Kommentar
Warum Windows nie fertig sein wird und wieso das gar nicht schlimm ist

"Windows ist gar nicht wirklich fertig" beschweren sich derzeit viele bei Microsoft. Nein ist es tatsächlich nicht, und das ist auch absolut legitim. Wieso, klären wir in diesem Beitrag. 
von Marco Wilde am 19. Oktober 2015

Ich bin täglich in der Windows (Phone) Community unterwegs und beteilige mich regelmäßig an Diskussionen auf den verschiedenen Portalen, die sich mit dem Thema der Microsoft-Dienste auseinandersetzen. Was mir in den letzten Wochen, bzw. Monaten, seit dem Windows 10 Launch doch immer öfter negativ aufstößt ist das Gemeckere über Microsoft. Ich will die Redmonder hier nicht in Schutz nehmen oder den Fanboy raushängen lassen, dennoch finde ich die Debatte über die, nenne ich es hier mal die ‚Komplettheit von Windows‘, albern und nervtötend. Überall stößt man auf Kommentare, in denen sich beschwert wird ‚Windows‘ sei nicht fertig und es ist ‚eine Frechheit ein Betriebssystem in diesem Zustand auf den Markt zu werfen‘. Wohl bemerkt, das sind keine wortwörtlichen Zitate, sondern sollen sie eher den Grundtenor der Diskussionen aufgreifen – falls ihr selbst in der Community unterwegs seid, wisst ihr sicherlich was ich meine.

Software-Entwicklung ist schon lange nicht mehr das, was es früher einmal war, als Spiele und Programme noch auf Silberscheiben verkauft wurden. Heute kauft man sich meist eine digitale Kopie, oder ein monatliches Abo für eine Software (a la Office 365, oder Adobe Creative Cloud). Der Vorteil einer solchen Cloudlösung ist, dass man stets die neuste Version zur Verfügung hat und nicht erneut in den Laden rennen muss, um sich das neue Photoshop oder Office zu holen. Weiterhin ist es den Entwicklern so auch möglich, ein Programm schneller auf den Markt zu bringen, da wir dank DSL und LTE stetig updaten können und somit neue Features für die Software nachgeliefert werden können. Die Programme befinden sich somit dauerhaft in der Entwicklung.

Und genau um diesen Punkt geht es bei Windows 10 eben auch. Windows 10 wurde von Microsoft als das letzte Windows angekündigt und als Software as a Service promoted. Und genau das ist der Punkt, warum Windows 710 nie fertig sein wird. Was jetzt nicht negativ gemeint ist, sondern uns als User nur Mehrwerte bietet. Klar kann man sich darüber aufregen, dass die Systemeinstellungen beispielsweise noch an zwei verschiedenen Orten untergebracht sind (Klassische Systemsteuerungen vs. neues Einstellungsmenü). Wenn man aber mal bedenkt, wieso dies so gehandhabt wird, wird einem schnell klar, dass Microsoft hier kaum Schuld hat. Viele ältere Programme sind noch nicht auf Windows 10 angepasst und docken somit noch in den Systemsteuerungen an. Würde Microsoft die Systemsteuerungen nun einfach komplett einstampfen, hätten diverse Programme keine Schnittstelle mehr. Für uns User wäre dies also ein Negativpunkt. Das Beibehalten der Systemsteuerungen ist also aktuell noch der Kompatibilität geschuldet. Das soll hier nur als Beispiel dienen, denn ich möchte jetzt nicht jeden einzelnen Punkt der Kritiken an Windows 10 aufnehmen und durchsprechen. Ich denke ihr wisst, worauf ich hier hinaus will.

Windows as a service
Software as a Service bedeutet immer auch Service. Dass dieser in Form von ständigen Performance- und Featureupdates daher kommt, ist in meinen Augen einer der großen Pluspunkte von Windows 10 und genau dieser sollte nicht so dermaßen ins Negative gezogen werden, denn mal ehrlich: Wir können froh darüber sein, dass Microsoft uns immer wieder neue Dinge für das bereits veröffentlichte Betriebssystem bringt und nicht von Release an schon an der nächsten großen Nummer von Windows arbeitet. Denn somit hätten wir ein Windows 10, welches statisch über die Jahre zuckelt. Neue Features oder Anpassungen würden dann erst mit dem nächsten Major-Release folgen, bei welchem wir dann wieder zur Kasse gebeten würde.

