iPhone Xs Max

Warum ich nach 11 Jahren das erste Mal kein neues iPhone kaufe

Apple hat vergangenen Mittwoch unter enormem medialen und öffentlichen Interesse neue Geräte vorgestellt. Unter dem Motto “Gather Round” zeigte der Konzern dann drei neue Smartphone-Modelle und eine neue Apple Watch.
von Jan Gruber am 18. September 2018

Auch wir konnten uns nicht ganz erwehren und haben vor der Keynote eine Zusammenfassung der Gerüchte veröffentlicht. Wirklich falsch lag die Gerüchteküche letztlich nicht. So zeigte der Konzern das iPhone Xs, das iPhone Xs Max und das iPhone Xr, dazu kam die Apple Watch Series 4. Über die Namen haben wir uns bereits an anderer Stelle – nett formuliert – unsere Gedanken gemacht.

Die Hintergründe

Soviel zu den Rahmenbedingungen – doch dieser Artikel soll ein persönlicher Kommentar sein, so muss ich auch etwas meine persönliche Situation darstellen. Ich setze seit dreizehn Jahren in erster Linie auf Apple-Produkte. Das betrifft – seit der Vorstellung des iPhones – neben dem Mac auch den Smartphone-Bereich. Dennoch lasse ich mir die Bezeichnung Fanboy ungern gefallen, ich bin eher faul veranlagt. Damals, im Jahr 2007, als das erste iPhone vorgestellt wurde, gab es simpel nichts Vergleichbares. Android war noch ein feuchter Traum von Google und es dauerte lange, bis das Betriebssystem ernst zu nehmen war. Da ich bei Apple grundsätzlich zufrieden war, habe ich nie über einen Wechsel nachgedacht. Ähnlich sieht es für mich auf der Seite der Hardware aus. Windows konnte damals durchaus problematisch sein und Intel versorgte Apple ab 2006 gerne bevorzugt mit der stärksten Hardware. Die Zeiten haben sich geändert – Android und Windows haben deutlich aufgeholt. Deshalb betreibe ich ebenso Android- und auch Windows-Hardware neben meinen Produkten von Apple. Ich bin Switcher – und zwar bekennender. Denn letzten Endes: Wer rastet, der rostet.

Jahr für Jahr kaufe ich brav das neue iPhone, seit der Vorstellung des ersten Geräts und dessen mühseligen Import aus den USA. Dieses Jahr wird das erste sein, in dem das nicht der Fall ist – zumindest wenn ich es schaffe, mich “unter Kontrolle zu behalten” und mir zu beweisen, dass ich eben kein Fanboy bin.

Die technischen Gründe

Apple hat gleich drei neue Modelle gezeigt. Wie ich bereits darstellte, habe ich mir immer das neueste Gerät geholt. Insofern ist meine Ausgangslage ein iPhone X.

Das iPhone Xs ist der direkte Nachfolger gleicher Größe, das iPhone Xs Max die etwas größere Variante. Eigentlich war ich immer ein Fan der bisherigen Plus-Geräte, ehe das iPhone X den großen Bildschirm in das kleine Gehäuse packte. Aus Interesse heraus würde ich mir zwar die Max-Variante holen, ob ich letztlich damit zufrieden wäre, weiß ich jedoch nicht.

Sehen wir von diesen Punkten – die keinerlei Innovation sind – ab, gibt es dieses Jahr absolut keine rechtfertigbaren Gründe für ein Update. Die neuen Modelle kommen mit einem verbesserten Prozessor daher. Der A12 Bionic soll Fantastillionen von Berechnungen schaffen – ein Vielfaches von dem, was der Vorgänger leisten kann. Damit soll die Leistung vor allem in den Bereichen AR und Fotografie verbessert werden. Haben wir darauf gewartet? Für mich kann ich die Frage klar mit nein beantworten, und meiner Meinung nach kann ich die Frage auch für alle anderen so beantworten.

AR und VR braucht – so – niemand

Die Themen VR und AR sind ausschließlich industriegetrieben – so möchten sich Hersteller den nächsten Multi-Millionen-Markt nach dem Ende von Smartphone & Co sichern. Ich besitze eine Occulus Rift, eine Occulus One, eine Gear VR (für Samsung Geräte) und eine Playstation VR. Der Hauptzweck der Geräte: Sie sind Staubfänger.

