Vettel im Ferrari auf der Strecke in Spa
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Formel 1 in Spa

Warum die Formel 1 2015 doch noch spannend werden könnte

Das Formel 1 Rennen in Spa-Franchorchamps bringt technische Veränderungen mit sich. Die Fahrer sind beim Start nun wieder auf sich alleine gestellt. Weitere Veränderungen folgen...

von Jens Stratmann am 22. August 2015

Ich sitze hier gerade in Belgien. Schaue ich links aus dem Fenster, kann ich Patrick Dempsy sehen (Mc. Dreamy) der gerade in seinem Porsche seine Runden über die Ardennen-Autobahn scheucht. Klar, ich bin in Spa. Besser gesagt sitze ich neben der Eau Rouge, der berühmten Vollgas-Kurve hier an dieser Rennstrecke und gerade ist das Samstags-Training in der Formel 1 vorbei. Als Zuschauer im Fernsehen sieht man mehr, aber hier vor Ort, da bekommt man eine Gänsehaut wenn die knapp 700 kg leichten Boliden mit Höchstgeschwindigkeit an dir vorbei donnern.

Sebastian Vettel schaffte es im Training nun auf den dritten Platz, derzeitig dominieren noch die beiden Mercedes-Benz Piloten. Doch darum soll es in diesem Beitrag gar nicht gehen, ich möchte euc
h eher etwas über die technischen Veränderungen erzählen, denn ab heute wird die Formel 1 wieder “etwas” spannender.

2003/2004 wurden zahlreiche elektronische Hilfsmittel eingeführt, die man teilweise auch aus dem herkömmlichen Fahrzeug kennt. Damit meine ich nicht etwas ABS, ESP oder einen automatischen Spurhalte-Assistenten. Nein, ich spreche z.B. von der Kupplung.

Vettel im Ferrari auf der Strecke in Spa
Vettel auf der Strecke in Spa

Kupplung? Was soll daran denn nun elektronisch sein und vor allem warum ist das ein Thema für die Mobilegeeks? Weil die Rennteams bis dato alle “Cheater” waren, die Fahrer hatten quasi einen kleinen Freund im Ohr, den Ingenieur. Der gab bis dato über Boxen-Funk sämtliche Informationen an den Fahrer weiter. Da wurde z.B. über die Temperatur der Kupplung gesprochen, über das Drehmoment und natürlich auch über den idealen Schleifpunkt. Das Lenkrad von den Formel 1 Piloten hat nun einen Knopf weniger. Den sogenannten Schleifpunkt-Finder wird es nicht mehr geben, in der Sache wird die Formel 1 wieder menschlicher, nun müssen die F1-Piloten den Schleifpunkt wieder selber finden, bis zum morgigen Rennen wurde der Schleifpunkt perfekt eingestellt.

Bis dato standen die Piloten auf der Bremse und brachten die Kupplung auf Temperatur, über Funk bekamen sie von den Ingenieuren stets die Info über die Temperatur und genau damit ist nun Schluss. Der Fahrer muss nun, ganz ohne Telematrie-Informationen und Ingenieur auskommen und den Schleifpunkt selber finden für den perfekten Start. Er kann sich natürlich ansehen wie warm / heiß die Kupplung ist, muss das allerdings selbst tun. Damit bekommen die Fahrer wieder mehr Verantwortung für den Start und ich könnte mir durchaus vorstellen, dass wir auch beim Start nun wieder ein paar Unterschiede sehen, denn es soll Piloten geben, die bis dato noch nie ohne die Technik gefahren sind.

mobiles Labor zum Testen von Benzinproben
mobiles Labor zum Testen von Benzinproben

Waren die Starts bis dato fast immer perfekt, durch perfekte Einstellungen, werden wir nun sehen ob sich die Spreu vom Weizen trennt ohne die Anweisungen der Ingenieure. Nun kommt es auf das Gefühl an und natürlich auch auf das einstellbare Betriebsfenster der Kupplungen, ich gehe davon aus, dass dieses nun von den Ingenieuren vorab vergrößert wird, damit die Kupplung nicht überhitzt. Gab es bis dato da noch die Möglichkeit der Ingenieure einzugreifen, muss die Box nun einfach nur zusehen und kann bzw. darf nicht eingreifen.

Nach dem dritten freien Training geht Hamilton als Favorit in das Qualifying, Ferrari sitzt den Mercedes-Benz Piloten im Nacken. Steigende Temperaturen würden Ferrari helfen, denn Vettel und Räikkönen fahren besser auf den weicheren Reifen. Es ist schon beeindruckend zu erleben, wie viele Faktoren hier über Sieg oder Niederlage entscheiden. Wenn man sich einmal überlegt, dass beim Training die schnellsten 14 Fahrer gerade mal eine Sekunde unterscheidet, dann versteht man auch, warum hier technologische Höchstleistungen gebracht werden, sei es bei den Fahrzeugen, bei den Motoren, aber auch von den Zuliefer-Unternehmen, wie z.B. bei den Reifen und / oder aber auch beim Kraftstoff.

Benzinprobe von Vettel
Vettels Benzinprobe

Hier wird gemischt, gezaubert, entwickelt und Die Formel 1 Rennfahrzeuge müssen zwar mit herkömmlichen Super-Plus Benzin fahren, aber es sind ein paar Additive gestattet. Den Kraftstoff muss man vorher bei der FIA anmeldet und eine Probe abgeben, später wird – wie bei einer Doping-Kontrolle – überprüft ob die Rennfahrzeuge auch mit dem richtigen Kraftstoff unterwegs waren. Effizienz wird übrigens auch immer wichtiger im Formel 1 Sport, die Benzinmenge ist laut Reglement auf 100 kg begrenzt und mehr als 100 kg dürfen auch nicht in der Stunde durch das Aggregat fließen.

Ich war gestern im geheimen Shell-Labor, wo an der Zusammensetzung gefeilt wird, beindruckend was die dort alles machen um den Partner erfolgreich zu machen und vor allem finde ich es beeindruckend, wie sich kleine Veränderungen beim Kraftstoff in der Leistungsbereitschaft der Formel 1 Motoren auswirken. Das gilt natürlich auch für alle anderen Bauteile wie Reifen, Kupplung (heute mehr denn je) und so weiter. Ab nächsten Jahr sollen übrigens noch weitere technische Hilfsmittel “abgeschafft” werden, aber darüber demnächst mehr.

Update: So, gewonnen hat – wie schon erwartet – Lewis Hamilton vor seinem Team-Kollegen Rosberg. Vettel flog in der vorletzten Runde raus, ihm platzte der Reifen. Somit war das Wochenende nicht unbedingt gut für Ferrari. Freuen darf sich Mercedes-Benz. Einen Rennbericht könnt ihr drüben bei rad-ab.com lesen.

Kleiner Transparenz-Disclaimer: Ich bin hier auf Einladung von Shell, vielen Dank dafür! Weder Shell noch Ferrari haben Einfluss auf meine Berichterstattung.