Bei der Weiterentwicklung geht Microsoft zudem den Weg der direkten Kommunikation, denn dank des Insider Programms können sich die Nutzer direkt am Entwicklungsprozess beteiligen und Feedback zu aktuellen Baustellen in Windows 10 geben. Dadurch wird das Windows, das wir täglich nutzen, zu einem Windows das für uns im meisten Fall zugeschnitten ist. Denn die Entwickler setzen viele Dinge um, die sich die Benutzer wünschen. Als Beispiel ist hier das (un)geliebte Hamburger-Menü in den Windows 10 for Mobile Apps zu nennen. Microsoft hat in vielen Apps zu Beginn der Universal App-Phase noch das Menü hinter den drei Strichen versteckt, dem Nutzer war dies ein graus, denn gerade bei der Einhand-Bedienung war dies bei größeren Bildschirmen nicht gerade praktisch. Die alte Methode, die Menüpunkte am unteren Bildschirmrand hinter den drei Punkten zu verbergen ist da weitaus bequemer. Und genau diese Einstellungen hat Microsoft sukzessive wieder zurückgeholt und auf die Kritiken der Benutzer gehört.

Hamburger Menü in der Fotos-App wieder abgeschafft
Bild von drwindows.de

Wir sehen also, dass die Entwicklung nicht mehr linear den Vorgaben nach entspricht, sondern manchmal auch eine alte Funktion, die zunächst über den Haufen geworfen wurde, wieder zurück geholt wird um dem Nutzer die beste Interface-Struktur zu garantieren, dass man hier auch gern mal neue Dinge ausprobiert ist meiner Meinung nach nicht verkehrt. Denn nur so erkennt man Schwächen oder Stärken der bisherigen Lösung. Als einzigen negativen Punkt hervorzuheben ist natürlich die Tatsache, dass der eigene Geschmack manchmal nicht ganz getroffen werden kann. Was wiederum aber verständlich ist, denn bei der breiten Masse an Windows Nutzern kann man nicht jeden Geschmack treffen. Dennoch ist der oben angesprochene Punkt des Hamburger-Menüs eines der besten Beispiele für einen funktioniernden Austausch zwischen Entwicklern und Benutzern.

Und wenn man sich nun die Zusammenhänge genauer anschaut, dann sieht man warum Windows in Zukunft nie fertig sein wird und warum die Kritik hier nicht angebracht ist. Denn Microsoft bemüht sich stetig, die Nutzererfahrung auszubauen und Windows 10 mit vielen neuen Features zu versehen, um dem Kunden auch in zwei bis drei Jahren noch ein Windows (hier meine ich alle Bereiche, von Desktop-PC, über das Phone bis hin zur Xbox One) zu bieten, das in der Praxis überaus nützlich ist und alle Nutzungsszenarien, sei es beim Arbeiten am Schreibtisch, oder beim Filme schauen auf der Couch, bestmöglich abdeckt. Und da sich das Leben in der heutigen Zeit so rasant verändert, müssen sich die Entwickler diesem Wandel anpassen und einen interaktiven Austausch mit dem Nutzer daheim suchen. Und da Hellsehen auch nicht wirklich funktioniert, kann ein heutiges Windows halt nicht von vornherein perfekt sein, um für die nächsten Jahre gerüstet zu sein.

Sollten euch noch weitere Punkte zu diesem Thema einfallen, so steht euch natürlich der Kommentarbereich zur Verfügung. Ich freue mich auf eure Anregungen und bin gespannt wie ihr das Thema seht. Ist Microsofts Schritt ein Schritt in die richtige Richtung, oder verärgern sie so nur die User, die von einem Windows-Release etwas anderes gewohnt sind? Oder ist der Punkt der Kritik nur der heutigen Zeit geschuldet, in der über Alles und Jeden gemeckert wir, ganz egal wie gut oder schlecht sein Produkt ist? Sind wir mittlerweile zu verwöhnt um uns einem Produkt zu stellen, welches sich stetig weiterentwickelt?