Ähnlich verhält es sich mit dem Thema AR. Ja, ich spielte auch Pokémon Go, das angeblich erfolgreichste AR Game überhaupt. Warum angeblich? Weil ich das getan habe, was jeder Spieler in meinem Umfeld tat: Ich habe die AR-Effekte nach wenigen, lustigen, Minuten komplett ausgeschaltet. Apple pusht das Thema, mit der eigenen Entwicklungsumgebung ARKit, seit zwei Jahren besonders – und möchte darüber jetzt offenbar auch teure Hardware mit starken Prozessoren verkaufen. Der Konzern schoss sich während der Präsentation aber sofort ein Eigentor. So wurden Entwickler eines AR-Spiels für eine Techdemo auf die Bühne geholt und durften beweisen, wie affig Menschen aussehen, die VR-Spiele spielen und wie völlig verpeilt das Konzept an sich ist.

Einerseits habe ich absolut kein Interesse daran, mein Gerät permanent in den Händen vor den Augen zu halten – mittlerweile sind solche Smartphones ja auch verdammt groß und schwer – und auf der anderen Seite habe ich auch keine Lust, mich derart zum Affen zu machen. Abgesehen davon bin ich der klassische Smartphone-Spieler: In öffentlichen Verkehrsmitteln, wenn mir irgendwo beim Warten langweilig ist oder – sind wir doch ehrlich – auf dem Klo. Alles Orte, wo ich mir mitnichten vorstellen kann, mit dem Smartphone, oder gar Tablet, vor meinem Gesicht herumzuhampeln.

KI macht meine Fotos besser – oder nicht

Der Prozessor soll meine Fotos dank KI verbessern. Viele Hersteller bieten diese Funktion, Apple zählt hier nicht zu den ersten, sondern eher zu den letzten. Ohne Frage – alle Flagship-Phones schießen wirklich tolle Fotos. Auf der anderen Seite stelle ich mir aber schon lange die Frage, wie diese noch besser werden können.

Die Antwort ist für mich klar – und die Lösung ist nicht KI. Die Lösung liegt in besseren Linsen mit mehr Platz, etwas, das wir bei diesen Geräten so nicht bekommen werden, da der Schlankheitswahn von Smartphones grenzenlos ist. Die Alternative: Klassische Kameras. Wer wirklich gute Fotos will, muss eben so eine Kamera nehmen. Natürlich habe ich eine solche auch. Wie oft ich diese nutze? Mal überlegen,… dieses Jahr noch gar nicht… Und ich habe über 5.000 Fotos auf meinem Smartphone gemacht und diese auch behalten.

Auf der anderen Seite ist KI ein heikles Thema, auch oder gerade bei Fotos. Die Aufnahme von Bildern ist ein verdammt abwechslungsreiches, vielfältiges Problem, das noch dazu “schnell” gelöst werden muss. Was bei Apple – und allen anderen – auf der Bühne super aussieht, bekomme ich so nicht hin. Viele Hersteller tricksen und zeigen eigentlich Fotos von DSLR-Kameras. Apple konnte man dies bisher nicht nachweisen, was aber natürlich nicht gesagt wird: Die Fotos stammen von Profis. Meinetwegen von KI verbessert, aber von Profis. Ich bin keiner. Da hilft mir auch keine KI.

Zudem leide ich eher unter der KI. Oft liefert Apple eine Verschlimmbesserung. Wenn ich wirklich gute Fotos benötige, gehe ich daher immer denselben Schritt: Hin zu einer Anwendung, bei der ich mehr kontrollieren kann und keine KI meine Arbeit erschwert. Und wo ich am Ende eine RAW Datei erhalte, die ich selbst entwickeln kann. Ein neuer Prozessor, der mir hier noch mehr das Leben schwer macht? Klingt nach keiner guten Idee.

Die Haltbarkeit

Natürlich leidet die komplette Branche momentan unter einem Problem: Die Haltbarkeit der Geräte. Und das ist eigentlich positiv gemeint. Die große Revolution gibt es schon lange nicht mehr. Die Schritte werden gefühlt jedes Jahr kleiner. Es mag sein, dass die Hardware an sich zwar große Sprünge macht – der Bedarf dafür ist aber nicht da und es kommt wenig davon beim Nutzer an. Während früher jedes Jahr eine starke Steigerung spürbar war, ist sie das heute nicht mehr.

Ein Flagship-Smartphone vom vergangenen Jahr leistet immer noch sehr gute Dienste. Selbst Geräte, die zwei oder drei Jahre alt sind, gehören längst nicht zum alten Eisen. Bei Apple gibt es da einen weiteren Vorteil: Es gibt lange Software-Updates. Da können die meisten Android-Hersteller nicht mithalten.

