PKW mit der Zentrale „telefonieren“ lässt. Kein Hersteller will sich im Kampf um Kunden und Kundendaten mehr erlauben, einen Wagen old school ohne Online-Connect auszustatten.

Da VW generell auf der PK mit Worthülsen um sich geworfen hat, übersetze ich das mal konkret:

Der kommende Standard ist: Alle Zulieferer arbeiten bereits an Function on Demand Funktionen. Die Smartphone-Welt hat es etabliert, dass ein Plattformgeschäft Cash abwirft. So wird jeder Autokunde einen gewissen Level an Basisfunktion frei Haus erhalten. Weitere Zusatzfeatures werden over the air freigeschaltet. Das kann der Massagesitz sein, den man beim Kauf nicht bezahlt. Aber den man während der Fahrt für x Euro einschalten kann. Das kann auch eine App sein, die einen Betrag Y kostet. VW hat dazu gesagt, dass man damit recht schnell einen Zusatzumsatz von 1 Mrd. Euro generieren kann.

VW geht den Weg, den alle Hersteller gehen und gehen müssen. Das dient auch der Etablierung teilautonomer Fahrkünste, einem wenn möglich (die Praxis wird es zeigen) einem kosteneffizioenteren Serviceablauf („fahren sie zur Werkstatt, ihre Bremse ist defekt und kann um 13:1 ausgetauscht werden“) und überhaupt den Kundenkontakt via Datensammlung. Denn bisher ist der Bestand von über 1 Mrd. Fahrzeugen rund um den Globus nicht online, damit haben die Hersteller tatsächlich keinen Blassen Schimmer, was der Kunde real treibt.

So sieht das als VW-Chart aus:

Volkswagen macht Tempo bei digitaler Transformation
Volkswagen We ist die Bezeichnung für den Kunden

Wer es bis hierher geschafft hat: „Mit der Strategie „Transform 2025+“ hat die Marke den größten Veränderungsprozess ihrer Geschichte angestoßen. Bis 2025 will sie eine führende Rolle in der neuen Automobilindustrie einnehmen, innovative Mobilitätslösungen aufbauen und sich zum Weltmarktführer in der Elektromobilität entwickeln. Im Zentrum steht die Entwicklung vom Autobauer zum Mobilitätsanbieter mit vernetzter Fahrzeugflotte. Rund 3,5 Mrd. Euro plant die Marke Volkswagen in dieser Zeit für ihre Digitalisierungsoffensive auszugeben und will mit digitalen Angeboten und Diensten Umsätze in Milliardenhöhe generieren.“

Momentan beläuft sich das Digitalisierungs-Budget auf 500 Mio. Euro. Wer demnach etwas mit IT zu tun hat und Know-how anbieten kann, viel Spaß beim Anklopfen. VW nennt das „Kooperationen und Akquisitionen zum Aufbau von Softwarekompetenz in Aussicht“.

Für Zu-Ende-Leser

Die Aussage, dass VW beim kommenden Softwareangebot Premiumanspruch erhebt (Connectivity, Handling, Upgrades und autonomes Fahren) ist extrem spannend! Das ist eine direkte Ansage an die Premiumanbieter. Und verdeutlicht the new thinking: Wenn sich Hartmetallkisten in Zukunft nicht mehr nur durch die Anfass-Eigenschaften und das Popo-Meter definieren, könnte man im Softwarebereich kostengünstiger (Software zu verfielfältigen kostet weniger als Tonnen an Stahlrollen zu pressen) dem PKW ein Premium-Gesamtbild einhauchen.

Der Gedanke ist spannend. Sehr spannend. Den Weg geht meines Wissens konkret mein momentanes Highlight Byton (ein chinesisches Auto-Startup), das ich für das fortschrittlichste und modernste PKW-Konzept überhaupt halte. Weil der Wagen beim Konzipieren als Smartphone auf Rädern gedacht wurde. Aber dazu später mehr, warum ich Byton konzeptionell liebe.

Noch etwas ist spannend: Die Reibungsfläche zwischen Herstellern und Händlern war schon immer eine sehr heiße Platte. VW betonte, dass in Zukunft alle Beteiligten ein „Network of Knowledge“ um den Kunden herum bilden müssen. Argwöhnische Geister würden sagen, der Händler muss sein Kundenwissen nun teilen. Ja, in der Tat. Die Autokonzerne werden die Daten sammeln und drehen den Spieß damit um. Irgendwo wird es eine Mitte geben. Solange es Händler gibt, die Autos verkaufen. Noch.