Gerade dieses Jahr tritt Apple ein Schritt besonders in den Allerwertesten: iOS 12, das im Rahmen der neuen Geräte veröffentlicht wird, beschleunigt ältere Geräte sogar. Toll wie selbstlos Apple ist, oder? Quatsch – es ist nicht die Liebe zum Kunden, die Apple hier treibt. Meiner Meinung nach versucht der Konzern mit dieser offenbar wirksamen Methode, die berechtigten Drosselvorwürfe aus dem vergangenen Winter zu kompensieren. Was dem Note 7 der explodierende Akku ist, stellt die Softwaredrosselung für das iPhone dar: Marketingschäden die teuer sind und durchaus Kosten verursachen.

Und da wäre noch der Preis

Und am Ende – mal ganz ehrlich: Die Preise sind absolut irre. Sie liegen deutlich über der ehemals magischen 1.000 Euro Schallmauer. Mein realistisches Wunschmodell – also ein iPhone Xs Max mit 256 GB Speicher (64 GB, nicht erweiterbar, sind einfach echt zu wenig!) kommt auf sage und schreibe 1.419 Euro. Was früher noch ein Scherz war, ist jetzt voller Ernst: Urlaub oder Smartphone?

Zwar würde mich auch das etwas günstigere iPhone Xr reizen, für Besitzer eines iPhone X ist es aber letztlich ein klarer Rückschritt in Sachen Technik (vor allem bei der Kamera).

Viel Geld für ein vergleichsweise schmales Update und ein bisschen Display mehr. Da würde ich schon deutlich mehr Display für deutlich weniger Geld mit einem zusätzlichen Tablet bekommen,…

Die verdammt harte Konkurrenz

Doch alle Flagship-Geräte leiden unter dem Phänomen, zu lange zu halten und auf der anderen Seite verdammt teuer zu sein. So werden die Hersteller durch die deutlich günstigere Konkurrenz bedroht. Apple hat hier noch eine leichte Luxusstellung: Da sie die einzigen Anbieter von iOS-Geräten sind. Im gleichen Atemzug schnitt der Konzern aber auch das iPhone SE ab, der bisher günstigste Einstieg in die Apple-Smartphone-Welt.

Dennoch, es gibt einige Hersteller, die wirklich sinnvoll nutzbare Geräte für sehr wenig Geld verkaufen. OnePlus, Xiaomi, Honor, Huawei, Motorola, Umidigi, Oppo – ja, auch manche Modelle von Samsung liegen deutlich unter 500 Euro und bieten mittlerweile wirklich sehr kompetitive Hardware. Auch die größten Fans von teuren Flagship-Smartphones werden immer mehr dazu gezwungen, sich zu fragen: “Ist es die Preisdifferenz noch wert?”.

Mein Smartphone ist mein meistgenutzter Computer – so verkaufe ich mir meine Entscheidung seit Jahren selbst. Wie lange diese dünne Argumentation noch hält, weiß ich aber nicht. Ebenso werde auch ich, als fauler Apple-Fan, mir über kurz oder lang die Frage stellen müssen, ob iOS wirklich viele hundert Euro wert ist. Und vor der, realistischen, Antwort habe ich jetzt bereits Angst,…

Die Luft wird dünn

Desto höher man steigt, desto dünner wird die Luft. Das gilt für Smartphones, und vor allem für Apple, in zweierlei Hinsicht. Einerseits steigen die Preise immer mehr, auf der anderen Seite ist dann aber auch der Gewinn im Hinblick auf Leistung und neue Features sehr gering. So wird es schwer, derartige Investitionen zu rechtfertigen. Die Industrie – also Hersteller und Provider – setzen nach wie vor auf technikverrückte Geeks wie mich, die jedes Jahr das neueste Gerät “brauchen”. Ich bin ein Geek, es ist mein Hobbie – und es gäbe deutlich teurere Hobbies – doch irgendwann ist die Grenze erreicht. Für mich ist es dieses Jahr soweit und es ist zugegebenermaßen ein komisches Gefühl. Ich werde mich daran gewöhnen und viele andere, wie ich in den letzten Tagen schon gehört habe, auch.

Die Luft wird aber auf dem ganzen Markt dünn. Die Wachstumsphase der Smartphones ist vorbei. Die Geräte halten mittlerweile sehr lange und bieten wirklich Leistung für Jahre, dazu kommen wirklich ernst zu nehmende, günstigere Geräte. Damit mögen zwar vielleicht die Stückzahlen noch nicht sinken – die Umsätze werden es jedoch. Und damit wird am Ende vor allem der Führer in Sachen Umsatz bzw. auch Gewinn betroffen sein: Apple. Rekordwerte hin, Börsenwerte her, niemand muss seinen Blick stärker in die weite Zukunft richten, als Apple derzeit.